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Interview mit Christian Träsch

„Sicher war nicht alles schlecht“

Er ist der VfL-Kapitän, doch Christian Träsch hat ein schweres erstes Jahr beim Wolfsburger Fußball-Bundesligisten hinter sich. Im vergangenen Sommer war er für rund 9 Millionen Euro vom VfB Stuttgart gekommen. Trainer-Manager Felix Magath machte ihn gleich zum Kapitän. Doch der Nationalspieler hatte Probleme, musste sich Pfiffe von den eigenen Fans gefallen lassen und verlor seinen Stammplatz. Am vergangenen Montag gab‘s den nächsten Nackenschlag: Bundestrainer Jogi Löw nimmt Träsch, der zuletzt bei der Nationalmannschaft immer dabei gewesen war, nicht mit zur EM in Polen und der Ukraine. Im großen WAZ-Interview mit den Sportredakteuren Engelbert Hensel und Robert Schreier blickt der 24-Jährige auf die Saison zurück, spricht über sein EM-Aus und redet über seine eigene Situation.

WAZ: Herr Träsch, es gibt Fußballer, denen das Talent in die Wiege gelegt wird, und es gibt andere Fußballer, die sich alles sehr hart erarbeiten müssen. Waren Sie immer einer der Talentiertesten in Ihren Jugend-Mannschaften oder waren Sie eher ein Kämpfer-Typ?
Träsch: Das beste Talent war ich sicher nicht. Aber ein bisschen talentiert muss man schon sein, sonst geht‘s ja nicht. Aber sicher, es gab damals Spieler, bei denen man gesagt hat: Die werden auf jeden Fall Profi und schaffen es in die Bundesliga. Viele haben es nicht geschafft. Ich dagegen habe es geschafft, weil ich eher ein Kämpfertyp bin.

WAZ: Wie sehr hat Ihnen das in Ihrer ersten Saison beim VfL geholfen?
Träsch: Das war ja nicht nur in dieser Saison so, dass ich kämpfen musste, sondern auch schon bei meinem Ex-Verein Stuttgart war der Konkurrenzkampf groß. Ich habe als Jugendlicher gekämpft – und ich habe auch in dieser Saison gekämpft.

WAZ: Gekämpft haben Sie auch um Ihren Platz in der Nationalelf: Passte diese Nicht-Nominierung für die EM nach diesem Jahr hier ein bisschen ins Bild?
Träsch: Natürlich wäre ich gern dabei gewesen. Wer will das nicht? Auf der anderen Seite kann ich jetzt die Saison ausklingen lassen, in Urlaub gehen und abschalten. Ich denke, es ist gut, den Körper mal herunterzufahren, ihm Erholung zu gönnen, um dann wieder gestärkt angreifen zu können. Wir werden in den USA Urlaub machen, ich schaue mir da die NBA-Finals an. Zudem werde ich ein bisschen Tennis spielen, das Meer genießen und einfach mal nichts machen.

WAZ: Vor zwei Jahren galten Sie als sicherer WM-Fahrer, doch dann machte kurz zuvor eine Verletzung diesen Traum zunichte.
Träsch: 2010 war nochmal ein Stück härter, da wäre ich sicher dabei gewesen in Südafrika, aber zwei Tage vorher habe ich mich dann verletzt.  

WAZ: Es gab hier Pfiffe von den eigenen Fans gegen Sie, es gab viel Kritik – waren Sie nicht mal müde, weil Sie sich immer wieder aufs Neue beweisen mussten?
Träsch: Pfiffe, Kritik – das gehört alles zum Geschäft dazu. Das ist doch der Reiz des Geschäfts. Es wäre doch langweilig, wenn jemand kommen würde und hier einfach so spielen dürfte.

WAZ: War das Ihr schwerstes Profijahr?
Träsch: Ich hatte es mir anders vorgestellt, weil ich auch andere Erwartungen an mich selbst hatte. Ich habe nicht das auf den Platz gebracht, was ich kann. Aber ich habe trotzdem nie aufgegeben, habe immer wieder gekämpft, um an meine Leistung heranzukommen. Doch meistens hat es nicht gereicht. Oft war es so, dass der entscheidende Pass nicht angekommen ist, es waren Kleinigkeiten, die sich summiert haben, dann schaut man halt blöd aus. Aber alles war sicherlich nicht schlecht. So ein Jahr gibt es halt mal. Aber ich muss auch sagen, dass ich ein schönes erstes Jahr hier hatte.

WAZ: Was war denn schön?
Träsch: Meine Frau und ich fühlen uns hier sehr wohl, wir haben hier nette Freunde gefunden. Da muss man ein bisschen unterscheiden. Sportlich habe ich ganz klar mehr von mir erwartet, aber das kommt wieder.

WAZ: Wenn Sie sagen, dass man zwischen dem Sportlichen und Privaten unterscheiden muss – war der negative Höhepunkt der Abend, als plötzlich Leute vor Ihrer Haustür aufgetaucht sind, die da nicht hingehören?
Träsch: Es war mit Sicherheit kein schöner Moment, ich hatte noch nie zuvor so etwas miterleben müssen. Aber danach haben wir uns mit verschiedenen Fangruppen getroffen und darüber gesprochen. Es waren keine richtigen Fans, die bei uns vor der Tür standen, sondern wohl irgendwelche Jugendliche, die wohl etwas getrunken hatten und sich dann gesagt haben: Bei dem schauen wir jetzt mal vorbei. Natürlich macht man sich da ein, zwei Tage noch einen Kopf, aber dann war das Thema für mich gegessen.

WAZ: Wie haben Sie versucht, diesen sportlichen Negativtrend aufzuhalten?
Träsch: Indem man im Training wieder die einfachen Sachen übt, indem man auch mit erfahrenen Spielern wie Hasan Salihamidzic spricht.

WAZ: Was hat Brazzo Ihnen denn gesagt?
Träsch: Er hat mir Mut zugesprochen, er weiß, was ich kann. Und ich weiß, was ich kann.

WAZ: Wie hat sich Felix Magath in dieser Phase verhalten? Wie ist er mit Ihnen umgegangen?
Träsch: Ich habe viel mit ihm gesprochen, er war immer für mich da. Er hat mir Tipps gegeben, was ich anders machen muss. Er hat mir einfach gezeigt, dass er weiß, was ich kann und dass ich auch wieder zu meiner Stärke zurückfinden werde.

WAZ: Haben Sie sich irgendwann gefragt, ob der Wechsel von Stuttgart nach Wolfsburg richtig war?
Träsch: Nein, weil es die beste Entscheidung war, die meine Frau und ich da getroffen haben. Weil wir hierhergekommen sind mit der Perspektive, nicht in einem Jahr nach oben zu kommen, sondern langfristig gesehen wird der VfL ein Verein sein, der oben mitspielen wird. Und ich möchte auf diesem Weg ein Teil der Mannschaft sein.

WAZ: Auch in diesem Jahr hieß das Ziel internationales Geschäft – warum hat es für den VfL nicht gereicht?
Träsch: Das Stuttgart-Spiel war ein Spiegelbild unserer Saison. Hier und da fehlte die letzte Konsequenz. Immer wenn wir die Möglichkeit hatten, nah an die Europapokal-Plätze zu kommen, gab‘s bei uns Aussetzer. Vor der englischen Woche etwa waren wir dabei, dann verlieren wir mit Dortmund, Hannover und Augsburg drei Spiele in Folge.

WAZ: Aber hat nur die letzte Konsequenz gefehlt? Dem VfL wurde auch nachgesagt, dass er lange keine Einheit auf dem Platz hatte.
Träsch: Natürlich braucht man ein bisschen Zeit, damit man sich bei so vielen neuen Spielern findet. Aber wir hatten genug Zeit, um einschätzen zu können, wie der andere tickt. Ich glaube schon, dass wir zum Schluss ein sehr gutes Team geworden sind. Wir verstehen uns gut, haben zusammen etwas unternommen. Das hat uns zusammengeschweißt. Natürlich gab‘s in der Hinrunde Spiele wie in Dortmund oder Freiburg. Wir sind die Dinge damals nicht richtig angegangen, weil wir gedacht haben, wir können das spielerisch lösen. Aber es geht auch vieles über den Kampf. Das haben wir erst relativ spät verstanden.

WAZ: Klingt so, als wenn da jetzt eine gute Basis für die neue Saison da ist.
Träsch: Wir haben einiges draus gelernt. Wir hatten Spiele wie in Bremen, Dortmund, Schalke, in denen wir nach einem Gegentor völlig untergegangen sind. In der Rückrunde war das gerade auswärts besser. Vor allen Dingen, was unsere Spielanlage betrifft.

WAZ: Bleiben Sie in der neuen Saison VfL-Kapitän?
Träsch: Ich möchte es. Ich weiß auch nicht, was dagegen sprechen sollte. Es wird ja gern mal eine Verbindung hergestellt, dass so eine Binde einen herunterzieht. Aber das ist ein Bild, das völlig falsch ist.


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