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Brome Grenzöffnung: Gänsehaut-Erinnerungen an „bewegte und bewegende Tage“
Gifhorn Brome Grenzöffnung: Gänsehaut-Erinnerungen an „bewegte und bewegende Tage“
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16:55 15.11.2019
Erinnerungen mit Gänsehautfeeling: Joachim Dürheide mit Visum und D-Mark. Quelle: Jörg Rohlfs
Zicherie

„Es ging mir nahe“, sagt Joachim Dürheide aus Barwedel über die Grenzöffnung vor 30 Jahren, die er hautnah miterlebte. Noch heute bekomme er Gänsehaut, wenn er an diese „bewegten und bewegenden Tage“ zurückdenke.

Aktivitäten an der Grenze

In der Woche vor dem 18. November 1989 stand er immer um vier Uhr morgens auf, um noch vor Arbeitsantritt die Aktivitäten an den Grenzanlagen in Zicherie zu beobachten. „Mir war vorher schon klar, dass ich die Wiedervereinigung noch erlebe“, sagt Dürheide, der fünf Jahre alt war als sein Vater nach dem Tod der Mutter ein zweites Mal heiratete. Eine Frau aus der Nähe von Salzwedel in Sachsen-Anhalt.

„Waren oft drüben“

Deswegen „waren wir auch oft drüben“, berichtet der heute 71-Jährige, der sich mit dem Thema der deutschen Teilung „immer beschäftigt hat“ – und sei es noch als Jugendlicher mit dem Mofa an der Grenze entlang fahrend. Und dann war es endlich so weit, als Günter Schabowski mit der legendären Pressekonferenz vom 9. November zur DDR-Reiseregelung die Tore öffnete.

Am 18. November 1989 wurde die Grenze in Zicherie durchlässig – der Barwedeler Joachim Dürheide war dabei.

Für Dürheide war’s zunächst ein trauriger Tag, er nahm im Wendland am Begräbnis eines Arbeitskollegen teil. „Auf der Rückfahrt habe ich in Lauenburg dann die Trabbi-Karawane über die Brücke kommen sehen und wusste: Jetzt gerät was in Bewegung!“ Und am Samstag, 18. November, startete gegen 6 Uhr morgens auch in Zicherie die Trabbi-Karawane in Richtung Westen – unter den Klängen der Feuerwehrkapelle Parsau.

Euphorie, Freude und Ärger

„Dann setzte ein unglaubliches Hupkonzert ein. Wildfremde Menschen, die sich vorher noch nie gesehen hatten, lagen sich in den Armen. Auch mir erging es nicht anders“, heißt es in einem Beitrag von Dürheide in einer Ausgabe der Bromer Museumsschriften zur Grenzöffnung von 1995. Neben Euphorie und Freude empfand der ehemalige Kommunalpolitiker auch Ärger: „Von Westen durfte kein Normalsterblicher rüber, weil sich für 14 Uhr der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht angekündigt hatte“.

Gültiges Tagesvisum

Vor der Teilnahme des damaligen VW-Chefs Dr. Carl Hahn am Grenzöffnungstrubel indes zieht Dürheide den Hut: „Der hatte das von seiner Funktion her bestimmt nicht nötig.“ Aber zurück zum Ärger, der schnell verflog, als Joachim Dürheide in den Taschen seines Bundeswehr-Parkas – wegen besagter häufiger Besuche – ein noch gültiges Tages-Visum für die Einreise in die DDR fand. Und deshalb begab es sich, dass er noch vor Albrecht die Grenze passieren durfte.

„Die hatten ja nichts anderes“

Natürlich erst nach erfolgtem Zwangsumtausch in Höhe von 20 Mark – und einen 20-Mark-Schein verwahrt Dürheide noch immer zusammen mit dem Visum, auf dem der Einreisestempel „Marienborn“ gedrückt wurde: „Die hatten damals ja nichts anderes.“ Auf dem kurzen Weg nach Böckwitz erkannte er einen Fußgänger wieder, der die Tage zuvor als Baggerfahrer auf der Ostseite tätig war – und ihn jetzt in die Gaststätte mitnahm, in der die Passstelle für DDR-Bürger eingerichtet worden war.

Im Innersten der Seele gleich

Und so kam es, dass der Mann im Bundeswehr-Parka mit DDR-Grenzern, Zollbeamten, NVA-Soldaten und VoPos an einem Tisch saß, ins Gespräch kam, Kaffee bekam und Bockwurst. Und ein NVA-Offizier machte mit der Kamera, die Dürheide dabei hatte, ein Erinnerungsfoto. „Die für mich interessanteste Erfahrung allerdings war die Feststellung, dass Menschen, egal welches politische System sie beherrscht, doch im Innersten ihrer Seele eher gleich in ihrem Wesen sind“, heißt es in der Museumsschrift.

Lesen Sie mehr zum Thema Grenzöffnung

In lockerer Reihe erinnert die Aller-Zeitung an die Tage der Grenzöffnung vor 30 Jahren und daran, was damals im Landkreis Gifhorn passiert ist:

15. November 2019: Rühen: Ex-Zöllner Günther Jess erinnert sich an seinen Dienst in der Grenzkontrollstelle am Kanal

15. November 2019: So unschön konnten Reisen in die DDR vorher sein

14. November 2019: So haben Schüler aus Gifhorn und Wesendorf den Mauerfall in Berlin erlebt

11. November 2019: So feiern Zicherie und Böckwitz den Mauerfall

9. November 2019: Marienborn: So erlebte der Journalist Jürgen Gückel den Mauerfall

7. November 2019: So erlebte Gifhorn den 9. November 1989

5. November 2019: Das geteilte Dorf: Kann Zicherie-Böckwitz wieder zusammenwachsen?

4. November 2019: Bromes Ex-Bürgermeister Adolf Bannier erinnert sich an den Mauerfall: „Das war die aufregendste Zeit“

1. November 2019: Erzählender Zeitzeuge: Der Landwirt Ulrich Lange aus Zicherie hat die Grenzöffnung vor 30 Jahren hautnah miterlebt

1. November 2019: Großes Fest im ehemals geteilten Doppeldorf Zicherie Böckwitz

15. Oktober 2019: Wie die Wende eine Familie wieder vereinte

Von Jörg Rohlfs

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