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Vermissen Sie Kevin manchmal, Herr Hecking?

VfL Wolfsburg Vermissen Sie Kevin manchmal, Herr Hecking?

Der VfL ist in der Krise, Wolfsburgs Fußball-Bundesligist hat seit vier Partien nicht mehr gewonnen. Im großen WAZ-Interview bezog Coach Dieter Hecking Stellung.

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WAZ-Interview: VfL-Trainer Dieter Hecking (l.) im Gespräch mit Sportredakteur Andreas Pahlmann.

Das Wort „Krise“ nahm Hecking nicht in den Mund, er nannte es „negative Ergebnisse“. Vier Pflichtspiele in Folge hat sein Team zuletzt nicht gewonnen, angesichts der erfolgreichen Vorsaison ist das für den VfL eine extrem ungewohnte Durststrecke. Über die Gründe und die Situation nach acht Spieltagen in der Fußball-Bundesliga sprach WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann mit dem Wolfsburger Trainer.

WAZ: Klaus Allofs sagte nach dem Spiel in Gladbach, dass der VfL Stellschrauben hat, an denen er jetzt drehen kann. Welche sind das?
Hecking: Einer der Punkte ist, dass wir mit Dante und Julian Draxler zwei neue Spieler haben, die wir weiter integrieren müssen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass wir wieder diese absolute Siegermentalität und Leidenschaft bekommen, die uns in der letzten Saison ausgezeichnet hat.

WAZ: Jetzt ist Länderspielpause...
Hecking: ...und da wird die Sache mit den Stellschrauben schon problematisch. Irgendwer hat mir am Samstag in Gladbach gesagt: „Jetzt können Sie ja daran arbeiten.“ Nein, können wir nicht, die meisten Spieler sind ja bis Mittwoch nächster Woche nicht in Wolfsburg, haben auch nicht wie die anderen jetzt mal zwei freie Tage zur Regeneration. Aber mit denen, die hier sind, werden wir natürlich ab Mittwoch weiter an den Problemen arbeiten.

WAZ: Hatten Sie sich den Umbruch nach den Abgängen von Kevin De Bruyne und Ivan Perisic so schwierig vorgestellt?
Hecking: Schon, aber ich hatte eigentlich gehofft, dass wir es über die guten Ergebnisse schneller schaffen. Ich hatte gedacht, dass die Siege gegen Schalke, gegen Berlin und gegen Moskau die Sache ein wenig beschleunigen. Aber im Moment müssen wir sagen: Wir haben es noch nicht geschafft, dass unsere Mentalität wieder die gleiche ist wie in der vergangenen Saison. Dass es schwierig wird, die vergangene Spielzeit zu bestätigen, das haben wir natürlich gewusst - es wurde aber durch die Personalwechsel am letzten Tag der Transferperiode noch einmal erschwert.

WAZ: Die personellen Wechsel waren aber kein Grund, die Saisonziele in Frage zu stellen - der VfL will wieder in die Champions League.
Hecking: Das ist ambitioniert, ja - aber wir sollten das nicht in Frage stellen, auch wenn wir gerade negative Ergebnisse haben. Ich bin dafür, dass wir uns weiterhin die höchsten Ziele setzen - auch wenn wir dann am Ende vielleicht kritisiert werden. Das gehört zum Fußball dazu - genauso wie es dazu gehört, wenn man im Erfolg gefeiert wird.

WAZ: Vermissen Sie Kevin De Bruyne manchmal?
Hecking: Nein, das würde ich so nicht sagen. Wir wussten, was wir an ihm haben. Er war unser Spieler in der Offensive, der den Unterschied ausmachen konnte, das hat man in den vergangenen eineinhalb Jahren häufig gesehen. Im Fußball ist das aber eben so - wenn einer geht, dann wünscht man ihm bei seinem neuen Verein alles Gute und muss dann versuchen, aus seinen Möglichkeiten alles rauszuholen.

WAZ: Muss man vielleicht eine Art „Umbruch-Jahr“ in Kauf nehmen, wenn ein so zentraler Spieler den Verein verlässt?
Hecking: Es gibt und gab immer Umbrüche, die schneller gehen. Und wir hatten ja ohne Kevin schon positive Ergebnisse, auch wenn unser Spiel im Moment vielleicht noch nicht das Tempo hat wie in der Vorsaison. Wir haben Spieler dazugeholt, die unserem Anspruch gerecht werden - und mit denen wir unsere Ziele genauso offensiv formulieren können. Und deswegen sind die neuen Spieler ja auch gekommen. Sie wollen international spielen, sie wollen in der Champions League dabei sein. Jetzt müssen wir die dafür nötige Leistung rauskitzeln.

WAZ: Ihr Team gilt nach wie vor dennoch als offensiv stark besetzt, viele Gegner stehen darum oft sehr tief - ist das das große Probleme von André Schürrle, der für seine Art, Fußball zu spielen, eigentlich immer etwas Raum braucht?
Hecking: André mit seiner Schnelligkeit würde es sicherlich behagen, wenn der Gegner mehr aufmacht. Das geht allerdings der ganzen Mannschaft so. Trotzdem hat er auch die Möglichkeiten, sich im engen Raum durchzusetzen.

WAZ: Er ist Weltmeister, Nationalspieler und war sehr teuer - wird er darum vielleicht auch manchmal zu kritisch gesehen?
Hecking: Diese Kritik muss er akzeptieren. Aber die Erwartungshaltung ist natürlich extrem hoch. Ich glaube, alle haben sich gefreut, als wir es geschafft hatten, André zum VfL zu holen. Er selbst war auch begeistert, und er ist genau wie wir immer noch überzeugt davon, dass es der richtige Schritt war.

WAZ: Er hat in 20 Bundesliga-Spielen für den VfL ein Tor geschossen...
Hecking: Das ist für einen Offensivspieler eine deprimierende Bilanz, das ist mir auch klar. Er läuft im Moment so ein bisschen diesem einen Erfolgserlebnis hinterher, das man manchmal braucht, um in die Spur zu kommen.

WAZ: Ihr Vertrauen hat er?
Hecking: Absolut. Ich habe ja auch dem Transfer von Ivan Perisic unter anderem deswegen zugestimmt, weil ich weiß, dass André diese Position genauso gut spielen kann.

WAZ: Er war in Gladbach nicht gut.
Hecking: Das habe ich zum Beispiel anders gesehen. Er ist viele Wege in die Tiefe gegangen, hat die Abwehr des Gegners vor Probleme gestellt, auch wenn er dann nicht angespielt wurde. Das ist etwas, was unserem Spiel gut tut. Und seine Arbeit gegen den Ball war hervorragend.

WAZ: Trauen Sie sich eine Prognose zu, wie lange es noch dauert, bis die Automatismen im Offensivspiel wieder besser klappen? Vor allem angesichts das Tatsachen, dass es ja bei diesem Drei-Spiele-pro-Woche-Rhythmus bleibt..
Hecking: Die vielen Spiele können auch helfen - weil du Negativerlebnisse schnell verdrängen kannst. Aber es bleibt die nächsten Wochen schwierig, weil wir einen hohen Spielrhythmus haben und weniger Trainingseinheiten zur Verfügung stehen.

WAZ: Was kann man da tun?
Hecking: Es könnte eine Überlegung sein, regelmäßig beim Abschlusstraining eine kürzere Taktik-Einheit einzuführen. Denn auch in der Vorsaison war es eine unserer Qualitäten, dass wir viel über die Trainingsarbeit gemacht haben - auch mal mit längeren Elf-gegen-Elf-Spielen. Die Zeit fehlt mir im Moment ein bisschen, man kann das nicht alles mit Videoanalysen ausgleichen.

WAZ: Finden Sie, dass der VfL insgesamt im Moment zu kritisch gesehen wird? Die Erwartungshaltung von außen war ja groß vor der Saison.
Hecking: Ja, man hat uns wirklich zugetraut, die Bayern angreifen zu können - auch wenn wir immer versucht haben, dagegen zu steuern. Als dann Kevin, Ivan und auch Aaron Hunt gingen, haben die ersten Beobachter schon die Erwartungshaltung ein bisschen zurückgenommen. Ich glaube, im Moment werden wir ganz realistisch eingeschätzt. Für ganz oben - also für die Bayern - wird‘s in dieser Saison nicht reichen, aber mit Mannschaften wie Leverkusen, Dortmund oder Schalke können wir mithalten.

WAZ: In der Tabelle laufen Sie gerade hinterher...
Hecking: Das ändert sich, wenn wir weniger Fehler machen und durch unser Spiel nach vorn den Gegner wieder zu mehr Fehlern zwingen können. Da bin ich mir ganz sicher.

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