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Ein Schiff als Treffpunkt für rechte Jugendliche

Politik vor 25 Jahren Ein Schiff als Treffpunkt für rechte Jugendliche

Es war ein mehr als skurriler Plan, die Streetworker Jens Brüggemann der Stadt Wolfsburg vor 25 Jahren vorlegte: Rechtsradikale Jugendliche sollten ein Schiff auf dem Mittellandkanal als Treffpunkt bekommen. Die Idee wurde nie realisiert, Politiker erinnern sich an die Diskussion vor einem Vierteljahrhundert.

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Quelle: Kevin Nobs (Repro)

Wolfsburg. Die Stadt kauft ein Schiff und macht es auf dem Mittellandkanal nahe der Berliner Brücke fest – als Treffpunkt für Jugendliche aus der rechten Szene. Diese mehr als ausgefallene Idee schlug vor 25 Jahren hohe Wellen. Auch wenn das Projekt nie verwirklicht wurde: Politik, Polizei und Verwaltung waren seinerzeit fast durch die Bank begeistert von dem Vorstoß des damaligen Streetworkers Jens Brüggemann. Die WAZ fragte einige der Beteiligten, wie sie im September 2017 über die Diskussion von vor einem Vierteljahrhundert denken.

Rechradikale Jugendliche fühlten sich von der Bevölkerung oft „missverstanden“, in anderen Freizeiteinrichtungen gebe es ständig Ärger mit anderen Besuchern, auf dem Kanal weit weg von Nachbarn würden sie niemanden stören und seien vielleicht sogar integrierbar – so der ungewöhnliche Ansatz des Streetworkers seinerzeit. Und Jens Brüggemann erhielt viel Applaus bis hin zum Jugendhilfeausschuss, wo sich so gut wie kein Protest regte. „Rundweg Zustimmung“ konstatierte der damalige Ausschussvorsitzende Ingolf Viereck. Jetzt erinnert sich der SPD-Politiker: „Den Fachleuten schien das ein guter Ansatz, und Wolfsburg war schon immer dafür gut, ausgefallene Wege zu beschreiten.“ Aus jetziger Sicht sei sicherlich „eher fraglich, ob das geklappt hätte“.

Damalige Kripo-Chefin: „Das soll ich gesagt haben?“

Der Polizei wäre es einen Versuch wert gewesen. Man könne diese Jugendlichen schließlich nicht überall ausgrenzen, könne sie in so einem Treff womöglich sogar „zur Vernunft bringen“, zitierte die WAZ die damalige Kripo-Chefin Margarethe Heine. Aktuell wundert sie sich eher über ihre damaligen Aussagen: „Das soll ich gesagt haben? Ich würde eher meinen, das war eine ziemlich kuriose Idee.“

Oberbürgermeister Klaus Mohrs war seinerzeit Jugendamtsleiter, sah bereits damals „ein gewisses Risiko“ in dem Plan, den er aber nicht rundweg ablehnen wollte. „Sozialarbeit soll sich mit allen Menschen beschäftigen, die sich in problematischen Situationen befinden“, findet er auch heute noch. Der konkrete Plan mit dem schwimmenden rechten Jugendtreff auf dem Kanal „schien damals vielleicht eine gute Idee zu sein, jetzt würde man das wohl anders sehen.“ Als einzige Politikerin positionierte sich vor einem Vierteljahrhundert Elke Braun von den Grünen klar gegen das Schiff. Vergleichbare Versuche seien in anderen Städten bereits schief gegangen: „In einem solchen Treff hat die Polizei eine Nazi-Druckerei hoch genommen.“ Noch immer sieht sie sich in ihrer Einschätzung bestätigt: „Das war schon ein mehr als skurriler Ansatz.“ Aus den Ansätzen aber kam das Projekt zum Schluss nie heraus – vielleicht ganz gut so.

Von Ulrich Franke

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