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Volkswagen Ende einer Dienstfahrt
Wolfsburg Volkswagen Ende einer Dienstfahrt
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20:24 10.04.2018
Mit einem besonderen Talent für den unglücklichen Auftritt: Noch-VW-Konzernchef Matthias Müller. Quelle: dpa
Wolfsburg

Er liebt Autos und das Leben. Warum sollte er sich da in die Knochenmühle eines skandalgeschüttelten Krisenfalls spannen lassen? Dazu hatte er keine Lust. Das ist kein großes Geheimnis, Matthias Müller hat es selbst mehr oder weniger deutlich gesagt: Dieser Job an der Spitze des VW-Konzerns ist nicht seiner. Er wurde nie warm mit ihm, wer ihn in den vergangenen Wochen traf, ob öffentlich oder hinter verschlossenen Türen, hatte den gleichen Eindruck wie ein Aufsichtsratsmitglied: „Der ist ja nur noch genervt.“ Vielleicht ist er nun erleichtert. Am nächsten Wochenende wird er wohl nicht mehr VW-Chef sein.

Die Familien Porsche und Piëch, denen die Mehrheit des Autokonzerns gehört, wollten ihn haben, als Martin Winterkorn im September 2015 nicht mehr zu halten war. Er war Porsche-Chef in Stuttgart, das wird der Familie immer näher liegen als Wolfsburg. Immer, wenn über einen Abschied spekuliert wurde, sagte irgendjemand: Nein, das macht die Familie nicht mit.

Eine verschrobene Mitteilung aus Wolfsburg

Jetzt hat sie offenbar mitgemacht. Am Freitag wird der Aufsichtsrat über die künftige Konzernführung beraten und – soviel jedenfalls scheint sicher – den Chef auswechseln. Die drei Tage als König ohne Land konnte man Müller nicht ersparen, denn es war etwas durchgesickert von den Beratungen der wichtigsten Aufsichtsratsmitglieder am Dienstag. Da sei nichts anderes übrig geblieben als diese verschrobene Mitteilung, hieß es gestern in Wolfsburg: „Mögliche Weiterentwicklung der Führungsstruktur im Volkswagen Konzern und mögliche personelle Veränderungen im Vorstand.“ Es folgt die Mitteilung, dass man über dies und das nachdenke, „auch eine Veränderung im Amt des Vorstandsvorsitzenden“, und „Herr Matthias Müller hat seine grundsätzliche Bereitschaft signalisiert, an den Veränderungen mitzuwirken“.

Was nach nur zweieinhalb Jahren an der Spitze dann doch zum Bruch führte, liegt noch im Nebel. Schlechte Leistung kann man Müller nicht vorwerfen. Trotz aller Widrigkeiten hat VW für das vergangene Jahr eine glänzende Bilanz abgeliefert, das erste Quartal brachte wieder einen Absatzrekord, die neue Strategie bis 2025 steht und wird umgesetzt wie immer bei VW: Wenn es einmal entschieden ist, rollt der Zug.

Der größte Fehler? „Detroit, ganz klar...“

Doch Müllers Talent für den schiefen Auftritt ist unnachahmlich. Entspannt ist der weißhaarige Mann mit dem Skilehrer-Charme nur im Kreise seiner Leute. Laufen Kameras, schreiben Journalisten mit, dozieren Politiker – dann ist er genervt und verkrampft. Die Geringschätzung für große Teile der autofernen Welt teilt er mit seinen Vorgängern Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch – aber die waren auf den Rest der Welt auch nicht angewiesen. So stöhnten Politiker von Hannover über Berlin bis Brüssel regelmäßig, wie ungeschickt die Wolfsburger in dieser heiklen Lage agierten. Müller selbst schrieb mit einem Interview am Rande der Detroit Motor Show Geschichte, wo er – von der Situation offensichtlich komplett überfordert – seinen Konzern von allen Vorwürfen reinwaschen wollte. Als sich Volkswagens PR-Leute Anfang Februar in Potsdam trafen und den Chef nach seinem größten Fehler fragten, sagte er sofort: „Detroit, ganz klar ...“ Bei seinen Leuten brachte ihm diese reflektierte Offenheit immerhin Punkte: „Das hätte es bei Winterkorn nicht gegeben.“ Der Kulturwandel hat also begonnen.

Jetzt offenbar auch auf Distanz zu Müller: Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Quelle: dpa

Eine andere Frage ist, ob er den Chef selbst in seinem Innern erreicht hat. Im Aufsichtsrat war man es zunehmend leid, immer wieder von Nachrichten kalt erwischt zu werden, weil die Konzernführung die öffentliche Brisanz eines Themas nicht erkannt hatte. Vor einem Jahr wurden die Bonusverhandlungen des Vorstands zu einem langen und peinlichen Schauspiel, jüngst wurden die Versuche an lebenden Affen bekannt, und zuletzt schaffte es Müller in einem „Spiegel“-Interview, eine Obergrenze von 5 Millionen Euro Jahresgehalt mit DDR-Verhältnissen zu vergleichen: „In Deutschland besteht der Drang, alles politisch regeln zu wollen. Aber wo soll das enden? Wir hatten so was bereits einmal in Form der DDR. Da ist auch alles geregelt worden.“

Der Ministerpräsident galt nie als Müller-Fan

Es könnte der Moment gewesen sein, in dem bei Stephan Weil der Faden riss, hieß es gestern in Konzernkreisen. Als niedersächsischer Ministerpräsident hütet der SPD-Politiker die 20-Prozent-Beteiligung des Landes an der Volkswagen AG und sitzt im Aufsichtsratspräsidium. Er galt nie als großer Müller-Fan, in dem Porsche-Mann steckte ihm immer zu wenig Neuanfang. Dem hat sich nun wohl der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch angeschlossen, selbst seit vielen Jahren im Konzern. Auch er soll zuletzt erkennbar auf Abstand zu Müller geachtet haben.

Möglicherweise spielte auch juristisches Kalkül eine Rolle. Bald wird Larry Thompson seinen ersten Zwischenbericht abgeben, der sogenannte Monitor, den die US-Behörden zur Überwachung der Wolfsburger Besserungsbemühungen entsandt haben. Und im Mai steht die Hauptversammlung vor der Tür, die kritische Aktionäre gut munitioniert zu Angriffen auf die Konzernführung nutzen werden – auch kein sicheres Terrain für Müller. Vielleicht sei er aus der Schusslinie genommen worden, wird spekuliert. Will man die Aktionärsfamilien überzeugen, gibt es im Konzern nur einen Müller-Ersatz: Hoher Favorit auf die Nachfolge ist Herbert Diess. Der bald 60-Jährige kam im Sommer 2015 – kurz vor Ausbruch des Diesel-Skandals – in den Konzern und führt seitdem VW, die wichtigste der 13 Konzernmarken. Er werde am Freitag wohl zum Vorstandschef berufen, hieß es gestern in Konzernkreisen.

Favorit auf die Nachfolge an der Konzernspitze: VW-Markenchef Herbert Diess. Quelle: dpadpa

Der ehemalige BMW-Manager hat allerdings keinen leichten Start in Wolfsburg gehabt, geriet heftig mit dem Betriebsrat über Kreuz, gilt als menschlich bisweilen schwierig – und ist gerade deshalb der Hoffnungsträger jener, die grundlegende Veränderungen in Wolfsburg wollen. Vor allem Wolfgang Porsche gehört dazu. Der Clan-Patriarch ist zwar ein Freund von Konzilianz und Kompromiss, sucht aber jemanden, der an der Konzernspitze auch einmal das Gegenteil verkörpern kann.

Diess wagt sich auch mal in die Fernseh-Talkshow

Diess gilt als blitzgescheit und „extremst fokussiert“, wie ein Konzernmanager sagt. Nicht sehr groß, leise sprechend und mit stets gespannten Nerven, erinnert er ein wenig an Ferdinand Piëch. Dessen größte Schwäche geht Diess allerdings systematisch an: Als einer von wenigen deutschen Managern hat sich Diess inzwischen auch in Fernseh-Talkshows gewagt. Es diente wohl auch der Zusatzqualifikation gegenüber dem Kollegen Müller. Sie sollen nicht die dicksten Freunde sein. Steigt Diess zum Konzernchef auf, muss die Führung der Marke VW geklärt werden. Intern drängt sich für diese Schlüsselposition bisher niemand auf.

Vielleicht werden auch die Marken und Konzernbereiche insgesamt neu geordnet. Es dürften in jedem Fall weitere Personalien folgen. Als wahrscheinlich gilt intern der Abgang von Personalvorstand Karlheinz Blessing. Das allerdings hat nichts mit der Bewältigung des Diesel-Skandals zu tun. Der einstige Stahlmanager und SPD-Bundesgeschäftsführer hat nur das Wichtigste eines Arbeitsdirektors verloren: den Rückhalt des Betriebsrats. Auch auf der Arbeitgeberseite des Aufsichtsrats verkämpft sich niemand für ihn, und so taucht mit dem Müller-Abgang eine der beliebtesten Personalspekulationen des Wolfsburger Mikrokosmos wieder auf: Wird womöglich Bernd Osterloh doch noch Personalvorstand? Der Betriebsratsvorsitzende, nie ohne das Attribut „mächtig“ beschrieben, war schon einmal kurz davor, und es wäre die passende Entschädigung dafür, dass er Diess an der Spitze akzeptiert, heißt es im Konzern.

Image voller Rußflecken

Dagegen soll Audi-Chef Rupert Stadler, unter anderem wegen unglücklichen Agierens im Diesel-Skandal seit Monaten angeschlagen, im Amt bleiben.Bis Freitag wird in Wolfsburg also wieder einmal Ausnahmezustand herrschen. Die weltweit 600 000 Mitarbeiter kennen das seit Jahren, und es hat sie nie nachhaltig aus der Bahn geworfen. Ob Porsche ihr Unternehmen kaufen wollte oder Ferdinand Piech Giftpfeile aus Salzburg sandte, ob Chefs gefeuert wurden oder die Diesel-Welt zusammenbrach – das Tagesgeschäft ging weiter, den Absatzzahlen hat man nie viel angemerkt. Zweistellige Milliardenbeträge hat der Diesel-Skandal allein in den USA gekostet, und doch ist die Kasse gut gefüllt. In Deutschland ist das Image voller Rußflecken, und doch hat der Konzern bis Ende März weltweit mehr Autos verkauft als je zuvor in einem ersten Quartal.

Doch diesmal ist etwas anders. Die Stimmung ist schwierig geworden, die Verunsicherung zu spüren. Den Diesel-Skandal sehen viele an der Basis als Werk einiger Ehrgeizlinge. Vom dramatischen Umbruch der Autowelt hören und lesen sie jeden Tag. Der von Diess und Osterloh unter größten Mühen ausgehandelte „Zukunftspakt“ soll Sicherheit schaffen. Er sieht Einsparungen auf der einen und Investitionen in Zukunftsgeschäfte auf der anderen Seite vor. Tausende Stellen sollen in den nächsten Jahren abgebaut werden – ohne betriebsbedingte Kündigungen. Doch wirklich entspannt hat das die Lage nicht. Das regelmäßig unter den Mitarbeitern erstellte Stimmungsbarometer brachte zuletzt miserable Werte, der Vorstand kam schlecht weg.

Der Veränderungswille an der Basis ist größer als an der Spitze

Der nächste VW-Chef wird sicher sein Management-Handwerk verstehen. Die Skandalchronik beenden, auch bei Elektroautos vorn sein, die Digitalisierung vorantreiben, die Konzernstruktur auf neue Zeiten ausrichten – all das ist sozusagen Pflichtprogramm. Dass zum Beispiel Diess es kann, bezweifelt kaum jemand. Die eigenwillige VW-Mannschaft dabei mitzunehmen, dürfte der schwierigere Teil sein. Diess, bei BMW geprägt und ohne VW-Stallgeruch, trifft nicht immer den speziellen Wolfsburger Ton, wusste in der Vergangenheit nicht immer, welche verschlungenen Wege in diesem Unternehmen zum Ziel führen. Für die Masse der Belegschaft ist er ein weiterer Grund zur Unsicherheit.

Doch er hätte ein Chance: Der Veränderungswille der Basis ist in mancher Hinsicht größer als der an der Spitze. Als sich Müller im vergangenen Jahr den Fragen zufällig ausgewählter Mitarbeiter stellte, wurde ihm viel von despotischen Chefs und Hierarchiegläubigkeit in den Weiten des Konzerns berichtet. Es war, als habe man vor allem eine Sorge, dass alles wieder so werden könnte wie früher.

Von Stefan Winter

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