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Sassenburg Landwirte streiken: Der Maibaum bleibt oben
Gifhorn Sassenburg Landwirte streiken: Der Maibaum bleibt oben
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17:44 27.10.2019
Mahnmal fürs Miteinander: Westerbecks Maibaum konnte nicht abgebaut werden, weil BIG-Ratsherr Andreas Kautzsch die Landwirte verärgert hat. Quelle: Ron Niebuhr
Westerbeck

Hohe Wellen schlägt ein Statement von Andreas Kautzsch zur gegen das Agrarpaket der Bundesregierung gerichteten Aktion „Grüne Kreuze“. Sassenburgs BIG-Chef hat mit seinen Äußerungen im Internet heftigen Protest von Landwirten ausgelöst. Der gipfelte jetzt darin, dass sie dem Ortsrat jegliche weitere Unterstützung verweigerten. Kautzsch verteidigt sein Statement.

Zusammenarbeit verweigert

Was das bedeutet, bekam das politische Gremium am Freitagnachmittag zu spüren. Ortsbürgermeisterin Annette Merz, ihr Stellvertreter Rainer Knop und Vertreter der örtlichen Vereine wollten den Maibaum einholen. Dafür konnten sie bisher stets – so ist es seit Jahrzehnten guter Brauch im Dorf – auf die Mithilfe der Westerbecker Landwirte zählen. Die allerdings rückten diesmal nur an, um klipp und klar zu sagen, dass sie für den Ortsrat keinen Finger mehr krumm machen. Und zwar so lange, bis BIG-Chef Andreas Kautzsch, der ja Orts- und auch Gemeinderatsmitglied ist, sie in aller Form um Entschuldigung bittet für die online gemachten Aussagen. „Wir haben vollstes Verständnis für die Reaktion unserer Landwirte“, sagten Merz und Knop.

Aktion Grüne Kreuze

Was war passiert? Bei Facebook und über die Website der BIG ließ Kautzsch die Welt wissen, dass sich „mein persönliches Mitgefühl und meine Unterstützung für die Aktion Grüne Kreuze in Grenzen hält.“ Das allein wäre wohl für jeden Landwirt leicht zu verschmerzen gewesen. Allerdings hat Kautzsch seine Position begründet – mit einem nicht gerade durch ein Übermaß an Feingefühl glänzenden Rundumschlag gegen die Landwirtschaft. Und das brachte Landwirte und andere Sassenburger in Rage.

Arbeit sogar zu Weihnachten

Kautzsch warf den Bauern vor, dass sie „eine Hochleistungslandwirtschaft betreiben, welche ausschließlich auf eine Gewinn- und Mengenmaximierung ausgerichtet ist“. Das steigere Überproduktion und Preisverfall. Es würden Anlagen für Erzeugnisse geschaffen, die es eh im Überangebot gebe, etwa die Schweinemast bei Dannenbüttel. Das ziehe einen Preisverfall umliegender Wohngebiete nach sich, der den Bauern egal sei. Die hielten „aus Gier“ ja weder Sonn- und Feiertage noch die Nachtruhe ein. „Sogar an Weihnachten rauschen 40-Tonner durch die Ortschaften“, meinte Kautzsch. Und zwar „ohne jegliche Rücksicht“. Sie ignorierten trotz „mehrfacher persönlicher Ansprache“ Tempo 30. Und die Felder würden mit „Unmengen an Gülle und oft mit Keimen belastetem Hühnertrockenkot gedüngt, um sogar zwei Mal im Jahr ernten zu können“, wetterte Kautzsch online drauflos.

Ernte nicht anders zu schaffen

Für die Landwirte sind diese Vorwürfe starker Tobak. Und auch andere Westerbecker sehen einen ganzen Berufsstand verunglimpft. Derlei Anschuldigungen träfen wenn überhaupt auf große internationale Agrarkonzerne zu, die abertausende Hektar bewirtschaften. Die familiär geführten Westerbecker Betriebe seien in aller Regel unter 100 Hektar groß. „Und es arbeitet ganz sicher niemand aus Profitgier an Sonn- und Feiertagen, sondern weil die Ernte anders nicht zu schaffen ist“, war aus der Runde am Maibaum zu vernehmen. Und weiter: „Kautzsch sät in Westerbeck nichts als Unfrieden, Neid und Missgunst. Was er ernten will, ist die Spaltung der Dorfgemeinschaft.“ Man sei dankbar für alles, was die Bauern fürs Dorf und dessen Zusammenhalt jahrzehntelang geleistet haben, betonte die Runde.

Landwirte gehören zum Dorf

„So etwas kann Herr Kautzsch als Orts- und Gemeinderatsmitglied nicht sagen“, waren sich Merz und Knop einig. Es gehöre sich einfach nicht, alle Landwirte pauschal dermaßen zu beleidigen. Sollte es sich um seine Privatmeinung handeln, sei sie auf den offiziellen Internetseiten der BIG fehl am Platze. Und überhaupt sei die Kritik ungerechtfertigt, unterstrichen die Ortsbürgermeisterin und ihr Stellvertreter: „Die Landwirte sind elementarer Bestandteil unserer Dorfgemeinschaft. Wir leben auf dem Land, da findet eben Landwirtschaft statt.“ Dass sich die Landwirte nach Kautzsch’ Kritik aus dem Mitwirken am dörflichen Miteinander vorerst ausklinken, sei „absolut nachvollziehbar“, erklärte Merz. Kautzsch plädiere ja immer dafür, dass sich der Ortsrat für die Westerbecker einsetzen soll. „Die Bauern gehören für ihn allem Anschein nach wohl nicht mehr dazu“, ergänzte Knop.

Nicht kritikfähig?

Online schloss Kautzsch sein Statement übrigens mit „Ich freue mich auf eine gemeinsame und anregende Diskussion zu dem Thema“. Wie sehr ihm daran gelegen war, zeigte sich schon bald. Mehrere User wunderten sich, dass ihre zumeist kritischen Kommentare gegen Kautzsch auf Nimmerwiedersehen verschwanden, anderen wurde wohl zeitweilig sogar ganz der Zugang zum Facebook-Auftritt der BIG verweigert. „Er hat jegliche Kritik an seinen Äußerungen im Keim erstickt“, berichtete Knop. Die von Kautzsch so oft vehement geforderte Transparenz, politischer Dialog und auch Kritikfähigkeit sehen irgendwie anders aus, hieß es.

Woher kommt der Weihnachtsbaum?

Zum Abbau des Maibaums fehlte am Freitag also schweres Gerät der Landwirte. So blieb er als „Mahnmal“ stehen. Zumal sich diesmal auch kein Ort zum Einlagern fand – bisher die Scheune eines Landwirtes. Und das nächste Problem zeichnet sich schon ab: Woher kommt ein stattlicher Baum für die Seniorenweihnachtsfeier? Bislang hat den stets ein Landwirt gespendet.

BIG weist Kritik zurück

BIG-Chef Andreas Kautzsch verteidigt sein Statement. „Die provokante Aktion Grüne Kreuze, welche die gewünschte Aufmerksamkeit erzeugt hat, hat eine genauso provokante, allerdings gegenteilige, Reaktion erzeugt. Beispielsweise ist vor ein paar Wochen ein Fahrzeug mit einem Kartoffelroder so schnell mit einer Schaubwolke durch die Ortschaft gebrettert, dass dieser in einer Kurve kurz vorm Umkippen war. Trotz mehrfacher persönlicher Ansprache und Hilfegesuchen bei fast allen Westerbecker Landwirten ändert sich nichts. Mein Beitrag zur Aktion Grüne Kreuze ist diesbezüglich ein Hilferuf für mehr Rücksichtnahme und zur Einhaltung der Straßenverkehrsordnung und weiteren Vorgaben“, so Kautzsch in einer Presseerklärung.

Sicher gehört die Landwirtschaft zum Ort und zur Gemeinde, betont er. Doch das dürfe kein Hindernis sein, Problematiken offen ansprechen zu dürfen. „Darf man in Deutschland immer weniger offen seine Meinung äußern? Im Gegensatz zu vielen Politikern, auch Frau Merz und Herr Knop zählen dazu, habe ich eine Meinung, die ich auch vertreten möchte und auch bereit bin zu diskutieren“, hält Kautzsch gegen die Kritik an seinen Äußerungen.

Einladung zum Gespräch

Und auch den Vorwurf, auf den Internetseiten der BIG werde die von Kautzsch immer eingeforderte Meinungsfreiheit nicht gelebt, erteilt er eine Absage. „Bei der Diskussion auf unseren Plattformen muss allerdings einer gewisse Nettiquette eingehalten werden. Dies gilt für Kommentare zu jedem Thema. Werden gewisse Grenzen überschritten, gehen Kommentare ins persönliche, werden beleidigend oder diskriminierend, werden diese umgehend entfernt. Ein User wurde aufgrund wiederholter persönlicher Angriffe vorübergehend gesperrt. Die Aussage von Herrn Knop, ich habe jegliche Kritik an meinen Äußerungen im Keim erstickt, ist also völlig falsch und unsachlich“, so Kautzsch. Er bietet den Beteiligten ein Gespräch an, zu dem er voraussichtlich zum 5. November einladen will.

Von Ron Niebuhr

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