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Gifhorn Stadt Fachleute warnen vor einem neuen Zeckenjahr
Gifhorn Gifhorn Stadt Fachleute warnen vor einem neuen Zeckenjahr
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00:25 24.06.2019
„Damit muss man leben“: Förster Ernst-Christian Schölkmann leidet unter Spätfolgen der Borreliose nach Zeckenstichen. Quelle: Sebastian Preuß (Archiv)
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Gifhorn/Peine/Wolfsburg

Auf die Frage, wie er sich gegen die Parasiten schützt, winkt Ernst-Christian Schölkmann nur ab. Zu spät. Der Bezirksförster für den Bereich der Stadt Gifhorn lebt seit Jahren mit chronischer Borreliose. Neben der Frühsommermeningoenzephalitis FSME ist das eine der gefährlichen Krankheiten, die Zecken übertragen können. Die hat er sich frühzeitig eingefangen. „Anfang der 80-er Jahre, als wir noch nicht wussten, dass es diese Krankheit überhaupt gibt.“

Das machte sich damals mit zwei hohen Grippe-Fiebern im Sommer bemerkbar. „Als junger Mann nimmst du Penicillin nicht zu ende, so bald du dich wieder fit fühlst.“ Das sollte sich in seinem Fall rächen. Zwischenzeitlich musste Schölkmann auch mal an den Tropf.

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Es werde zurzeit viel über den Eichenprozessionsspinner gesprochen, sagt Silke Westphalen vom Aller-Ohre-Verband, der die Gewässer bei Wolfsburg und Gifhorn unterhält und pflegt. Die wirklich gefährlichen Insekten sind nach ihrer Ansicht aber die krabbelnden Krankheitsübertrager aus den hohen Gräsern. „Die Zecken machen mir große Sorgen.“ Sie kenne Kollegen von ihrem früheren Arbeitgeber, die inzwischen berufsunfähig seien.

So weit ist es bei Schölkmann nicht. Doch er spürt die Beeinträchtigungen. „Müdigkeit, als wenn man gegen einen Berg anläuft.“ Oft täten Knochen und Gelenke weh. „Das Problem ist häufig die Unruhe.“ Verbunden mit Konzentrationsstörungen. „Damit muss man leben.“

Westphalen weiß, dass ihre Mitarbeiter gefährdet sind. „Dort wo wir arbeiten, sind die Zecken. Die sitzen an den Gräsern, und wir streifen sie ab.“ Deshalb ist Arbeitsschutz bei den Wasserwirtschaftern ein großes Thema.

„Wir haben verschiedene Möglichkeiten des Zeckenschutzes“, sagt Westphalen. Zum Einen besorge sie den Testsieger unter den Abwehr-Sprays, zum Anderen habe der Verband seit vorigem Jahr spezielle Manschetten für die Beine, die das Hochklettern der Zecken verhinderten. Bei arbeitsmedizinischen Untersuchungen erläuterten Mediziner den Mitarbeitern, bei welchen Symptomen sie zum Arzt sollten.

Schölkmann und Westphalen warnen vor einem neuen Zeckenjahr. „Extrem viel“ gibt es dem Förster zufolge. Das sei eine Folge aus dem mangelnden Winter und der großen Zahl an Mäusen. „Die Zecken nehmen Mäuse als Zwischenwirt, inzwischen sogar auch als Hauptwirt.“ Viele Nager bedeute demnach auch viele Zecken. „Die Mäuse, die wir gefangen haben, hatten alle ordentlich Zecken.“ Auch die Rehe seien voll mit den Parasiten.

Für Westphalen steht fest: „Die Zahl der Zecken nimmt zu.“ 2018 sei schon stark gewesen, 2019 werde es wohl wieder. Die neue, bereits in Uelzen gesichtete tropische Hyalomma-Zecke, ist Schölkmann noch nicht untergekommen. Doch angesichts des Klimawandels ist es aus seiner Sicht nur eine Frage der Zeit. „Ich gehe davon aus, dass wir größere Probleme kriegen auf Dauer.“

Das hilft gegen Zecken

Zecken lauern im hohen Gras und Farn, lassen sich von Wirten wie Hunden und Menschen mitreißen und können nach einem Stich die Krankheiten Borreliose und Frühsommermeningoenzephalitis übertragen. Das schützt vor den Plagegeistern oder den Folgen ihrer Stiche:

Gegen Frühsommermeningoenzephalitis können sich Menschen impfen lassen. „Nach vollständiger Impfung haben 99 Prozent der Geimpften einen vollständigen Schutz vor FSME“; sagt der Groß Ilseder Hausarzt Dr. Friedrich Scheibe. „Das Virus wandert nach Norden.“ Erstes Risikogebiet in Niedersachsen ist das Emsland.

Gegen Borreliose gibt es noch keinen Impfschutz. „Zeckenstiche sollten grundsätzlich vermieden werden“, sagt Scheibe. Fachleute raten zu langer Kleidung, die Socken über die Hosenbeine zu ziehen und sich mit Abwehrmitteln einzureiben. Nach Arbeit oder Ausflug in Wald und Flur sollte der Körper gründlich abgesucht werden. Laut www.zecken.de bevorzugen die Insekten „dünne und warme Hautstellen. Deshalb sollten Sie sich in den Kniekehlen, im Bauch- und Brustbereich sowie im Schritt gründlich nach Zecken absuchen. Bei Kindern sind außerdem Kopf, Haaransatz und Nacken häufig betroffen.“

Sitzt eine Zecke in der Haut: Mit einer speziellen Zange möglichst dicht an der eigenen Haut greifen und herausziehen. Je früher nach dem Stich, desto besser: Borreliose-Erreger gelangen etwa zwölf Stunden nach dem Stich in den menschlichen Körper.

Jeder zweite Zeckenstich wird nicht bemerkt

asdWelche Krankheiten können Zecken übertragen, und auf welche Alarmzeichen sollten Naturfreunde achten? Für AZ/PAZ/WAZ sprach Dirk Reitmeister mit Dr. Friedrich Scheibe aus Groß Ilsede.

Dr. Friedrich Scheibe. Quelle: dpa-Zentralbild / privat

Herr Dr. Scheibe, warum sind Zecken gefährlich?

Scheibe: Zecken sind in der freien Natur lebende blutsaugende Spinnentiere, die zwei gefährliche Krankheitserreger, die bakterielle Borreliose und die virale Frühsommermeningoenzephalitis, übertragen können. Sie kommen in ganz Deutschland bis zu einer Höhe von 1800 Metern vor und werden ab einer Temperatur von acht Grad aktiv. Die Zeckensaison ist von März bis Oktober.

Wie oft haben Sie es in Ihrer Praxis mit Borreliose-Fällen zu tun, und wie hat sich das in den vergangenen Jahren entwickelt?

Obwohl etwa 30 Prozent der Zecken Borrelioseträger sind, haben statistisch nur etwa ein Prozent aller Patienten mit Zeckenbiss eine Borreliose mit Krankheitssymptomen. Viel häufiger sehe ich die Wanderröte, die sogenannte Erythema migrans, welche dann antibiotisch behandelt wird. Die Zahl der zu behandelnden Patienten mit Zeckenbissen hat in meiner Praxis kontinuierlich von Jahr zu Jahr zugenommen.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer ein?

Jeder zweite Zeckenstich wird nicht bemerkt, daher ist die Dunkelziffer der Erkrankung sehr groß. Da die Zecken oftmals sehr klein sind und die Einstichstelle betäuben, werden die Zecken häufig nicht bemerkt.

Bei welchen Anzeichen sollten Patienten einen Arzt aufsuchen, um einen Borreliose-Verdacht zu klären?

Es gibt keinen typischen Krankheitsverlauf der Borreliose. Die mit Abstand häufigste Erkrankungsform ist die sogenannte Wanderröte, die Erythema migrans. Sie tritt nach Tagen bis Wochen auf. Diese deutliche ringförmige Hautrötung ist oft im Zentrum blasser als am Rand. Der rote Ring wandert dann allmählich nach außen. Weitere allgemeine Krankheitssymptome wie Fieber, Muskel- und Kopfschmerzen, Müdigkeit können hinzukommen. Zusätzlich kann es auch zu Nervenentzündung, Gelenkentzündung oder chronischer Hautveränderung kommen.

Wie können sich Menschen vor FSME schützen?

FSME steht für Früh-Sommer-Meningo-Enzephalitis und wird vom FSME-Virus verursacht. Zeckenstiche sollten grundsätzlich vermieden werden. Bei Wanderungen durch hohes Gras oder Sträucher sollte möglichst viel Körperoberfläche bedeckt sei. Am besten schützt die Impfung. Nach vollständiger Impfung haben 99 Prozent der Geimpften einen vollständigen Schutz vor FSME.

Und wer sollte sich schützen?

Geimpft werden sollten neben Urlaubern, die sich im Freien aufhalten, auch alle die, die beruflich gefährdet sind wie Waldarbeiter, Landwirte sowie Laborpersonal. Das Robert Koch Institut gibt einen Impfempfehlung für Reisen in FSME-Risikogebiete. 2019 wurde erstmals in Niedersachsen der Landkreis Emsland als Risikogebiet ausgewiesen. Das Virus wandert nach Norden.

Von Dirk Reitmeister

20.06.2019
20.06.2019