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Der Norden Klimawandel bedroht einzigartigen Lebenraum: Die Zukunft des Wattenmeers sieht düster aus
Nachrichten Der Norden Klimawandel bedroht einzigartigen Lebenraum: Die Zukunft des Wattenmeers sieht düster aus
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00:20 23.06.2019
Lebensraum für 10.000 Tier- und Pflanzenarten: Blick auf einen Priel im Wattenmeer zwischen Cuxhaven und der Insel Neuwerk. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
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Wilhelmshaven/Ribe/Groningen

Es ist Lebensraum für Seehunde, Kegelrobben und Schweinswale, Muscheln, Krebse, Faden- und Strudelwürmer: Etwa 10 000 Tier- und Pflanzenarten leben im Watt und seinen Dünen, Salzwiesen, Marschflächen und Sandbänken. Vor zehn Jahren, am 26. Juni 2009, wurden große Teile des deutschen und niederländischen Wattenmeeres in das Unesco-Weltnaturerbe aufgenommen – als eine der ökologisch wertvollsten Regionen der Erde. Millionen Zugvögel rasten dort auf ihrem Weg von den arktischen Brutgebieten in die Winterquartiere in Afrika, das Wattenmeer ist auch Laichplatz von Meeresfischen wie Scholle und Seezunge. Doch das Unesco-Weltnaturerbe, das seit 2011 auch das Hamburgische Wattenmeer und seit 2014 das dänische Wattenmeer umfasst, ist in Gefahr. Großflächige Wattgebiete könnten angesichts des steigenden Meeresspiegels in wenigen Jahrzehnten mitsamt ihrer Tier- und Pflanzenwelt für immer verschwunden sein, befürchten Experten.

Dänemark, Deutschland und die Niederlande arbeiten seit 1978 zusammen für den Schutz des Wattenmeeres

Beim Schutz des Wattenmeers arbeiten Dänemark, Deutschland und die Niederlande schon seit 1978 zusammen. Diese Kooperation sei ein Hauptargument für die Nominierung gewesen, sagt Rüdiger Strempel, Exekutivsekretär des Gemeinsamen Wattenmeersekretariats. Dank der gemeinsamen Schutzbemühungen stieg etwa der Seehundbestand von weniger als 5000 im Jahr 1975 auf schätzungsweise 40 000 Tiere. Das Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven steuert gemeinsame Aktionen und koordiniert etwa länderübergreifende Zählungen von Seehunden und Kegelrobben. Der Welterbestatus sei eine Verpflichtung, die Landschaft für künftige Generationen zu bewahren, sagt Strempel.

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Niederländer lieben ihre „Waddenzee“ – und reinigen die Strände

Der Status als Welterbe sei das Beste, was dem Wattenmeer passieren konnte, erklärte Klaus Koßmagk-Stephan von der schleswig-holsteinischen Nationalparkverwaltung. Die Auszeichnung habe die Identifikation mit dem Nationalpark gefördert.

Auch die Niederländer lieben ihre „Waddenzee“. Als eines der letzten ursprünglichen Naturgebiete des Landes wird es besonders geschätzt und geschützt. „Es ist eine einzigartige Kulturlandschaft und Natur“, sagt Susan Apfel vom Tourismusverband Groningen. Die drei Provinzen Nord-Holland, Friesland und Groningen haben sich zusammengeschlossen, um nachhaltigen Tourismus zu fördern.

Die besondere Beziehung der Niederländer zu dem sensiblen Ökosystem zeigte sich zuletzt Anfang des Jahres: Nachdem das Containerschiff „MSC Zoe“ im Sturm mehr als 345 Container verloren hatte, verschmutzten Tonnen von Plastikmüll die Küsten. Tausende Freiwillige reisten an, um Dünen und Küstenstreifen zu reinigen. 

Beliebte Urlaubsregion: Strandbesucher gehen bei Dagebüll über das in der untergehenden Sonne glitzernde Watt der Nordsee. Quelle: Christian Charisius/dpa

Protest gegen Elbvertiefung

Doch es sind nicht nur Müll und der Klimawandel, die den einzigartigen Lebensraum bedrohen: Die Naturschutzorganisation WWF nennt etwa Ausbaggerungen, Schifffahrt, Fischerei, Industrieanlagen und Tourismus als weitere Gefahren. „Bei diesen Themen muss immer wieder für die Erhaltung von Arten und Lebensräumen gestritten werden“, betont die Organisation.

Ende Mai schrieben Umweltorganisationen in Schleswig-Holstein einen Brandbrief an das Unesco-Welterbekomitee, in dem sie vor Folgen der geplanten Elbvertiefung warnen. Die Schifffahrtsstraße durchschneide das Welterbegebiet, heißt es darin. Das Komitee habe daraufhin angekündigt, Kontakt zu den Behörden aufzunehmen, sagt der Nabu-Geschäftsführer in Schleswig-Holstein, Ingo Ludwichowski.

40 Millionen Tagesgäste – Tendenz steigend

Das Wattenmeer werde als Werbe- und Vermarktungslabel missbraucht, bemängelt Manfred Knake vom Wattenrat: „Millionenfache Übernachtungen auf den Inseln und in den Küstenorten sind eine enorme Belastung, zumal es nur wenig Ranger zur Überwachung gibt.“ Angesichts von 40 Millionen Tagesgästen pro Jahr – Tendenz steigend – fordert auch Harald Förster, Geschäftsführer der Schutzstation Wattenmeer: „Auf Dauer muss sich der Tourismus nachhaltiger entwickeln.“

Es sei erfreulich, das die Region seit 2009 in einem Atemzug mit der Serengeti oder dem Yellowstone-Nationalpark genannt werde, sagte Förster. Leider sei dieser einmalige Naturraum aber in seiner Existenz gefährdet. Schon jetzt sinke die Zahl der Küstenvögel. Der Knutt-Bestand – Zugvögel, die auf der Reise in den Süden im Wattenmeerraum Station machen – habe sich in wenigen Jahrzehnten nahezu halbiert.

Damit das Ökosystem erhalten bleibt, forderte der Geschäftsführer der Schutzstation, die Förderung fossiler Rohstoffe im Wattenmeer zu beenden. Auch sei eine nachhaltige Reform der Landwirtschaft in den Marschgebieten mit einem Pestizidverbot im Nationalparkgebiet überfällig. „Für die nächsten zehn Jahre gibt es genug zu tun“, sagt Förster.

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Von Birgitta von Gyldenfeldt, Hans-Christian Wöste, Steffen Trumpf und Annette Birschel