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Gifhorn Stadt Warum so viele Kneipen aufgeben müssen
Gifhorn Gifhorn Stadt Warum so viele Kneipen aufgeben müssen
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11:15 15.08.2019
Kneipensterben: Auf dem Land gibt es immer weniger Dorfkneipen und Gaststätten. Quelle: dpa
Wolfsburg/Gifhorn/Peine

Zu einem Dorf gehört auch eine anständige Kneipe. Was früher selbstverständlich war, ist es heute keineswegs mehr. Immer mehr Dorfkneipen und Gasthäuser auf dem Land schlossen in den letzten Jahren ihre Türen. Zwischen 2006 und 2015 hat Niedersachsen mehr als ein Drittel seiner Schankwirtschaften verloren. Und der Trend ist ungebrochen. „Die kleinen Gaststätten, in denen man sich abends getroffen und etwas getrunken hat, scheinen ein auslaufendes Modell zu sein“, meint auch Rainer Balke, niedersächsischer Landesvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga).

Die Zeiten des Feierabendbiers sind vorbei

Aus seiner Sicht ist vor allem ein verändertes Freizeitverhalten der Menschen dafür verantwortlich. Vorbei die Zeiten, in denen man sich nach Feierabend auf ein Bierchen in der Kneipe traf, Dorftratsch und Neuigkeiten austauschte und darüber diskutierte. „Die Gesellschaft hat sich weiter entwickelt. Die Kommunikationsstrukturen haben sich verändert“, weiß Balke. Statt sich also von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten, nutzen die Leute Social Media und Co.. Fernsehen ist überall und zu jederzeit abrufbar, die Inhalte kann man sich zudem auch noch aussuchen. „Das macht den Besuch der Kneipe, ihre Funktion als Treffpunkt beinahe überflüssig“, erklärt er.

Personalmangel macht Betrieben zu schaffen

Daneben macht den kleinen Gaststätten auch der anhaltende Personalmangel zu schaffen. Dabei ist man über den bloßen Fehlstand an Fachkräften längst hinaus. Schon lange arbeiten in der Gastronomie eine Großzahl an angelernten oder Hilfskräften. Und auch die sind kaum noch zu bekommen. Erst recht nicht in der Fläche.

Dehoga fordert flexiblere Arbeitszeiten

Das derzeitige Arbeitszeitgesetz verschärfe die Situation zusätzlich. Seit Jahren kämpft die Branche deswegen dafür, dass die wöchentliche Maximalarbeitszeit von 48 Stunden frei verteilt werden darf. Bisher ist die tägliche maximale Arbeitszeit auf zehn Stunden gedeckelt, diese starre Regelung widerspreche oftmals den tatsächlichen Erfordernissen im Gastgewerbe.

Bürokratie und Auflagen nehmen Überhand

Ein weiteres generelles Problem für die Betriebe der Branche ist die ausufernde Anzahl an staatlichen Auflagen. „Das Ausmaß, dass die Bürokratie mittlerweile angenommen hat, ist nicht nur für kleine Betriebe zum Problem geworden“, mahnt Balke. Doch die trifft es natürlich am Härtesten. „Große Betriebe können eventuell extra Kräfte für die Dokumentation aufbringen. Und auch das schmerzt, denn das Geld wird schließlich am gast verdient. Wie soll das erst bei kleinen und Familienbetrieben sein?“, fragt er. Dort komme eigentlich nur der Betreiber selbst in Frage. „Das wird häufig als große Belastung empfunden“, weiß Balke. Am Ende mitunter als zu große Belastung, so dass es zur Schließung kommt.

Nachfolger? Kaum zu finden!

All diese Widrigkeiten wirken sich natürlich auch auf die Nachfolger-Suche aus. „Selbst wenn ein Gasthaus noch genug Kunden hat, kann es sein dass die Betreiber entweder kein Personal oder keinen Nachfolger finden“, so Balke. Das Ergebnis ist unterm Strich gleich: Früher oder später verschwindet der Gasthof von der Karte. Das ist besonders schlimm, da die große Mehrheit der Betreiber von Landgasthäusern mittlerweile zur älteren Generation gehört. Das Sterben der Kneipen könnte in den nächsten Jahren also noch deutlich zunehmen.

Kreativität ist das Erfolgsgeheimnis

Trotz aller Widrigkeiten kann sich Balke ein komplettes Sterben der Landgasthäuser aber nicht vorstellen. „Diese Konzepte sind nicht unbedingt todgeweiht, es wird immer vereinzelt Privatbetriebe vor Ort geben“, so Balke. Voraussetzung ist allerdings etwas Kreativität. Das bezieht sich zum einen auf das Angebot. Denn die Menschen wollen heute, wenn sie ausgehen, am liebsten etwas erleben. „Man muss sich schon neuzeitlich geben“, ist Balke überzeugt. Dafür sorgt schon allein die Konkurrenz durch Lieferdienste und qualitativ immer hochwertigere TK-Ware.

Gegen die Regel: Was erfolgreiche Gaststätten leisten müssen

Das Gasthaussterben auf dem Land hat natürlich auch unsere Region erreicht. „In den letzten 5 Jahren haben 12 bis 15 Betriebe in unserem Bezirk geschlossen“, berichtet Torsten Kowohl, Vorsitzender der Dehoga Peine. Das mache etwa zehn bis 15 Prozent der Gastronomiebetriebe aus. Es gibt allerdings auch durchaus Gaststätten, die auch auf der Fläche weiterhin sehr erfolgreich sind.

Eines dieser positiven Beispiele ist das Hofcafé Betzhorn im relativ strukturschwachen Gifhorner Nordkreis. Doch der Erfolg ist mit viel Anstrengung und einer gehörigen Portion Kreativität verbunden. „Man muss immer offen für Neues sein, sich etwas ausdenken“, sagt Geschäftsführer Tuncay Mehls. Neben dem Bewährtem – das Hofcafé ist für seine handgemachten Torten und Kuchen weithin bekannt und bietet auch Kutschfahrten an – mussten neue Ideen her. So soll aus dem Auflugscafé wieder mehr werden. „Wir wollen auch wieder warme Küche anbieten und ein Abend- und Wochengeschäft etablieren“, so Mehls. Dann auch am besten wieder mit Stammtischen und den Menschen aus den umliegenden Dörfern.

Aber dafür muss man etwas bieten, weiß Mehls. Wichtig ist, dass die Küche frisch und hochwertig ist und etwas Besonderes bietet. Das Hofcafé etwa lädt schon jetzt zu bestimmten Themenabenden –beispielsweise italienisch, griechisch oder bayerisch. „Wichtig ist zudem ein regionales und saisonales Angebot“, so Mehls. In genau diese Richtung zielt die neueste Idee. Künftig will das Hofcafé eigene Hühner halten und diese auf dem Hof herumspazieren lassen. „Damit können wir einen Teil unseres Bedarfs decken und bieten den Gästen ein Erlebnis“, so Mehls. Gleiches gilt für das Projekt „Eulen TV“: Bald soll ein Live-Stream von in der Scheune des Hofcafés nistenden Schleiereulen in den Gastraum übertragen werden.

Auch der Lindenhof in Nordsteimke gehört zu den positiven Beispielen. Vor einigen Jahren haben Melanie Perricone und ihr Bruder Björn Pessel den elterlichen Betrieb übernommen. Sie führen ihn nun in dritter Generation. Ein Erfolgsgeheimnis: „Mein Bruder ist ein sehr guter Koch, wir bieten eine tolle Speisekarte“, sagt Melanie Perricone. Auch sie weiß um die Wichtigkeit saisonaler und regionaler Angebote. Neben dem täglichen À-la-carte-Geschäft werden auch regelmäßig Themenwochen und Events angeboten.

„Grundsätzlich macht es die gute Mischung“, sagt Perricone. Neben dem Restaurant ist der Lindenhof auch ein Hotel, eine Catering-Anbieter sowie ein beliebter Ort für Veranstaltungen – und in gewisser Form auch noch immer eine „Dorfkneipe“. „Wir haben immer noch viele Stammtische. Die ganz heißen Thekenzeiten sind zwar vorbei, aber wir haben immer noch unser Stammpublikum“, sagt sie. Dafür sei vor allem ein gutes Verhältnis zu den örtlichen Vereinen wichtig. So arbeitet der Lindenhof immer wieder gern mit den Vereinen bei Veranstaltungen wie etwa dem Adventsmarkt zusammen.

Zu guter letzt müssen auch oftmals die Betriebszeiten angepasst werden. „Viele Gaststätten verzichten bereits auf ein À-la-Carte-Geschäft und öffnen nur noch für Events und Feiern. Oder sie öffnen nur an Spitzentagen und führen mehr Ruhetage ein“, so Balke. Nur so sei in vielen Fällen ein wirtschaftlicher Betrieb noch möglich und nur so könne man mitunter auf den Personalmangel reagieren. „Das ist nicht einem grassierenden Wohlstand geschuldet“, so Balke.

Von Steffen Schmidt

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