Nicht nur eine Masche: Deshalb ist Handarbeit im Kreis Gifhorn so beliebt
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Gifhorn Stadt Nicht nur eine Masche: Deshalb ist Handarbeit so beliebt
Gifhorn Gifhorn Stadt Nicht nur eine Masche: Deshalb ist Handarbeit so beliebt
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08:05 16.01.2020
Viel mehr als Stricken und Filzen: In der Isenbütteler Textilwerkstatt 37 wird auch geplauscht und über Ideen gefachsimpelt. Quelle: Andrea Posselt
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Landkreis Gifhorn

Zwei rechts, zwei links, eine fallen lassen – und das war’s? Wer die Textilwerkstatt 37 in Isenbüttel besucht, erlebt, dass Handarbeiten weitaus mehr ist als die pure Produktion von Schals, Socken und Pullovern. Und das nicht nur zur Winterzeit. Silke Schnau, Esther Bartschies und Katja Nuth plaudern über ihre große Leidenschaft aus dem Nähkästchen.

Hier wird nichts mit heißer Nadel gestrickt, hier geht es nicht um Zeit, Kosten und Perfektion. Der Raum der Textilwerkstatt strahlt Ruhe und Gemütlichkeit aus. Katja Nuth hat kaum ihre Jacke ausgezogen, da hält sie schon ihr Strickzeug in der Hand. „Das ist so mediativ“, schwärmt sie. Esther Bartschies widmet sich ihrer Filzwolle, streicht über das Material und sagt: „Filzen bringt mich runter.“ Beide haben Handarbeiten in ihrer Kindheit erlernt, das Gestalten hat sie nicht mehr losgelassen.

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Socken und Pullover selbst herstellen – das macht in geselliger Runde in der Textilwerkstatt in Isenbüttel noch viel mehr Spaß.

Stolz zeigt Katja Nuth selbst gestrickte Norweger und ihre Lieblingsstrickjacke. Farbe und Muster Marke Eigenkreation. „Das ist einer der Vorteile: dass es so wird wie man es möchte.“ Wird es mal nicht wie erdacht, „dann schult das eben die Frustrationstoleranz“, sagt sie. Vom Handarbeiten sogar fürs Leben lernen, das meint auch Esther Bartschies: „Ein Fehler ist doch keine Katastrophe. Oft kann man es auch wieder reparieren.“ Stricken als die Schule des Lebens – immer mehr wichtige Aspekte kommen den beiden in den Sinn. „Beim Stricken übe ich auch Kopfrechnen, schule die Vorstellungskraft, wie es einmal werden wird“, sagt Katja Nuth.

Ein nachhaltiges Hobby

Und dann sind beide auch schon beim gerade so trendigen Begriff Nachhaltigkeit. „Wolle ist wertvolles Naturmaterial, wärmt, ist schwer brennbar und viele Jahre verwendbar.“ Ob mit der Diskussion über nachhaltigeres Leben auch Handarbeiten einen neuen Boom erlebt? „Es wäre zu wünschen“, meinen sie.

Zeit spielt keine Rolle

Und noch etwas Reizvolles, wenn man keine Massenware von der Stange trägt: Jedes Kleidungsstück ist etwas Besonderes, das andere oft bestaunen, erzählt Katja Nuth. Wie lange sie für einen Pullover benötigt? Die Runde, zu der inzwischen auch Textildesignerin Silke Schnau gestoßen ist, äußert leise Empörung. Nein, in Zeit bemesse hier niemand sein Werken, auch wenn eine Decke oder ein Pullover durchaus mal Monate oder Jahre auf Vollendung warte. Der Weg ist das Ziel, kreativ sein, einen Plan machen und dann loslegen. „Etwas mit der Hand herzustellen, das ist das Besondere“, so Silke Schnau.

Gemeinsam strickt es sich besser

Alle drei könnten natürlich auch daheim auf dem Sofa vor sich hin werkeln. Was sie auch tun. Aber in trauter Runde ist das Arbeiten mit Wolle und Filz gleich noch mal so schön. Man gibt sich Tipps und plaudert gerne auch einmal über Gott und die Welt. Oder aber kommt in der Öffentlichkeit mit anderen ins Gespräch. Esther Bartschies etwa werkelt gerne auch, wenn sie unterwegs ist. Bei einer Fahrt mit der Bahn fiel sie damit so auf, dass die Passagiere nach und nach von sich erzählten.

Silke Schnau und Esther Bartschies arbeiten in der Textilwerkstatt auch häufig mit Kindern, führen sie langsam an Handarbeitstechniken heran – was oft mühsam ist. „Manche können nicht mal einen Knoten machen“, haben die Frauen festgestellt. Aber wenn die kleinen Kreativköpfe dann ein selbst gefertigtes Produkt mit nach Hause nehmen, „dann freuen sie sich jedes Mal“. Kinder langfristig fürs Handarbeiten zu begeistern, das wäre ein Wunsch der drei – in der Textilwerkstatt jedenfalls ist für jeden Kreativen immer Platz.

Der Weg zur Hobbyschneiderin: Tipps einer Expertin

Kleidung selbst nähen können – bei der Volkshochschule Wolfsburg gibt es dafür auch für Anfänger Kurse. Tipps, wie man am besten das Projekt Hobbyschneiderei angeht, gibt Miriam Heine, die für die Programmgestaltung der Kreativkurse zuständig ist.

1. „Man sollte erst einmal einfach Lust drauf haben. Ob man es kann, weiß man erst, wenn man es macht.“

2. „Wir bieten eine Art Crahtest für Anfänger an. Dabei findet man heraus, welches Projekt es überhaupt sein soll.“

3. „Hat man ein Projekt vor Augen, kann man dann entscheiden, was man sich alles anschafft und gucken, ob sich der Kauf einer Nähmaschine überhaupt lohnt.“

4. „Inspirationen kann man sich schon einmal im Internet holen. Aber letztlich macht sich Handarbeiten in Gesellschaft immer leichter.“

Nähkurse sind bei uns ein Dauerbrenner“

Sich seine eigenen Kleidungsstücke, Taschen und Decken individuell anfertigen zu können, reizt immer mehr Jugendliche und junge Frauen in Gifhorn, Peine und Wolfsburg, wie Charlotte Dreschke und Elke Henkel von der Kreisvolkshochschule (KVHS) Gifhorn für den gesamten Landkreis nur bestätigen können. „Der Altersdurchschnitt in den Kursen der KVHS hat sich in den letzten Jahren spürbar verjüngt“, weiß Charlotte Dreschke. „Nähkurse sind bei uns ein Dauerbrenner“, sagt Dreschke.

Sabrina Joswig (35) ist eine dieser jüngeren Frauen. Sie nimmt regelmäßig seit sechseinhalb Jahren an Elke Henkels Nähkursen bei der KVHS teil. „Meine Oma hat mir damals zu Weihnachten eine Nähmaschine geschenkt und seitdem bin ich absolut nähsüchtig“, gibt sie zu.

Sabrina Joswig liebt es, ihre eigenen Kleidungsstücke anzufertigen. Quelle: Yvonne Droste

Erst nähte sie allein und ohne Unterstützung individuelle Taschen, wollte aber auch mal ein eigenes Kleidungsstück anfertigen. „Allein habe ich mich da nicht drangetraut.“ Da kam ihr der Nähkurs bei Fachfrau Henkel gerade recht. Dank ihr könne sie jedes Nähprojekt umsetzen, sagt sie und trägt bereits eins ihrer neuen, selbstgefertigten Lieblingsstücke am Leib: ein Hoodie mit Schalkragen und vielen, bunten Schmetterlingen. Selbst einen Softshellmantel nähte sie sich im Kurs.

Auch Miriam Heine von der Volkshochschule Wolfsburg freut sich über den Handarbeitsboom: „Das ist in den letzten eineinhalb Jahren richtig groß geworden das Thema.“ Vor allem Nähen sei beliebt. Warum das so ist? „Der allgemeine Trend zum Selbermachen.“

Das kann auch Elke Ostelmann-Janssen von der KVHS Peineunterschreiben. „Besonders am Nähen finden viele Jüngere Gefallen.“


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Von Andrea Posselt

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