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IS-Prozess: Unabsichtlich Terrorist?

Wolfsburg IS-Prozess: Unabsichtlich Terrorist?

Wolfsburg/Celle. Sie waren für den Islamischen Staat im Einsatz, das steht fest. Gestritten wird darüber, welche Motive die beiden Angeklagten nach Syrien und in den Irak trieb. Ayoub B. hat seine eigene Version.

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Celle: Der Prozess gegen zwei mutmaßliche IS-Kämpfer aus Wolfsburg hat am Vormittag begonnen.

Quelle: dpa

Hinter einer Plexiglasscheibe sitzt Ayoub B.. Der junge Mann im weißen Hemd und mit schwarzen Löckchen verfolgt aufmerksam die Worte seines Anwalts, der seine Aussage vorliest. Über Dutzende Seiten zeichnet B. von sich selbst das Bild eines gutgläubigen Verlierers, der erst unwissentlich und später unter Zwang bei der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) mitmachte.  

Der 27-Jährige muss sich seit Montag zusammen mit Ebrahim H. B. (26) vor dem Oberlandesgericht Celle dafür verantworten, zwischen Juni und Mitte August 2014 beim IS in Syrien und im Irak gewesen zu sein. Das geben die beiden jungen Männer aus der VW-Stadt Wolfsburg auch zu. Allerdings weist Ayoub B. von sich, aus eigenem Antrieb und Überzeugung gehandelt zu haben.

Die beiden Angeklagten Ebrahim H. B. (26, 2.v.l.) und Ayoub B. (27, r, verdeckt von einem Aktenordner) sitzen zu Beginn der Verhandlung am 03.08.2015 in einem mit Sicherheitsglas abgetrennten Raum im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in Celle (Niedersachsen).

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Gegenüber von Ayoub B. sitzt Claudia Gorf von der Bundesanwaltschaft. Nur vier schmale Fenster knapp unter der Decke lassen Licht in den speziell gesicherten Gerichtssaal. Vor dem Gebäude stehen Polizisten mit Maschinenpistolen. Gorf hält den beiden Deutsch-Tunesiern vor, die terroristischen Ziele des IS gefördert und im Internet für den Heiligen Krieg geworben zu haben. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter: Die beiden Angeklagten seien im Sommer 2014 nach Deutschland zurückkehrt, „ohne ihre ideologische Übereinstimmung mit dem IS aufgegeben zu haben.“ Beide Angeklagten haben sich mittlerweile öffentlich vom IS distanziert.  

Ayoub B. schildert vor Gericht, er habe Probleme in der Schule gehabt, musste auf die Hauptschule wechseln. „Weil ich überfordert war.“ Er habe Gras geraucht und rumgehangen. „Ich war das Sorgenkind meiner Familie.“ Später arbeitete er als Zeitarbeiter bei VW, das Gehalt aber verspielte er. Er habe getrunken und Kokain konsumiert.  

„Beten war mir fremd“, sagt Ayoub B. „Wir hatten mit Religion nichts zu tun“, sagte auch Ebrahim H. B. in einem Fernseh-Interview, das er vor einigen Wochen im Gefängnis gab. Die beiden Männer waren in Wolfsburg an radikale Islamisten geraten. Die Gruppe gibt Halt. „Wir schaukelten uns gegenseitig hoch.“ Wer ist der strengste Muslim?  

Im Mai 2014 brechen beide in Richtung Syrien auf. Er sei in dem Glauben dorthin gereist, an einer Islamschule Koranunterricht zu bekommen, sagt Ayoub B. „Es war keine Rede vom kämpfen.“  Er muss das Gericht überzeugen, dass er von seinem IS-Einsatz weder im Vorfeld gewusst, noch ihn befürwortet hat. Andernfalls drohen ihm bis zu 10 Jahre Haft. Laut Anklage soll er an Waffentrainings teilgenommen und sich an Kampfeinsätzen beteiligt haben. 

In Syrien müssen sich die Neuankömmlinge entscheiden: Kämpfer oder Selbstmordattentäter? „Ich war total schockiert“, sagt Ayoub B. Er entschied sich für Kämpfer. „Dies schien mir als das kleinste Übel und meine einzige Chance zu überleben.“ Sie seien bewacht und eingeschüchtert worden: Weglaufen zwecklos, gibt Ayoub B. zu verstehen. Er habe mehrfach darum gebeten, nach Hause zu dürfen, zur Kampfausbildung sei er gezwungen worden. Als Krankenfahrer während eines Kampfes sei er nur tätig gewesen, um zu überleben. Schließlich sei ihm die Flucht gelungen. 

Doch es gibt erhebliche Zweifel, ob Ayoub B. tatsächlich so harmlos und naiv ist, wie er tut. Ein Foto zeigt ihn mit Kalaschnikow und Sprengstoffgürtel und IS-Fahne. Ayoub B. erklärt: IS-Männer hätten ihn bewusst in diese Situation gebracht, um seine Familie gegen ihn aufzubringen und ihn zu isolieren.  

Zwei Ausraster, die er sich zurück in Deutschland leistete, begründet er so: Er habe sich aus Trotz so gegeben, wie es von ihm erwartet worden sei - als Islamist. Im Gefängnis hatte er unter Gesängen Maschinengewehrsalven imitiert.    Zudem gibt es Mitschnitte von verräterischen Internet-Chats, in denen die beiden Angeklagten neue Mitglieder aus Deutschland werben und sich inbrünstig zum IS bekennen. Auch darauf hat Ayoub B. eine Antwort: Er habe sich nach außen verstellen müssen, damit seine IS-kritische Haltung nicht auffliegt. „Mir blieb gar nichts anderes übrig, als so zu tun, als wäre ich ein glühender Anhänger des IS.“

dpa

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