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WAZ-Interview mit VfL-Manager Klaus Allofs

Zum Wolfsburger Start in die neue Bundesliga-Saison WAZ-Interview mit VfL-Manager Klaus Allofs

Es war ein turbulenter Sommer für den VfL - heute startet Wolfsburgs Fußball-Bundesligist in Augsburg in die neue Saison. WAZ-Sportredateur Andreas Pahlmann sprach mit dem VfL-Manager Klaus Allofs (59) über Transfers, Ziele und seine persönlichen Ambitionen in der neuen Spielzeit.

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WAZ-Interview mit VfL-Manager Klaus Allofs.

Quelle: Boris Baschin

Herr Allofs, man bekam vor dieser Saison den Eindruck, der VfL sei im Bewusstsein seiner Spieler oft nur Durchgangsstation – ist ihr Klub nur ein Sprungbrettverein?

Vielleicht, ja – wie der HSV, Werder Bremen und wahrscheinlich alle anderen Vereine außer Bayern auch. Bei fast allen Klubs gibt es auf der einen Seite Spieler, die sehr gut sind und darum Begehrlichkeiten wecken – Begehrlichkeiten auf dem Markt, Begehrlichkeiten bei den Spielern selbst. Dann gibt es Spieler, bei denen es sportlich nicht so gut funktioniert. Und dann gibt es die Gruppe dazwischen, die immer kleiner wird und die sich dann vielleicht auch auf zehn Jahre in einem Verein einrichtet. Aber Spieler wie bei uns Christian Träsch, Marcel Schäfer oder Diego Benaglio gibt es nicht mehr so oft. Ich hoffe, dass Robin Knoche und Maxi Arnold irgendwann auch zu dieser Gruppe zählen.

Mit den angesprochenen Begehrlichkeiten müssen sich die Bayern kaum auseinandersetzen...

..aber alle anderen Vereine schon. Was bei Borussia Dortmund vor dieser Saison passiert ist, ist kein großer Unterschied zu unserer Situation hier. Vielleicht war es dort sogar noch extremer. Es ist nur von den Medien anders aufgenommen worden.

Woran liegt das?

Einerseits an der sportlichen Situation. Nach der Nicht-Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb haben wir dort eine berechtigte Angriffsfläche geboten. Andererseits auch an der Tatsache, dass man dem VfL immer noch nicht so recht zutraut, dauerhaft solide und erfolgreich zu arbeiten. Man ist dann sehr schnell wieder bei alten Vorurteilen und jede Art von Wechselspekulationen passt wunderbar in dieses Bild.

Etwa das Vorurteil, dass der VfL mit Geld um sich werfen muss, um Spieler anzulocken...

Ich denke nicht, dass wir uns ständig rechtfertigen müssen, aber: Wenn wir hier in Wolfsburg erfolgreich sind, dann sind wir es nicht, weil wir mehr Geld einsetzen als andere. Das ist ein Märchen, das immer gerne erzählt wird. Wir sind erfolgreich, weil wir hier fast optimale Bedingungen für die Arbeit haben und weil sich unsere Spieler fast ausnahmslos sehr wohl fühlen.

War unter diesem Aspekt Draxlers Ich-will-weg-Interview nicht besonders schlimm, weil es ja alle Vorurteile zu bestätigen schien?

Natürlich hat uns Julians Interview nicht gefallen. Ich glaube, es war weder für den VfL noch für Julian hilfreich. Dieses Thema ist aber jetzt von uns zu den Akten gelegt. Julian hat seine falsche Vorgehensweise eingesehen und wird alles dafür tun, gemeinsam mit dem VfL eine erfolgreiche Saison zu spielen und das Vertrauen insbesondere unserer Fans zurückzugewinnen. Wir alle werde ihm dabei helfen und ich bin mir sicher, auch unsere Fans werden das tun! Wer das Trikot des VfL trägt und alles für den Erfolg einbringt, der hat auch die Hilfe und Unterstützung verdient.

Warum erklärt sich Draxler nicht selbst dazu?

Zu dem Thema ist im Moment alles gesagt.

Inwieweit war die Verpflichtung von Mario Gomez auch wichtig für die Außendarstellung des VfL?

Wir haben Mario Gomez nicht aus Imagegründen geholt oder um uns auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Toll, dass wir das jetzt hinbekommen haben.“ Wir hatten einige Stürmer zur Auswahl. Aber Mario war für uns schließlich die Top-Lösung. Er passt aus vielerlei Gründen sehr gut zum VfL. Mario ist sehr erfahren, unheimlich motiviert und hat klare Ziele sowohl mit dem VfL als auch mit der Nationalmannschaft vor Augen. Auch für Mario gilt: Er ist nicht in Wolfsburg, weil es mehr Geld zu verdienen gibt, dann hätte er in der Türkei bleiben oder in die Premier League wechseln können.

Mussten Sie ihm in den Verhandlungen erklären, dass hier gar nicht alle weg wollen?

Aufgrund der Berichterstattung mussten wir vielleicht ein paar Fragen mehr diskutieren, das kann sein. Wer bleibt? Wo will der VfL hin? Das war vor einem oder zwei Jahren nicht so sehr im Vordergrund.

Zählen Vizemeisterschaft und Pokalsieg 2015 noch als Argument?

Natürlich. Der achte Platz im vergangenen Jahr trübt dieses Bild ein bisschen. Aber außer Bayern haben alle Mannschaften Rückschläge dieser Art in den vergangenen Jahren gehabt. Wenn man mit Spielern wie Mario spricht, dann ist eines immer noch sehr präsent: Der VfL war in den vergangenen vier Jahren neben den Bayern der einzige Klub, der einen nationalen Titel gewonnen hat. Wir sind eine gute Adresse.

War es für Sie persönlich ein schwieriger Sommer?

Nicht schwierig, aber einer mit vielen Themen, die weit von dem entfernt waren, was wirklich wichtig ist.

Empfanden Sie das als Belastung?

Nein. Dass wir 2015 nach dem Pokalsieg zum Bayern-Jäger gemacht wurden, das war eine Belastung.

Viele Kollegen machen Sport gegen Stress...

Ich mache Sport, aber nicht um Stress abzubauen, sondern um Gewicht abzubauen. Joggen geht wegen des Knies leider nicht, aber Radfahren und Schwimmen.

Sie werden im Dezember 60...

Danke für den Hinweis, ich hätte es fast vergessen.

..wie lange wollen Sie diesen Job noch machen?

Soll ich aufhören? (lacht)

Nein, aber andere dürfen in Ihrem Alter auch schonmal darüber nachdenken.

Ich kann es wirklich nicht sagen. Mein Vertrag läuft noch drei Jahre, das kann man absehen. Was alles weitere angeht: Diese Form von Lebensplanung habe ich nicht. Ich habe das Glück und das Privileg, theoretisch morgen sagen zu können: Ich muss das nicht tun. Aber es ist ebenso so ein Privileg, diesen Job machen zu dürfen – denn diese Aufgabe ist so interessant und fordernd, dass ich nicht ans Aufhören denke. Und nur weil wir Pokalsieger waren und in der Champions League gespielt haben, sind wir ja noch nicht dort angekommen, wo wir sein wollen.

Muss denn der VfL oben dabei sein?

Mit mir schon. Was heißen soll, dass ich mich mit Mittelmaß nicht zufrieden geben möchte.

Macht das Ihren Spaß am Job aus?

Ich bin zum VfL gekommen, weil ich dieses Potenzial gesehen habe – und weil mir klar gesagt wurde, wohin es hier gehen soll. Wir haben die Möglichkeit, oben mitzuspielen und daran müssen wir uns messen lassen.

Als Felipe Kostic nicht zum VfL kam, gab‘s kritische Worte von Spielerberatern, die Ihnen unterstellten, Sie würden nur mit von Ihnen bevorzugten Vermittlern Geschäfte machen, an den Beratern vorbei. Haben Sie sich da auch persönlich angegriffen gefühlt?

Man muss versuchen, privates Empfinden und die eigene berufliche Rolle voneinander zu trennen. Und ich weiß, dass dieses Geschäft – wobei ich das Wort „Geschäft“ immer noch sehr ungern benutze – mehr und mehr mit Ellenbogen ausgetragen wird. Das hat dieser Fall dann auch mal wieder gezeigt. Menschen wollen Geschäfte machen – und wenn sie die nicht machen können, reagieren sie manchmal so.

Ist es denn immer so einfach, privates Empfinden und Ihre Rolle als VfL-Manager voneinander zu trennen?

Ich muss das ja oft genug machen. Wenn Sie wie ich schon als Spieler ihr Gesicht auf einer Titelseite sehen und darüber steht „Sie müssen fliegen, damit wir siegen“ und in der Folgezeit mal gefeiert und mal verdammt werden, dann sind sie irgendwann abgehärtet und können persönliches Empfinden auch mal ausblenden. Wenn ich heute mit einem Spieler verhandle, dann bin ich in meiner Rolle. Ob ich das Gegenüber dann sympathisch finde oder nicht, darf dann keine Rolle spielen. Und ich kann auch nicht mit allen Geschäfte machen und dafür sorgen, dass alle zufrieden sind. Wir haben bei der Auswahl unserer Geschäftspartner immer das sportliche und wirtschaftliche Wohl des VfL im Auge.

Haben Sie ein dickes Fell?

Ich würde es nicht dickes Fell nennen, eher Selbstvertrauen. Ich sage mir: Wenn du es so machst, wie du es für richtig hätst, wirst du Erfolg haben. Und gottseidank hat sich das über die Jahre immer wieder gezeigt.

Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, dass für eine Stadt wie Wolfsburg ein paar sechste Plätze auch super sein könnten?

Nein. Weil sowas nicht an der Größe der Stadt hängt, sondern an den Menschen hier – und natürlich auch an den Menschen bei Volkswagen und deren Vorstellungen. Zu einem Spitzen-Automobilhersteller passt nichts anderes als der Anspruch, überall Spitze zu sein. Unterm Strich bleibt das Ziel aber immer die Champions League. Wichtiger als sie möglichst schnell zu erreichen, ist es aber, sie mehrmals in Folge zu erreichen.

Wenn man dann mit einem Top-Drei- oder Top-Vier-Budget der Liga nur Achter wird...

...dann sollte man das besser nicht zweimal hintereinander werden. Weil dann hätte man etwas falsch gemacht. Und für mich selbst ist verlieren immer noch sehr unangenehm, ich bin es ehrlich gesagt auch nicht gewohnt.

Eine Außenseiterrolle, wie sie Werder eine Weile hatte, liegt ihnen nicht?

Werder hat das natürlich als Bayern-Gegenspieler für eine gewisse Zeit Sympathien eingebracht, die zum Teil bis heute bestehen. Aber Außenseiterrolle heißt für mich immer auch: Man ist eigentlich nicht gut genug. Und der VfL will dauerhaft gut genug sein, um seine Ziele zu erreichen. Das muss man dann auch selbstbewusst vertreten und dazu stehen. Nicht nur wir beim VfL, sondern wir alle hier in Wolfsburg sollten etwas selbstbewusster auftreten.

Dass Sie über diese Jahre nie einen Trainer rausschmeißen mussten – sehen Sie das als eigenes Verdienst an oder hatten Sie einfach Glück?

Es lag und liegt an den Trainern und daran, dass ich Kontinuität ganz generell für eine wichtige Sache halte. Und dass man schwierige Phasen auch mal überstehen muss. Bei Thomas Schaaf, mit dem ich ja noch bei Werder zusammengespielt hatte, war es ja nicht so, dass wir dickste Freunde gewesen wären und dass das der Grund für die lange Zusammenarbeit war. Ich war vielmehr immer wieder der Überzeugung: Er kann das und ist die beste Lösung. Und rückblickend war es immer die richtige Entscheidung. Bei Dieter Hecking ist es so, dass er mitentscheidend dafür war, dass wir diese rasante Entwicklung genommen haben. Wir haben mit ihm einen Trainer, der dafür sorgen wird, dass wir diese positive Weiterentwicklung wieder aufnehmen werden.

Kann man einem Trainer vor der Saison sagen, welchen Platz er belegen muss?

Wer Trainer beim VfL Wolfsburg ist, der weiß, dass es nicht reicht, nicht abzusteigen.

Bräche am Ende der Saison großer Jubel aus, wenn der VfL Vierter wird? Oder würden alle nur sagen: Na, das wurde ja auch mal wieder Zeit.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen: großer Jubel. Aber das hängt vom Verlauf ab. Wären wir vier Spieltage vor Schluss Erster und am Ende dann nur Vierter, hätten wir Katzenjammer...

Vorn die Bayern, dann Dortmund, Schalke, Leverkusen und Gladbach als VfL-Konkurrenten – wer kann denn da noch überraschend reinrutschen? Ist Leipzig schon so weit?

Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Zumindest würde es mich wundern, dafür sind die anderen da oben zu gut.

Ist es realistisch, mal auf einen anderen Meister als Bayern zu hoffen?

Nein, realistisch nicht. Aber es wäre schön, wenn nicht wieder diese absolute Dominanz in der Liga von Anfang an da wäre.

Wird die Dominanz noch größer, weil mittlerweile nur die Bayern mit den finanzstarken englischen Klubs mithalten können?

Wir sollten den Blick nicht nur in Richtung England werfen. Ja, die Klubs dort haben jetzt mehr Geld zur Verfügung. Aber welche Konsequenzen hat das? Für uns hatte es die Konsequenz, dass wir vielleicht einen Christian Benteke nicht kriegen oder winen Wilfried Bony oder einen Romelu Lukaku. Dafür kriegen wir einen Mario Gomez, der eben nicht nach Leicester geht. Ist das für die Liga dramatisch? Ich glaube nicht.

Aber wenn ein englischer Klub mitbietet, fällt für Sie doch das Argument weg, dass man in Wolfsburg ein bisschen mehr verdienen kann.

Sie verfallen leider wieder in sorgsam gepflegte Vorurteile. Nochmals zur Erklärung: Natürlich kann man beim VfL – wie in anderen Spitzenclubs der Bundesliga – gutes Geld verdienen. Aber niemand aus unserem Kader ist mit Geld überredet worden, beim VfL zu spielen.

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