Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Gifhorn Stadt Wenn der Schmerz das Leben zur täglichen Hölle macht
Gifhorn Gifhorn Stadt Wenn der Schmerz das Leben zur täglichen Hölle macht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:03 11.12.2019
Selbsthilfegruppe gegründet: Die erkrankte Ina Mehlhase und ihr Mann Klaus-Peter Grups informieren über Fibromyalgie und helfen anderen Betroffenen. Quelle: Sebastian Preuß
Gifhorn

Das Leben so krass zu entschleunigen, könnte sich Ina Mehlhase aus Gifhorn auch bequemer vorstellen. Die Schmerz-Krankheit Fibromyalgie hätte sie dazu jedenfalls nicht gebraucht. Doch nun muss sie mit dem Leiden leben – wohl bis zu ihrem Lebensende. Tag für Tag müht sie sich mit den Einschränkungen ab, die die Krankheit ihr abverlangt. Mit ihrem Mann Klaus-Peter Grups hat sie eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen.

Von ständigen Schmerzen geplagt: Die Fibromyalgie peinigt Ina Mehlhase am ganzen Körper, vor allem aber in den Händen. Morgens ist sie so steif, dass sie eine Viertelstunde zum Aufstehen braucht. Quelle: Sebastian Preuß

Der Wecker klingelt um 6 Uhr. Erst eine Viertelstunde später steht Ina Mehlhase vor dem Bett. Auch auf dem Weg ins Bad wird sie nicht schneller. Eine Minute für zehn Schritte. Die Krankheit macht ihren Körper vor allem morgens völlig steif. „Es geht ganz langsam.“

Das ist Fibromyalgie

Fibromyalgie ist eine chronische Schmerzkrankheit, die ein Leben lang anhält, schreibt die Deutsche Fibromyalgie-Vereinigung (DFV). Erste Symptome – andauernde oder wieder kehrende Schmerzen in Muskeln und Sehnen, dazu Schlafstörungen, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme – tauchen ab dem 35. Lebensjahr auf, Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Wobei die Gifhornerin Ina Mehlhase glaubt, dass es bei Männern noch eine höhere Dunkelziffer geben dürfte.

Laut DFV konnte die Medizin noch keine konkreten Ursachen für Fibromyalgie finden. Vermutet werden genetische Veranlagung, psychosozialer Stress und seelische Traumata. Dass Fibromyalgie etwas mit Rheuma zu tun hätte, sei ein weit verbreiteter Irrtum.

„Wir haben ständig Schmerzen“, sagt Mehlhase, wie es Betroffenen – sie nennt sie „Fibros“ – ergeht. „Die können im ganzen Körper sein, aber auch variieren. Bei mir sind es oft die Hände.“

So kommt die Gifhornerin „in die Hufe“

Deshalb macht sie im Bad nicht nur die Dusche „sehr warm“, sondern sich im Waschbecken auch noch ein warmes Handbad, damit die Finger in Gang kommen. Wärme mache ihre Gelenke geschmeidig. „Damit man in die Hufe kommt.“

Sie arbeitet noch – aber nur eingeschränkt

„Meine Mutter ist 90, die ist fitter als ich“, seufzt Mehlhase. Dennoch beginnt für die 58-Jährige um 8 Uhr der Dienst in einer Arztpraxis. Eher außergewöhnlich für Fibros. Für die meisten sei ein Job nicht mehr drin. Auch sie schaffe keine 40 Stunden mehr. Ihr Schwerbehindertengrad liege bei 30 Prozent, sie arbeite 32 Stunden die Woche.

Und auch nur das, was sie noch kann. „Verbände anlegen schaffe ich nicht mehr.“ Zu feinmotorisch. Verwaltungsarbeit, Telefonate, Injektionen vorbereiten: Das alles läuft bei Ina Mehlhase. „Blut abnehmen geht auch – wie lange noch, weiß ich nicht.“

Diagnose kam erst nach Jahren

Diese Schmerzen hat die Gifhornerin seit vielen Jahren. Erst tat sie die Beschwerden als Muskelkater, Verspannungen oder „den Fuß vertreten“ ab. Dann rannte sie zwei, drei Jahre ratlos von einem Arzt zu anderen, bis 2016 endlich ein Orthopäde und Rheumatologe die Diagnose Fibromyalgie stellte. Symptome wie bei Rheuma, gepaart mit Reizmagen, Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Tunnelblick bei der Arbeit: So beschreibt Mehlhase die Krankheit.

Um 16.30 Uhr zum Feierabend ist sie platt. „Wenn ich nach Hause komme, lege ich mich erst einmal hin. Es ist blöd, weil man da Zeit verliert. Aber ich kriege einfach nichts mehr gebacken.“

So leiden Angehörige

Für ihren Mann ist das nicht immer leicht. „Mal geht es ihr gut, dann kann man was unternehmen“ – wenn nicht dann doch noch wieder der Schmerz dazwischenfährt. „Dann muss man Pläne wieder über den Haufen werfen“, sagt der 66-Jährige, der sie trotzdem vor knapp zwei Jahren geheiratet hat. Beim Haushalt ordentlich anpacken ist für ihn keine Frage.

Sport ist ganz wichtig für Betroffene

Freitags arbeitet Ina Mehlhase nicht. Da trifft sie sich mit einer Freundin. „Das ist unser Sporttag morgens. Sport ist für uns Fibros ganz wichtig.“ Mehlhase geht ins Fitnessstudio. Muskeltraining am Gerät und Ausdauertraining am Ergometer und Laufband gehören zu ihrem Programm. „Das schönste ist Funktionstraining im Wasser.“ Im Sommer macht sie Radtouren mit ihrem Mann.

Das bietet die neue Selbsthilfegruppe

Gegenseitig Erfahrungen austauschen, Tipps rund um die Bürokratie geben und sich mit Verständnis wieder aufbauen: Am 16. Oktober ist die Fibromyalgie-Selbsthilfegruppe Gifhorn an den Start gegangen. Gruppensprecherin ist Ina Mehlhase als Betroffene, Vize ist ihr Gatte Klaus-Peter Grups.

Die Gruppe trifft sich jeden dritten Dienstag im Monat von 17 bis 19 Uhr, bislang im Georgshof, ab Januar im Helios-Klinikum. Sie hat vier Mitglieder. „Wir brauchen sechs, um gefördert zu werden“, sagt Grups. Grundsätzlich sei das Interesse bereits sehr groß. Die Gründungsversammlung hatte elf Teilnehmer, die zweite Sitzung 14.

Grups ist bislang der einzige Angehörige in der Runde. Er wünscht sich mehr. „Ich möchte gern einen Angehörigen-Stammtisch machen.“ Denn die seien auch betroffen und im Alltag eingeschränkt von der Krankheit. Diese wirke sich auch auf Freundschaften aus: Wenn Erkrankte immer wieder wegen Schmerzschüben Verabredungen absagen müssten, seien sie bald nicht mehr gefragt. Es drohe soziale Isolation.

„Man erfährt sehr viel in der Gruppe“, sagt Grups. „Man merkt doch, dass die Krankheit sehr unterschiedlich verläuft. Dem einen helfen Medikamente, die bei dem anderen gar nicht anschlagen.“ Entweder lindere Wärme oder Kälte.

Grups und Mehlhase wollen auch Spenden sammeln, um Betroffenen mit schmalem Geldbeutel Zusatzangebote wie zum Beispiel Wassergymnastik zu ermöglichen.

Kontakt ist per E-Mail gifhorn@fms-selbsthilfe.de möglich, die Internetseite www.gifhorn.fms-selbsthilfe.de ist im Aufbau.

Bettruhe ist für die 58-Jährige ab 21, spätestens 22 Uhr. Dann hat sie eine Tagesration an acht Medikamenten hinter sich und braucht Ruhe. Das Schlafbedürfnis ist groß. Und am nächsten Morgen braucht sie wieder viel Zeit zum Aufstehen.

Von Dirk Reitmeister

Das hatte Aufreger-Potenzial: Die AfD-Fraktion beantragte zum Rat der Stadt Gifhorn eine Resolution gegen politisch motivierte Gewalt, Hass und Bedrohung – und löste einen Sturm der Empörung aus.

10.12.2019

Sich vom Bürgermeister oder Firmenchef das Mittagessen servieren lassen: In diesen Genuss kommen nur Menschen in Gifhorn, die sonst nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

10.12.2019

Hat er einfach nur die Blase geleert oder war ein 47-jähriger Gifhorner als Exhibitionist auf dem Parkplatz am Mühlenmuseum aktiv? Auf die Frage hatte das Amtsgericht Gifhorn eine sehr eindeutige Antwort.

10.12.2019