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Gifhorn Stadt So sehen junge Ausländer Deutschland
Gifhorn Gifhorn Stadt So sehen junge Ausländer Deutschland
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00:19 30.05.2019
70 Jahre Grundgesetz: Die AZ hat sich bei jungen Studenten erkundigt, die sechs Wochen im Haus Triangel verbracht haben, wie ihr Bild von Deutschland ist. Quelle: Zentralbild
Triangel

Vor 70 Jahren trat das deutsche Grundgesetz in Kraft – das Fundament des Zusammenlebens in Deutschland.

Victoria Lukianchuk aus Russland

„Mir wurde gesagt, ich soll vorsichtig sein, alle Deutschen sind Patrioten“, erzählt Victoria Lukianchuk. Denn viele Russen würden im zusammenhang mit Deutschland noch immer an den Zweiten Weltkrieg denken, vor allem die Älteren. „Aber es herrscht auch die Meinung vor, dass die Deutschen selbst unter Hitler gelitten haben.“

Ein Zeichen funktionierender Demokratie sei, dass in Deutschland „überall für alles demonstiert“ wird. „Das ist gut. Und ihr kennt eure Rechte. Auch das ist gut und wichtig. In Russland kennen wir sie oft nicht“, sagt die 23-jährige Studentin.

Beeindruckt hat die junge Moskauerin in Deutschland vieles. „Hier befolgen fast alle die Regeln, obwohl das nicht kontrolliert wird, zum Beispiel werden Tickets für die Verkehrsmittel gekauft. In Russland werden auch die Regeln befolgt, aber nur, weil es Kotrollen gibt.“

Und auch die Mülltrennung sei vorbildlich. „Das würden wir in Russland auch gerne haben. Aber wir haben keine Fabriken dafür.“

Und die Deutschen selbst? „Das sind Menschen, keine Roboter. Und Deutschland ist gar nicht so streng, wie man manchmal in Russland denkt. Und ich habe noch nie eine Stadt wie Berlin mit so einer Subkultur gesehen.“

Russland

Das größte Land der Erde – die atomare Großmacht Russland – hat 144 Millionen Einwohner. Der Präsident übt fast autokratische Macht aus, obwohl Menschenrechte und Freiheitsrechte wie Rede-, die Presse- und die Reisefreiheit laut Verfassung als höchste Werte gelten. Die Zahl der Parteien steigt seit einer Gesetzesänderung 2011 wieder an. Die Verfassung bezeichnet Russland als demokratisch föderativen Rechtsstaat mit republikanischer Regierungsform. Kritiker dagegen beanstanden, dass im „autoritären politischen System des Landes demokratische Verhältnisse lediglich vorgegaukelt“ werden. Im Demokratieindex von 2018 schaffte es Russland nur auf den 144. Platz von 167 aufgelisteten Staaten – eine Verschlechterung zu früheren Rankings. Das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine ist wegen der Anexion der Krim gespannt.

Basierend auf den Erfahrungen zweier Weltkriege und der Weimarer Republik regeln die 146 Artikel das Leben in Deutschland. Dabei legen die ersten 19 Artikel die Grund- beziehungsweise Menschenrechte fest, die mit der Unverletzlichkeit der Menschenwürde beginnen (Artikel 1).

Tamiuna Lomidze aus Georgien

Hohe Standards, fleißige Arbeiter, freundliche Menschen: Das hatte Tamiuna Lomidze aus Georgien in Deutschland erwartet. „Doch in der Realität war das alles viel höher als angenommen“, erzählt sie. Die Menschen in Georgien könnten noch einiges von den Deutschen lernen.

Auch in Sachen Demokratie. „Es gibt in Georgien auch Demonstrationen und Aktionen, aber in Deutschland wird das besser umgesetzt, die Deutschen sind viel motivierter, ihre Forderungen umzusetzen. Und sie sind selbstbewusst in dem, was sie tun“, sagt sie. Doch Georgien sei auf einem guten Weg, beispielsweise bei der Gleichberechtigung der Frauen: „Wir haben sogar eine Präsidentin.“

Froh ist die 22-jährige Studentin, Deutschland als erstes Ziel im Ausland bereist zu haben. „Mein Vater hat mir gesagt, ich solle mir für meine Reise einen sicheren Ort aussuchen. Und er war froh, als meine Wahl auf Deutschland fiel, trotz der Ausländerländerfeindlichkeit, die es hier teilweise gibt. Allerdings habe ich davon als junge Frau nichts bemerkt.“

Georgien

Georgien ist eine demokratische Republik mit starkem Präsidialsystem und zentralisierter Verwaltung. Das Land mit seinen mehr als 3,5 Millionen Einwohnern wird als ethnische Demokratie bezeichnet, da es zwar mehr als 26 Volksgruppen gibt, die Georgier aber mit 83,8 Prozent nicht nur stärkste Gruppe sind, sondern auch die Machtelite stellen.

Die Parlamentswahlen 2012 wurden in Europa als frei und demokratisch gewertet, nachdem es 2008 Boykotte aus Protest gegen angeblich gefälschte Wahlen gegeben hatte. Obwohl die UN-Konvention zur Einhaltung der Menschenrechte von Georgien unterzeichnet wurde, gibt es immer wieder Fälle von Behördenwillkür und Verstöße gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung. Im Demokratieindex 2018 belegt Georgien Platz 89 von 167 Ländern.

Artikel 20 beispielsweise besagt, dass alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Pressefreiheit- und Meinungsfreiheit, das Recht auf eine unversehrte Wohnung, das Recht der freien Berufswahl – nur einige der weiteren Themen, die im Grundgesetz behandelt werden und für die meisten Deutschen heutzutage selbstverständlich sind, vor allem für diejenigen, die mit diesen Rechten aufwuchsen. Wichtig: Nicht nur Deutsche können sich auf die Menschenrechte berufen, sondern alle Menschen, die in Deutschland leben. Grundrechte sind Rechte, die der Einzelne gegenüber dem Staat besitzt. Ewig gelten dabei Freiheit, Demokratie und Föderalismus sowie die Menschenwürde. Diese Werte unterliegen der sogenannten Ewigkeitsklausel – und sind der Idee nach nicht veränderbar.

Deutschland ist ein sicheres Land

Ihre Mutter wollte erst nicht, dass die Studentin Carentya Hernanda (18) in ein anderes Land reist. Als sie hörte, dass es nach Deutschland gehen sollte, stimmte sie aber zu. „Wegen der Sicherheit. Deutschland ist ein sicheres Land“, sagt die junge Indonesierin. Hier könne man auch abends durch eine Stadt gehen, auch als junge Frau.

Das sei in ihrem eigenen Land anders. Dort müsse man gerade als Frau aufpassen, nicht überfallen zu werden. Einer der Gründe dafür sei die Armut, die in einigen Teilen des Landes herrsche, sagt Carentya Hernanda. „Als Frau hat man ein Gefühl von unsicherheit.“

Überrascht sei sie von den Öffnungszeiten der Läden gewesen. „In Deutschland ist das alles geregelt, wie alles andere auch. Hier ist um 20 Uhr alles geschlossen, man kann nicht mehr einkaufen gehen.“ Und die Deutschen seien freundlich. „Sie grüßen immer und meinen das meist auch ernst. Das ist in Indonesien viel oberflächlicher.“

Indonesien

Indonesien besteht aus 17.508 Inseln, von denen 6044 bewohnt sind. Mit etwa 255 Millionen Einwohnern, 225 Millionen sind Muslime, ist das südostasiatische Land der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt – 9,6 Millionen Menschen leben in der Hauptstadt Jakarta. Laut Wikepedia lebt ein Viertel der Indonesier in Armut. Die ehemalige niederländische Kolonie ist eine Präsidialrepublik – der Präsident ist Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Idonesien hat ein Mehrparteiensystem mit zehn Parteien im Parlament und wird erst seit 2004 von der Welt als demokratischer Staat anerkannt. 2018 belegt der Inselstaat im Demokratieindex Platz 65 – von 167 aufgeführten Ländern.

Doch wie sehen eigentlich junge Menschen aus anderen Staaten Deutschland heute, 70 Jahre, nachdem das Grundgesetz in Kraft getreten ist? Ist das Grundgesetz im Alltag gültig, oder ist es nur ein Stück Papier mit großen Visionen? Ist die vielbeschworene Demokratie – Deutschland stand 2018 im Demokratieindex auf Platz 13 von 169 untersuchten Staaten – 74 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus stabil?

Meinungsfreiheit: „Ukraine tut nicht viel“

In der Ukraine herrscht seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 volle Meinungsfreiheit, betont Vasyl Marchuk. Aber: „Wir tun nicht genug dafür“, schiebt der 19-jährige Student gleich hinterher. Das sei in Deutschland ganz anders. „Hier gibt es Demonstrationen zu allen möglichen Themen“, sagt er.

Einen Grund für diesen Unterschied benennt der Ukrainer auch gleich selbst. „In Deutschland gibt es Demokratie und Meinungsfreiheit schon viel länger, und die Deutschen haben beides gut verstanden. In der Ukraine lernen wir erst noch, daher gehen wir noch schüchtern damit um.“

Neben der Demokratie hat ihn in Deutschland vor allem der Öffentliche Nahverkehr beeindruckt. „In der Ukraine kennt man fast nur Autos. Züge fahren dort gerade im ländlichen Bereich nur ein oder zwei Mal am Tag.“

Die Ukraine

Seit 1991 ist die Ukraine unabhängig, vorher gehörte sie zur Sowjetunion. Der Verfassung von 1996 nach ist das Land ein demokratischer, republikanisch, sozial- und rechtsstaatlich organisierter Einheitsstaat mit rund 44 Millionen Einwohnern. Polizei und Justiz gelten als korrupt. Sowohl die Vereinten Nationen wie auch Amesty International führen unter anderem Polizeigewalt sowie die Aussetzung einiger Menschenrechte im Rahmen des Konflikts mit Russland um die Halbinsel Krim als Kritikpunkte an. Offiziell herrscht Pressefreiheit, doch viele Medien befinden sich in der Hand politisch einflussreicher Personen. Auf dem Demokratieindex von 2018 landete die Ukraine auf Platz 84 von 167 Ländern. Die Ukraine orientiert sich stark am Westen, was sich unter anderem 2004 in der „orangenen Revolution“ verdeutlichte, bei der ebenso wie 2013 viele Bürger für die Demokratie auf die Straße gingen und protestierten.

Die Aller-Zeitung sprach mit sechs jungen Studentinnen und Studenten aus Russland, Georgien, der Ukraine und aus Indonesien über ihre Sicht auf Deutschland.

Ukraine kann von Deutschland lernen

 Die Ukraine ist ein demokratisches Land – kann aber noch viel in Sachen Demokratie von Deutschland lernen, findet Kateryna Kobyletska. Beispielsweise in der Politik, sagt sie. Die Bürger in der Ukraine dagegen hätten ja in den vergangenen Jahren durchaus bewiesen, dass sie bereit seien, für die Demokratie in ihrem Land auf die Straße zu gehen.

Die 19-jährige Studentin war vor vier Jahren das erste Mal in Deutschland – bei einer Gastfamilie in Thüringen –, inzwischen kommt sie auf drei Besuche. „Beim ersten Mal war ich doch etwas ängstlich. In der Ukraine ist Gastfreundschaft hoch angesiedelt, ich dachte, in Deutschland ist das nicht so. Aber das stimmt nicht, die Menschen hier sind auch sehr gastfreundlich“, freut sich Kateryna Kobyletska.

Die Ukraine

Seit 1991 ist die Ukraine unabhängig, vorher gehörte sie zur Sowjetunion. Der Verfassung von 1996 nach ist das Land ein demokratischer, republikanisch, sozial- und rechtsstaatlich organisierter Einheitsstaat mit rund 44 Millionen Einwohnern. Polizei und Justiz gelten als korrupt. Sowohl die Vereinten Nationen wie auch Amesty International führen unter anderem Polizeigewalt sowie die Aussetzung einiger Menschenrechte im Rahmen des Konflikts mit Russland um die Halbinsel Krim als Kritikpunkte an. Offiziell herrscht Pressefreiheit, doch viele Medien befinden sich in der Hand politisch einflussreicher Personen. Auf dem Demokratieindex von 2018 landete die Ukraine auf Platz 84 von 167 Ländern. Die Ukraine orientiert sich stark am Westen, was sich unter anderem 2004 in der „orangenen Revolution“ verdeutlichte, bei der ebenso wie 2013 viele Bürger für die Demokratie auf die Straße gingen und protestierten.

Die jungen Menschen haben Deutschland besucht, um innerhalb von sechs Wochen ein modernes Marketingkonzept für das Haus Triangel, in dem erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung leben, zu erstellen – unter anderem mit zwei Videos, einem Eintrag auf Instagram, Beiträgen bei Google Maps (AZ berichtete exklusiv). Zustande gekommen war die Aktion über die Organisation AIESEC für internationalen Studentenaustausch, da die Mutter einer der Studentinnen im Haus Triangel arbeitet.

Die Menschen hier sind so individuell

„Die Menschen in Deutschland sind so individuell – manchmal bis hin zu Scheuklappen“, hat Jannette Felicia aus Indonesien festgestellt. Dennoch findet die 18-Jährige, die auch Japan und Singapur schon besucht hat, viele lobende Worte für die Deutschen.

„Toll ist die Freiheit hier. Jeder kann den Job machen, den er möchte. Und die Deutschen arbeiten sehr gezielt. Ich mag das“, erzählt sie.

Auch sie hat sich mit der Sicherheit in Deutschland befasst und war überrascht von der Situation im Land. „Ich hatte vorher etwas Angst, dass die Deutschen nur Deutsche mögen“, sagt sie mit Blick auf Nachrichten zur Flüchtlingskrise, rechte Parteien und Ausländerhass in Deutschland. „Aber die meisten Menschen hier sind sehr warmherzig. Ich war erfreut zu hören, dass ich mich überall frei bewegen kann.“

Und noch etwas ist ihr aufgefallen und hat die junge Indonesierin überrascht: „Jeder kauft hier ein Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel, obwohl nicht kontrolliert wird. Das kenne ich aus Indonesien so nicht.“

Indonesien

Indonesien besteht aus 17.508 Inseln, von denen 6044 bewohnt sind. Mit etwa 255 Millionen Einwohnern, 225 Millionen sind Muslime, ist das südostasiatische Land der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt – 9,6 Millionen Menschen leben in der Hauptstadt Jakarta. Laut Wikepedia lebt ein Viertel der Indonesier in Armut. Die ehemalige niederländische Kolonie ist eine Präsidialrepublik – der Präsident ist Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Idonesien hat ein Mehrparteiensystem mit zehn Parteien im Parlament und wird erst seit 2004 von der Welt als demokratischer Staat anerkannt. 2018 belegt der Inselstaat im Demokratieindex Platz 65 – von 167 aufgeführten Ländern

Von Thorsten Behrens

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