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Ministerpräsident Weil im großen WAZ-Interview

Wolfsburg Ministerpräsident Weil im großen WAZ-Interview

Wolfsburg. Im großen WAZ-Interview spricht Stephan Weil über Flüchtlinge, Terrorgefahr, Volkswagen, Fußballbundesliga – und er verrät, wie er Weihnachten feiert.

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Besuch bei der WAZ: Ministerpräsident Stephan Weil (Mitte) mit WAZ-Redakteur Florian Heintz (v.l.), Redaktionsleiterin Claudia Jeske, Chefredakteur Dirk Borth und stellvertretendem Redaktionsleiter Kevin Nobs. Fotos (5): Hensel

Quelle: Manfred Hensel

WAZ: Herr Weil, bei der letzten Aufsichtsratssitzung des Jahres von Volkswagen gab es gute Nachrichten zum Thema CO2...

Weil: Ja, Unregelmäßigkeiten bei den CO2-Abgaswerten sind weitestgehend nicht bestätigt worden, diese Sorge hat sich fast vollständig in Luft aufgelöst. Wir können damit bei einem Thema, das gerade in der Kundschaft sehr aufmerksam wahrgenommen worden ist, Entwarnung geben. Das hat uns alle sehr erleichtert und gefreut.

WAZ: Der VW-Vorstand ist ebenfalls erweitert worden.

Weil: Mit Karlheinz Blessing als neuem Personalvorstand ist eine weitere, ganz wichtige Personalentscheidung getroffen worden. Ich freue mich sehr, dass Volkswagen mit Karlheinz Blessing einen erfahrenen und sehr anerkannten Industriemanager gewonnen hat, der unter anderem viele Jahre als Arbeitsdirektor gezeigt hat, wie man die Belange eines Unternehmens mit den Belangen der Arbeitnehmer auch unter nicht ganz einfachen Bedingungen zusammenbringen kann. Blessing ist ein großer Gewinn für Volkswagen.

WAZ: Das Thema CO2 hat sich weitgehend erledigt. Es bleibt aber die Diesel-Manipulation. Wie konnte so ein groß angelegter Betrug geschehen?

Weil: Die Ermittlungen laufen immer noch auf Hochtouren. Volkswagen hat in dieser Woche bereits einen Zwischenbericht über den Stand der Aufklärungen abgegeben. Das war wichtig. Der Konzern wird die Aufklärung auch weiterhin intensiv selbst betreiben und auch die externen Stellen bei deren Aufklärungsarbeit unterstützen. Aufklärung ist die Grundlage für neues Vertrauen bei den Kunden, hilft aber auch den vielen Tausend Beschäftigten bei Volkswagen, die sich teilweise ja ebenfalls als Opfer dieser Affäre fühlen müssen.

WAZ: Bei den Ursachen für die Manipulation wird oft die Unternehmenskultur bei Volkswagen angesprochen. Herrschte bei VW ein Klima der Angst, wie in der Vergangenheit oft zu hören war?

Weil: Dies als Erklärung für die Manipulation anzuführen, ist mir zu einfach. Man muss letztlich von allen Mitarbeitern erwarten, dass sie ihre Meinung klar und offen zum Ausdruck bringen, vor allem bei Gesetzesverstößen. Dennoch gibt es sicherlich eine berechtigte Diskussion über die Unternehmenskultur bei Volkswagen und daran wird auch gearbeitet. Matthias Müller hat in dieser Woche sein ausdrückliches Interesse an offenen Diskussionen bei Volkswagen betont. Der Konzern brauche keine Ja-Sager, sondern Manager und Techniker, die mit guten Argumenten für ihre Überzeugungen und ihre Projekte kämpfen und unternehmerisch denken und agieren. Das finde ich auch.

WAZ: Volkswagen ist in Wolfsburg eine große Welle der Solidarität entgegengeschlagen. Viele Mitarbeiter hätten sich in Zeiten der Krise aber ein klareres Bekenntnis aus der Politik gewünscht.

Weil: Was mich angeht, habe ich mich von Anfang an zu dem Unternehmen bekannt. Volkswagen ist eine Perle der deutschen Industrie, für die zu kämpfen sich lohnt. Die Solidarität mit Volkswagen ist besonders in Wolfsburg, aber auch in ganz Niedersachsen weit verbreitet. Nein, die Menschen bei VW stehen nicht alleine.

WAZ: Wie sehen Sie Ihre Rolle und die des Landes Niedersachsen dabei, wieder Stabilität bei VW reinzubringen?

Weil: Ich fühle mich in einer großen Mitverantwortung. Das Land Niedersachsen ist Anteilseigner und wir wissen als Land ganz genau, was wir an Volkswagen haben. Handwerksunternehmen, Zulieferer und Familien – für viele Menschen ist Volkswagen ungeheuer wichtig. Ich finde es unerträglich, wenn sich die Beschäftigten mit ihrem Unternehmen einem Generalverdacht ausgesetzt sehen. Der Aufsichtsrat trägt alles in seiner Macht Stehende dazu bei, dass sich die Situation schnell verbessert. Dazu gehört aber auch, dass klar und deutlich herausgearbeitet wird, wo und von wem Manipulationen vorgenommen worden sind und dass die Verantwortlichen auch belangt werden.

WAZ: Müssen die Beschäftigten sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen?

Weil: Es gibt die erklärte Absicht, die Stammbelegschaft bei Volkswagen sicher zu halten. Und Sie können sicher sein, VW-Betriebsrat und Land kämpfen um jeden Arbeitsplatz.

WAZ: Wie sieht die Situation der Zulieferer in Wolfsburg und der Region, etwa Gifhorn und Peine, aus? Laut Wirtschaftsminister Olaf Lies müssen erste Unternehmen auf die Krise reagieren.

Weil: Es mag natürlich Sorgen bei Zulieferern geben, aber konkrete Probleme sind mir nicht bekannt geworden. Insbesondere die Unregelmäßigkeiten bei den CO2-Werten hatten zu einer Verunsicherung bei der Kundschaft geführt, die aber jetzt zum Glück beseitigt sind. Das ist auch eine große Erleichterung für Zuliefererunternehmen.

WAZ: Welchen Eindruck macht der neue Vorstandsvorsitzende auf Sie?

Weil: Matthias Müller steht deutlich spürbar für eine andere Unternehmenskultur. Es gibt beispielsweise eine stärker ausgeprägte Teamorientierung. Ich glaube, er versteht sich mehr als Mannschaftskapitän. Und das ist gut so. Außerdem plant er eine große Digitalisierungs- und Elektrifizierungsoffensive. Müller will erkennbar die Zukunft der Mobilität mutig und entschlossen mitgestalten – das kann ich als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen nur begrüßen.“

WAZ: Zum Thema Flüchtlinge. Im Wolfsburger Ortsteil Kästorf mit 1300 Einwohnern sollen voraussichtlich Hallen für 400 Flüchtlinge entstehen. Er herrscht große Angst, dass der kleine Ort diese Menge nicht leisten kann. An welcher Stelle muss der Bund den Ländern und Kommunen unter die Arme greifen?

Weil: Der Bund muss dringend dafür sorgen, dass dieser ungeheure Druck, den wir in den letzten drei Monaten erlebt haben, nachlässt. Seit einem Vierteljahr kamen im Durchschnitt jeden Tag rund 1000 Menschen nach Niedersachsen. Wir haben die Zahl der Plätze in Notunterkünften von 1300 auf 37.000 gesteigert.

WAZ: Was muss geschehen, um der Flüchtlingsströme Herr zu werden?

Weil: Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass sich die Zuwanderung nach Deutschland künftig planbar und organisierbar entwickelt. Das Erste ist die Bekämpfung der Fluchtursachen. Das muss mit einem ganz anderen Nachdruck geschehen als das bislang der Fall ist. Zudem müssen die EU-Außengrenzen gesichert werden und wir müssen dafür sorgen, dass es entlang der Flüchtlingsrouten Aufnahmelager gibt, in denen die Menschen vorübergehend gut untergebracht werden können

WAZ: Es wird immer schwieriger, Unterkünfte für die Flüchtlinge bereitzustellen. Wie ist das zu lösen?

Weil: Es müssen viele bezahlbare Wohnungen gebaut werden für Flüchtlinge und für Menschen mit niedrigem Einkommen. Die Politik wird sich enorm anstrengen müssen, auch im Bereich der Bildungs- und der Arbeitsangebote. Die eigentliche Aufgabe, die Integration dieser Menschen, steht uns noch bevor.

WAZ: Haben Sie die Befürchtung, dass die Stimmung langsam kippt...?

Weil: Das Jahr 2015 war für die deutsche Politik kein Ruhmesblatt, für die deutsche Gesellschaft umso mehr. Ich finde die Art und Weise, wie Hilfsbereitschaft und Mitgefühl gezeigt werden, atemberaubend. Die meisten Menschen in Niedersachsen sind problembewusst und gleichzeitig sehr gutwillig.

WAZ: Aber auch die vielen Helfer kommen spürbar ans Ende ihrer Kräfte...

Weil: Wir haben jetzt das Bündnis „Niedersachsen packt an“ ins Leben gerufen. Dazu gehören die Landesregierung, die beiden großen christlichen Kirchen, die Unternehmerverbände und der DGB. Wir wollen, dass das ein breites Bündnis wird. Das Bündnis hat sich vor allem vorgenommen, die Aufnahmebereitschaft und das ehrenamtliche Engagement in Niedersachsen in den nächsten Jahren immer wieder zu bestärken und zu fördern.

WAZ: Thema Terror. In Wolfsburg gab es beim Champions-League-Spiel Alarm wegen eines Kartons auf dem Parkplatz. Und in Hannover wurde wegen Terrorgefahr das Länderspiel abgesagt. War das eine richtige Entscheidung?

Weil: Der Abend, an dem das Länderspiel abgesagt wurde, war der unangenehmste Abend in diesem Jahr für mich. Ich war drei Stunden lang im Büro von Innenminister Pistorius, wir haben gewartet, ob doch noch etwas passiert. Es war eine sehr beklemmende Atmosphäre. Die Informationen, die es zu diesem Zeitpunkt gab, ließen überhaupt keine Alternative zu, als dieses Spiel abzusagen.

WAZ: Muss Deutschland in ständiger Angst vor Terror und Anschlägen leben?

Weil: Ich weiß nicht, ob der Terror zu uns kommt. Vielleicht ist er schon fast dagewesen und man hat ihm ganz knapp vorgebeugt. Für mich ist es wichtig, dass sich die Menschen eben nicht in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen. Wir haben eine freie Gesellschaft zu verteidigen und das tun wir am besten, indem wir unsere Freiheit auch leben.

WAZ: Zu dieser Freiheit gehört auch der Fußball. Wo steht am Saisonende Ihr Lieblingsclub Hannover 96, wo der VfL Wolfsburg und wo Eintracht Braunschweig in der Zweiten Liga?

Weil: Hannover 96: Platz 15. Eintracht: Relegationsspiel. Und die Wölfe: wieder Champions League.

WAZ: Und wie weit kommt der VfL jetzt in der Champions League in der K.o.-Runde?

Weil: Wenn man erstmal in der K.o.-Runde ist, geht alles. Wer Manchester schlägt, kann auch alle anderen schlagen!

WAZ : Zum Abschluss: Wie feiert ein Ministerpräsident Weihnachten?

Weil: Ganz normal.

WAZ: Gibt es Kartoffelsalat und Würstchen?

Weil: Das ist jedes Jahr eine Grundsatzdiskussion im Familienrat. Wenn‘s nach mir ginge, gäbe es stets Kartoffelsalat und Würstchen. Meine Frau und mein Sohn aber sorgen auch mal für Abwechslung, es ist also auch möglich, dass Geflügel auf dem Tisch steht.

WAZ: Und die Feiertage nutzen Sie zum Entspannen?

Weil: Ich genieße die Weihnachtstage und die Tage zwischen den Festen, weil das bei mir eine Kette von Ritualen ist. Am Ersten Weihnachtstag kommt mein Bruder mit seiner Familie, am Zweiten Weihnachtsfeiertag fahren wir zur Familie meiner Frau. Und ich treffe mich mit meinen urältesten Freunden aus dem alten Jugendkeller und mit alten Klassenkameraden. Ehrlich gesagt komme ich dann aus dem Feiern kaum mehr raus.

WAZ: Und Sie haben sicher schon alle Geschenke besorgt?

Weil: Das Protokoll verzeichnet betretenes Schweigen... Immerhin weiß ich schon, was ich besorgen will!

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