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„Wir schrauben unsere Erwartungen nicht zurück“

WAZ-Interview „Wir schrauben unsere Erwartungen nicht zurück“

Natürlich könne und müsse man auch jetzt über Fußball sprechen, findet Klaus Allofs. Und das tut der 58-Jährige im großen Interview mit WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann. Der Manager des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg spricht über seine jüngste Kritik am Team, über Wintertransfers und über Franz Beckenbauer.

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Im großen WAZ-Interview: VfL-Manager Klaus Allofs.

Quelle: Photowerk (he)

WAZ: Zuletzt zwei Niederlagen in Eindhoven und Mainz, danach sehr kritische Töne von Ihnen und Trainer Dieter Hecking. Was lernt der VfL aus dieser Phase?
Allofs: Wir müssen vor allem lernen, dass wir uns nicht von der sehr schnellen Entwicklung mitreißen lassen, die dieser Verein zuletzt genommen hat, dass man das Tempo, in dem es voran ging, als normal empfindet. Das ist die Gefahr - bei mir, beim Trainer, auch im Umfeld. Es ist manchmal schwierig, das nüchtern zu betrachten. Wir haben diese Diskussion selbst angeschoben. Letztendlich war es aber alles im normalen Rahmen - und wurde vielleicht ein bisschen zu hoch gehängt.

WAZ: Fanden Sie es richtig, dass der Trainer öffentlich den Egoismus seiner Spieler angeprangert hat?
Allofs: Wichtig ist, dass das nie eine persönliche Geschichte sein darf und dass wir die Spieler, die Menschen respektieren. Aber wir müssen die Leistung ja bewerten, weil wir auch nach außen vertreten müssen, warum der eine spielt und der andere nicht. Da gehört das dazu.

WAZ: Sie selbst waren auch sehr kritisch, war der Zeitpunkt dafür bewusst gewählt? Wegen der Länderspielpause stand ja erst einmal kein VfL-Spiel an.
Allofs: Nach den Leistungen in Eindhoven und Mainz wollte ich nicht sofort zur Tagesordnung übergehen, sondern wollte da einen gewissen Reiz setzen. Ich glaube, das war wichtig - weil wir als VfL gerade in eine neue Phase eintreten.

WAZ : In welche?
Allofs: Als wir vor drei Jahren angefangen haben, haben wir gesehen, wie viel Luft nach oben in diesem Verein steckt, wie viel Platz da noch für Steigerungen ist. In der vergangenen Saison haben wir diesen Platz quasi gefüllt. Und jetzt kommen wir in die Phase, in der es um Bestätigung auf diesem Niveau geht.

WAZ: Bestätigung mit neuen Spielern auf wichtigen Positionen - wird ein Verein wie der VfL immer das Problem haben, gute Spieler wie Kevin De Bruyne nicht halten zu können, weil sie Wolfsburg dann doch nur als Zwischenschritt sehen?
Allofs: Ja, aber das gilt außer für Bayern für alle anderen Vereine in Deutschland auch. Würden wir das anders sehen, wäre das eine Fehleinschätzung unserer Möglichkeiten. Von außen heißt es zwar gern „Die können alles machen“, aber es wird immer viele Klubs geben, die ganz andere finanzielle Möglichkeiten haben. Auch Kevin De Bruyne ist ja nicht nach Manchester gegangen, weil er schon als Kind von Man City geträumt hat.

WAZ: De Bruyne fehlt dem VfL - hatten Sie gehofft, dass dieser Kevin-Faktor zu diesem Zeitpunkt der Saison schon kleiner wäre?
Allofs: Ich weiß gar nicht, ob es der Kevin-Faktor ist. Er und Ivan Perisic waren rein von den Zahlen her - Tore, Vorlagen - so herausragend, dass ein Qualitätsverlust klar war. Ein Qualitätsverlust, der aber auch für eine sehr nennenswerte Einnahme gesorgt hat. Und dass man sehr viel Geld einnimmt und dann dabei am Ende auch noch sportlich stärker ist - das kann man sich zwar wünschen, aber das ist eher unwahrscheinlich. Und ich glaube, dass wir mit Julian Draxler jemanden haben, der die Lücke schließen kann, auch wenn er kein Eins-zu-eins-Ersatz ist.

WAZ: Fehlt Tempo im Spiel?
Allofs: De Bruyne ist ja nicht Aubameyang.

WAZ: Tempo in den Abläufen, in den Entscheidungen auf dem Platz, nicht im Sprinttempo.
Allofs: Julian Draxler ist einer, der das Spiel schnell machen kann, auch wenn er sich im Umkehrspiel sicherlich noch verbessern muss. Als wir André Schürrle im Januar holten, war seine Schnelligkeit ein wichtiger Faktor. Und wir haben mit Daniel Caligiuri einen weiteren schnellen Spieler. Ich würde nicht sagen, dass uns vor allem das Tempo fehlt.

WAZ: Sehen Sie bei André Schürrle die Gefahr, dass man irgendwann sagen muss: Es hat nicht gepasst?
 Im Moment sicherlich nicht. In der vergangenen Saison war es für André nicht leicht, sich in dieser erfolgreichen Mannschaft zu etablieren, deswegen zähle ich die ersten Monate nicht. Natürlich müssen wir jetzt so ehrlich sein zu sagen: Er spielt hier nicht an seinem Limit und wir erwarten mehr. Aber ich bin weiter von seinen Fähigkeiten überzeugt - und davon, dass er ein wichtiger Spieler bei uns wird.

WAZ: Der Weg dorthin scheint von heute aus weit...
 Wir müssen aufpassen, dass wir André da nicht jetzt schon in eine Schublade stecken. Wir müssen ihn fördern, damit er seinen Platz in der Mannschaft findet - und wir müssen fordern, dass er seinen Teil dazu beiträgt.

WAZ: Schürrle war teuer, steht unter besonderer Beobachtung und vielleicht auch unter besonderem Druck - bei Ihnen war das vor 34 Jahren ähnlich, als Sie für eine Rekordablöse von 2,3 Millionen Mark von Düsseldorf nach Köln gingen. Können Sie sich da in den Spieler immer noch reindenken, oder sind die Zeiten schon lange nicht mehr zu vergleichen?
Allofs: Allein schon medial ist das natürlich was völlig anderes und ich werde ihm auch nicht sagen „Hör‘ zu, ich kenn‘ das, ich habe das auch mitgemacht“, aber ich glaube schon, dass ich Verständnis für seine Situation aufbringen kann: Man kommt zu einem neuen Klub, bei dem die Erwartungen hoch sind, es läuft dann nicht, und irgendwann kann das dann eine Eigendynamik entwickeln, die nicht gut ist. Ich kann schon nachvollziehen, wie man sich dann fühlt.

WAZ: Spüren Sie da eigentlich selbst auch persönlichen Druck? Immerhin haben Sie hier Transferentscheidungen getroffen, die in Ihren finanziellen Dimensionen auch für Sie neu waren.
Allofs: Ich mache das jetzt seit 15 Jahren...

WAZ: ...aber nicht mit Spielern, die über 30 Millionen Euro kosten.
Allofs: Das spielt aber für die Bewertung keine Rolle. Wir treffen hier viele Entscheidungen - übrigens auch die, Ivan Perisic oder Kevin De Bruyne zu holen, die dann für erheblich mehr Geld wieder gingen. Die Entscheidungen werden dann natürlich mit meiner Person in Verbindung gebracht werden, dafür bin ich ja verantwortlicher Geschäftsführer. Das ist Bestandteil meines Berufs, belastet mich aber nicht so sehr - weil wir überzeugt sind, dass wir die richtigen Spieler haben.

WAZ: Sind Sie eigentlich grundsätzlich ein Freund von Winterpausen-Transfers?
Allofs: Ivan Perisic, Kevin De Bruyne, André Schürrle...

WAZ : ...kamen im Winter. Gilt in der Januar-Transferperiode für Sie immer das Motto: Wenig, aber hochkarätig?
Allofs : Das ist keine Sache des Prinzips, sondern eine Sache der Gelegenheit.

WAZ: Gibt‘s im kommenden Winter gute Gelegenheiten?
Allofs: Ich höre von anderen Klubs, dass da Bedarf ist - unser Nachbar Hannover hat ja gerade angekündigt, dass es vielleicht drei, vier neue Spieler gibt. Ich glaube nicht, dass wir einen solchen Bedarf hätten. Und trotzdem muss man sich die nächsten Wochen anschauen, was passiert in der Liga, was in der Champions League?

WAZ: Bei einem Weiterkommen in der Champions League wäre Geld für Neuverpflichtungen da...
Allofs: ...aber ein Weiterkommen wäre auch ein Beweis dafür, dass die Mannschaft gut genug ist.

WAZ: Ihre Aussagen zuletzt lassen sich durchaus als Mahnung an die Mannschaft interpretieren: Wenn‘s nicht besser wird, kommen Neue.
Allofs: Ich habe aber auch gesagt, dass die Mannschaft gut ist. Und die Vorstellung, dass ich quasi mit drohendem Finger vor den Spielern stünde, ist natürlich völlig falsch.

WAZ: Der VfL ist Dritter...
Allofs: Und genau darum kann man es auf zweierlei Art angehen. Man kann sagen: Wir stehen gut, deswegen müssen wir im Moment nichts machen. Oder wir sagen: Aus „gut“ kann immer auch „noch besser“ werden - das ist dann das, was wir hier beim VfL schon seit drei Jahren machen. Aber deswegen kann man nicht sagen, ich hätte gedroht. Wir unterstreichen nur unsere Ambitionen, mehr nicht.

WAZ: Und die Ambitionen werden trotz VW-Krise nicht kleiner?
Allofs: Nein. Wir hatten uns vorgenommen, mittelfristig die Champions League zu erreichen, das haben wir kurzfristig geschafft - einmal. Dann haben wir gesagt, dass wir uns unter den Top-Mannschaften in der Liga etablieren wollen, dabei bleibt es. Wir schrauben unsere Erwartungen nicht zurück.

WAZ: Ganz konkret: Gibt es Transfers, die im vergangenen Winter noch möglich gewesen wären, jetzt aber wegen der VW-Situation ausgeschlossen sind?
Allofs: Das kann man so nicht beantworten. Aber wenn ich sage, dass unsere Ambitionen bleiben, dann ist das ja keine Aussage, hinter der nur ich mit meinen Geschäftsführerkollegen stehen, sondern das beruht auf den Signalen, die auch von VW gesendet werden. Aber natürlich wird von uns erwartet, dass wir auch ein Gefühl dafür entwickeln, was in der Gesamtsituation machbar ist und was nicht. Dazu gehört, dass wir jetzt den Bau einer Nachwuchsakademie zurückgestellt haben; dazu kann aber auch gehören, dass wir dennoch einen Spieler verpflichten. Außerdem: Man hat uns in der Vergangenheit immer vorgeworfen, dass wir viel Geld für Spieler ausgeben. Aber wir haben auch viel Geld für Spieler eingenommen. Das wird auch in der Zukunft aus Sicht von Volkswagen wichtig sein.

WAZ: Warum haben nach Maxi Arnold und Robin Knoche keine Spieler aus dem eigenen Nachwuchs mehr den Sprung zu den Profis geschafft?
Allofs: Die Konkurrenz ist bei einem Champions-League-Teilnehmer sehr groß. Nehmen Sie nur mal Paul Seguin: Auf seiner Position spielen Luiz Gustavo, Josuha Guilavogui - und eben Maxi Arnold. Dazu kommt, dass wir in der letzten Saison wenig Spiele hatten, in denen wir mal Experimente machen konnten, dazu war es immer zu eng, immer zu wichtig. Das war schade - nicht nur für die jungen Spieler, sondern auch für einen Xizhe Zhang, den wir gern mal gesehen hätten.

WAZ: Hätten Sie bei Seguin oder auch bei Francisco Rodriguez und Carlos Ascues, die im Sommer kamen, auf einen größeren Entwicklungsschritt gehofft?
Allofs: Bei keinem war die Maßgabe, dass sie innerhalb weniger Monate unser Mannschaftsgefüge durcheinander wirbeln. Dass man das nicht ausschließt, ist klar. Aber wir sind nicht davon ausgegangen.

WAZ: Gibt es da Ausleihen im Winter, damit sich die Spieler woanders entwickeln können?
Allofs: Es besteht die Möglichkeit, dass das für die Spieler der nächste Zwischenschritt ist, ja.

WAZ: Letzter Themenwechsel - in der vergangenen Woche haben Sie gesagt, Sie würden für Wolfgang Niersbach Ihre Hand ins Feuer legen. Haben Sie sich verbrannt?
Allofs: Überhaupt nicht. Natürlich muss er die Verantwortung übernehmen, und ich glaube, er weiß auch, dass er in der Aufarbeitung Fehler gemacht hat - vor allem seine Pressekonferenz war nicht sehr hilfreich. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass er sich nicht bereichert hat und dass er sehr lange andere geschützt hat. Ich bin da allerdings nicht ganz objektiv, weil ich ihn sehr lange kenne.

WAZ: Würden Sie so wie Sie über Wolfgang Niersbach reden auch über Franz Beckenbauer reden?
Allofs: Ihn kenne ich nicht so gut.

WAZ: Er war Ihr Nationalmannschafts-Teamchef.
Allofs : Wenn ich mich so äußere, wie ich es bei Wolfgang Niersbach getan habe, dann muss ich Menschen schon sehr gut kennen. Das ist bei Franz Beckenbauer nicht der Fall. Und ich glaube, nicht einmal Wolfgang Niersbach kannte alle Vorgänge - und ich kenne sie natürlich noch viel weniger. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir jetzt Vorgänge aus dem Jahr 2000 aus der Sicht des Jahres 2015 bewerten.

WAZ: Wäre es nicht eine Lösung, wenn man ehrlich sagt: „Ja, wir mussten krumme Dinge drehen, sonst hätten wir diese tolle WM 2006 nicht machen können. Sorry, ging nicht anders!“
Allofs: Ja, vielleicht schon. Aber das darf natürlich keine Aufforderung sein, solche Dinge nicht korrekt zu machen. Und es muss jetzt natürlich komplett aufgeklärt werden.

apa

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