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Volkswagen VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh im WAZ-Interview
Wolfsburg Volkswagen VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh im WAZ-Interview
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07:00 07.07.2018
VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh: Weiter unruhige Zeiten für Volkswagen. Quelle: dpa/Archiv
Wolfsburg

Probleme mit dem neuen Abgastestverfahren werden die VW-Produktion in Wolfsburg aus Sicht von Betriebsratschef Bernd Osterloh wahrscheinlich noch bis zum Jahresende beeinträchtigen. „Absehbar ist leider, dass uns die WLTP-Probleme über das dritte Quartal hinaus begleiten werden“, sagte Osterloh im großen WAZ-Interview zum Start der Werksferien. Bislang hat VW Schließtage in der Fahrzeugfertigung bis Ende September beschlossen, an ein bis zwei Tagen in der Woche ruhen die Montagebänder. Mit Sorge blickt der Betriebsratschef zudem auf die Diskussion über schärfere Abgas-Grenzwerte im EU-Parlament. Sollten sich dort die Verfechter einer harten Linie durchsetzen, dann befürchtet Osterloh „den Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätze in der Automobilindustrie“.

Herr Osterloh, nach den Werksferien führt VW in der Wolfsburger Fahrzeugfertigung wegen des neuen Abgastestverfahrens WLTP vorübergehend die Drei-Tage-Woche ein. Wie konnte es dazu kommen?

Wir müssen wegen des neuen Prüfverfahrens im Konzern für mehr als 260 Motor-Getriebe-Varianten neue Verbrauchswerte ermitteln. Hinzu kommen viele unterschiedliche Sonderausstattungen. Allein beim Golf gibt es zwei Millionen Kombinationsmöglichkeiten. Ein Prüfbericht pro Motor-Getriebe-Variante umfasst statt bisher 150 jetzt 600 Seiten. Die Zeit für diese Messungen war extrem knapp, wir hatten nur 13 Monate Zeit für die Vorbereitung. Und durch die Diesel-Affäre haben wir die Kapazitäten der Kolleginnen und Kollegen zunächst natürlich sehr stark auf die Bewältigung der Software-Updates ausgerichtet. Die Beschäftigten in der Technischen Entwicklung arbeiten rund um die Uhr und stehen unter hohem Druck. Im Ergebnis werden eine Zeit lang nicht alle Motor-Getriebe-Varianten im Angebot sein.

Die Hälfte der entfallenen Arbeitsstunden müssen die Beschäftigten mit ihren Arbeitszeitkonten abfedern. Wie groß ist der Ärger in der Belegschaft?

Ist doch klar, dass die Kolleginnen und Kollegen sauer sind. Hier will keiner zuhause rumsitzen, sondern die Belegschaft will weiter die besten Autos bauen. Wir haben im Interesse der Kollegen, die die Lage ja nicht verschuldet haben, mit dem Unternehmen eine faire 50:50-Regelung bei den Zeiten durchgesetzt.

Ist es denn sicher, dass bis Anfang Oktober die nötigen Prüfzertifikate für die Modelle vorliegen und in Wolfsburg dann wieder normal gearbeitet werden kann?

Ich erwarte von der Unternehmensleitung, dass sie mit Hochdruck daran arbeitet, unseren Kunden wieder ein umfassendes Angebot zu machen. Dazu gehört auch, in Zukunft weiterhin die ausreichende Besetzung der Prüfstände mit Personal zu gewährleisten. Alles andere wäre Sparen am falschen Ende.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die verschobene Produktion im vierten Quartal aufgeholt wird und die Belegschaft dann wieder Sonderschichten fahren muss?

Nach dem Sommer gehen wir in eine Zeit der Ungewissheit. Der Vorstand geht davon aus, dass wir im vierten Quartal einiges an Produktion wieder aufholen werden. Ich habe da meine Zweifel. Wie die Lage Anfang Oktober ist, werden wir sehen. Absehbar ist leider, dass uns die WLTP-Probleme über das dritte Quartal hinaus begleiten werden.

Derweil arbeitet die EU bereits an neuen CO2-Grenzwerten für die Zeit nach 2020. Sie sehen dadurch Arbeitsplätze in Gefahr?

Es liegt ein Vorschlag der EU-Kommission auf dem Tisch. Demnach soll der Flottengrenzwert von 95 Gramm CO2 für das Jahr 2020 weiter abgesenkt werden, um 15 Prozent bis 2025 und um 30 Prozent bis 2030. Nicht wenige der führenden Politiker drängen auf schärfere Bestimmungen von minus 50 oder sogar minus 75 Prozent bis 2030. Wenn das im Europäischen Parlament so beschlossen wird, dann können wir das Autobauen in Deutschland vergessen. Das würde den Verlust von zehntausenden Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie bedeuten. Ich habe einige gute Gespräche mit Politikern in Brüssel geführt, aber das waren alles leider keine Mitglieder meiner Partei, der SPD. Es ist klar, dass wir Arbeitnehmervertreter ebenfalls den Klimaschutz unterstützen – aber wir verlieren dabei die Arbeitsplätze nicht aus den Augen und werden uns auch klar zu diesen unverantwortlichen Forderungen positionieren.

Dabei sind die Aussichten in Wolfsburg langfristig nicht schlecht. Bei der Betriebsversammlung hat VW-Chef Herbert Diess in Aussicht gestellt, dass in Wolfsburg bald eine Million Fahrzeuge pro Jahr vom Band laufen könnten...

Die Basis dieser Aussagen ist der Zukunftspakt, den der Betriebsrat auf den Weg gebracht hat. Darin ist festgelegt, dass Wolfsburg im Jahr 2020 mindestens 820.000 Fahrzeuge bauen soll. Außerdem wird die Modellfamilie des Golf in Wolfsburg konzentriert: Limousine, Variant, Nordamerika-Volumen – das kommt alles hierher, denn das bisherige Golf-Werk Zwickau rüstet komplett auf E-Mobilität um. Ich würde mich freuen, wenn wir dieses hohe Volumenziel erreichen.

Wann kann diese magische Marke von einer Million Fahrzeuge geknackt werden?

Ob es dazu kommt, müssen wir abwarten. Vor 2020 oder 2021 halte ich das nicht für realistisch. Dabei muss klar sein: Ohne zusätzliche Einstellungen werden wir die Million nicht erreichen.

Schon Ende 2019 läuft in Wolfsburg der neue Golf an. Haben Sie ihn schon gesehen?

Natürlich. Allein vom Design und der Verarbeitung her wird es wieder ein super Auto. Wichtig ist, dass die Silhouette trotz optischer Veränderungen erhalten bleibt. Und natürlich wird sich das Thema Digitalisierung umfassend in diesem Auto wiederfinden. Alles, was wir in diesem Bereich für die neue Generation der Elektroautos planen, muss natürlich auch ein Auto mit Verbrennungsmotor haben. Was mich persönlich betrifft: Einen Golf R der nächsten Generation mit 400 PS würde ich gerne noch mal fahren. Das wäre zum aggressiven Design auch der richtige Motor.

Können Sie sich vorstellen, privat ein Elektroauto zu fahren?

Ich bin schon oft Elektroautos gefahren, gerade im Stadtverkehr gefallen sie mir gut. Leider fehlt aber im Moment noch die nötige Ladeinfrastruktur. Das ist ein riesiger Widerspruch, der sich auftut: Die Politik gibt der Autoindustrie immer neue Lasten und Verschärfungen auf, aber bei der Infrastruktur, der Batteriezellfertigung oder bei der Gesetzgebung, die uns die E-Mobilität leichter machen würde, kommt einfach nichts. Was bringt denn eine Prämie für den Kauf eines Elektroautos, wenn es keine Ladesäulen gibt?

Ende 2017 haben Sie kritisiert, dass Volkswagen sich nicht genug für Wolfsburg engagieren würde. Jetzt hat VW der Stadt zum 80. Geburtstag ein zehn Millionen Euro schweres Investitionspaket in die Infrastruktur für Elektromobilität geschenkt. Gab es da im Management ein Umdenken?

Ich habe immer gesagt, dass hier in Wolfsburg das Unternehmen VW, die Belegschaft und die Stadt zusammenhalten müssen, dann geht es allen besser. Darum freue ich mich darüber, dass Dr. Diess ein klar sichtbares Interesse daran hat, dass VW und die Stadt noch enger zusammenarbeiten. Dafür ist das Geschenk ein starkes Signal.

Sie sind bekanntlich großer Fußballfan. Hat Sie das frühe WM-Aus der DFB-Elf überrascht?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe sogar eine Kiste Wein gewonnen, weil ich getippt habe, dass die deutsche Nationalmannschaft in der Vorrunde rausfliegt. Die Spielerauswahl war nicht optimal. Und die Leistung hat sich in den Vorbereitungsspielen bereits abgezeichnet. Für mich hat sich schon vor der WM abgezeichnet, dass das nicht ausreicht.

Wird es der VfL Wolfsburg in der neuen Saison besser machen?

Jörg Schmadtke war mein Wunschkandidat als Manager und ich bin froh, dass er bei uns zugesagt hat. Ich glaube, dass wir mit Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer in der Geschäftsführung gut aufgestellt sind. Und Bruno Labbadia kann als Trainer zeigen, was unter den neuen Vorzeichen möglich ist.

Was ist aus Ihrer Sicht das Saisonziel für den VfL?

Ein einstelliger Tabellenplatz.

So bescheiden?

Ich möchte, dass es jetzt eine nachhaltige Entwicklung beim VfL gibt. Ich würde mich freuen, wenn sich die Männer an der Frauenmannschaft orientieren würden. Der Zusammenhalt und Teamgedanke der Frauen sollte den Männern ein Vorbild sein.

Haben Sie bei der Fußball-WM einen Spieler gesehen, den Sie gerne beim VfL hätten?

Ja, aber für den Preis könnten wir auch ein komplettes Auto entwickeln.

Von Florian Heintz

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