Volltextsuche über das Angebot:

31 ° / 15 ° sonnig

Navigation:
Zehn Jahre nach dem Aus: Herr Pander, wie war das eigentlich?

VfL Wolfsburg Zehn Jahre nach dem Aus: Herr Pander, wie war das eigentlich?

Am 24. August 2004 endete die Amtszeit des Mannes, der den VfL Wolfsburg als Manager in die 2. Liga, in die Bundesliga und ins internationale Geschäft geführt hatte. Danach war er kurz als Sportdirektor in Mönchengladbach tätig, seit 2008 lebt er an der Ostsee. Die AZ/WAZ hat ihn dort besucht.

Voriger Artikel
Malandas Fehlschuss: „Der Ball war zu schnell“
Nächster Artikel
Benaglio noch nicht gesund
Quelle: Pahlmann Andreas

Wenn man vom kleinen Bahnhof in Scharbeutz runter Richtung Ortskern schlendert, kann man irgendwann das Meer riechen. Und zwar ungefähr da, wo die Bundesstraße 76 den Weg kreuzt, der zehn Fußminuten später zum Bayside-Hotel führt, einem nagelneuen Urlaubstempel direkt an der Lübecker Bucht. Hier beginnt die Strandpromenade mit den üblichen Speiseeis- und Luftmatratzenanbietern, neuen Restaurants und alteingesessenen Cafés, so wie man es kennt, wenn man als Kind mit den Eltern an die Nord- oder Ostsee verreisen durfte. Damals, als es noch „Kurtaxe“ hieß und nicht „Ostseecard“.

Wir wollen hier mit Peter Pander reden. Über den 22. August 2004, den Tag, an dem sich für den VfL und Pander viel veränderte. Sehr viel. A-Jugendspieler bei Hannover 96 war er, Bankkaufmann, Angestellter im VW-Konzern, Spielertrainer in Heiligendorf und Brackstedt, schließlich 1991 Liga-Obmann der ehrgeizigen Drittliga-Fußballer des VfL Wolfsburg. 1992 Aufstieg in die 2. Liga. Und 1997 - schon mit der Amtsbezeichnung „Manager” - Aufstieg in die Bundesliga. Als der VfL in der ersten Runde des DFB-Pokals 2004/05 antritt, ist er längst ein etablierter Erstliga-Klub und Peter Pander ist längst ein etablierter Macher.

Die Amateure des 1. FC Köln sind an diesem August-Sonntag der Gastgeber - sportlich kein Problem. Im Mittelfeld setzt VfL-Trainer Erik Gerets auf den gerade aus Kaiserslautern geholten Marian Hristov, stellt ihn neben Miroslav Karhan und Pablo Thiam ins Mittelfeld. Doch Hristov dürfte nicht spielen, er ist nach einer Roten Karte im Pokalfinale 2003 (Kaiserslautern gegen Bayern) noch gesperrt. Keiner beim VfL hat daran gedacht. Ein Info-Fax, das der DFB eigentlich immer zur Sicherheit einige Tage vorm Spiel verschickt, kam in Wolfsburg nicht an. Die Kölner wissen von Hristovs Sperre, aber sie schweigen, bis das Spiel angepfiffen und ihnen der Sieg am grünen Tisch sicher ist. Das eigentliche Ergebnis (3:0 für den VfL) ist Makulatur, die Spielwertung für die Kölner Amateure wird noch am selben Tag bestätigt. „Es tut mir leid für die Mannschaft”, sagt Pander auf der Pressekonferenz. Und: „Ich muss dafür die Verantwortung übernehmen”. In Wolfsburg fordert Wolfgang Heitmann, Ex-Fußball-Chef des VfL, als Erster Panders Rücktritt. Pander selbst muss sich am Tag nach dem Spiel einer lange geplanten Fuß-OP in Köln unterziehen. Einen weiteren Tag später trifft er sich in Wolfsburg mit Lothar Sander, VW-Vorstand und Aufsichtsratschef des VfL. Pander muss nach 13 Jahren im Amt gehen. Der Abschied wird offiziell als Rücktitt verkauft.

Warum mussten Sie gehen?

Es gab keine Begründung. Keiner hat gesagt: „Herr Pander, Sie waren da zu achtlos” oder etwas in der Art. Bis heute nicht. Und es konnte auch keiner sagen, ob es dieses Fax gab. Ich habe telefoniert, keiner wusste es. Es ist ja auch sonst niemandem aufgefallen, auch nicht in der Pressekonferenz zwei Tage vorm Spiel, bei der ja noch über Marian Hristov geredet wurde. Ich bin dann erst am Spieltag angereist, weil einen Tag vorher mein Sohn eingeschult wurde. Als mein Kölner Kollege Andreas Rettig dann kurz nach dem Anpfiff diesen Zettel aus der Tasche zog und sagte „Ihr habt da ein Problem”, traf mich das völlig unvorbereitet.

Sie haben das Andreas Rettig übel genommen.

Er wusste ja, dass wir da einen gesperrten Spieler dabei hatten, die Kölner Spieler wussten das auch schon vorm Anpfiff. Er hätte es sagen können, das wäre Fairplay gewesen. Aber er musste natürlich auf die Interessen seines Klubs achten, von daher konnte ich ihn auch verstehen. Nur dass er direkt nach dem Anpfiff zu mir kommt und sagt: „Ihr habt da ein Problem“, das fand ich nicht in Ordnung. Dann hätte er besser gar nichts gesagt und einfach nach dem Spiel Protest eingelegt.

War Ihnen klar, was diese Panne bedeutet?

Ich wusste, dass es reichlich Häme und Spott geben würde. Auch bundesweit. Ich hätte das alles ertragen müssen, auch weil ich nicht anderen die Verantwortung zugeschoben habe.

Waren Sie wütend, als Sie dann gehen mussten?

Nein. Aber ich gebe zu, dass ich eine Weile damit zu tun hatte. Gerade, weil es keine richtige Begründung gab.

Die Hristov-Panne war der Anlass für Ihren Abschied...

...aber nicht die eigentliche Ursache. Die echten Gründe lagen woanders, da muss man weiter zurückgehen. Das hat mit Jürgen Röber zu tun.

Wenn Peter Pander redet, klingt er immer noch wie vor zehn Jahren. Kurze Sätze, kantige Worte, klare Ansagen, alles noch da. Nur dieses leicht Distanziert-Ironische von damals ist weg. Als er Manager des VfL Wolfsburg war, hatte Peter Pander diesen Unterton noch und auch darum hatte er den Ruf, irgendwie ein bisschen abgehoben zu sein. Damals, so stand es mal in der WAZ, hatte der VfL zwei Probleme. Das erste: Pander glaubte der Einzige zu sein, der in Wolfsburg was von Fußball versteht. Das zweite: Er hatte damit Recht. „Das würde ich so nicht ausdrücken“, sagt Pander heute, lacht dabei und plaudert kurz mit den Leuten am Nebentisch. Einheimische, man kennt sich. Dann geht‘s wieder um Jürgen Röber. Und darum, dass der Abschied von Pander im Grunde schon eineinhalb Jahre vor der Trennung begann.

Anfang 2003 geht‘s dem VfL nicht gut. Dass Trainer Wolfgang Wolf am Saisonende gehen wird, steht bereits fest. Nur eines der fünf Rückrundenspiele hat der VfL gewonnen, Wolf fühlt sich zunehmend machtlos, sein Star Stefan Effenberg ist nicht fit. Nach einem 1:1 in Nürnberg muss Wolf seinen Hut nehmen, elf Saisonspiele stehen noch aus. Wer wird Nachfolger? Morten Olsen hat kurz zuvor abgesagt, Jürgen Kohler kurz danach. Seit Wochen bereits wird über Jürgen Röber spekuliert. Aber den will Pander nicht - und dummerweise ist das öffentlich auch schon durchgesickert.

Wer wäre damals die Alternative zu Röber gewesen?

Joachim Löw.

Das klingt aus heutiger Sicht spektakulär, weil Jogi Löw gerade Weltmeister geworden ist. Aber damals hatte Löw eine ganz andere Reputation...

Ja, weil er drei Jahre vorher mal in Karlsruhe entlassen worden war. Ich traf mich mit ihm in Hannover, und er machte fachlich einen hervorragenden Eindruck. Er war sogar bereit, erst mal nur für drei Monate zu kommen, bis Saisonende. Ich wollte damals keine langfristige Lösung. Um ehrlich zu sein, hatten wir damals keine Trainer-Idee, von der wir alle überzeugt waren. Wir haben alles mögliche diskutiert. Sogar Otto Rehhagel.

Der Aufsichtsrat setzte Röber durch.

Und ich habe dann gesagt: Das war‘s für mich, ich höre auf. Mein Vertrag wäre ein Jahr später ausgelaufen, da war es mir zu riskant, eine Lösung mitzutragen, hinter der ich nicht stehe. Am nächsten Morgen fing dann mein Telefon an zu klingeln, ein Aufsichtsratsmitglied nach dem anderen. „Das können Sie nicht machen“, „Wir brauchen Sie“ und so weiter. Dann habe ich gesagt: Ich bleibe. Ich habe mich überreden lassen, zum zweiten Mal übrigens, ein Jahr vorher stand ich kurz vor einem Wechsel zu Hannover 96.

Die Verpflichtung von Jürgen Röber und Ihre Vertragsverlängerung - natürlich zu leicht verbesserten Bezügen - wurden dann vom VfL gleichzeitig verkündet. War das nicht eine unfassbare Dummheit, weil der Eindruck entstand, man hätte sich Ihre Zustimmung erkauft?

Ja, aber was sollte ich machen? Es war der Wunsch des Aufsichtsrats, dort meinte man, die gemeinsame Verkündung würde einen guten Eindruck machen. Das hat vielleicht auch ein bisschen die Unerfahrenheit des Aufsichtsrats in solchen Dingen gezeigt.

Der VW-Einfluss im Aufsichtsrat war zu dieser Zeit bereits größer geworden - und VW-Vorstand Peter Hartz hatte bereits öffentlich von der Champions League als Ziel gesprochen. Wie gingen Sie damit um?

Das war nicht immer einfach. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir einmal als VfL-Führung vor dem kompletten Konzernvorstand unter dem damaligen VW-Chef Pischetsrieder aufgetreten sind. Und ich als kleiner VfL-Manager habe versucht zu erklären, welche finanziellen Anstrengungen man unternehmen muss, um wirklich an die Champions League denken zu können. Ich hatte das Gefühl, einige wollten das gar nicht hören.

Haben Sie selbst damals auch Fehler gemacht?

Vielleicht war ich nicht diplomatisch genug. Ich habe 1991 angefangen, die ganze Sache mit aufzubauen, wir haben Spieler wie Greiner, Nowak oder Akpoborie zum VfL geholt, auf die außer uns keiner gekommen wäre. Wir hatten Spieler wie Petrov oder Sebescen, die wir mit großem Gewinn wieder abgegeben haben. Ich habe dann irgendwann mal gesagt: „Ich mach‘ das jetzt ein paar Jahre, und ich weiß, wovon ich spreche!“ So sollte man mit einem VW-Vorstand dann eher nicht reden. Aber in diesem Geschäft kannst du es nicht allen recht machen. Wenn ich von meinem Plan überzeugt war, habe ich immer versucht, meine Ideen umzusetzen. Ein Fehler war es sicherlich, nach der Sache mit Hristov in Köln gleich zu sagen, dass ich die Verantwortung übernehmen werde. Das dürfte für einige eine Steilvorlage für die Trennung gewesen sein.

Bei alten Weggefährten aus dem ehemaligen Fußballvorstand - etwa Wolfgang Heitmann oder Bernd Sudholt - hatten Sie auch keinen Rückhalt mehr. Haben Sie nach der Trennung von Jürgen Röber nach nur einem Jahr vielleicht zu sehr Ihre Genugtuung gezeigt?

Nein, dass es mit Röber nicht weitergehen kann, war ja allen klar, da herrschte ja Einigkeit. Aber ich wusste natürlich, dass der eine oder andere über mich sagte „Der fliegt zu hoch“ oder „Der wird langsam überheblich“.

Das Restaurant Herzbergs, in dem wir reden, versprüht diesen leicht nostalgischen Charme zwischen Schick und Plüsch. Stoffservietten, Designlampen, das Tagesangebot mit Kreide auf eine grüne Tafel gemalt. So ein Restaurant meinten die Eltern früher, wenn sie sagten „Heute gönnen wir uns mal was“. Peter Pander gönnt sich ein Mineralwasser. 63 ist er jetzt, aber er sieht bei weitem nicht wie 63 aus, dazu ist er viel zu fit und die Augen unter der sich zugegebenermaßen vergrößernden Stirn sind viel zu wach. Seine Erinnerungen an die Abläufe vor zehn Jahren sind erstaunlich präzise.

Wie war es, nachdem Ihr Rücktritt verkündet worden war?

Ich war ein paar Tage später bei der Mannschaft in der Kabine. Die Spieler haben Pizza ausgegeben, es war ziemlich emotional.

Haben Sie Abstand gebraucht?

Ja, ich bin dann für eine Weile nach Spanien gegangen, war ein paar Wochen in der Nähe von Alicante.

Wenn man zu dieser Zeit mit Ihnen gesprochen hat, wirkten Sie ziemlich verbittert...

Kann sein. Ich war ja quasi ein Mann der ersten Stunde in der Entwicklung des VfL zum Profifußball-Klub, und ich hatte schon das Gefühl, auch eine Menge auf die Beine gestellt zu haben. Da ist es doch klar, dass man am Verein hängt - und das man dementsprechend keine fröhlichen Gedanken hat, wenn es so zu Ende geht.

Wie haben Sie damals Ihre persönliche Zukunft gesehen?

Mir war relativ schnell klar, dass ich gern wieder eine Aufgabe im Fußball übernehmen möchte.

Hatten Sie keine Angst, dass Ihnen zu sehr der Stallgeruch des Profi-Fußballs fehlt, weil Sie ja „nur“ Quereinsteiger waren?

Wer mir Böses wollte, hat das vielleicht so gesehen. Aber ich habe mich immer genug mit Fußball beschäftigt, um gut zurechtzukommen. Und ich bleibe dabei: Du musst nicht Spieler gewesen sein, um zu wissen, wie das Geschäft funktioniert. Das gilt heute immer noch.

Sieben Monate lang ist Peter Pander raus aus diesem Geschäft, da ruft der Geschäftsführer von Borussia Mönchengladbach an. Innerhalb von 72 Stunden waren dort Trainer Dick Advocaat und Sportdirektor Christian Hochstätter zurückgetreten, der einst ruhmreiche Klub vom Niederrhein suchte einen sportlichen Neuanfang. Hochstätter selbst hat Pander empfohlen, zwei Tage nach dem Anruf wird er am Bökelberg vorgestellt. Die Amtszeit verläuft unerfreulich. Pander holt Federico Insua, den mit 4,5 Millionen Euro Ablöse bis dahin teuersten Gladbach-Spieler aller Zeiten, aber der funktioniert nicht. Auch als Jupp Heynckes Trainer Horst Köppel beerbt, stellt sich sportlich keine Besserung ein. Anfang 2007 rutscht Gladbach sogar auf den letzten Platz ab. Die Lage eskaliert, es gibt Morddrohungen gegen Heynckes und Pander. Zuerst nimmt der Trainer seinen Hut, dann geht auch Pander.

War Gladbach ein Fehler?

Ich muss mir zumindest vorwerfen, dass ich mich vorher nicht gut genug informiert habe, wie es in diesem Verein zugeht. Und ich hätte misstrauisch werden müssen, als ich Erik Gerets als Trainer vorschlug und als Antwort bekam, meine Nähe zu ihm sei nicht gut. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es gut ist, wenn Trainer und Sportdirektor eine gute Ebene im Umgang miteinander haben. Aber in Gladbach gibt es einen Präsidenten...

...Rolf Königs...

...der alles in der Hand haben will und seine Strippen zieht. Das habe ich am Anfang nicht durchschaut. Ich hatte mit Jupp Heynckes gesprochen, der dann schließlich bereit war, wieder Trainer in Gladbach zu werden. Bei der Pressekonferenz zu Heynckes‘ Vorstellung trat dann der Präsident auf, erzählte von den guten Gesprächen und dass man den Trainer habe überzeugen können und so weiter. Mein Name fiel dabei nicht einmal. Als Heynckes dann später auf der Kippe stand, sollte es eine Sitzung geben, in der seine Zukunft besprochen wird. Als ich zu der Sitzung kam, hieß es: „Wir haben alles schon geklärt, Heynckes bleibt“. Und ich dachte nur: „Interessant, wie das hier so läuft...“ Später brauchten wir einen neuen Stürmer, ich war mit Aristide Bancé einig, der saß schon im Hotel, als vom Präsidium das „Nein“ kam - und später wurde erzählt, ich wäre nicht in der Lage gewesen, den Angriff zu verstärken.

Heynckes scheiterte später doch noch, „Die Welt“ schrieb damals, er sei „ein Trainer, der in der Bundesliga einfach nicht mehr funktioniert“. Sechs Jahre später holte er das Triple mit Bayern und galt als einer der größten Trainer, die es in Deutschland je gab.

Heynckes war damals in Gladbach noch ein ganz Anderer. Er wollte unbedingt eine neue Fohlen-Elf erfinden und setzte nur auf junge Leute, auf Spieler wie zum Beispiel Eugen Polanski, Oliver Kirch oder Tobias Levels, die damals aus der Jugend kamen. Später hat er dann gezeigt, dass er große Mannschaften zum Erfolg führen kann.

Haben Sie noch Kontakt?

Ich habe nach wie vor ein gutes Verhältnis zu ihm, nach dem Triple 2013 mit den Bayern habe ich angerufen, um ihm zu gratulieren.

Heynckes‘ Jugend-Idee in Gladbach funktionierte nicht, die Fans liefen Sturm, es gab sogar Morddrohungen. Wie muss man sich das vorstellen?

Es kamen Briefe in die Geschäftsstelle, DIN A 4, mit Schreibmaschine geschrieben, in denen dann so Sachen standen wie „Wenn Heynckes und Pander nächste Woche noch da sind, dann passiert was“ und noch schärfere Formulierungen. Wir haben die Polizei verständigt, die dann ständig bei uns zuhause Streife gefahren ist. Meine Frau war nicht so begeistert davon, dass dreimal am Tag die Polizei vor der Tür stand und ist mit der Familie zwischendurch nach Spanien gereist. Den Jupp Heynckes hat das alles noch mehr angegriffen als mich, weil er es nun überhaupt gar nicht verstehen konnte. Besonders schlimm war es vor einem Spiel in Cottbus, da kam ein Brief, in dem konkret stand, man müsse ja „wissen, dass die polnische Grenze nicht weit“ sei, potentielle Täter also leicht fliehen könnten. Auf dem Flug zu dem Spiel waren dann Kripo-Beamte dabei, einer neben mir, einer neben Heynckes.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ich bin bestimmt kein ängstlicher Mensch. Aber ich habe plötzlich gemerkt, dass ich mich jedesmal umschaue, wenn ich aus dem Auto steige. Und als meine Frau mit dem Hund ging, fiel ihr plötzlich ein Mann mit dunkler Kapuzenjacke auf. Man macht sich halt Gedanken.

Am späten Nachmittag des 3. März 2007 lehnt Peter Pander an einer Wand des Presseraums in der VW-Arena. Ausgerechnet in diesem Stadion, dessen Bau er entscheidend vorangetrieben hatte, hat Borussia Mönchengladbach gerade eine ganz bittere 0:1-Niederlage kassiert. Zwischen Büfett und Hintertür stellt er sich an diesem Samstag den Fragen von einem Dutzend Journalisten, und das buchstäblich mit dem Rücken zur Wand. Rücktritt? Pander, dem die Morddrohungen sichtbar zugesetzt haben, weicht aus, sagt Sätze wie „Zehn Spiele haben wir noch, das können eine Menge sein, aber das können auch ziemlich wenig sein…“ Dann fährt er mit vielen Gedanken im Kopf zurück an den Niederrhein. Dass spätestens zum Saisonende für ihn Schluss sein soll in Gladbach, gilt längst als ausgemacht. Er führt Gespräche, viele Gespräche. Am Montag, am Dienstag, am Mittwoch. Am Donnerstag vertröstet er am Bökelberg wartende Journalisten mit dem Satz: „Ich bin nur kurz weg“. Ein paar Stunden später wird sein Rücktritt verkündet. Und Peter Pander ist nicht kurz weg von der Bundesliga-Bühne, sondern für immer.

Zwischendurch hat einer dieser plötzlichen Küstenregen eingesetzt, mit Wind vom Meer, das nur gut 100 Meter weit weg ist. Aber hier, auf der gemütlichen Terrasse des Restaurants, halten große Markisen das Wasser ab. Die Energie, mit der Pander gegen den Lärm der Tropfen anredet, beeindruckt. Und das, obwohl ihn gerade eine leichte Erkältung plagt. Und obwohl er monatelang nicht joggen konnte, weil er sich die Schulter gebrochen hat, als er einem Bekannten bei der Boots-Renovierung half. Blöde Sache, schlecht verheilt, aber es geht wieder. Er guckt auf die Uhr, ja ein bisschen Zeit habe er noch, dann müsse er wieder. Telefonate, Geschäfte. Pander ist selbstständig, Bereich Sportmarketing. Die Trennung von Borussia Mönchengladbach fiel nach juristischen Streitereien wirtschaftlich einigermaßen ordentlich aus. Leben könne er vom Ersparten, Existanzängste habe er nicht. Und zu tun gibt es auch immer was. Als Simon Jentzsch in Wolfsburg auf dem Abstellgleis gelandet war, half Pander mit seinen Kontakten in die Beraterszene. Dem polnische Erstligisten Lech Posen vermittelte er Sponsoring-Kontakte. Als ein Posten beim Ligaverband frei wurde, rief ihn Karl-Heinz Rummenigge an, um ihn ins Gespräch zu bringen. „Aber damit“, so gibt er zu, „hätte ich mich übernommen. Da brauchst du Knowhow, das über das eines Vereinsmanagers hinausgeht. Christian Seifert ist da der bessere Mann.“ Hat es ihn nie gereizt, wieder für einen Verein zu arbeiten? Kaiserslautern war mal interessiert, in Bielefeld wurde es zwischenzeitlich auch mal sehr konkret. „Aber wenn du diese Erfahrungen gemacht hast wie ich in Gladbach, überlegst du sehr genau, ob du sowas noch mal machen willst. Das steckst du nicht so weg.“

Sie waren ein paar Monate nach dem Aus in Gladbach wieder nach Wolfsburg gezogen, hatten ein Haus in Sülfeld. Warum sind Sie da wieder weg?

Ach, wissen Sie: Wolfsburg, das war mein Leben mit VW und mit dem VfL. Darauf wurde ich dann natürlich immer wieder angesprochen, das wollte ich einfach nicht mehr. Außerdem waren wir hier häufiger im Urlaub, fanden es immer sehr schön. Meine Frau Claudia und ich haben uns das dann genauer angeguckt, unser Sohn Max fand die Schule hier okay - und nun leben wir eben seit 2008 da, wo andere Urlaub machen. Wenn die Touristen hier sind, ist es ein bisschen voll, dann sind wir immer auch ein wenig froh, wenn der Sommer vorbei ist.

Haben Sie das Haus in Sülfeld noch?

Nein. Zunächst war es an Karim Ziani vermietet, als er beim VfL gespielt hat. Danach haben wir es verkauft.

Wolfsburg ist nicht gerade um die Ecke, sind Sie ab und zu noch im Stadion?

Ja, mittlerweile wieder. Max ist immer noch VfL-Fan, und er wollte unbedingt dabei sein, als Wolfsburg Meister wurde. Also habe ich ihm den Gefallen getan. Ein paar Spiele pro Saison schauen wir uns seitdem an. Kontakt ist ja sowieso immer da, ich besuche regelmäßig meine Tochter Dana, die bei Volkswagen arbeitet. Mit VfL-Geschäftsführer Wolfgang Hotze treffe ich mich gelegentlich, außerdem hat Wolfsburgs Co-Trainer Dirk Bremser hier an der Ostsee nicht weit entfernt ein Haus. Man sieht sich, man spricht mal ein bisschen.

Wir reden noch kurz über die Rente - „Ja, in diesem Jahr könnte ich die beantragen, muss ich mich mal drum kümmern“ - und über Wolfgang Heitmann, mit dem er sich längst wieder versöhnt hat. Dann kommt die Sonne raus und wir gehen fürs Foto ein paar Schritte Richtung Meer. „So ist das!“, sagt er in diesem Moment unvermittelt und atmet dazu ein, so hat er das schon früher gern gemacht, wenn er das Ende eines Gesprächs einleiten wollte. Ja, so ist das. Immer noch. Während des ganzen Gesprächs klang er nicht einmal nachtragend. Ja, so ist das. Peter Pander geht es gut.

Von Andreas Pahlmann

Text erschienen im AZ/WAZ-Sonderheft „Bundesliga 2014/15“

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Stell Dir ein Team zusammen, kaufe und verkaufe Spieler und sammle Punkte. Jetzt anmelden und die Chance auf tolle Preise sichern! mehr