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Gifhorn Stadt Immer wieder taucht der Stalker auf
Gifhorn Gifhorn Stadt Immer wieder taucht der Stalker auf
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06:02 06.07.2019
Psychoterror: Stalking kann Menschen zur Verzweiflung treiben. Die Opfer wissen sich häufig nicht zu wehren. Quelle: dpa (Archiv)
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Gifhorn/Peine/Wolfsburg

Verfolgt, gefilmt, geschädigt: Seit Jahren geht Jennifer Müller (Name geändert) durch die Hölle. Nicht einmal ein Umzug hat ihr einen Stalker vom Hals geschaffen. Immer wieder taucht der plötzlich auf.

Die junge Frau erzählt in ruhigem Ton über die Erlebnisse mit einem Nachbarn. Sie ist gefasst und konzentriert. Ihr Ehemann sitzt neben ihr und strahlt Ruhe aus. Nur einmal im Verlauf des Gesprächs mit der AZ kommen Müller die Tränen, muss sie mit der Fassung ringen.

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Das Martyrium beginnt vor einigen Jahren, da ist Müller und ihrem Mann noch längst nicht klar, was noch auf sie zukommen wird. „Anfangs ahnt man nichts Böses“, sagt sie. Es beginnt mit Beschwerden des Nachbarn bei ihrem Vermieter, etwa über das vermeintlich störende Fahrverhalten ihres Mannes. „Das war das erste Mal, dass wir auf ihn aufmerksam geworden sind.“

Für Birgit Krämer vom Weißen Ring des Kreises Gifhorn ein typischer Einstieg. Stalking beginne oft schleichend, diffus und für Außenstehende vermeintlich harmlos. Selbst Opfer unterschätzten das Verhalten der Täter – zuerst.

Im Fall Müller wird es bald unheimlich, ja gruselig. Der Stalker folgt Jennifer Müller beim Gassigehen mit dem Hund in die Feldmark. Bei einer Feier mit Freunden filmt er die Partygesellschaft. Irgendwann sind auch Schäden am Auto sind. „Es war schon alles sehr gruselig“, so Jennifer Müller. Zumal der Mann sehr geschickt darin sei, Angst und Schrecken zu verbreiten. Manchmal habe er gewollt, dass sie ihn bei seinen Beobachtungen wahrnehme, in anderen Fällen habe sie sich nie sicher sein können, nicht doch im Visier zu sein. „Ich habe mich ständig beobachtet gefühlt.“

Mit zunehmendem Kinderwunsch wird der Leidensdruck höher. Einem Kind will Jennifer Müller diesen Zustand nicht zumuten. Die Polizei ist Müller zufolge noch keine Hilfe. Es sei ja noch nichts passiert, für die Schäden am Auto könne es auch andere Erklärungen geben. Müllers ziehen Konsequenzen – und fort aus dem Ort.

Der Umzug wird generalstabsmäßig durchgezogen. Mit mehreren Fahrzeugen, mit Umwegen und Pausen. Dass ja kein Verfolger auf die Spur zur neuen Wohnung kommt. Ob das geklappt hat, weiß Jennifer Müller bis heute nicht. Den Auszug im alten Ort hat der Stalker jedenfalls gefilmt.

Und nach dem dreiwöchigen Umzugsurlaub steht der Stalker vor dem Gelände der Firma, in der Jennifer Müller arbeitet. „Da ist innerlich richtig etwas kaputt gegangen, echt etwas zerbrochen“, sagt sie. Laut Krämer macht sie alles richtig: Jennifer Müller, die ihr soziales Umfeld über die Probleme informiert hat, alarmiert einen Kollegen, geht zurück in die Firma. Damit hat sie einen Zeugen. Als der Stalker am nächsten Tag wieder bei der Arbeit auftaucht, ruft sie die Polizei.

Den Beamten gelingt es, dem Stalker eine Gefährderansprache zu verpassen. Seit dem herrscht Ruhe. Doch Jennifer Müller wähnt sich nicht in Sicherheit. „Ich trau dem Frieden nicht.“ Sie joggt immer noch nicht allein, sie lässt sich jeden Morgen zur Arbeit abholen. Nachts wird sie oft wach.

„Das macht deutlich, wie sehr sich die Lebensqualität verschlechtert“, sagt Krämer. „Man weiß nicht, wie weit diese Menschen gehen.“

Jennifer Müller ist nicht der echte Name der jungen Frau. Details zu ihrem Fall und ihren Wohnort – irgendwo im Verbreitungsgebiet von AZ, PAZ und WAZ – verschleiern wir zu ihrer Sicherheit.

Von Dirk Reitmeister