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Meinersen Drohnen-Kameras retten Kitze vor dem Mähdrescher
Gifhorn Meinersen

Meinersen: Drohnen-Kameras retten Kitze vor dem Mähdrescher

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12:00 24.06.2020
Zwei vier Tage alte Rehkitze im Gras: Wenn die Ernte losgeht, haben die kleinen Kitze keine Chance.
Zwei vier Tage alte Rehkitze im Gras: Wenn die Ernte losgeht, haben die kleinen Kitze keine Chance. Quelle: Patrick Seeger/dpa
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Bokelberge

Das, was Corinna Michelsen aus Bokelberge da erleben musste, hat ihr unendlich leid getan. Riesige Mähdrescher rückten an. Das Ziel der Arbeiter war es, Günroggenfelder abzumähen. Dass dabei junge Füchse, Kitze, Feldhasen und Bodenbrüter in ihren Nestern im wahrsten Sinne geschreddert wurden, bemerkten die Fahrer der Mähdrescher offenbar nicht. Zu schnell waren sie mit dem schweren Gerät unterwegs. „Zeit ist Geld“, weiß Corinna Michelsen. Genauso klar ist für sie aber auch, dass da unzählige Tiere brutal getötet wurden. In diesem Grünroggen halten sich ihres Wissens nach mehr Wildtiere auf als auf den Wiesen. „Der Grünroggen bietet mehr Schutz und ist die perfekte Deckung für unzählige Wildtiere“, sagt sie.

Bevor der Mähdrescher kommt, spürt Joachim Neumann Kitze im Gras auf. Er trägt sie an den Feldrand, sodass die Mütter ihren Nachwuchs nach der Ernte wieder finden.

„So etwas muss heute nicht mehr sein“, bedauert auch Joachim Neumann vom Nabu-Artenschutzzentrum in Leiferde den Tod womöglich unzähliger Tiere, die nach wie vor während der Erntezeit von Mähdreschern praktisch geschreddert werden. Die riesigen Maschinen kämen mit einer Breite von neun Metern und einem Tempo von 20 bis 30 Kilometern pro Stunde daher. „Da bleibt auch flüchtenden Tieren keine Chance zur Flucht“, appellieren Michelsen und Neumann an Landwirte und Lohnunternehmer, zumindest das Tempo der Mähdrescher zu reduzieren, um den Tieren eine Fluchtmöglichkeit zu bieten.

Start bei Tagesanbruch

Dabei könnten viele Wildtiere verschont werden, denn: „Ausgestattet mit Wärmebildkameras können per Drohnen vor dem Mähen Wiesen und Felder nach Kitz und Kaninchen, Vogel und Fuchs abgesucht werden.“ Sind die Tiere noch zu jung zum Flüchten, werden sie laut Neumann vorsichtig mit Gras an den Händen – damit sie nicht den menschlichen Geruch annehmen – an den Wiesenrand befördert. Die Kitzretter wissen: Nachdem die Wiese gemäht ist, wird die rufende Mutter ihr Jungtier dort wieder finden. Informiert von den Landwirten, die mähen möchten, ist Neumann von Mai bis Ende Juni gemeinsam mit einem weiteren Mitstreiter früh morgens auf Tour, um Jungtiere per GPS und Wärmebildkamera zu orten und zu retten.

Bei 22 Einsätzen 54 Kitze gerettet

Joachim Neumann geht von Mai bis Juni auf Tour, um mit Drohne und Wärmebildkamera Rehkitze vor Mähdreschern in Sicherheit zu bringen. In diesem Jahr war der Mitarbeiter im Nabu-Artenschutzzentrum dafür bislang 22 Mal im Einsatz, zumeist in den Kreisen Peine und Gifhorn. „Und dabei konnten bis heute 54 Rehkitze gerettet werden“, freut er sich darüber, dass es endlich eine Methode gibt, die Kitze in den Wiesen aufzuspüren.

„Wir sind während dieser Zeit häufig auf Abruf bereit“, stöhnt der Naturschützer aber auch über die frühen Touren, die bei Tagesanbruch gegen 3.30 Uhr beginnen. Allerdings richten sich Landwirte laut Neumann mit dem Mähen von Grünroggen oder Wiesen stets nach dem Wetter. Ist es trocken, legen sie los – oftmals alle zur gleichen Zeit. Unterstützung bei seinen Rettungsaktionen erfährt er dabei ab und an von den Maltesern aus Braunschweig. „Sie nehmen solche Aktionen zum Anlass, um für die Menschenrettung zu trainieren.“ Dabei ruft auch die Jägerschaft im Kreis Peine den in Edemissen wohnenden Neumann mittlerweile zu Suchaktionen aus der Luft. Seine Einsatzgebiete befinden sich in den Kreisen Gifhorn und Peine.

Plattformen im Internet

In der Schweiz wurden bereits Plattformen im Internet zur Rehkitz-Suche installiert, weiß Neumann. Landwirte erfahren dort, ob und wann Drohnen verfügbar sind. Auch in Niedersachsen könnte es bald ein ähnliches Netz zur Kitz-Rettung geben. „Aber es fehlen Leute, die fliegen“, verweist Neumann auch auf den frühmorgendlichen Start der Rettungsaktionen. Dabei sind seiner Erfahrung nach die neuen Drohnen mit den Wärmebildkamera top ausgestattet mit bester Software und einfach zu fliegen. „Sie stehen sogar in der Luft und stürzen nicht ab, falls der Flieger mal abgelenkt ist.“ Die neue Drohnen-Generation fliegt laut Neumann auch deutlich höher – „35 bis 40 Meter hoch fliegt sie über den Bäumen und schafft dadurch auch viel mehr Fläche pro Einsatz“. Die Kosten beziffert er dabei auf 1600 Euro pro Drohne und 2000 bis 5500 Euro für die Wärmebildkamera. Jäger und Hegeringe hätten signalisiert, Geräte gemeinsam anzuschaffen und gegenseitig auszuleihen. Ein guter Ansatz laut Neumann, denn: „Damit haben wir jetzt erstmals endlich eine sichere Methode gefunden, die Tiere vor den Mähdreschern zu retten.“

Von Hilke Kottlick