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„Viele hätten gern unsere Möglichkeiten“

VfL-Wolfsburg: Doppelinterview „Viele hätten gern unsere Möglichkeiten“

Vor zwei Jahren wurde Klaus Allofs Manager und Sport-Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg, Er verpflichtete Dieter Hecking als Cheftrainer und machte aus der VW-Tochter wieder eine ernstzunehmende Liga-Größe. WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann und Marco Fenske vom Redaktions-Netzwerk Deutschland unserer Verlagsgruppe sprachen mit Allofs und Hecking über den sportlichen Erfolg, das VfL-Image und Perspektiven.

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Bayern-Jäger? Damit können beide nichts anfangen: VfL-Trainer Dieter Hecking (l.) und Manager Klaus  Allofs.

Quelle: Mike Vogelsang

WAZ : Wie lebt es sich als Bayern-Jäger?
Hecking : Das ist jetzt aber ein denkbar ungünstiger Einstieg... (lacht)
Allofs (lacht auch): Wollen wir wieder gehen, Dieter?

WAZ : Warum so bescheiden? Sie stehen nur vier Punkte hinter Bayern – und sind aktuell die letzte SpannungsHoffnung der Liga!
Allofs : Ich kann mit dem Begriff „Bayern-Jäger“ nichts anfangen. Wir wissen, dass hier einiges bewegt worden ist und dass beim VfL etwas entsteht. Aber wir haben  noch nichts erreicht...
Hecking : Genau in dieser Phase müssen wir die Sinne schärfen. Jetzt kann sich entscheiden, ob es eine erfolgreiche Saison wird oder nicht. Bayern bleibt das Maß aller Dinge. Vergangene Saison waren wir am Ende 30 Punkte entfernt! Dieses Jahr wollen wir den Abstand verkürzen – und dennoch schauen wir nicht ständig hin, was Bayern macht. Was stimmt: Wir alle in der Liga sind aufgefordert, den ganz großen Respekt in Spielen gegen sie mal in der Kabine zu lassen – wenn wir sie stoppen wollen.

WAZ : VW will bis 2018 Weltmarktführer sein. Ein Ziel, das auch Sie verpflichtet?
Allofs : Wir wollen Werte, die VW ausmachen, auf den VfL übertragen: Erfolgreich sein, immer effektiver, innovativ, ein guter Arbeitgeber, sympathisch. Den Auftrag, Weltmarktführer zu werden, hat der Konzern noch nicht an mich herangetragen (schmunzelt).

WAZ : Mainz-Manager Christian Heidel behauptet: „Wolfsburg ist besser aufgestellt als Bayern!“
Allofs : Ich war enttäuscht, dass Christian Heidel sich in dieser Frage nicht als Experte erwiesen hat. Es ist natürlich eine völlig falsche Einschätzung unserer finanziellen Möglichkeiten. Mit diesen Vorurteilen müssen wir leben.

WAZ : Hat der VfL Wolfsburg ein Imageproblem?
Allofs : Der VfL ist in der Betrachtung viele Jahre nur auf finanzielle Aspekte beschränkt worden. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen das Gesamtbild VfL Wolfsburg zu erklären.

WAZ : Ein Vorurteil lautet: Ihr Klub hat keine Fans.
Allofs : Wir haben ein Stadion mit 30.000 Plätzen, das immer nahezu ausverkauft ist, in einer Stadt mit 130.000 Einwohnern. Wenn wir zu den Bayern fahren, fahren 5000 Fans mit. Im Sommertrainingslager hat man uns gesagt: „Ihr habt ja mehr Fans dabei, als in den Vorjahren Frankfurt und Dortmund…“

WAZ : Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke sagt: „Wenn Wolfsburg kommt, bringen die doch nur ein paar Mann mit.“
Allofs : Das ist einfach falsch. Wir können uns mit den allermeisten Klubs in der Bundesliga auch in dieser Beziehung messen.
Hecking : Schauen Sie zum Beispiel mal nach Hannover. Beim Spiel gegen den HSV war ich da: Die Mannschaft hat richtig gut gespielt, 2:0 gewonnen. Aber die Stimmung war verhalten. Das habe ich in Wolfsburg, seit ich hier bin, nicht ein einziges Mal erlebt. Unsere Kurve ist immer voll da!

WAZ : Auch gegen RB Leipzig gibt es Vorurteile. Mehr noch: Boykotte, Proteste, Anfeindungen.
Hecking : Wenn man den Standort sieht, unabhängig von RB, muss man sagen: Ein Bundesligaverein tut dieser Region richtig gut. Das Zuschaueraufkommen ist da – sollten sie aufsteigen, haben sie 50.000 Zuschauer im Stadion. Und unterm Strich steht: Wer sich sportlich qualifiziert, der hat das Recht, mitzuspielen!
Allofs : Vereine dürfen doch nicht unter Artenschutz stehen, nur weil sie Tradition haben. Auch sie müssen sich am Markt behaupten. Es muss Platz für verschiedene Ansätze und Modelle geben. Und mal ehrlich: Das Wort Neid möchte ich nicht benutzen, aber die meisten Klubs hätten doch gerne unsere Möglichkeiten. Als ich mich vor zwei Jahren erstmals mit Dieter getroffen habe, um ihn von dem Projekt zu überzeugen und für mich zu sehen, ob es wirklich passt, wurde das klar besprochen. Ich habe ihm gesagt: „Wir müssen dem Klub ein neues Gesicht geben.“

WAZ : Und wie?
Hecking : Die Aufgabenverteilung ist klar. Ich bin für das Tagesgeschäft verantwortlich, muss die Mannschaft weiterentwickeln.
Allofs : Dieter verkörpert und lebt das. Das muss er auch.
Hecking : Klaus hat mir damals gesagt: „Es ist mehr, als einen Klub vor dem Abstieg zu retten. Du musst eine Mannschaft formen, die auf Dauer unter den Top-Fünf dabei ist.“ Ich identifiziere mich zu 100 Prozent mit dem VfL. Das brauchte natürlich Zeit. Ich bin hier nicht hergekommen und hab‘ gleich gesagt: „So, ich habe dann mal alles verinnerlicht…“ Sportlich sieht man eine Entwicklung: Es macht richtig Spaß, uns zuzugucken. Vielen fällt auf: Da hat sich was getan.
Allofs : Die Wahrnehmung verändert sich nach und nach. Dem VfL wird mehr Respekt entgegengebracht.
Hecking : Und trotzdem fragen wir uns: Geht es besser? Die Antwort: Natürlich geht es besser! Pep Guardiola und Matthias Sammer werden sich das ebenfalls fragen. Und Sie haben hier zwei Männer am Tisch sitzen, die das auch täglich tun, die nie zufrieden sind.  
Allofs : Mit uns soll man sich durchaus kritisch auseinandersetzen. Wir wollen auch polarisieren. Wollen unseren Weg gehen und nie langweilig werden.  

WAZ : Herr Allofs, Sie sind 15 Jahre Manager. Alle Cheftrainer, die Sie in dieser Zeit verpflichtet haben, sitzen hier am Tisch.
Allofs (schmunzelt):  Ja, richtig. Wobei ich mit Thomas Schaaf in Bremen einige Vertragsverlängerungen gemacht habe. Ich fand es jedenfalls gar nicht so schwer, den richtigen Trainer zu finden…

WAZ : Was war das Anforderungsprofil?
Allofs : Wir haben einen langen Abend zusammengesessen, querbeet diskutiert. Am Ende hatte ich das Gefühl: Ja, wir können etwas gemeinsam entwickeln, Dieter strahlt diese Neugier aus, hat dieses Feuer in sich. Das verlange ich von jedem Mitarbeiter!

WAZ : Wie sehr treibt Sie beide die Vorstellung an, hier auch mal etwas in Händen zu halten? Die Meisterschale oder den DFB-Pokal zum Beispiel…
Hecking : Wenn du Sportler bist, dann willst du immer gewinnen – auch wenn du Bowling spielst, wie ich es vergangene Woche gemacht habe. Auch der SC Paderborn würde am liebsten deutscher Meister werden, auch wenn es unrealistisch ist. Wenn du diesen inneren Antrieb nicht hast, brauchst du gar nicht anzutreten. Glauben sie ja nicht, dass Dietmar Beiersdorfer mit dem HSV nicht in zwei Jahren wieder da stehen will, wo der HSV einmal war.  

WAZ : Wenn Sie die Wahl hätten: Einmal in fünf Jahren Meister werden? Oder fünf Jahre in Folge die Champions League erreichen?
Allofs : Deutscher Meister wäre toll! Aber für die Entwicklung eines Klubs und der Mannschaft wäre eine dauernde Teilnahme an der Champions League viel wichtiger.
Hecking : Wenn du es dauerhaft schaffst, die Champions League zu erreichen, erhöht das auch die Wahrscheinlichkeit, dass du Meister wirst…

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