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Gifhorn Stadt Opfer bricht Schweigen: „Er wünschte mir den Tod“
Gifhorn Gifhorn Stadt Opfer bricht Schweigen: „Er wünschte mir den Tod“
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19:45 24.11.2019
Bedroht in den eigenen vier Wänden: Der internationale Tag der Gewalt gegen Frauen soll auf häusliche Gewalt aufmerksam machen. Quelle: dpa
Landkreis Gifhorn

Mehrere Gebäude im Landkreis Gifhorn werden am Montag orangefarben leuchten – als Symbol des Protestes gegen die Misshandlung von Frauen. Bei der Aktion „Orange the World/Orange the City“ werden deshalb zum Beispiel das Schloss und die Hochzeitsmühle in der Aktionsfarbe orangefarben angestrahlt. Der Anlass ist so dringend wie traurig: Alle fünf Minuten wird in Deutschland eine Frau Opfer einer Gewalttat. Eine von ihnen eine Frau, die wir in diesem Text Hannah nennen wollen. Über die körperlichen Angriffe und die Trennung von ihrem damaligen Lebensgefährten sprach die 39-Jährige mit der AZ:

Wenn Hannah den Schlüssel in ihre Wohnungstür steckte, schnürte sich ihr Herz zu. Sie traute sich kaum, die eigenen vier Wände zu betreten. Zu tief war die Angst vor dem Mann, den sie einst geliebt hatte. Und noch größer die Sorge, dass er ihr das gemeinsame Kind wegnehmen könnte. Die 39-Jährige wurde geschlagen, gestalkt und bedroht.

Opfer: „Am Anfang war ich sehr verliebt“

Vor acht Jahren lernten sich Hannah und der Nordafrikaner über ihren gemeinsamen Freundeskreis kennen. „Ich war sehr verliebt, er wurde mir vertraut. Er war wie mein bester Freund“, erinnert sich Hannah.

Zwei Jahre später wird sie ungeplant schwanger. Hannah beschließt, das Baby zu behalten. „Er empfand das Kind aber als Belastung“, berichtet sie. Am Familienleben habe er nicht teilgenommen, obwohl sie es sich wünschte. Als Hannah es einfordert, schlägt er sie zum ersten Mal.

Hannah packt die Koffer und flieht zu ihrer Mutter

Trotz des körperlichen Angriffs bleibt Hannah bei ihrem damaligen Lebensgefährten. Lange Zeit hofft die 39-Jährige, die Beziehung würde sich wandeln. Denkt, sie müsse einfach ihr Verhalten ändern, damit es besser wird. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, kommentiert Hannah rückblickend. Erst fünf Jahre später schafft sie es, sich zu trennen, auch weil der Drogenkonsum ihres Partners die Familie immer stärker belastet. Frühmorgens packt sie ihre Koffer und macht sich auf den Weg zu ihrer Mutter. Am Telefon sagt sie ihrem Partner, dass sie die Beziehung nicht fortführen möchte.

„Dann ging die Hölle los“, erzählt sie.

Der Ex-Freund steht jeden Tag vor ihrer Wohnungstür

Eskalierende Gewalt nach einer Trennung ist ein Phänomen, das Daniela Cevik, Sozialarbeiterin in der Beratungsstelle „Dialog“, durchaus kennt: „Eine Trennung ist immer ein Schlüsselmoment. Oft wird angenommen, dass Frauen nach dem Ende der Beziehung ihre Ruhe haben. Doch das stimmt nicht.“ So war es auch bei Hannah: „Er drohte mir, meine Tochter wegzunehmen“, erzählt sie.

Innerhalb eines halben Jahres bekommt sie 3000 Nachrichten von ihrem Ex-Lebensgefährten geschickt, über Whats-App, per SMS oder über Facebook. „Das waren erst Liebesbekundungen, dann Beleidigungen, und schließlich wünschte er mir den Tod“, sagt die 39-Jährige. Zudem steht der Mann jeden Tag vor ihrer Wohnungstür und lauert ihr auf: morgens bevor sie zur Arbeit fährt, und abends, wenn sie nach Hause kommt.

Als Hannah sich neu verliebt, eskaliert die Gewalt

Ein Jahr nach der Trennung eskaliert die Situation: Im Beisein der Tochter schlägt der Ex-Lebensgefährte Hannah gegen den Kopf. Kurz zuvor hatte er erfahren, dass Hannah einen neuen Freund hat. „Dann bin ich zur Polizei gegangen und habe ihn angezeigt“, sagt sie. Das Haus verlässt sie von da an nur mit Pfefferspray in der Tasche, die Angst ist ihr ständiger Begleiter. Ihr ehemaliger Partner lässt noch immer nicht locker, sucht weiter den Kontakt zu ihr: „Er zog in eine Wohnung auf der gegenüberliegenden Straßenseite“, erinnert sie sich. Sie reagiert, indem sie selbst umzieht.

Und sie sucht sich Hilfe: „Meine Tochter und ich konnten in der Beratungsstelle über unsere Gefühle sprechen. Ich wäre ohne die Beratung aus der gewalttätigen Situation wohl nicht herausgekommen“, sagt sie. Ihr Selbstbewusstsein war zu diesem Zeitpunkt auf einem Tiefpunkt. „Das erleben wir sehr oft in der Beratung. Frauen, die durchaus stark sind, werden in den Beziehungen klein gemacht“, sagt Sozialarbeiterin Cevik.

Schnelle Hilfe verhinderte weiteres Leiden

Für Hannah war hilfreich, dass sie in der Beratungsstelle schnell einen Termin bekam. Wie wichtig rasche Unterstützung ist, weiß die Sozialarbeiterin: „Wenn Betroffenen nicht schnell geholfen wird, ertragen sie erneut die Gewalt in den eigenen vier Wänden.“ Aber: Niemand werde von den Beratungsmitarbeitern gezwungen, die Beziehung zu beenden. „Ich wurde begleitet, mir wurde zugehört, und ich begann viele kleine Schritte zu gehen“, bestätigt Hannah.

Opfer: Gemeinsame Tochter ist traumatisiert

Die Zeit mit ihrem gewalttätigen Lebensgefährten hat Spuren hinterlassen – nicht nur bei ihr, sondern auch bei ihrer Tochter. „Sie ist traumatisiert, möchte ihren Vater nicht sehen“, sagt die Mutter. Das tue ihr leid, denn sie wünsche sich trotz allem, dass das Mädchen nicht ohne Vater aufwachsen müsste. „Ich habe neu angefangen“, sagt sie. Heute könne sie endlich durchatmen. Nur die Alpträume seien geblieben: „Nachts träume ich, dass er mir unser Kind wegnehmen will.“

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter

Unter häuslicher Gewalt versteht man alle Gewalttaten zwischen erwachsenen Menschen in der Familie oder in der Partnerschaft – unabhängig von einem gemeinsamen oder getrennten Wohnsitz und davon, ob es sich um eine einmalige Eskalation oder um wiederholte Gewaltanwendungen handelt.

Gewalt innerhalb einer Paarbeziehung ist die häufigste Form der häuslichen Gewalt. Die Betroffenen sind meist Frauen.

In Deutschland wird jede vierte Frau in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt. Alter, Bildung, Einkommen, Religion sind dabei völlig bedeutungslos.

Gewalt kann sich auch in Drohungen, sexuellen Handlungen, Stalking und Demütigung äußern.

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Von Nina Schacht

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