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Gifhorn Stadt Wie ein Gifhorner Ehepaar die Grenze schon vor der Wende überwunden hat
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18:16 05.11.2019
Per Ausreise in den Westen: Die DDR hat Katrin und Jörg Feder kurz vor der Wende ziehen lassen. Quelle: Sebastian Preuß
Gifhorn

Für Katrin und Jörg Feder aus Gifhorn hat die von Günter Schabowskis Antwort „meines Wissens sofort, unverzüglich“ losgetretene Lawine am 9. November nur noch die Wahl zwischen Zug und Auto erleichtert. Dass die junge Familie aus Weimar in den Westen ausreisen würde, war längst beantragt und zwei Tage vor dem denkwürdigen 9. November 1989 sogar staatlich abgesegnet.

Für Feders war 1989 ein Jahr der Um- und Aufbrüche. Im Februar war die Trauung, im März kam die Tochter auf die Welt. Und mit ihr bei Jörg Feder relativ spontan der Entschluss, ausreisen zu wollen. Dabei war der gebürtige Weimarer nicht von vorneherein unzufrieden, seine Frau, in Hanum zwischen Brome und Wittingen aufgewachsen, auch nicht. „Uns ging es nicht schlecht, wir hatten eine schöne Kindheit“, erinnert sie sich an das freie Spielen auf der kaum befahrenen Dorfstraße.

Darum wuchs die Unzufriedenheit

Doch spätestens mit dem eigenen Kind kam auch die Unzufriedenheit an der Mangelwirtschaft im real existierenden Sozialismus. „Wir sind für Fruchtsaft nach Berlin gefahren.“ Viele Freunde hätten da längst rüber gemacht. „Da hat man sich schon seine Gedanken gemacht“, sagt Katrin Feder.

Sorgen um Zukunft nach der Ausreise

Im frühen Sommer 1989 beantragten Feders die Ausreise. Gegenwind gab es von beiden Arbeitgebern – seiner kommunalen Wohnungsbaugesellschaft und ihrer Staatsbank – und von seinen Schwiegereltern. Die sorgten sich, ihre Enkelin nie aufwachsen zu sehen. Auch für Katrin Feder war die Entscheidung nicht einfach. „Ich habe nicht gewusst, ob ich meine Eltern je wieder sehe.“

Laut Stasi-Akten „völlig unauffällig“

Die Genehmigung zur Ausreise kam im frühen Herbst 1989. Viele Jahre später werden Feders in ihren Stasi-Unterlagen lesen, „völlig unauffällig“ gewesen zu sein. Zwei Tage vor dem Mauerfall erledigte Jörg Feder noch letzte Behördengänge. „Wir hatten schon alles verkauft“ – von der Waschmaschine bis zum Auto. Auch Schabowskis Satz holte diese Familie nicht mehr zurück. Am 11. November machte sie sich mit dem zurück gekauften Auto auf den Weg, denn der Zug war dank der Grenzöffnung nicht mehr die alleinige Ausreisemöglichkeit.

So kamen Feders nach Gifhorn

Mit nichts außer einem Kleinwagen voll Hab und Gut kam die junge Familie in Alsfeld an, wo eine Bundeswehrkaserne Aufnahmelager war. „Da war ein Aushang von Arbeitgebern, die Jobs anboten.“ So kamen Feders ins Rhein-Main-Gebiet: in Mainz wohnen, in Wiesbaden arbeiten. Das stellte sich als zu teuer heraus. Feder fand in Gamsen eine Anstellung bei einem Installateur. Nur für ein halbes Jahr wohnten sie 1990 wieder in der DDR – bei ihren Eltern in Hanum. Für Feders blieb es dabei: Sie wollten im Westen ihr Leben weiter aufbauen und nicht wieder zurück.

In der DDR drohte Arbeitslosigkeit

2000 hat sich Feder nach seiner Meisterprüfung zusammen mit einem Wilscher in Wilsche selbstständig gemacht, auch seine Frau ist längst wieder berufstätig. Jörg Feder ist überzeugt: Wäre er in Weimar geblieben, wäre er „unter die Entlassungswelle gefallen“. Sein damaliger Betrieb hatte sich von allen Handwerkern getrennt. Beide haben den endgültigen Schritt in den Westen nicht bereut. Nach der Wende wieder zurück in die DDR beziehungsweise die neuen Bundesländer? „Diese Frage hat sich nicht gestellt.“ Dazu hatten sie zuvor schon zu häufig bei Null angefangen.

Katrin und Jörg Feder wollen nicht ausschließen, irgendwann doch mal nach Weimar zu ziehen. „Das ist eine wunderschöne Stadt.“ Aber dann als Rentner. „Nicht mehr zum Arbeiten.“

So erlebten DDR-Bürger den Westen

Ossi-Wessi-Denken ist die Sache von Katrin und Jörg Feder aus Gifhorn nicht. Als sie 1989 in der Wendezeit aus Weimar übersiedelten, haben sie mit dem Westen beste Erfahrungen gemacht. Voreingenommenheit sei nie ein Thema gewesen. Allerdings erlebten sie durchaus einen Kulturschock, wie sie heute sagen.

Eine ungewöhnliche Frage

In der DDR war es üblich, dass Eltern den Kinderwagen draußen vor dem Konsum abstellten und dann in Ruhe den Einkauf erledigten. Doch läuft das so auch im Westen, fragten sie sich, als sie im November 1989 im hessischen Alsfeld vor einem Drogeriemarkt standen mit der Tochter im Kinderwagen. Darf dieser mit in den Laden? „Die Verkäuferin hat mich ganz groß angeguckt, die wusste gar nicht, was ich von ihr wollte“, schmunzelt Jörg Feder.

Die große Reizüberflutung

„Einkaufen war nicht ganz einfach“, sagt Katrin Feder. 20 verschiedene Sorten Hundefutter: „Man war ganz reizüberflutet.“ Ihr Mann hat schnell gelernt, dass man auch an der Außenwand eines Hauses Farbe anbringen kann. Selbst in der zur Notunterkunft umfunktionierten Bundeswehrkaserne fühlten sich Feders gut versorgt. „Da gab es fürs Kind alles – angefangen bei Windeln, die ich vorher noch nie gesehen habe“, berichtet Katrin Feder.

Bei all diesem Konsumluxus fehlte allerdings das aus der DDR vertraute All-inclusive-Paket bei der Bürokratie. „Wir mussten alles selbst beantragen – das kannten wir vom Osten nicht“, sagt Katrin Feder. Ihr Mann ergänzt: „Wir haben uns Schritt für Schritt rein gefunden in das neue System.“

Ein Teddybär als Gruß

Bei allen Startschwierigkeiten und Umstellungen hätten sie nie das Gefühl gehabt, schäl als „Ossis“ angeschaut worden zu sein. Im Gegenteil. Nach dem stundenlangen Staustehen auf der A 4 bei Eisenach vor der Grenze – „Die Fahrt nach Alsfeld hat ewig gedauert“ – gab es ein besonderes Willkommen auf der hessischen Seite. „Das erste, was durchs Autofenster kam, war ein Teddybär.“

So weit ist die Wiedervereinigung aus ihrer Sicht

Wie weit ist aus Sicht Feders nach 30 Jahren die Wiedervereinigung voran geschritten? Während das Ossi-Wessi-Denken aus ihrer Sicht vor allem von den Ossis ausgeht, sehen sie in der Tat den Osten immer noch im Nachteil. Etwa bei den Löhnen, sagt Jörg Feder, selbst Unternehmer mit einem Installateurbetrieb in Wilsche. „Wer die gleiche Arbeit macht, sollte auch das gleiche Geld verdienen.“ Das sei noch nicht umgesetzt. Auf der anderen Seite sieht er nicht nur im Osten abgehängte Regionen. „Im Ruhrgebiet gibt es viele Städte, die heruntergewirtschaftet sind.“

30 Jahre Mauerfall

Seit 30 Jahren sind Ost und West nicht mehr durch die unmenschliche Grenze getrennt. Ein Teil dieser Geschichte hat sich im Landkreis Gifhorn ereignet. Die AZ stellt einige Aspekte dieser Geschichte vor:

* 4. November 2019: Das längste Gespräch der Geschichte: Ein Live-Stream auch aus Böckwitz

* 4. November 2019: „Aufregendste Zeit“ – Bromes Ex-Bürgermeister Bannier erinnert sich an den Mauerfall

* 4. November 2019: Ein Zeitzeuge erzählt von den letzten Tagen vor der Grenzöffnung

* 4. November 2019: Zicherie-Böckwitz: Großes Fest im ehemals geteilten Doppeldorf

* 16. Oktober 2019: Jeder darf mitmachen beim längsten Gespräch Deutschlands

* 15. Oktober 2019: 30 Jahre Mauerfall: Wie die Wende eine Familie wieder vereinte

Von Dirk Reitmeister

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