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Gesundheit Wenn Prominente ihre Erkrankung öffentlich machen
Mehr Gesundheit Wenn Prominente ihre Erkrankung öffentlich machen
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11:47 30.09.2019
Prominente teilen immer öfter mit, wenn sie erkranken. Quelle: iStock/GMint

Diese Bilder berühren. Als die SPD-Politikerin Manuela Schwesig vor laufender Kamera erklärt, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist, wirkt sie gefasst und doch verletzlich, optimistisch und doch erschöpft. Vor Kurzem hatte die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern erst ihrem Kabinett und dann der Presse von ihrer Erkrankung berichtet. Ihren Posten als kommissarische Parteivorsitzende hat sie geräumt, ihre Tätigkeit als Ministerpräsidentin will sie weiter ausüben. Auch während der Zeit der Therapie.

Die 45-jährige Mutter zweier Kinder erhielt großen Zuspruch und zahlreiche Genesungswünsche. Noch am selben Abend veröffentlichten Genossen, angeführt von der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer, ein Foto: Teilnehmer und Besucher einer SPD-Regionalkonferenz formten ihre Hände zu einem Herz – und schickten einen freundschaftlichen Gruß nach Schwerin.

Prominente und ihre Erkrankung

Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig hat erst ihrem Kabinett und dann der Presse von ihrer Krebserkrankung berichtet. Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp

Noch vor zehn, 15 Jahren wäre all das nahezu undenkbar gewesen. Politiker, erfolgreiche Geschäftsleute und selbst Schauspieler vermieden es, auch nur einen Anschein von Schwäche zu zeigen. Wer sich einer Behandlung unterziehen musste, tat das oft heimlich – oder es war von einer fiebrigen Erkältung oder Herz-Kreislauf-Problemen die Rede. Auch wenn es sich möglicherweise um einen Herzinfarkt oder eine Krebserkrankung handelte.

Das hat sich grundlegend geändert. 2013 schrieb Schauspielerin Angelina Jolie in der "New York Times", dass sie ihre Brüste vorsorglich hat abnehmen lassen. Die heute 44-Jährige erklärte, dass sie aufgrund einer Genmutation sonst mit einer 87-prozentigen Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs erkranken würde. So wie ihre Mutter, die mit 56 Jahren daran gestorben war.

Die Sängerinnen Anastacia, Kylie Minogue und Melissa Etheridge verheimlichten ihre Krebserkrankungen ebenso wenig wie die Hollywoodstars Robert de Niro, Michael Douglas und Ben Stiller. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach war einer der ersten deutschen Politiker, der seine Krebserkrankung öffentlich machte.

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Prominente wollen Menschen Mut machen

Schauspielerin Angelina Jolie schrieb 2013 in der "New York Times", dass sie ihre Brüste vorsorglich hat abnehmen lassen. Die heute 44-Jährige erklärte, dass sie aufgrund einer Genmutation sonst mit einer 87-prozentigen Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs erkranken würde.

Und dann ist da noch Lena Dunham, Regisseurin, Produzentin und Hauptdarstellerin des HBO-Serienhits „Girls“. Schon in ihrer Autobiografie „Not that Kind of Girl: Was ich im Leben so gelernt habe“ schrieb sie 2014 über ihre Nervenzusammenbrüche und Psychotherapien. Später postete die heute 33-Jährige Fotos aus dem Krankenhaus, nachdem ihr erst die Gebärmutter und ein Jahr darauf ein Eierstock entfernt worden war.

In Interviews und Posts in sozialen Medien schilderte die Schauspielerin einen langen Leidensweg. Sie hat unter Endometriose gelitten, einer schmerzhaften Unterleibserkrankung, die zu Unfruchtbarkeit führen kann. Dunham, jahrelang die Verkörperung der überdrehten, aber erfolgreichen New Yorkerin, spricht nicht nur detailliert über ihren körperlichen Schmerz. Sondern auch über den emotionalen Schmerz, als sie begriff, dass sie wohl keine Kinder würde bekommen können.

Solche Schilderungen sind bewegend. Doch wer mit etwas Distanz darauf blickt, fragt sich auch: Warum machen diese Leute ihr Leiden öffentlich? Reicht es nicht, wenn man mit Familie und Freunden spricht?

Wahrscheinlich gibt es ein ganzes Bündel an Erklärungen. Manche Prominente sagen, dass sie anderen Erkrankten Mut machen wollten. Manche rufen außerdem dazu auf, regelmäßig zur Krebsvorsorge zu gehen. Bei Lena Dunham ist die eigene Befindlichkeit stets auch Thema ihrer künstlerischen Arbeit. Ganz profan lässt sich zudem feststellen: In Zeiten sozialer Medien kann kaum eine Person des öffentlichen Lebens eine Erkrankung verheimlichen.

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Erkrankungen öffentlich machen: Prominente verdienen Respekt

Wer längere Zeit „abtaucht“, erklärt das am besten selbst – bevor es Spekulationen über Drogen, Depressionen oder Karriereabstürze gibt. In früheren Jahrzehnten hätte man als Motiv für die Veröffentlichung vielleicht Exhibitionismus vermutet oder unterstellt. Aber da die Privatsphäre ohnehin nicht allzu hoch geachtet wird, ist es naheliegend, dass jemand durch eine Veröffentlichung die Deutungsmacht über das Geschehen zu sichern versucht.

Dr. Frank Schulz-Kindermann, Leiter der Spezialambulanz für Psychoonkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, sieht es positiv, wenn ein Mensch den Mut hat, öffentlich über seine Krankheit zu reden – besonders wenn es so differenziert geschehe wie bei Manuela Schwesig. „Das verdient Respekt“, sagt er. Zudem könne es anderen Kranken zeigen, dass und wie man darüber sprechen kann. Oberstes Gebot sei allerdings: „Sich öffentlich zu äußern ist nicht für jeden eine Option. Es muss zum Bedürfnis des Betroffenen passen.“

Viele Erkrankte – ob prominent oder nicht – wollen sich in dieser schwierigen Lebensphase mitteilen. Das Wort beinhaltet ja auch die Begriffe Teil und Teilen: Wer mit seiner Krankheit in die Öffentlichkeit geht, teilt seine Last ein bisschen und kann so möglicherweise den Schock der Diagnose besser verarbeiten. Sicherlich gibt es Menschen, die eine Krankheit lieber verschweigen und die Angst vor zu starker emotionaler Anteilnahme haben. Doch den meisten Patienten hilft es, wenn sie über ihre Diagnose sprechen oder auch schreiben.

Jede Saison aufs Neue erscheinen Bücher, in denen Autoren über die eigene Krebserkrankung oder die von Angehörigen berichten. Die Erfahrung, wie fragil das Leben sein kann, und das Begreifen, wie endlich es ist, treibt viele Menschen dazu an. Für manche ist das Schreiben eine Art Befreiungsschlag, ein Versuch, aus der Opferrolle herauszukommen.

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"Krankheit ist die Nachtseite des Lebens"

Das Bedürfnis zu reden und zu schreiben hat auch damit zu tun, dass nahezu jeder eine schwere Erkrankung als tiefgreifenden Einbruch erlebt. Sie passt einfach nicht in ein erfolgreiches Leben, in eine Zeit, in der Selbstoptimierung als unerlässlich gilt. "Krankheit ist die Nachtseite des Lebens, eine eher lästige Staatsbürgerschaft", schreibt die US-Autorin Susan Sontag zu Beginn ihres bekannten Essays "Krankheit als Metapher".

Dabei ist Krebs weit verbreitet. Allein in Deutschland erkranken derzeit laut einem Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) jährlich rund 483 000 Menschen daran. Brustkrebs ist bei Frauen mit circa 72 000 neuen Fällen pro Jahr die häufigste Art. Mehr als 70 Prozent der Patientinnen überleben laut RKI die Krankheit.

Krankheit ist die Nachtseite des Lebens, eine eher lästige Staatsbürgerschaft.

US-Autorin Susan Sontag

An solche Zahlen aber denkt im ersten Moment wohl kaum jemand, der in der Zeitung oder dem Fernseher mit der Offenbarung eines Prominenten konfrontiert ist. Wer die Presseerklärung einer Politikerin und Mutter sieht, empfindet meist Mitleid und Bedauern. Je größer die Fallhöhe, desto größer ist das Erschrecken: Selbst eine schöne, reiche, talentierte Schauspielerin wie Angelina Jolie bleibt von der Angst vor Krebs nicht verschont.

Gerade das kann einen allerdings – auch wenn es hartherzig klingt – in gewisser Hinsicht beruhigen: Krebs ist nicht nur die Krankheit, die man aus der eigenen Familie kennt, Krebs macht auch vor Hollywood nicht halt. Zuvor unnahbar erscheinende Stars wirken durch ihre Erkrankung plötzlich menschlicher und normaler. Wenn auch mit den finanziellen Möglichkeiten für Therapien und Rehamaßnahmen gesegnet, die nicht zu den Kassenleistungen zählen.

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Krebs ist kein Tabu mehr. Es ist gleichwohl nicht einfach, unverkrampft und ehrlich darüber zu reden. Doch selbst die „Tagesschau“ vermeldete zur besten Sendezeit Schwesigs Erkrankung und ihren Verzicht auf den SPD-Vorsitz. Solange niemand die Intimsphäre eines Kranken verletzt und sie nüchtern gehalten sind, sind solche Berichte legitim. Problematisch ist es, wenn sie sehr detailliert oder pathetisch geraten. Da darf man auch fragwürdige Motive vermuten: Über Krankheiten (anderer) zu reden und zu spekulieren, kann durchaus auch Unterhaltungswert haben.

Vielleicht ist es ja ganz gut und heilsam, ab und zu an die Nachtseite des Lebens erinnert zu werden. Und da ist es letztlich unerheblich, wie prominent oder nicht-prominent derjenige ist, der uns erinnert.

Von Martina Sulner/RND

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