Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Volkswagen VW-Betriebsratschef Osterloh im Exklusiv-Interview mit der WAZ
Wolfsburg Volkswagen VW-Betriebsratschef Osterloh im Exklusiv-Interview mit der WAZ
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:54 11.12.2017
Klare Forderungen: VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzender Bernd Osterloh spricht im WAZ-Interview über die bevorstehenden Verhandlungen über den Haustarifvertrag.  Quelle: dpa/Archiv
Wolfsburg

 Die VW-Tarifkommission hat im Vorfeld drei Kernforderungen für die 122.000 Beschäftigten im Haustarif formuliert: Sechs Prozent mehr Gehalt, eine arbeitgeberfinanzierte dynamische Verbesserung der betrieblichen Altersvorsorge und eine nachhaltige Ausbildung durch Volkswagen. Verhandlungsführer auf Arbeitnehmerseite ist Thorsten Gröger von der IG Metall, auf Unternehmensseite Martin Rosik.

 
Herr Osterloh, die Forderungen liegen auf dem Tisch. Mit welcher Erwartung gehen Sie in die Tarifrunde?
 

Das Management wird in der ersten Verhandlungsrunde rumeiern. Dabei diskutiert der Markenvorstand hinter verschlossenen Türen schon über Forderungen wie die Kürzung der Anzahl der Ausbildungsplätze, nicht mehr alle Ausgebildeten zu übernehmen oder weitere Produktivitätsforderungen. Aber ich gehe davon aus, dass Volkswagen davon heute nichts sagen wird. Herr Rosik wird wahrscheinlich die angeblich schwierige Situation der Marke im Auftrag des Vorstands vortragen. Ich sage hier klar: Volkswagen hat für seine Standorte eine gesellschaftspolitische Verantwortung. Volkswagen investiert in Zukunftstechnologie, in Elektromobilität, in Mobilitätsdienstleistungen und vieles mehr. Vor diesem Hintergrund erwarte ich, dass man an das Thema Ausbildungsplätze überhaupt nicht rangeht. Sollte es doch so kommen, wird das gleich der erste große Knackpunkt in den Verhandlungen.

 
Wo kann es noch schwierig werden?
 

Wir haben im letzten Jahr schon versucht, die betriebliche Altersvorsorge aufzustocken. Ich habe mir vorgenommen, in meiner Funktion Verantwortung für die nachfolgende Generation zu übernehmen. Deswegen wollen wir Entgeltumwandlung von dem Ergebnis, das in der Fläche erzielt wird – dort wird ja Arbeitszeitverkürzung gefordert – als betriebliche Altersvorsorge haben. Das erwarten wir gerade bei den guten Zahlen, die das Unternehmen zurzeit präsentiert, speziell auch die Marke Volkswagen. Und wohlgemerkt: Das hervorragende China-Ergebnis ist da noch nicht einmal mit drin! An den guten Ergebnis muss die Belegschaft adäquat beteiligt werden. Wenn es in der Fläche möglich ist, sechs Prozent zu fordern, fordern wir das bei Volkswagen auch. Und wenn es ein Ergebnis in der Fläche gibt, bei uns der Vorstand aber meint, dagegen halten zu müssen, werden wir uns nicht zu schade sein, sehr deutlich dafür einzutreten. Ich bin überzeugt, dass meine Kolleginnen und Kollegen genau so unterwegs sind. Es läuft gut bei Volkswagen und das wollen wir als IG Metall, als Betriebsrat, als Belegschaft dahin schütten, wo es hingehört.

 
Zusammengefasst?
 

Entgelterhöhung, Altersvorsorge und auch ein Bonus mit vernünftigen Zahlen. Wir haben über Jahre gezeigt, dass wir in schwierigen Zeiten immer verantwortlich mit der Situation im Konzern umgegangen sind. Auf der Betriebsversammlung 2014 hat die Belegschaft den Effizienzordner mit eigenen Optimierungsvorschlägen überreicht. Letztes Jahr haben wir den Zukunftspakt gemeinsam beschlossen. Es gab die Vier-Tage-Woche, die Tarifrunde 2006 mit der Rückkehr zur Fünf-Tage-Woche – gerade in unruhigen Zeiten haben wir immer im Sinne des Unternehmens gehandelt. Da muss jetzt auch mal der Rubel rollen!

 
Wie schätzen Sie Signale aus anderen Bereichen ein? In Niedersachsen verhandelt zurzeit die Logistikbranche, bislang ohne Einigung. Und in der Metallbranche in Bayern stehen ganz ähnliche Forderungen wie hier in Niedersachsen im Raum. Das Angebot der Arbeitgeberseite blieb letzte Woche aber sehr deutlich darunter.
 

Die Arbeitgeber werden die Friedenspflicht voll ausreizen. Das ist Strategie: Wenn Ihr Demos machen wollt, fallen sie in den Januar, wenn es richtig kalt ist und man glaubt, dass dann keiner kommt. Das wird bei Volkswagen nicht funktionieren: Wir werden dafür sorgen, dass genügend Hitze da ist! 

 
Zu Beginn der Dieselaffäre war es Konsens, dass sich alle im Sinne des Unternehmens mit Forderungen zurückhalten müssten. Wie sieht das heute aus?
 

Maßstab sind die Aktionäre, das Management, der Vorstand. Wenn es für diese Gruppen wieder nach oben geht, warum soll es für die Belegschaft nicht wieder nach oben gehen? Man muss sagen, dass die Stimmung bei Volkswagen in der Belegschaft und auch im Management gerade nicht so gut ist, das hat man zuletzt beim Adventsgespräch (mit Stadtverwaltung, VW-Vorstand und Betriebsrat, Anm.d.Red.) gemerkt. Ob das zu Verhärtungen in der Tarifrunde führt? Ich hoffe nicht. Der Vorstand sollte genug soziale Kompetenz haben zu wissen, dass man den Bogen nicht überspannt. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass die Grundstimmung bei Volkswagen so mies ist, dass die Belegschaft kein Problem damit hat, wenn wir dem Vorstand mal zeigen, dass wir uns nicht nur für Volkswagen einsetzen können, sondern auch für eine gerechte Tarifrunde. Der Vorstand erwartet bei den Konzernzahlen Millionen-Entgelte. Da wird es schwer der Belegschaft Wasser zu predigen, wenn man selbst Wein trinkt.

 
Stichwort soziale Kompetenz. Personalvorstand Karlheinz Blessing sagte kürzlich, wenn im Rahmen von E-Mobilität und Digitalisierung bestimmte Jobs hinfällig würden, werde man für diese Mitarbeiter neue Aufgaben finden.
 

Das ist ja völliger Blödsinn. Natürlich wirkt sich der Wandel auf die Personalstärke aus, wir werden in den nächsten Jahren ja um 14.000 Beschäftigte reduzieren, vor allem über Altersteilzeit. Insgesamt werden sogar 23.000 Arbeitsplätze abgebaut, aber es sollen 9000 neue Kollegen kommen – für Digitalisierung, autonomes Fahren, Elektromobilität und, und, und.

 
Auch Hunderte Leiharbeiter müssen gehen...
 

Wir haben in den letzten Jahren über 17.000 Leute übernommen. Jetzt fällt es mir sehr schwer, dass es nicht für alle Kolleginnen und Kollegen mit Leiharbeitsverträgen bei Volkswagen weiter gehen wird. Wir kämpfen als Betriebsrat darum, noch möglichst vielen Kollegen befristete Arbeitsverträge oder einen Einsatz an anderen Standorten oder sogar in anderen Marken, wie etwa bei Porsche in Stuttgart, zu ermöglichen. Aber langsam ist auch das Potential erschöpft und der Vorstand fährt hier eine harte Linie. Er entscheidet letztlich darüber. Der ganze Betriebsrat am Standort Wolfsburg hat sich in den vergangenen Jahren immer für die Leiharbeiter eingesetzt und das wird auch so bleiben. Allerdings ist Fakt: Wir verkaufen nicht jedes Auto gleich gut. Beim Golf zum Beispiel haben wir gerade keine Vollauslastung. Es könnte sein, dass das nächstes Jahr auch Auswirkungen auf Wolfsburg hat – dass es sogar Schließtage geben wird. In einer solchen Situation werden wir beim Vorstand kaum weitere Übernahmen durchsetzen können. Erst im Lauf des Jahres 2019 kommt der Golf Variant aus Zwickau zu uns, dann wird die Auslastung wieder steigen. Für eines stehen wir aber als Betriebsrat ein: Die, die jetzt gehen, würden wir bei Bedarf sofort wieder einstellen. Und nachdem das Unternehmen Leiharbeit heute anders sieht als in der Vergangenheit sicherlich nicht mehr als Leiharbeitnehmer. Sondern über befristete Verträge. Dann müssen nämlich VW-Manager den Kollegen erklären, wenn es nicht mehr weitergeht. 

 
Kleiner Themensprung. Sie hatten beim Adventsgespräch kritisiert, dass die Vorstände nicht in der Region verwurzelt sind, dass die meisten woanders leben. Herr Blessing hat jetzt seinen Hauptwohnsitz nach Wolfsburg verlegt. Ein gutes Signal?
 

 Ich will es gar nicht an Einzelpersonen festmachen. Einige wohnen in Wolfsburg oder der Region. Aber es geht mir nicht darum, dass die Leute hier unter der Woche eine Wohnung haben. Oder ihren Erstwohnsitz hier angemeldet haben. Wir wollen, dass Wolfsburg ihr Lebensmittelpunkt ist. Hier einzukaufen, hier die Menschen auf der Straße, in der Schule, im Kunstmuseum oder auf dem Weihnachtsmarkt zu treffen, das ist wichtig. Aber wenn du nicht hier bist, weißt du auch nicht, wie die Stimmung bei den Leuten ist. Wolfsburg ist eine tolle Stadt. Und ich bin stolz darauf, wie die Wolfsburger unsere Stadt in den letzten zwei Jahrzehnten weiterentwickelt haben. Und dabei erwarte ich in Zukunft auch wieder mehr Engagement von Volkswagen. Unsere Heimat, unsere Wurzeln und unser Konzernsitz sind hier. Nicht in Berlin, Hamburg oder dem Silicon Valley.

Von Kevin Nobs

Bei der Kfz-Steuer ist der Betrieb eines Dieselautos in der Regel teurer, beim Sprit dagegen billiger als der eines Benziners. Grund ist die Subventionierung des Kraftstoffs. Doch nun werden weitere Zweifel am Diesel-Privileg laut - von einem Top-Automanager

10.12.2017
Volkswagen VW: Neueste Entwicklungen - Mensch und Roboter Hand in Hand

Nicht nur Autos werden immer digitaler, auch ihre Herstellung läuft immer mehr über Computer, WLAN und Datenwolken. VW gewährte Einblick in sein Testlabor.

08.12.2017
Volkswagen Karitativer Einsatz von Volkswagen - Finanzieller Einsatz für benachteiligte Kinder

Gerade die Förderung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen steht bei Volkswagen hoch im Kurs.

08.12.2017