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Gifhorn Stadt Leinenpflicht: Tierschutz oder Tierquälerei?
Gifhorn Gifhorn Stadt Leinenpflicht: Tierschutz oder Tierquälerei?
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08:00 17.12.2019
Mia hat es gut: Herrchen Ingo Frantz nimmt sie nur selten an die Leine. Quelle: Boris Baschin
Wolfsburg/Gifhorn

Jedes Jahr ärgert sie die Hundehalter: die Leinenpflicht. In Wolfsburg ist es schon seit Anfang Dezember soweit, Gifhorn folgr am 1. April. Aber halten sich alle Hundebesitzer daran? Und was kann passieren, wenn der Hund ohne Leine erwischt wird?

„Wenn man seinen Hund kennt, geht das“

Hundehalter Ingo Frantz aus Vorsfelde hält nichts davon, seinen Hund Mia siebeneinhalb Monate des Jahres an der Leine zu führen. „Sie ist ganz lieb und wird selten angeleint. Wenn man seinen Hund kennt, geht das.“ Auch von einigen „unfreundlichen“ Begegnungen mit Spaziergängern oder Förstern lässt der 56-Jährige sich nicht aus der Fassung bringen: „Dann leine ich Mia kurz an, um Ärger zu vermeiden.“

Leinenpflichten im Vergleich

Wann ein Hund in Deutschland an der Leine gehen muss, ist von Bundesland zu Bundesland und von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. Grundsätzlich sind die Bundesländer für den Bereich „Wald und Flur“ zuständig, die Kommunen können darüber hinaus in den Gemeindegebieten eigene Regeln aufstellen. in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und dem Saarland gibt es zum Beispiel keine landesweite Leinenpflicht in Wald und Flur. In Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt gilt Leinenpflicht während der jeweiligen Schonzeit, üblicherweise vom 1. April bis zum 15. Juli.

Die meisten Gemeinden in Ostniedersachsen belassen es dabei, zum Beispiel Gifhorn, Peine oder Wolfenbüttel.

Aber mancherorts müssen Hunde längere Durststrecken aushalten: Wolfsburg hat die Leinenpflicht auf den Zeitraum 1. Dezember bis 15. Juli ausgedehnt, in Velpke müssen Hunde sogar vom 1. Dezember bis zum 31. Juli an der Leine laufen – ganze acht Monate.

Gejagt habe die zweijährige Schäferhund-Jack-Russel-Hündin noch nie, nur einmal sei sie aus Neugierde zu einem Hasen gelaufen, aber umgekehrt, als der sich aus dem Staub machte. „Meistens hört sie“, meint Frantz – und das, ohne dass er mit ihr eine Hundeschule besucht hat.

Jäger: „Viele unterschätzen ihren Hund“

Über so ein Verhalten kann Ralph Schräder, Vorsitzender der Jägerschaft Wolfsburg, nur den Kopf schütteln. Er findet es verantwortungslos: „Viele Menschen unterschätzen ihren Hund und sind dann erschüttert, wenn der süße Kleine ein Reh zu Tode hetzt.“

Freiheit! In Niedersachsen dürfen Hunde erst ab Mitte Juli wieder voll lospreschen. Quelle: Nancy Heusel

Dazu muss der Hund das Reh gar nicht einholen und totbeißen, erklärt der Jäger. „Rehe haben nicht so viel Ausdauer wie ein Hund“, erläutert er. Das Reh renne zwar schneller, müsse aber immer wieder stehen bleiben, um zu Atem zu kommen. In dieser Zeit könne ein Hund, der die Fährte aufgenommen hat, ganz gemütlich hinterherschnüffeln und das Reh abermals aufjagen – bis das Reh vor Erschöpfung tot zusammenbricht.

Wild ist durch Kälte und Nahrungsmangel geschwächt

Deshalb findet Schräder es auch richtig, dass die Stadt Wolfsburg den niedersächsischen Leinenzwang vom 1. April bis zum 15. Juli noch einmal um vier Monate erweitert hat: Hier dürfen Hunde schon ab Dezember nicht mehr frei laufen. „Gerade im Winter macht das viel Sinn, weil die Tiere durch Kälte und wenig Nahrung ohnehin geschwächt sind.“

Erschießen Jäger freilaufende Hunde?

An den Geschichten, von Jägern, die freilaufende Hunde erschießen, sei allerdings nicht viel dran, beruhigt der Jägervorsitzende: „Ich denke, früher ist das öfter passiert, aber ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr von solchen Fällen gehört. Außerdem sind 99 Prozent der Jäger auch Hundefreunde. Und wenn ich in meinem Revier einen gut erzogenen Hund ohne Leine nah beim Halter sehe, sage ich auch nichts. Nur wenn der Hund hetzt.“

Verstöße kommen fast nie zur Anzeige

Auch die Stadt geht nur wenig gegen Leinen-Sünder vor: „Konkrete Verstöße gegen die Leinenpflicht kommen kaum zur Anzeige“, weiß Stadtsprecher Ralf Schmidt. „Die Beschwerden der Bürger sind in der Regel allgemein gehalten und richten sich nicht gegen bestimmte Personen.“ In der Leinen-Saison 2018/2019 wurde zum Beispiel nur ein einziges Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Die Strafe kostet 25 Euro oder mehr.

Wo gilt die Leinenpflicht wirklich?

Die niedersächsische Leinenpflicht von April bis Mitte Juli umfasst laut Gesetz die „freie Landschaft“, also unter anderem Wälder, Feldwege, Felder, Wiesen und Gewässer, auch wenn sie innerhalb bebauter Ortsteile liegen.

Wolfsburger Hundehalter müssen ihre Fiffis zwar schon ab Dezember anleinen – aber dafür genaugenommen nicht überall. Auch wenn Schilder an Feldwegen auch für diese Zeit auf die „freie Landschaft“ hinweisen, sind eigentlich nur Wälder und Gehölze (Baumgruppen und Hecken) sowie 50 Meter breite Schutzstreifen um Waldgebiete, Gehölze und Gewässer gemeint. Sprich: Auf Feldwegen, die nicht in der Nähe von Gehölzen, Gewässern oder Wäldern liegen, können Hunde nach Herzenslust laufen. Wichtig ist aber: Unabhängig von der Jahreszeit gibt es Naturschutzgebiete und teilweise Innenstadtbereiche, in denen Hunde generell an der Leine geführt werden müssen.

Dass die Wolfsburger Hunde nicht nur während der Brut- und Setzzeit angeleint sein müssen, sondern insgesamt mehr doppelt so lange, begründet die Stadt damit, dass das Wild im Winter besonders geschwächt sei. Aber sind die Wolfsburger Rehe in der kalten Jahreszeit schlimmer dran als die in Peine oder Gifhorn? Vermutlich nicht, meint Stadtsprecher Schmidt, und verweist stattdessen darauf, dass jede Gemeinde das für sich selbst entscheide.

Leinenpflicht in Wolfsburg: Genaugenommen sind die Schilder nicht ganz richtig – manche Feldwege und Wiesen sind zumindest bis März nicht betroffen. Quelle: Frederike Müller

Wer den verlängerten Leinenzwang richtig gut findet, ist ausgerechnet die professionelle Gassigeherin Jessica Seeber, die täglich für Geld mit rund zehn Hunden ihre Runde dreht. „So schont man das Wild“, weiß auch sie.

Wünscht sich mehr Freilaufflächen: Gassigeherin Jessica Seeber. Quelle: privat

Schade sei nur, dass es kaum Flächen gebe, auf der Hunde sich austoben könnten. Die Hundewiesen in Detmerode und am Allersee seien zu klein und nicht eingezäunt, sodass Hunde teils schnell auf den Fuß- oder Radweg laufen können. „Ich fände es nur fair, wenn die Stadt mehr Ausgleichsflächen schafft.“

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Interview: Tipps für die Leinenzeit

Vanessa Engelstädter ist Hundetrainerin in Wolfsburg und vertritt den Grundsatz: „Ein ausgelasteter Hund ist ein zufriedener Hund.“ Im Interview erklärt sie, wie man den Vierbeiner auch während der Leinenzeit beschäftigen kann.

Was halten Sie vom Leinenzwang?

Unkontrolliertes Jagen ist generell unschön, der eigene Hund bringt sich in Gefahr und das Wildtier leidet. Hier steht der Besitzer in der Verantwortung dafür zu sorgen, dass der Hund keinen Jagderfolg hat. Mit Training, Erziehung oder auch Management ist es meist auch möglich, den Hund vom Jagen abzuhalten. Hunde, die nicht zu kontrollieren sind, sollten auch in den Monaten ohne Leinenzwang an der Leine und somit unter Kontrolle bleiben. Wenn sich alle daran halten würden, bräuchte es hier keinen Zwang.

Meinen Sie, man könnte zusätzlich zum Hundeführerschein eine Zusatzprüfung für den jeweiligen Hund geben, ob er an der Leine laufen muss oder ohne?

In Hamburg gibt es zum Beispiel eine Prüfung zur Befreiung der Leinenpflicht. Das halte ich eine gute Idee. Vor allem auch für alte Hunde, die eh schon zu schwach zum Jagen wären. Oder andere Hundetypen, die gar keine Ambitionen für die Jagd haben.

Wie lastet man seinen Hund am besten aus, wenn man ihn nicht freilassen kann?

Ich bin ein großer Freund von Zughundesport. Beim Bike-Jöring zieht der Hund ein Fahrrad, beim Dogscooter einen Tretroller und beim Canicross seinen Besitzer, der dabei walkt oder joggt. Die Hunde haben wahnsinnigen Spaß, weil sie dabei ausnahmsweise mal ziehen dürfen. Und ein besonderes Zuggeschirr verteilt die Zugkraft so, dass die Gelenke geschont werden.

Das ist aber sicherlich nicht für alle Hunde – und auch nicht für alle Halter – geeignet, oder?

Nein, das stimmt. Wem das zu sportlich ist, der kann mit seinem Hund stattdessen Trailing ausprobieren, also Fährtensuche. Man zieht mit einem Teebeutel eine Spur durchs Grad bis zu einem Häufchen Futter. Erst nur eine kurze Strecke und der Hund darf das noch beobachten, später über weitere Entfernungen und der Hund kommt erst später dazu. Oder die Apportierarbeit mit einem Dummy oder Futterbeutel, hier entsteht eine schöne Kooperation mit dem Menschen. Man „jagt“ gemeinsam.


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Von Frederike Müller

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