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Gifhorn Stadt Schluss mit dem Märchen von glücklichen Prostituierten
Gifhorn Gifhorn Stadt Schluss mit dem Märchen von glücklichen Prostituierten
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14:42 12.09.2019
Das Märchen von der glücklichen Sexarbeiterin: Gisela Jaspersen (l.), hier im Gespräch mit Christine Gehrmann, räumte mit dieser Illusion gründlich auf. Quelle: Sebastian Preuß
Gifhorn

Das „Märchen von der glücklichen Sexarbeiterin“ fand spätestens am Mittwochabend im Rittersaal ein böses Ende. Gisela Jaspersen, seit 40 Jahren Psychotherapeutin in Hamburg und seit vielen Jahren als Mitglied des Vereins Sisters aktiv bei der Unterstützung von Prostituierten, die aussteigen möchten, räumte mit Mythen auf wie dem, dass die Frauen das doch alle irgendwie freiwillig machen. Sie scheute nicht vor drastischen Formulierungen zurück und benannte die Frauen eindeutig als Opfer, die Freier als Täter – ebenso wie die Politik, die nichts gegen Prostitution unternimmt.

Auch Männer dabei

Der Rittersaal war voll, Gleichstellungsbeauftragte Christine Gehrmann als Mitveranstalterin freute sich: „Damit hatten wir gar nicht gerechnet.“ Die 100 gestellten Stühle reichten nicht aus. Auch etliche Männer saßen dort, darunter Tim Borbe. „Gerade Männer müssten informiert sein und sich dem Problem stellen, denn sie sind die Hauptverantwortlichen dafür“, betonte er und erhoffte sich von dem Abend Anregungen, „was die Ausstiegsmöglichkeiten aus diesem Menschenhandel sind und was ich dafür tun kann“.

Das böse Ende eines Märchens gab es im Rittersaal zum Thema Prostitution. Ein Team von Gleichstellungsbeauftragten, Kreis-Landfrauen, Streetworker, Netzwerk gegen häusliche und sexuelle Gewalt und Präventionsstelle der Polizei hatten zur Veranstaltung mit Vortrag, Handtaschenbörse und Ausstellung eingeladen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zitierte Jaspersen zu Beginn das deutsche Grundgesetz – für Prostituierte scheine das aber nicht zu gelten. „Sehen Sie sich mal in Freier-Foren im Internet um.“ Sie zitierte mehrere Einträge, von denen „die Hure hat alle Wünsche zu befriedigen, schließlich habe ich bezahlt“ noch zu den harmlosen gehört. Die Frau als Ware.

Erschreckende Zahlen

Die Zahlen, die sie nannte, waren erschreckend: „1,2 Millionen deutsche Männer gehen täglich zu Prostituierten, der Jahresumsatz der Prostitution in Deutschland beträgt 14,5 Milliarden Euro.“ Noch erschreckender waren die Berichte von „Prostitutions-Überlebenden“, wie die Psychotherapeutin Frauen nannte, die den Absprung geschafft haben – Jaspersen zitierte Erfahrungsberichte aus ihrem Buch „Liebe Männer, wir müssen reden!“. Da schildern die Frauen bis ins letzte Detail, was Freier ihnen antun und welchen Ekel und welche Angst sie dabei ertragen. Jaspersen sprach von „sexueller Gewalt“.

Und wie reagieren die Frauen? „Mit Dissoziation – ihr Hirn friert ein, ein Trauma entwickelt sich.“ Bis dahin, dass Prostituierte, häufig als Kind schon Opfer von Gewalt, sich bewusst Gewalt aussetzen, „weil es ihnen in dem Moment ein Gefühl von Sicherheit vermittelt“. Die psychischen Folgen von Prostitution seien schwer zu therapieren, weil die Frauen ihren Körper nur noch als Werkzeug betrachten und Gefühle blockieren.

Freier als Täter

Das ist die eine Seite. Die andere Seite, die der Freier, verurteilte Jaspersen aufs Schärfste. „Freier kommen aus allen Bildungsschichten, sind oft verheiratet, manche geben monatlich vierstellige Summen für bezahlten Sex aus.“ Das habe Suchtpotenzial. „Sie können Macht und Kontrolle ausüben, bezahlter Sex ist bequem.“

Gisela Jaspersen erteilte der Politik einen klaren Handlungsauftrag: die Einführung des schwedischen Modells. „Da werden die Freier bestraft, nicht die Prostituierten.“ Wer erwischt wird, muss zahlen oder landet im Knast. „Immer mehr Länder führen eine entsprechende Gesetzgebung ein, aber in Deutschland ist die Prostitutions-Lobby zu groß und zu mächtig.“ Sie endete mit dem Appell: „Sex darf nie von Beziehung getrennt werden. Prostitution ist ein nicht mehr zeitgemäßer Ausdruck des Patriarchats.“

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