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Gifhorn Stadt So hat Wolfgang Schwenke den Mauerfall in Berlin miterlebt
Gifhorn Gifhorn Stadt So hat Wolfgang Schwenke den Mauerfall in Berlin miterlebt
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13:48 13.11.2019
Grenzöffnung: Der Wesendorfer Wolfgang Schwenke erlebte den historischen Tag in Berlin und sammelte viele Eindrücke. Quelle: Wolfgang Schwenke / Repro: Sebastian Preuß
Wesendorf

Der 9. November 1989 war ein trockener Tag, nur gelegentlich lugte die Sonne zwischen den Wolken hervor. Der Wesendorfer Lehrer Wolfgang Schwenke war an diesem Tag mit seinen Schülern in Berlin unterwegs – und erlebte die Grenzöffnung in der damaligen Hauptstadt der DDR und künftigen deutschen Gesamthauptstadt live mit.

Der Wesendorfer Lehrer Wolfgang Schwenke war am 9. November 1989 – dem Tag der Grenzöffnung – mit seinen Schülern in Berlin. Einen Tag später entstanden diese Fotos.

Dabei war der 9. November selbst tagsüber eigentlich noch ein ganz normaler Tag. Schwenke und weitere Kollegen besuchten mit den Schülern an diesem Donnerstag Ostberlin. Und doch waren die Zeichen für Veränderungen schon deutlich zu spüren, wenn vielleicht auch noch nicht zweifelsfrei zu deuten. „Es fiel auf, dass alle Straßenkreuzungen von je sechs bis acht Polizisten besetzt waren. Über der Stadt lag eine ungewöhnliche, beinahe bedrückende Ruhe“, erinnert sich der Wesendorfer. Bei den Ausreise-Kontrollen am Bahnhof Friedrichstraße bemerkt Schwenke „viele, auch junge DDR-ler an einem Sonderschalter.“ Doch die westdeutsche Gruppe hat ihre eigenen Probleme mit der Rückkehr nach Westberlin.

Hupen ließ nicht mehr nach

Im Gedächtnis blieb Schwenke von diesem Tag vor allem auch eine Demonstration im Westen der Stadt – gegen die Ausweitung der Einzelhandelsöffnungszeiten, den so genannten verkaufslangen Donnerstag. Im Osten gab es an diesem Tag auch zwei große Demonstrationen, die er aber persönlich nicht miterlebte. Bei ihnen ging es um die Forderungen der DDR-Bürger gegen ihr Regime.

Ein weiteres Zeichen am späten Abend – ein hupender Autofahrer am Kudamm. „Ich dachte, der hupt mich an, weil ich vor ihm über die Straße gelaufen bin. Dabei habe ich ihn gar nicht behindert. Ich dachte noch ,Spinner’, weil das Hupen gar nicht mehr nachgelassen hat.“ Dass es andere Gründe haben könnte als Schwenkes Lauf über die Straße, das wurde dem Wesendorfer zumindest in jener Nacht nicht bewusst.

Am Café Kranzler war die Hölle los

Müde vom langen Spaziergang durch Berlin kam Schwenke schließlich am 9. November spät nachts in der Unterkunft an, in der er mit den Schülern untergebracht war. Froh über die Ruhe im Gebäude, wollte er Schlafen gehen – als er von lautem Radio im Flur gestört wurde und die Schüler ihm mitteilten, dass die Grenze offen sei. „Mit solchem Unfug sollte man keinen Schabernack treiben, war meine erste Reaktion. Doch dann habe ich der Sendung zugehört, in der Menschen an den Berliner Grenzübergängen befragt wurden. Ich dachte ungläubig: Das ist die totale Kapitulation.“ Schüler berichteten, wie sie bereits abends auf dem Kudamm die ersten Ostautos gesehen und begrüßt hatten. Einige waren sogar selbst interviewt worden.

„Ich stürzte los, versuchte, meine Kollegen zu wecken, ohne Erfolg. Um 1 Uhr war ich am U-Bahnhof Puttlitzstraße, dort lief ein Sonderzug ein mit vielen jungen DDR-lern, müde, verheulte Gestalten lagen sich in den Armen.“ Vor dem Café Kranzler war die Hölle los, erinnert er sich, „die sonst schläfrige Großstadt war völlig aus den Fugen geraten.“ Menschen drängten sich, Autos schoben sich hindurch, fast alle Fahrzeuge hatten Ost-Kennzeichen. Eine Feuerwerksrakete zerplatzte am Himmel in einen bunten Fächer, eine ungarische Gruppe empfing die Ostdeutschen mit einem Transparent. Die Menge jubelte, trank Sekt. „Eine Laufschrift an einer Hauswand gab die neuesten Meldungen weiter. Da glaubte ich es wirklich – die Mauer war offen“, so Schwenke.

Fotos von damals werden noch immer gezeigt

Müde ging er zwei Stunden später zurück zur Herberge, „erschlagen von den Eindrücken, aufgekratzt, glücklich, zugleich bedrückt von der Vorstellung, dass die brisante Lage recht schnell umschlagen könnte. Wie würden sich die Russen verhalten?“ An diesem Freitag fuhr der Lehrer mit Schülern zu den Grenzübergangsstellen „Bornholmer Straße“ und Chausseestraße“ und machte zahlreiche Fotos, die er bis heute häufig in Ausstellungen zeigt. Am folgenden Tag brachte der Bus die Gruppe in 13 Stunden nach Gifhorn zurück.

Auch das HG war in Berlin dabei

30 Jahre Mauerfall – für Schüler des Gifhorner Humboldt-Gymnasiums waren das damals ganz besondere Tage. So besonders, dass Bürgermeister Matthias Nerlich jüngst beim Festakt der Schule an den Moment erinnerte, als der damalige Rektor Anton Pumpe den Unterricht mit einer Durchsage unterbrach und die Schüler animierte, nach Zicherie zu fahren. An den Moment der Durchsage kann sich Pumpe heute nicht genau erinnern, aber daran, dass jene Tage in seiner Lehrer-Laufbahn „unvergleichlich“ waren.

Vorzeichen bei Polen-Reise erlebt

Was hatte all die Jahre das Thema Kalter Krieg seinen Geschichtsunterricht geprägt. Alleine schon in Gifhorn nahe der Grenzen zu leben, „wo Salzwedel oder Gardelegen damals so weit weg erschienen wie Wladiwostok“, erschien ihm fast schon gespenstisch. Klassenfahrten ins geteilte Berlin, ja die gab es in den 70-er und 80-er Jahren immer wieder. „Die Idee war, den Schülern, diese merkwürdige Situation zwischen Ost und West klar zu machen“, so Pumpe. Diesen Ansatz hatte auch der Landkreis, als er für Schüler einen Schreibwettbewerb ausrief, in dem es um den Flatow-Partnerschaftskreis (heutiges Polen) gehen sollte. Die Schüler stellten eine Bedingung: Wenn sie teilnehmen, dann wollten sie auch einmal nach Polen fahren. Jahre später erinnerten ihn Schüler an diese Zusage. Pumpe machte sein Versprechen wahr: Just im Sommer 1989 fuhr er mit HG-Schülern nach Polen. So geriet die Gruppe in die Vorboten der großen Umwälzung. Denn aus einem Quartier mussten die Gifhorner weichen, weil US-Präsident George Bush mit großem Stab angereist war, um im brodelnden Osteuropa zu vermitteln. Welch große historische Stunde sich da anbahnte, ahnte er noch nicht.

Plötzlich waren die Gifhorner Schüler mittendrin

Kurze Zeit später geriet der zwölfte Jahrgang des HG mitten in die Kehrtwende der jüngeren deutschen Geschichte. Anfang November war nämlich erneut Berlin das Ziel einer HG-Jahrgangsfahrt. „Wie ein Donnerschlag“ sei der 9. November hautnah erlebbar gewesen. Die HG-Schüler hätten auf der Mauer getanzt, ein Schüler sei sogar herunter gestürzt. Wie sehr Deutschland im Ausnahmezustand war, erlebte die HG-Gruppe bei der Rückfahrt. Die mit Trabbis und Wartburgs verstopfte Autobahn sorgte für eine ellenlange Rückfahrt.

Spontane Ausstellung

Daheim in Gifhorn herrschte am Abend nach der ungeplanten Verkündung der Grenzöffnung im Fernsehen auch Ausnahmezustand. Als der heute 85-jährige Pumpe morgens ins HG kam, „war alles außer Rand und Band“. An die Euphorie an jenem Schultag nach dem Mauerfall erinnert sich Wolfgang Rohdenburg noch lebhaft. Damals betreute er gerade ein Zeitungsprojekt zusammen mit der Frankfurter Allgemeinen. Spontan sammelten er und die Schüler alle Artikel zu dem Thema. Sortiert wurde das Ganze bei Rohdenburg zu Hause auf dem Wohnzimmerboden. „Daraus haben wir dann spontan eine Ausstellung in der HG-Pausenhalle gemacht“, erinnert er sich.

Lesen Sie mehr zum Thema Grenzöffnung

In lockerer Reihe erinnert die Aller-Zeitung an die Tage der Grenzöffnung vor 30 Jahren und daran, was damals im Landkreis Gifhorn passiert ist:

11. November 2019: So feiern Zicherie und Böckwitz den Mauerfall

9. November 2019: Marienborn: So erlebte der Journalist Jürgen Gückel den Mauerfall

7. November 2019: So erlebte Gifhorn den 9. November 1989

5. November 2019: Das geteilte Dorf: Kann Zicherie-Böckwitz wieder zusammenwachsen?

4. November 2019: Bromes Ex-Bürgermeister Adolf Bannier erinnert sich an den Mauerfall: „Das war die aufregendste Zeit“

1. November 2019: Erzählender Zeitzeuge: Der Landwirt Ulrich Lange aus Zicherie hat die Grenzöffnung vor 30 Jahren hautnah miterlebt

1. November 2019: Großes Fest im ehemals geteilten Doppeldorf Zicherie Böckwitz

15. Oktober 2019: Wie die Wende eine Familie wieder vereinte

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Von Thorsten Behrens und Andrea Posselt

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