Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Gifhorn Stadt 9. November 1989: So erlebte Gifhorn die Grenzöffnung
Gifhorn Gifhorn Stadt 9. November 1989: So erlebte Gifhorn die Grenzöffnung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:19 07.11.2019
Mit einem Stück echter Berliner Mauer: Gifhorns Ehrenbürgermeister Manfred Birth erinnert sich gern an den 9. November 1989 zurück. Quelle: Sebastian Preuß
Gifhorn

Gebannt verfolgten Gifhorner vor 30 Jahren die denkwürdige Pressekonferenz in Ost-Berlin mit Günter Schabowski vom SED-Politbüro und seiner legendären Antwort. Die kurzfristigen Konsequenzen dieser Entscheidung erreichten die beschauliche Stadt in der Südheide allerdings erst ein paar Tage später – dann aber gewaltig, erinnert sich Ehrenbürgermeister Manfred Birth.

Grenzübergang Helmstedt: Am 10. November 1989 redet ein Bundesgrenzschützer mit Ankömmlingen aus der DDR. Quelle: dpa

Flüchtlinge aus der Prager Botschaft

Die friedliche Revolution in der DDR hat Gifhorn etwas früher erreicht, erzählt Birth. „In der Nacht vom 7. zum 8. November 1989 trafen sieben Busse mit 280 DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft hier in Gifhorn ein.“ Births erste Amtshandlung damals: Er ließ Zigaretten herbei schaffen. „Zigaretten waren sehr wichtig.“

200 Flüchtlinge schon vor der Grenzöffnung da

Die deutsch-deutsche Grenze fiel am 9. November 1989, doch schon am Tag davor trafen 200 DDR-Bürger in Gifhorn ein – es handelte sich um Familien und Einzelpersonen, die über die damalige Tchechoslowakei nach Bayern ausreisen durften und dann über Bayern und Hannover mit Bussen weiter nach Gifhorn gereist waren.

Nachts um 1.10 Uhr trafen die DDR-Bürger in den Unterkünften beim Bundesgrenzschutz in Wilsche ein, empfangen wurden sie unter anderem von Gifhorns Bürgermeister Manfred Birth und dem Landtagsabgeordneten Helmut Kuhlmann. Weitere DDR-Bürger folgten an den nächsten Tagen.

Die Information über die bevorstehende Anreise der ersten 280 Personen war vormittags um 11.20 Uhr in Gifhorn eingetroffen. In aller Eile wurden die nötigen Betten besorgt – bei der Bundeswehr in Wesendorf. In der BGS-Küche in Wilsche wurde dann vorgekocht: Nudeln mit Bolognese-Sauce, die bis in die Nacht hinein warm gehalten wurden. Als die DDR-Bürger eintrafen, waren sie völlig übermüdet, zugleich aber aufgeregt nach dem ersten Tag in der Bundesrepublik. „Verzweiflung und Hoffnung waren die Begleiter“, titelte damals die Aller-Zeitung. „Das war ein schwerer Weg“, sagte denn auch Thorsten Kühl aus Eisenhüttenstadt. Er hoffte auf einen Job bei VW. Das Arbeitsamt war in der Tat schnell zur Stelle und besuchte bereits zwei Tage später die Unterkunft in Wilsche.

Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der DDR-Bürger allerdings schon auf rund 1000 gestiegen. Denn nach der Grenzöffnung am 9. November trafen rund 700 neue Übersiedler ein und wurden vom Bahnhof Isenbüttel-Gifhorn aus mit Bussen auf den Truppenübungsplatz Ehra-Lessien gebracht.

Mitarbeiter der Kreisverwaltung waren dort im Einsatz und unterstützten die Kräfte der Bundesverkehr bei der Unterbringung der Menschen; ein Buspendelverkehr nach Gifhorn wurde eingerichtet, im Gifhorner Krankenhaus wurden erkrankte Übersiedler medizinisch betreut, es gab kostenlose Telefonate – die Organisation lief gut an. Oberkreisdirektor Dr. Klaus Lemke machte denn auch unmissverständlich klar: „Wir stellen uns diesen neuen Problemen, wir sind bereit!“

Anderes aber auch. „Die Leute waren sehr, sehr erschöpft von den Strapazen.“ Sie fanden im damaligen BGS-Standort eine vorübergehende Bleibe. Die BGS-Küche hatte Spaghetti Bolognese zubereitet, das Jugendrotkreuz die Versorgung übernommen. Gifhorner Bürger spendeten Kleidung, Hygieneartikel und Spielzeug. „Die Flüchtlinge hatten nur das, was sie am Leibe trugen.“ Weitere etwa 700 DDR-Bürger brachte der Landkreis auf dem Truppenübungsplatz Ehra-Lessien unter, die VLG richtete einen Buspendelverkehr ein.

Was Helmstedt damals Gifhorn voraus hatte

Einen Tag später dann überschlugen sich in Deutschland die Ereignisse dank Schabowskis wichtigsten Satz. In Gifhorn selbst allerdings erst einmal nicht. Der einzige offene Grenzübergang war bei Helmstedt, erinnert sich Birth. So stürmten die Besucher von drüben erst einmal Helmstedt, Wolfsburg und Braunschweig. „Das änderte sich schlagartig am 18. November.“

Um 6 Uhr an der Grenze: Oberkreisdirektor Dr. Klaus Lemke (v.r.), Manfred Birth und Carl Hahn mit einem Grenzbeamten. Quelle: Repro Sebastian Preuß

Die Sache mit dem Begrüßungsgeld

„Die Kaufleute haben schnell reagiert“, sagt Birth. Läden länger und am Wochenende geöffnet, die Stadtverwaltung hielt es mit dem Rathaus ebenso. Allein am ersten Wochenende nach der Grenzöffnung in Zicherie-Böckwitz zahlte sie 828 Mal 100 Mark Begrüßungsgeld aus – die Post musste aushelfen, als das Bargeld in der Stadtkasse knapp wurde –, die anderen Kommunen im Kreis weitere 470 000 Mark.

Der Duft von Freiheit und Trabi-Dunst

„Die Trabis stanken fürchterlich, aber das hat keinen gestört“, schmunzelt Birth heute. Die Stadt habe die Jugendbegegnungsstätte für etwaige Übernachtungen bereit gehalten und Bürger gebeten, Gäste aufzunehmen. Im Schlosshof gab es ein Fest. Doch: „Das wurde gar nicht so besucht.“ Die Menschen aus der DDR wollten in die Stadt. „Natürlich war für sie das Einkaufserlebnis überwältigend gewesen.“

Für den Einzelhandel allerdings auch, weiß Birth. „Die Grenzöffnung war ein kleines Konjunkturprogramm für den Zonenrand.“

Hilfsbereitschaft der Gifhorner überwältigt DDR-Bürger

Die vielen Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR, vor allem bei der Bundeswehr in Ehra-Lessien untergebracht, mussten in vielerlei Hinsicht versorgt werden. Schwerstarbeit nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die vielen Helfer vor allem vom Roten Kreuz, die oft Tag und Nacht im Einsatz waren. Sie gaben in der DRK-Kleiderkammer Hosen, Windjacken und Pullover aus, sammelten neue Kleiderspenden, organisierten Babynahrung, aber auch Spielzeug für die Kinder – die meisten Übersiedler hatten nur das Nötigste mitgenommen. So fehlten anfangs zum Beispiel auch Geräte, um die Babynahrung zu erwärmen.

Nicht nur Privatleute spendeten Geld und dringend benötigte Dinge. Die Soldaten der Panzerbrigade 38 sammelten zum Bespiel in ihren Familien und bei Nachbarn Winterbekleidung und Spielsachen und übergaben sie in Ehra-Lessien an die Übersiedler. Der inzwischen verstorbene damalige Oberkreisdirektor Dr. Klaus Lemke bat zudem darum, verfügbaren Wohnraum und leere Ferienwohnungen für die Übersiedler zur Verfügung zu stellen. Die Neubürger aus der DDR waren überwältigt von der Hilfsbereitschaft in Stadt und Kreis Gifhorn. Marion Bergemann zum Beispiel sagte damals der Aller-Zeitung: „Behandlung und Betreuung sind einmalig, das wäre bei uns drüben undenkbar!“

Lesen Sie mehr zum Thema Grenzöffnung

In lockerer Reihe erinnert die Aller-Zeitung an die Tage der Grenzöffnung vor 30 Jahren und daran, was damals im Landkreis Gifhorn passiert ist:

5. November 2019: Das geteilte Dorf: Kann Zicherie-Böckwitz wieder zusammenwachsen?

4. November 2019: Bromes Ex-Bürgermeister Adolf Bannier erinnert sich an den Mauerfall: „Das war die aufregendste Zeit“

1. November 2019: Erzählender Zeitzeuge: Der Landwirt Ulrich Lange aus Zicherie hat die Grenzöffnung vor 30 Jahren hautnah miterlebt

1. November 2019: Großes Fest im ehemals geteilten Doppeldorf Zicherie Böckwitz

15. Oktober 2019: Wie die Wende eine Familie wieder vereinte

Von Dirk Reitmeister

Gifhorns Engineering-Partner IAV wächst weiter. Nächstes Millionen-Projekt am Standort Rockwellstraße ist ein weiteres Büro-Gebäude für 1400 Mitarbeiter. Bei der Grundsteinlegung wurden Projektdetails vorgestellt.

07.11.2019

Jährlich werden auch in Gifhorn Menschen beerdigt, ohne dass eine Trauergemeinde Anteil nimmt. Zukünftig soll das anders sein. Ein Projekt auf dem Friedhof ist angelaufen. Der Hospizverein ist mit im Boot.

07.11.2019

50 Jahre Wassersportclub Gifhorn: Das Jubiläum wurde groß gefeiert. Mit den Einnahmen einer Jubiläumsball-Tombola unterstützt der Verein jetzt die AZ-Aktion Helfen vor Ort.

07.11.2019