Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Volkswagen Herr Fügener, was geht uns mit dem Passat verloren?
Wolfsburg Volkswagen Herr Fügener, was geht uns mit dem Passat verloren?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 12.11.2018
„Ökonomisch noch vertretbar, ästhetisch durchaus hochwertig, alles sehr gut ausbalanciert“: Ein Passat im Wind. Quelle: Volkswagen AG
Hannover

2022 sollen am VW-Stadort im Emden Elektroautos vom Band laufen. Der Passat, der bisher dort gefertigt wird, wird dann nicht mehr hergestellt.

Herr Fügener, die Produktion des VW Passat wird in Deutschland wohl bald eingestellt. Was geht uns da verloren?

Zunächst ein wichtiges Automodell: Der Passat war über Jahrzehnte ein Quasi-Standard, man hat andere Autos danach qualifiziert: Sie waren zum Beispiel eine Klasse über oder eine Klasse unter dem Passat. Es gab zwei typische Nutzungsszenarien für den Passat, der ja zum überwiegenden Teil als Kombi hergestellt wurde: Er war das klassische Familienauto für die vierköpfige Familie, und er war das typische Außendienstmitarbeiterauto. Bei den Generationen, die das erlebt haben, gibt es sicher auch eine Art emotionaler Verbundenheit: Der Passat ist auch als Erinnerung sehr präsent.

Markiert der Passat die Erfindung des Kombis?

Die Karosserievariante gab es schon vorher, wurde aber immer nur als Nutzfahrzeug wahrgenommen. Für den privaten Bereich war die Limousine das Maß der Dinge. Der Passat hat das geändert – auch durch seine Ästhetik: Man hat das Auto als Alltagsauto, als privates Auto gesehen.

Der Käfer war rund, der Passat plötzlich kantig. Was kann man an dieser Veränderung der Form ablesen?

Es gab Passat-Vorläufer mit Heckmotor, man hatte versucht, den Käfer evolutionär noch zu behalten. Damit hätte VW sich beinahe selbst ins Aus befördert. Aber dann haben sie einen radikalen Schritt gemacht und sich in einer strategisch-gestalterischen Offensive Golf und Passat in Italien entwerfen lassen: Das waren neue Formen, die sehr stark alles beeinflusst haben, was danach kam – ein grandioser Prozess, den man sich erst mal trauen muss. Alle Produkte aus der Zeit davor sahen ja plötzlich alt aus.

Besonders in Deutschland waren die neuen Kombis schnell sehr beliebt. Warum eigentlich?

Hier wurde viel in den Urlaub gefahren. Die alte Sehnsucht: nach Italien fahren, über den Brenner. Man kauft so ein Auto auch für eine Anwendung, die relativ selten stattfindet, die man aber sehr schön findet. Die meisten Cabrios in Europa werden in England verkauft: Wenn Sonne ist, dann will man das auch maximieren. Das ist eine Denkweise, die man auch beim Passat greift: Wenn man in den Urlaub fährt, dann soll das auch gut funktionieren. Die praktische Lebensart der Deutschen spiegelt sich im Passat.

Hat das Auto also auch eine symbolische Kraft?

Der Golf war zwar das neue Mittel zur Massenmobilisierung. In den Siebziger- und Achtzigerjahren hat der Wohlstand in Deutschland aber massiv zugenommen: Diejenigen, die als erstes Auto einen Käfer hatten, konnten sich nun ein größeres Auto leisten. Mobilität findet auch im Kopf statt: Wenn ein Auto, das vier Leute und Gepäck 1000 Kilometer fahren kann, mit vollem Tank vor der Tür steht, gibt das ein Freiheitsgefühl. Zur Herstellung dieses Gefühls war der Passat das ideale Werkzeug. Ökonomisch noch vertretbar, ästhetisch durchaus hochwertig, alles sehr gut ausbalanciert: ein typisch deutsches Mittelklassenauto.

Warum wollen das nun immer weniger Menschen haben?

Das Verkehrsverhalten der jungen Generation verändert sich. Das lange gültige Narrativ „Ich packe meine Sachen und fahre mit allen in den Urlaub“ erodiert. Die Mobilitätsansprüche werden immer größer – Fernreisen werden von dieser Generation immer häufiger mit dem Flugzeug gemacht. Auf der anderen Seite agiert die junge Generation im Nahverkehr sehr bewusst, fährt viel Fahrrad und hat vielleicht keinen Führerschein. Der CO2-Bilanz hilft das aber nicht: Wegen der Flüge ist die so schlecht ist wie nie.

Sieben Generationen des VW Passat sind seit 1973 gebaut worden. Wir nehmen Sie mit auf eine Zeitreise.

Was ist mit der Konkurrenz durch neue Automodelle?

Der Passat hat extreme Konkurrenz, auch Kannibalen aus dem eigenen Unternehmen, etwa den Skoda Octavia, der inzwischen oft den Passat ersetzt. Zudem ist eine Kategorie hochgewachsen, die es früher nicht gab: der SUV. Der nagt stark am Marktsegment des Passats.

Das Passat galt als praktisch und vernünftig. Für SUVs gelten solche Eigenschaften eher nicht. Hat sich da etwas verschoben?

Als SUV bezeichnen wir Autos, die sehr unterschiedlich sind. Wenn wir SUV mit negativen Tonfall nennen, meinen wir den Full-Size-SUV. Der wildert aber nicht im Revier des Passats. Das sind eher die mittleren und kleinen Modelle. Sie sind nicht so lang, ein bisschen höher. Die Leute werden älter, da sitzt man gern etwas bequemer. Es gibt heute viele Alternativen, um den Passat funktional zu ersetzen.

Vom Käfer bis zum Scirocco: Einige VW-Modelle stehen nicht nur für ein Nutzfahrzeug, sondern lassen besondere Emotionen und Erinnerungen wecken.

Gibt es Grund, dem Passat nachzutrauern?

Es gibt durchaus gut gemachte SUVs. Es gibt aber auch ganz furchtbare Modelle, die es wirklich nicht verdient haben, auf die Straße zu kommen. Die Autos wachsen gerade alle in die Höhe. Da steht der Passat mit seinem klassischen Längen- Höhen-Verhältnis schon jetzt ein bisschen dagegen. Er hat eine gewisse Grundeleganz, die man stets auch sehr schön ausgeformt hat. Der Passat ist ästhetisch immer auf der Höhe der Zeit gewesen. Ich würde es bedauern, wenn er nur noch ein Nischendasein führen würde.

Von Stefan Arndt

Rund 120.000 Volkswagen-Beschäftigte in den sechs westdeutschen VW-Werken bekommen mit dem November-Gehalt mehr Geld. Es gibt 1690,50 Euro als Vorauszahlung auf die Erfolgsbeteiligung für 2018.

09.11.2018

Die Auslieferungen der Marke VW waren im Oktober weiter rückläufig. Weltweit sank der Absatz um 6,2 Prozent auf 516.900 Fahrzeuge, wie der Autobauer am Freitag in Wolfsburg mitteilte.

09.11.2018

Am Landgericht Braunschweig wird eine Urheberrechtsklage gegen Volkswagen verhandelt. Bei dem Streit geht es offenbar um das Design des legendären VW Käfers.

08.11.2018