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Was von "Homeoffice für alle" bleiben kann

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11:58 26.06.2020
Wer auch künftig zumindest zeitweise von zu Hause aus arbeiten will, hat aktuell gute Chancen, sein Anliegen bei der Führungskraft zu platzieren. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa/dpa-tmn
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Ludwigshafen

Mit der Ausbreitung des Corona-Virus war vielerorts ganz schnell möglich, was jahrelang zäh diskutiert wurde: Ganze Belegschaften arbeiteten über Wochen und Monate von zu Hause aus. Lösen sich die neu eingeführten Arbeitsmodelle mit der schrittweisen Rückkehr in die Betriebe nun wieder auf?

Jutta Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Direktorin am Institut für Beschäftigung und Employability (IBE) in Ludwigshafen. Sie spricht im Interview darüber, wie jeder Einzelne dazu beitragen kann, Arbeit künftig etwas anders zu gestalten.

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Frau Prof. Rump, beobachten Sie angesichts der Corona-Pandemie einen Wandel der Arbeitswelt? Oder kehren jetzt alle zurück zum Alten?

Prof. Jutta Rump: Ich glaube schon, dass wir einen Wandel haben und nicht zum Alten zurückkehren werden. Bis zum März 2020 war die Arbeit von zu Hause aus vor allem etwas für Beschäftigte in Sondersituationen: Für Pflegende etwa, für Mütter oder einzelne Vertreter der jüngeren Generationen, die das in ihrer Vorstellung von New Work durchgesetzt haben. Aber mit der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass es ein Arbeitsmodell für jedermann und jedefrau ist. Auf einmal haben es alle gemacht und festgestellt: Das geht ja irgendwie.

Wie sieht dieser Wandel jetzt konkret aus?

Rump: Mit der schrittweisen Rückkehr zur Normalität in der Arbeitswelt wird sich nicht das Arbeitsmodell aus 100 Prozent Homeoffice durchsetzen. Wir werden Mischformen haben, und das wird sich durch alle Hierarchien ziehen. Denn auch Führungskräfte haben festgestellt, dass diese Form des Arbeitens zwar Nachteile, aber ebenso viele Vorteile hat.

Wie können Beschäftigte selbst etwas dazu beitragen, dass sich ihr Unternehmen weg von der Präsenzkultur und hin zu neuen Arbeitsmodellen verändert?

Rump: Zum einen muss man sich darüber klarwerden, was man konkret beibehalten möchte - und dann muss man das gegenüber den Vorgesetzten kommunizieren. Aktuell dürften Führungskräfte dafür empfangsbereit sein, denn sie haben die Erfahrungen ja selbst gerade gemacht. Neben der Idealvorstellung sollte man sich aber auch über ein Modell Gedanken machen, mit dem auch noch leben könnte - wenn das, was man sich ursprünglich vorgestellt hat, nicht zu verwirklichen ist.

Natürlich müssen Beschäftigte Argumente liefern, warum das Arbeitsmodell, das zur Diskussion steht, gut ist. Also etwa: Im Homeoffice kann bestimmte Aufgaben produktiver oder kreativer angehen. Oder: Die Fahrzeiten reduzieren sich.

Was ist mit den Gegenargumenten, die viele Beschäftigte lange hinnehmen mussten, wenn sie den Wunsch auf Homeoffice geäußert haben?

Rump: Das Argument etwa, dass ein Unternehmen nicht die technischen Voraussetzungen für die Arbeit im Homeoffice hat, zählt auf jeden Fall nicht mehr, das fällt schlicht weg. Hier haben die vergangenen Wochen gezeigt, dass es funktionieren kann. Und die Debatte um den Datenschutz hat sich auch erledigt. Da steht letztendlich nur noch die Produktivität im Raum.

Wie verhält es sich mit der Produktivität im Homeoffice?

Rump: In der Regel ist es so, dass die Produktivität im Homeoffice in der ersten Phase sinkt - bis man sich an die neue Struktur angepasst hat. Dann steigt sie an. Dafür müssen aber verschiedene Bedingungen erfüllt sein, die sowohl in der Verantwortung des Einzelnen als auch in der Verantwortung des Arbeitgebers liegt.

Wie sehen diese Bedingungen aus?

Rump: Das Arbeitspaket für den Einzelnen muss klar definiert sein. Was muss ich bis wann mit welchem Erfolg und mit welchem Ziel erledigen? Zweitens muss es klare und deutliche Vereinbarungen mit den Kolleginnen und Kollegen geben, mit denen man zusammenarbeitet. Drittens braucht es eine Vereinbarung mit sich selbst. Wie gehe ich mit den Themen Selbstausbeutung oder Ablenkung um? Und zuletzt muss es Regeln für die Familie oder die Hausgemeinschaft geben, in der man lebt.

Gibt es auch Punkte, die Beschäftigte noch einmal kritisch überdenken sollten - bevor sie sich auf ein flexibles Arbeitsmodell einlassen?

Rump: Es gibt eine Frage, die extrem wichtig ist: Wie regele ich meine Verfügbarkeit? Die Arbeit von zu Hause aus ist nun mal eine hochflexible und mobile Arbeitsform, sie kommt automatisch mit sehr flexiblen Arbeitszeiten. Wer keine klaren Strukturen hat, nicht nur für den Tagesablauf, sondern auch für den Ablauf der Woche, bekommt schnell Probleme. Das hat sich in den letzten Wochen bei vielen gezeigt, die schon gar nicht mehr wussten, welcher Wochentag ist. Das ist sehr gefährlich, und da muss vor allem jeder und jede für sich darauf achten. In diese Falle tappen auch Profis immer wieder.

Nicht jeder ist vom Homeoffice begeistert. Wie geht man im gesamten Team mit angestrebten Veränderungen um?

Rump: Da gilt es, sich intern zu verständigen. Und Teams müssen sich die Zeit nehmen, sich darüber auszutauschen, was für jeden Einzelnen die perfekte Arbeitsform wäre. Zwei Dinge sollten berücksichtigt werden: Jedes Team sollte mindestens einen Tag pro Woche gemeinsam im Office sein. Und das gilt nur für eingespielte Teams. Bei ungeübten Teams sollten es mindestens drei Tage gemeinsam im Office sein, und zwei Tage mobiles Arbeiten.

Und: Wenn man ein solches Arbeitsmodell verfolgt, ist der tägliche Austausch ein Muss. Dazu sollte man als Team feste Zeiten festlegen, etwa von Montag bis Donnerstag immer um 10.30 Uhr. Dann wird das operative Tagesgeschäft besprochen, man schaltet sich bestenfalls über Kollaborationstools am Bildschirm virtuell zusammen. Und freitags, wenn wie in diesem Beispiel alle im Office sind, nutzt man die gemeinsame Zeit für wichtige Besprechungen, die über das Tagesgeschäft hinausgehen - nicht für Bagatellen.

Glauben Sie, für Neueinsteiger ist es nun einfacher geworden, flexible Arbeitsmodelle zur Forderung zu machen?

Rump: Diejenigen, die neu hinzukommen, haben durch die Effekte der Corona-Pandemie auf die Arbeitswelt gute Voraussetzungen, Wünsche wie etwa Homeoffice durchzusetzen. Da hat sich viel verändert. Vor Corona war das immer eine Forderung im Vorstellungsgespräch. Jetzt wird zumindest eine Mischform für die meisten Arbeitgeber eher eine Selbstverständlichkeit sein. Mit der Pandemie müssen wir auch die räumliche Gestaltung von Arbeit infrage stellen.

Gehören Großraumbüros künftig der Vergangenheit an?

Rump: Wenn man die New-Work-Bewegung so versteht, dass es auch darum geht, Arbeitsräume zu schaffen, die etwa einem modernen Loft ähneln, mit Kommunikationsinseln und anderen kollaborativen Elementen, dann werden wir auch da eine Veränderung erfahren. Versteht man das Thema New Work aber im Grunde als die Verwirklichung von Büroarchitekturen, in denen Menschen sich wohlfühlen, ist es nicht verloren. Sich wohlfühlen - und Menschen vernetzen, das wird auch in Zukunft bei Entwicklung von Arbeitsräumen eine Rolle spielen.

© dpa-infocom, dpa:200528-99-222898/2

dpa