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Volkswagen „Wir reden nicht über Kultur, damit es netter wird“
Wolfsburg Volkswagen „Wir reden nicht über Kultur, damit es netter wird“
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07:00 29.11.2017
Führungskräfte-Konferenz in Wolfsburg: Auch VW-Konzernchef Matthias Müller sprach bei der dreiwöchigen Veranstaltung zu den Mitarbeitern. Quelle: Volkswagen
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Wolfsburg

Zwei Jahre nach „Dieselgate“ ist es Zeit für eine Zwischenbilanz: Wie weit ist Volkswagen auf dem Weg zu einer neuen Unternehmenskultur gekommen? Und wie lässt sich der neue Geist im Arbeitsalltag verankern?

Für die „Volkswagen Convention“ wurde die Halle 106 im Werk Wolfsburg umgebaut. Normalerweise werden hier dem Vorstand Messefahrzeuge präsentiert – dann geht es um technische Details, die Anmutung und Oberflächen. Dabei hat es VW in der Vergangenheit zur Perfektion gebracht. „Manches ist vielleicht dort auf der Strecke geblieben. Wir haben gelernt: Es gibt da ein paar Dinge, die genauso wichtig sind“, sagte VW-Entwicklungschef Frank Welsch, der gestern zu den rund 560 versammelten Führungskräften sprach – vom Meister bis zum Top-Manager.

Mutig“, „effizient“ oder „aufrichtig“: Die Führungskräfte sollten abstimmen, was besonders wichtig ist. Quelle: Volkswagen

Diese Dinge, die Welsch meint, das sind die innere Haltung der Mitarbeiter (Integrität), die Zusammenarbeit (Kultur) sowie die Regeln und Vorgaben im Unternehmen (Compliance). Wie schmerzhaft und teuer ein Fehlverhalten werden kann, hat Volkswagen durch den Diesel-Skandal erlebt. „Die 25 Milliarden sind vielleicht noch nicht einmal das Allerschlimmste“, so Welsch. Denn die wichtigste Währung sei das Vertrauen der Kunden.

Die Herausforderungen durch Elektromobilität, Digitalisierung oder Industrie 4.0 hält der Entwicklungschef für beherrschbar. „Nicht der technische Wandel ist schwer. Da habe ich wenig Zweifel, dass es klappen wird. Schwierigkeiten könnten wir höchstens dann haben, wenn wir uns selbst im Weg stehen“, so Welsch. Wichtig sei es, dass gerade die Führungskräfte Charakterstärke zeigten. „Wenn jemand Charakter hat, dann orientiert er sich an festen Überzeugungen und Werten“ – und er werde seine Meinung auch gegen Hierarchien und Widerstände vertreten.

Der Wandel bei Volkswagen spiegelt sich aus Sicht von Hiltrud Werner, Konzernvorstand für Integrität und Recht, schon im Aufbau der Führungskräfte-Konferenz wider. Dass ein Meister aus dem Werk Wolfsburg mit einem Bugatti-Vorstand in einer Arbeitsgruppe sitzt – in der alten VW-Welt hätte es das wohl kaum gegeben. „Es gibt hier keine Machtdistanz. Man kann tatsächlich miteinander diskutieren“, so Werner.

7600 Führungskräfte tauschen sich drei Wochen lang über das neue Selbstverständnis des VW-Konzerns aus Quelle: Volkswagen

Die Veranstaltung besteht aus Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Debatten in kleinen Gruppen. Zur Vorbereitung haben alle Teilnehmer ein E-Learning-Programm absolviert. Kritische Wortmeldungen sind erwünscht. „Ein Problem ist, dass man sich nicht richtig zuhört“, merkte eine Führungskraft aus der Kommunikation gestern an – dadurch ginge im Unternehmen viel Erfahrungswissen verloren. „Wenn jemand eine klare Meinung sagt, dann muss die auch gehört werden“, appellierte ein anderer Teilnehmer an das obere Management.

Die Führungskräfte-Konferenz sei keineswegs eine Wohlfühl-Veranstaltung, betonte Ralph Linde, Leiter der Volkswagen Group Academy, der den Kulturwandel im Konzern vorantreiben soll. „Wir reden nicht über Kultur, damit es netter wird, sondern damit wir wettbewerbsfähiger werden.“ Im Vergleich zu den digitalen Marktführern wie Google und Amazon sei VW noch zu hierarchiebetont, langsam und unflexibel. „Wir brauchen eine neue Kultur, weil sich die Welt sehr stark verändert hat“, so Linde.

Der Weg zur neuen Kultur ist allerdings noch weit. Wie viel bislang erreicht wurde? „Mehr als zehn Prozent würde ich nicht sagen“, stellte Integritätsvorstand Hiltrud Werner klar – wobei einige Bereiche deutlich weiter seien als andere. Es reiche nicht aus, nach dem Diesel-Skandal nur technische Prozesse transparenter zu machen. „Wir sind immer noch an einem Punkt, wo der überwiegende Teil der Mitarbeiter sagt: Wir waren das nicht, wir waren ehrlich“, so Werner. Das mag stimmen, hilft aber wenig, wenn das nächste mögliche Fehlverhalten einen Kartellverstoß oder einen Korruptionsfall betrifft und erneut immense Strafen drohen. „Wir wollen ein skandalfreies Unternehmen werden“, betonte Werner. Die Führungskräfte müssten dabei Vorbild sein, „man muss aber auch an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen appellieren“.

Die „Volkswagen Convention“ wird in den nächsten Monaten konzernweit ausgerollt. Die Führungskräfte sollen die Themen Integrität, Kultur und Compliance weiter in ihre Teams tragen.

Von Florian Heintz

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