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Brome Das geteilte Dorf: Kann Zicherie-Böckwitz wieder zusammenwachsen?
Gifhorn Brome Das geteilte Dorf: Kann Zicherie-Böckwitz wieder zusammenwachsen?
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13:00 06.11.2019
Die ehemalige Grenzanlage steht am Grenzlehrpfad des Museums Böckwitz. Während des DDR-Regimes zerschnitt eine Mauer eine Dorfgemeinschaft. 30 Jahre danach stellt sich die Frage: Können die Grenzen im Kopf überwunden werden? Quelle: dpa
Zicherie

Andreas Peckmann steht an dem Punkt, an dem bis vor 30 Jahren eine Mauer sein Dorf geteilt hat: „Da drüben lagen früher die Minen, da hat man es hier schon öfter knallen gehört.“ Dunkle Wolken hängen an diesem Abend am Himmel, hin und wieder fahren Autos vorbei, fast alle sind unterwegs in Richtung Osten. „Feierabendverkehr“, sagt Peckmann. In Zicherie-Böckwitz herrscht heute wieder freie Fahrt - zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Das war lange Zeit anders. Bis 1989 verlief mitten durch das Dorf eine unüberwindbare Grenze. Zicherie gehörte zur BRD, Böckwitz zur DDR. Dazwischen lagen eine Mauer, ein Kfz-Sperrgraben und zeitweise eben auch Minen. Vor der Teilung, erzählt Peckmann, gingen hier die Kinder in eine gemeinsame Schule, die beiden Ortsteile waren eigentlich längst zusammengewachsen: Ein Gasthaus verband die Zicherier und die Böckwitzer nicht nur kulturell, sondern schloss auch die Lücke zwischen den beiden Dörfern. Heute liegt hier eine Wiese und grenzt die beiden Ortsteile - Zicherie im Landkreises Gifhorn in Niedersachsen, Böckwitz im Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt - klar voneinander ab.

Zusammenwachsen? „Man lebt halt sein Leben“

Aber sind sich die Menschen im Dorf wieder nahe gekommen? Peckmann ist der Vorsitzende des Schützenvereins Zicherie-Böckwitz. Ein Verein, der während der Teilung den Doppelnamen behalten hat und in den nach der Wende sofort wieder rund 25 Böckwitzer eingetreten sind, könnte ein verbindendes Element sein. Aber so einfach macht es sich Peckmann nicht. „Viele sind weggezogen oder gestorben“, erzählt er: „Wenn man ehrlich ist, sind heute nur noch eine Handvoll Böckwitzer bei uns im Verein.“

Zwischen den beiden Orten verlief die Mauer. Auch heute noch kann man den ehemaligen Verlauf erahnen. Quelle: dpa

Einer von Ihnen ist Udo Gädicke. Dem 60-Jährigen gehört die Wiese, die heute die beiden Orte trennt, sein Hof lag direkt an der Grenzmauer. Ob der Schützenverein die Menschen wieder zusammenbringt? Gädicke winkt ab: „Was sollen wir denn immer zusammenwachsen? Man lebt halt sein Leben“, meint er. Peckmann fügt hinzu, heute gebe es eben keine gemeinsamen Bezugspunkte mehr. Die beiden Schützen sehen die Gegenwart ihres Dorfes 30 Jahre nach der Wende eher pragmatisch. Sie haben Zicherie-Böckwitz aber auch nicht vor der DDR erlebt.

Da war die Freude groß: Am 18. November 1989 in Zicherie: Bürger aus dem niedersächsischen Zicherie begrüßen Trabis aus Böckwitz/DDR. Quelle: dpa

In Böckwitz steht eine alte Frau vor ihrem Haus und weint. Vor der Teilung sei sie mit den Kindern aus Zicherie in die Schule gegangen, man habe sich oft besucht. Dann kam die Grenze und plötzlich wohnte sie im Sperrgebiet. „Das wurde immer schlimmer. Wir waren irgendwann wie eingesperrt“, erzählt sie, während ihr eine Träne übers Gesicht rollt. Mit den Leuten aus Zicherie habe sie heute nichts mehr zu tun.

Gerade bei den Älteren gibt es oft noch eine Teilung im Kopf

„Wir haben 40 Jahre gebraucht, um uns auseinanderzuleben, wir brauchen mindestens 50 bis 60 Jahre, um wieder zusammenzukommen“, meint der 80-jährige Willi Schütte. Seine Familie sei 1953 aus Böckwitz in den Westen gezogen, nachdem die Mutter einige Monate im Zuchthaus saß: „Die hat Flüchtlingen Kartoffeln geschenkt und wurde wegen Diebstahl am Volkseigentum eingesperrt.“ In Böckwitz hätten aber auch einige Leute Vorteile vom DDR-Regime gehabt. Heute spreche er zwar wieder mit ihnen, viele seien aber noch immer verschlossen: „Als ob sie Angst hätten, dass ihre Vergangenheit aufgedeckt wird.“

Die Frage, ob ein ehemals geteiltes Dorf wieder zusammenwachsen kann, ist in Zicherie-Böckwitz eine Frage der Perspektive. Einige wollen die Vergangenheit aufarbeiten, andere suchen die Normalität in der Gegenwart. Und wieder andere blicken in die Zukunft. „Für die Kids ist das alles hier kein Thema mehr“, sagt Ralf Düring, während er auf seinem Dachboden in alten Kisten kramt. Der 57-Jährige ist erst 1997 nach Böckwitz gezogen und war während seines Wehrdienstes in der DDR an der Grenze stationiert. Heute trainiert er Jugendliche in Leichtathletik und ist nach eigenen Angaben in vielen Schulen im ehemaligen Grenzgebiet unterwegs. „Die Grenzen im Kopf sind überwunden“, meint er.

Ralf Düring kramt auf seinem Dachboden in einem Karton mit alten Medaillen. 1990 war er DDR-Meister über die 100 Meter bei den Para-Leichtathletik-Meisterschaften. Quelle: dpa

Nach einiger Zeit hat Düring gefunden, was er sucht: Einen Karton mit alten Medaillen. Ihn hochzuheben fällt ihm schwer, seit einem Arbeitsunfall 1986 hängt der rechte Arm in der Trainingsjacke schlaff herunter. 1990 war er DDR-Meister über 100 Meter bei den Para-Leichtathletik-Meisterschaften, an internationalen Wettkämpfen konnte er erst nach der Wende teilnehmen: „Früher haben sie da im Para-Bereich nur die Blinden hin gelassen. Die konnten ja daheim nicht erzählen, wie es drüben war“, erzählt er lachend.

Immerhin einmal im Jahr kommen alle zusammen

Als nach 1989 zwei Länder wieder zusammenwachsen sollten, hat das zu Euphorie, aber auch zu Enttäuschungen und Rückschlägen geführt. Und Zicherie-Böckwitz unterscheidet sich hier nicht vom Rest der Republik. Düring konnte zu internationalen Wettkämpfen und sein Arbeitsunfall wurde in der BRD anerkannt. Willi Schütte bekam den Hof seiner Eltern zurück. Udo Gädicke musste seine Wiese an der Grenze zurückkaufen, nachdem während der Teilung ein Beobachtungsturm darauf stand, und ärgert sich bis heute darüber. Und viele Menschen aus Böckwitz arbeiten jetzt im nahen Westen und fahren abends zurück.

11.10.2019, Sachsen-Anhalt, Böckwitz: Udo Gädicke aus Böckwitz (rechts) und Andreas Peckmann aus Zicherie aus dem Schützenverein Zicherie-Böckwitz stehen an einer DDR-Grenzsäule. Zwar treten immer mehr Mitglieder aus dem Schützenverein aus, aber einmal im Jahr, beim großen Dorf-Schützenfest, kommen trotzdem alle zusammen. Quelle: dpa

Die Minen im Dorf sind verschwunden, die Teilung ist für viele aber noch nicht überwunden. Der Schützenverein von Andreas Peckmann erzählt nicht die Erfolgsgeschichte eines zusammengewachsenen Dorfes, sondern verliert immer mehr Mitglieder. Einmal im Jahr aber knallt es immer noch in Zicherie-Böckwitz: Dann ist Schützenfest. Und bei dem - da sind sich alle Beteiligten einig - kommt dann wirklich das ganze Dorf zusammen.

Von RND/dpa

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