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Wo wollen Sie mit dem VfL hin?

VfL Wolfsburg Wo wollen Sie mit dem VfL hin?

Premiere: Erstmals stellten sich die drei Geschäftsführer des VfL Wolfsburg zu einem gemeinsamen Interview. Im Gespräch mit WAZ/AZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann ging es um viele Themen, vor allem aber um eine Frage: Wo wollen Sie mit dem VfL hin? Das Interview in Auszügen:

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Alle drei Geschäftsführer des VfL Wolfsburg im Gespräch mit WAZ/AZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann.

Quelle: Photowerk (sp)

Der Sport-Geschäftsführer steht mehr im öffentlichen Fokus als die anderen – beneiden Sie die Kollegen manchmal um die relative Ruhe, in der sie ihre Arbeit machen können?

  Allofs: In Phasen mit weniger Erfolg haben es die beiden vielleicht leichter, dafür bekomme ich bei Erfolgen vielleicht ein bisschen mehr öffentliche Zuneigung ab. Das gleicht sich aus. Und ich bin ja nicht vor drei Jahren zum VfL Wolfsburg gekommen, damit ich es hier ruhiger habe. Manchmal ist es aber auch ungerecht, wenn meine Beteiligung bei Erfolgen größer rausgestellt wird als die meiner Kollegen. Bei Misserfolgen... 

Hotze: ...sind wir dann im Vorteil (lacht). 

Allofs: Die öffentliche Wahrnehmung ist nicht immer ganz gerecht, weil wir uns alle ja in gleichem Maße um den VfL kümmern. 

Röttgermann: Also ich freue mich jedenfalls, dass ich relativ unbehelligt in der City-Galerie einkaufen kann; egal, wie‘s sportlich gerade läuft. 

Spielt es im Miteinander eine Rolle, dass Klaus Allofs seit gut 40 Jahren im Profifußball zuhause ist?

Röttgermann: Natürlich. Wenn man so lange erfolgreich im Geschäft ist, bringt man auch ein Maß an Gelassenheit mit – das ist sehr angenehm. Und bereichernd für uns alle. Ich glaube, dass uns insgesamt wenig Themen begegnen können, die mindestens einer von uns Dreien nicht schon mal in irgendeiner Form erlebt hätte. 

Lassen Sie sich auch mal Fußball erklären?  

Hotze: Ja, klar. Permanent. 

Allofs: Ich stelle mich aber nicht an die Tafel und halte einen Vortrag. Meistens geht es einfach darum, Dinge zu relativieren, richtig einzuordnen. Aber das tue ich ja ohnehin oft, auch Ihnen oder anderen Medien gegenüber. 

Erfolgreich?  

Allofs: Ja, ich glaube, die Geschäftsführung und auch der Aufsichtsrat brechen nicht sofort in übergroßen Jubel aus, wenn ein neuer Spieler im ersten Spiel gleich zwei Tore schießt; und wir stellen auch nicht alles in Frage, wenn einer mal nicht sofort funktioniert. Wir ordnen das alles schon meistens ganz gut ein.

Herr Hotze, Sie haben über 35 Jahre VW-Erfahrung. Müssen Sie Ihren beiden Kollegen manchmal erklären, wie der Volkswagen-Kosmos funktioniert?   Hotze: Ja, das kommt auch vor, natürlich.  Sind Sie so etwas wie der Vermittler in der aktuellen VW-Krise?  

Hotze: Ich habe in meiner Zeit bei Volkswagen schon mehrere Krisen erlebt, die aktuelle ist mit Sicherheit die ernsteste. An den Erfahrungen lasse ich meine beiden Kollegen natürlich teilhaben und versuche zu erklären, wie da die Prozesse bei Volkswagen laufen.  

Röttgermann: Wir sehen den VfL als Fußballverein, bewerten die Dinge aus dieser Sicht. Da ist es sehr hilfreich, wenn man einen Konzern-Versteher dabei hat, der uns aufzeigt, dass man manche Sachen auch anders bewerten kann. 

Konzernvereine wie der VfL waren Ende vergangenen Jahres wieder in der Diskussion – nicht zuletzt wegen des Rettig-Vorschlags. Dieser Vorschlag, Konzernklubs aus der Zentralvermarktung auszuschließen, hat wieder Diskussionsstoff geboten. Wie würden Sie das aktuelle Image des VfL beschreiben?  

Röttgermann: Zunächst einmal glaube ich nicht, dass in der bundesweiten Wahrnehmung noch zwischen Werks- oder Konzernvereinen auf der einen und Traditionsklubs auf der anderen Seite unterschieden wird. Man unterscheidet eher zwischen erfolgreichen und gut geführten Vereinen, die eine Relevanz haben – und denen, bei denen das eben nicht so ist. Das, was Sie den Rettig-Vorschlag genannt haben, war eher ein Klassenkampf-Ansatz: Wie kann ich Argumente finden, um Geld umzuverteilen? Der Status „Konzernverein“ wird da nur vorgeschoben, um Gründe für Umverteilung zu finden. 

Die Fußballergehälter werden vermutlich steigen, weil der neue Fernsehvertrag in England auch für die anderen Top-Ligen Europas nicht folgenlos bleiben wird. Gibt es irgendwann eine moralische Grenze, wenn Profis nicht mehr das 50-fache eines normalen Angestellten verdienen, sondern vielleicht das 500-fache?  

Röttgermann: Für die Grenze sorgt der Markt. Der Fußball ist die Sportart, die über die Vermarktung der Medienrechte unglaublich attraktiv ist, weil er Menschen dazu bringt, Bezahlfernsehen zu abonnieren. Das Geld ist da, weil es erwirtschaftet wird. Wie will man das eindämmen oder zurückdrehen? Ob das Geld dann immer an die Spieler ausgeschüttet werden muss, das kann man diskutieren.

Allofs: Ich erlebe es immer im USA-Urlaub, dass dort die Dimensionen noch ganz andere sind. Wie sind im europäischen Fußball zwar den Umgang mit großen Summen gewohnt, aber was drüben im Football, Basketball oder Eishockey gezahlt wird, ist oft außerhalb unserer Vorstellungskraft. Was mich dabei beschäftigt, ist: Wie können wir dafür sorgen, dass das erwirtschaftete Geld wirklich bei denen landet, die die Plattform für alles sind  – die Vereine, die mit ihrer Arbeit die Grundlage für alles sind? Wie können wir verhindern, dass Klubs immer nur gerade so überleben, während Spieler und ihre Berater – ohne dass ich da irgendwen in Verruf bringen will – immer mehr profitieren?  

In den USA gibt es den Salary-Cap, die Gehaltsobergrenze.  

Allofs: Aber bei uns sind die Ligen national organisiert. Wenn wir hier eine Gehaltsgrenze einführen, sagt der Spieler: Okay, dann geh‘ ich in die Premier League. 

Muss die Bundesliga ihren Spielern immer mehr zahlen, um mit der Premier League mitzuhalten?  

Hotze: Das können wir doch gar nicht. Aktuell bekommt der Letzte der Premier League mehr TV-Geld als Bayern München. Röttgermann: Mit dem neuen Vertrag in England bekommt er sogar das Doppelte. 

In Deutschland wird auch bald ein neuer TV-Vertrag verhandelt...  

Hotze: Aber diese Dimensionen wird er nicht erreichen. 

In England sind es für die Liga ab Sommer rund 2,3 Milliarden Euro im Jahr.  

Röttgermann: In Deutschland halte ich für den neuen Vertrag ab 2017 so etwa 1,0 bis 1,2 Milliarden für realistisch. In England gibt es einfach doppelt oder dreifach so viele Abonnenten für Bezahlfernsehen wie bei uns. Das wird sich vielleicht in zehn, 15 Jahren wieder annähern, weil bei uns die Abo-Zahlen steigen. Aber darauf können wir nicht warten. Für die deutschen Vereine besteht die größte Chance darin, sich international zu positionieren – auch, weil wir da noch einen Nachholbedarf haben. 

Der VfL muss also darauf bauen, dass er demnächst in China, Indien oder vielleicht auch Mexiko immer beliebter wird?  

Röttgermann: Ja, eindeutig. Da sind Märkte dabei, in denen große Zuwachsraten stecken. 

Und das führt dann irgendwann dazu, dass ein Spieler wie Xizhe Zhang regelmäßig für den VfL auflaufen muss, um die globalen Märkte zu bedienen – auch wenn er sportlich keine Verstärkung ist?  

Röttgermann: Nur zu denken, wir brauchen Spieler aus diesem oder jenen Land, ist als Konzept für eine Internationalisierung sicherlich zu wenig. Man sieht es jetzt zum Beispiel an einem Verein mit südkoreanischem Hauptsponsor... 

...Bayer Leverkusen mit LG...  

Röttgermann: ...dem dieser Hauptsponsor flöten geht, weil dort keine südkoreanischen Spieler mehr sind. So geht‘s sicherlich nicht. 

Allofs: Aber Zusammenhänge gibt es da schon. Da haben wir bei Xizhe ja auch keinen Hehl draus gemacht, dass wir eine ähnliche sportliche Qualität auch in Deutschland gefunden hätten. Aber für uns ging es darum, mal herauszufinden: Wie ist denn die sportliche Qualität wirklich, wie sind denn solche Spieler zu integrieren, welche Erfahrungen macht man da? Unter diesem Aspekt haben wir da sicher dazugelernt. Aber dass das gleichzeitig das Interesse in China am VfL vergrößert hat, ist sicherlich mehr als nur ein Nebeneffekt. So weit, dass wir ihn hätten spielen lassen, um in China besser dazustehen, sind wir allerdings noch nicht. 

  Wo sehen Sie den VfL in fünf Jahren?  

Hotze: Wir wollen dauerhaft im internationalen Wettbewerb dabei sein. Und welcher internationale Wettbewerb uns da lieber wäre, das haben wir ja oft genug gesagt. 

Sind Sie selbst dann auch noch beim VfL?

Hotze: Das wird man sehen, vielleicht nicht mehr in dieser Funktion. Aber dabei bleibe ich wahrscheinlich so lange, wie man mich haben will. 

Allofs: Wenn es nach uns geht, ist er dann auf jeden Fall noch dabei. Und wo der VfL dann steht, das hängt auch von den Rahmenbedingungen ab – beispielsweise von den Regelungen des Financial Fairplay. Nur mal zum Verständnis, als theoretische Überlegung: Wenn wir vor dieser Saison gesagt hätten, wir verstärken den Kader nochmal so richtig, um die Bayern wirklich anzugreifen, dann wäre das schlicht und ergreifend nicht möglich gewesen, weil das Financial Fairplay uns da eben Grenzen setzt. 

Röttgermann: Und wir werden uns in den nächsten Jahren auch mit ganz neuen Konkurrenz-Situationen auseinandersetzen müssen. Denken Sie an RB Leipzig, das ist fast vor der Haustür. Dort wird enorm investiert, sie haben ein Nachwuchsleistungszentrum gebaut, das den Ansprüchen eines Top-Vereins der Bundesliga genügt. Und wir werden uns fragen müssen: Können wir mit dem, was Nachwuchsspielern dort geboten wird, mithalten? Wenn wir weiter junge Spieler selbst ausbilden wollen, müssen wir uns auch an solchen Konkurrenten orientieren. 

Ist unter diesem Aspekt die Verschiebung des neuen VfL-Internats wegen der Volkswagen-Krise womöglich doch ein viel größerer Rückschlag als man glaubt?

Allofs: Ein neues Internat wäre zum jetzigen Zeitpunkt gut und ein positives Signal gewesen, da wollen wir gar nicht drumherum reden. Die Planung vorerst zu stoppen, war aber andererseits auch ein gutes Signal, weil es zeigt, dass beim VfL eben auch nicht alles möglich ist. Und man darf nicht vergessen: Wir haben ja ein funktionierendes Nachwuchsleistungszentrum. 

Röttgermann: Die neue VfL-Nachwuchsakademie ist ja nicht begraben, sondern verschoben. Und die Folgen dieser Verschiebung werden wir managen. An unserer Grundidee, in den Nachwuchs zu investieren, ändert sich ja nichts. Weil das ein wesentlicher Baustein unserer Entwicklung ist. Unsere Pläne für die infrastrukturelle Neuaufstellung des NLZ sind konsequent – und ich bin mir sicher, dass sie zur Umsetzung kommen. 

Bleibt die Verschiebung des Internats die einzige öffentlich sichtbare Auswirkung der VW-Krise auf den VfL?  

Allofs: Unsere Ambitionen werden nicht runtergefahren, diese Signale haben wir ja auch von VW ganz deutlich empfangen. Wir wollen dauerhaft zu den besten drei, vier Teams in Deutschland gehören, wir wollen ein Champions-League-Klub sein. Wobei „Champions-League-Klub“ ja mehr oder weniger nur ein anderer Begriff für Höchstleistungen in allen Bereichen ist. Wir wollen sportlich ein Champions-League-Klub sein, wir wollen im Marketing ein Champions-League-Klub sein, wir wollen auch in der Ausbildung ein Champions-League-Klub sein. Und wir wollen ein innovativer Klub bleiben, der neue Ideen schneller entwickelt als andere. 

Was kommt insgesamt durch die VW-Krise auf den VfL zu?  

Hotze: Dass wir unseren Beitrag leisten müssen, daran besteht kein Zweifel. Unser Eigentümer hat uns aber nicht gesagt, dass wir die sportliche Konzeption ändern sollen. Und VW weiß: Wenn wir nur noch die Hälfte des Geldes zur Verfügung hätten, müssten wir diese sportlichen Ziele ändern. Und wir gehen immer sorgfältig mit dem Geld um, unabhängig von der Situation, in der sich Volkswagen befindet. Und das werden wir auch in Zukunft tun. 

Röttgermann: Hinter der Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Situation bei Volkswagen und demVfL-Budget steht ja oft der falsche Gedanke, der VfL würde nur Geld kosten. Das ist definitiv falsch. Wir leisten einen nachhaltigen Beitrag für Wolfsburg, den Standort unseres Eigners. Und auch für dessen Kommunikation und Außendarstellung. Das ist ein Nutzen, der letztlich auch durch die UEFA geprüft wurde und der auch in der Gesamtbetrachtung  mindestens der Dotierung des Hauptsponsor-Vertrages entspricht. Man kann sich vielleicht fragen: Braucht VW diesen Nutzen? Und da ist die Antwort eindeutig: ja. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. 

Allofs: VW wird immer investieren, in die Entwicklung neuer Fahrzeuge genauso wie in den Fußball. Wenn man nur populistisch rangeht und einen Zusammenhang herstellt zwischen möglichen Folgen der Krise auch für die Arbeitnehmer und Ablösesummen für Fußballer, dann bestärkt man ja nur genau die Vorurteile, über die wir vorhin gesprochen haben. 

Hotze: Wir tun dennoch nicht so, als wäre uns das alles egal. Das wäre ja hier in Wolfsburg auch niemandem zu vermitteln. 

Allofs: Und schauen Sie doch mal auf die Investitionen, die wir in den letzten drei Jahren getätigt haben und bei denen es auch oft hieß, dass das womöglich ein bisschen zu viel Geld sei. Diese Investitionen haben uns nicht nur in die Lage versetzt, Champions League zu spielen und den DFB-Pokal zu gewinnen – wovon auch VW profitiert – , sondern uns auch in die Lage versetzt, im vergangenen Jahr Transfereinnahmen von 100 Millionen Euro zu erzielen. Das zeigt doch, dass man weiter in einem vernünftigen Maße investieren muss, um erfolgreich zu sein: Und zwar nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich.  

Das vollständige Inteview lesen Sie im WAZ/AZ-Bundesliga-Sonderheft "Die VfL-Rückrunde 2016", erschienen heute am 20. Januar 2016.

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