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Sind sie ernüchtert, Herr Hecking?

VfL Wolfsburg - Interview Sind sie ernüchtert, Herr Hecking?

Trainer Dieter Hecking musste in der vergangenen Saison mit dem VfL Wolfsburg erstmals durch eine ernsthafte Krise. Wie ging es ihm dabei? Und was wird jetzt besser? AZ/WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann sprach mit ihm.

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Im Interview: AZ/WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann sprach mit VfL-Trainer Dieter Hecking.

Quelle: Gero Gerewitz

Zum ersten Mal in Ihrer Zeit als VfL-Trainer hatten Sie in der vergangenen Saison eine echte sportliche Krise. Sind Sie ernüchtert?

Ernüchterung ist das falsche Wort, weil ich grundsätzlich im Erfolgsfall nicht euphorisch und in negativen Phasen nicht zu pessimistisch bin. Ich bin vom Typ her eher jemand, der immer versucht, eine innere Balance zu finden. Ich glaube, ich bin da geerdet.

Es gibt Kollegen von Ihnen, die sagen: Wenn‘s sportlich nicht läuft, bin ich zuhause ungenießbar. Wie sind Sie?

Still. Meine Frau sagt dann „Ich merke doch, dass du mit deinen Gedanken überall bist, nur nicht bei uns”. Also man merkt es mir schon an, aber ungenießbar bin ich dann sicherlich nicht.

Konnten Sie denn wenigstens bei der EM entspannt Fußball im Fernsehen schauen?

Ganz ehrlich: Ich habe von der EM nicht viel gesehen. Die deutschen Spiele habe ich geguckt. Aber als Fan.

Geht das? Achten Sie dabei nicht auf taktische Feinheiten?

Wenn ich dann vorm Fernseher sitze, will ich gar nicht in die Tiefe gehen und mir solche Gedanken machen. Wenn es Erkenntnisse gibt, die mir wichtig erscheinen, kann ich das immer noch nacharbeiten.

Und die anderen Spiele?

Die habe ich verpasst. Ich war während der EM im Urlaub auf Mallorca. Von den 15-Uhr-Spielen habe ich keines gesehen, bei den 18-Uhr-Spielen kamen wir meistens müde vom Strand. Und wenn die 21-Uhr-Spiele liefen, war ich mit meiner Frau schon wieder unterwegs. Wenn man von den deutschen Spielen mal absieht, habe ich kein einziges Spiel bewusst über 90 Minuten geguckt. Nach der für uns schwierigen Saison war mir klar, dass ich auch mal runterfahren muss, um aufzutanken.

...

Wird die Qualität einer Mannschaft in der neuen Saison mehr denn je davon abhängen, ob sie mehrere Systeme spielen kann?

Die Bayern haben in der vergangenen Saison teilweise in einem Spiel drei, vier verschiedene Systeme gespielt – und sie konnten es sich leisten, sie einzustudieren. Manchmal, das habe ich Pep Guardiola auch mal gesagt, war es fast zu penetrant: Kaum haben die Bayern 2:0 geführt, haben sie ein Bundesliga-Spiel genutzt, um gewisse Dinge unter Wettkampfbedingungen zu trainieren. Das kann natürlich nicht jede Mannschaft. Grundsätzlich gilt auch für uns:  Flexibilität kann absolut positiv sein, trotzdem wird das 4-2-3-1 weiter unsere Basis bleiben.

Hätten Sie nicht in der vergangenen Saison Ihrerseits mehr probieren können –  etwa den Einbau von jungen Spielern?

Manchmal kommt eben etwas dazwischen – bei Jannes Horn waren es etwa disziplinarische Gründe, als er in der A-Jugend Rot wegen Gegnerbeleidung gesehen hatte. Paul Seguin, den ich auch zu den jungen Spielern zähle, hat sich verletzt, als er auf dem Sprung war. Jetzt haben sie alle die Chance, sich zu zeigen. Aber sie müssen auch Geduld haben.

Werden wir Jannes Horn, Anton Donkor und die anderen Nachwuchsspieler in neuen Saison häufiger sehen?

Ich denke schon, und das wäre auch gut, denn es unterstreicht die hervorragende Nachwuchsarbeit beim VfL. Mit der neuen Fußball-Akademie verbessern wir die Durchlässigkeit zum Profikader ja weiter. Aber wir wissen doch, dass bei den Ansprüchen, die an den VfL gestellt werden, unsere Ziele nicht nur mit jungen Spielern erreicht werden können. Wenn diese jungen Spieler im ersten Jahr die Lücke so weit schließen können, dass man sagt: Sie sind vollwertige Mitglieder des Kaders – dann haben sie den ersten Riesenschritt schon gemacht.

Sie haben gerade die Ansprüche an den VfL angesprochen – müssen die wirklich so hoch sein? Muss der VfL jedes Jahr international spielen?

Den Anspruch hat man an uns, den haben wir auch selbst. Auch wenn es manchmal verzerrt dargestellt wird: Als Klaus Allofs bei der Begrüßung im Trainingslager in Bad Ragaz nach Wünschen gefragt wurde und schmunzelnd den Wunsch Champions League formulierte – ausdrücklich als Wunsch –, konnte man danach lesen: Der VfL will wieder in die Champions League! Das macht es nicht leichter. Aber: Wir waren 2015 Pokalsieger und Vizemeister –  klar, dass wir nicht um Rang zehn spielen wollen und dass man das auch nicht von uns erwartet.

Aber wenn der VfL jetzt sagt: Wir setzen noch mehr auf junge Leute und unser Ziel ist es, vielleicht um Platz sechs mitzuspielen – wer sollte dem Verein das übelnehmen?

Viele Wege führen nach Rom. Aber klar ist doch auch, dass der Aufschrei groß wäre, wenn wir regelmäßig mit unseren 18- oder 19-Jährigen auflaufen – die alle großes Potenzial haben –, wir aber nach der Hinrunde nur Zwölfter sind.

...

Wenn Sie sehen, dass Dortmund drei Top-Stars verloren hat, denken Sie dann: Gut, dass es andere auch nicht so leicht mit der Kaderplanung haben?

Thomas Tuchel hat ja gesagt, dass er nicht damit gerechnet hat, dass ihm die besten Spieler auch in Dortmund weggekauft werden. Da musste ich an unsere Situation im vergangenen Jahr denken – wo ich vorher auch gedacht hatte: Einem Verein, der so gut aufgestellt ist wie der VfL, dem passiert sowas nicht. Und dann kam es mit Kevin De Bruyne und Ivan Perisic doch anders.

Wenn der Wechsel-Wahnsinn solch ein Ausmaß annimmt wie in diesem Jahr, hat man da als Trainer nicht einfach auch immer weniger Spaß an einer Saisonvorbereitung?

Das ist eine Frage, die man eher grundsätzlich betrachten sollte. Trainer sind neben den Managern die zentralen Figuren in einem Klub und werden direkt am sportlichen Erfolg gemessen. Als Trainer hat man aber zugleich oft auch eher wenig Einfluss, wenn ein guter Spieler plötzlich gehen will.

Können Sie glaubwürdig vermitteln, dass der VfL einen Kader für die internationalen Plätze hat?

Natürlich. Jetzt lassen wir mal beiseite, dass manche Spieler weg wollten oder anfangs vielleicht auch mit dem Kopf nicht immer hundertprozentig da waren: Wenn wir die Namen unserer Spieler durchgehen und deren Qualität sehen, dann hätte ich auch sechs Wochen vor der Saison bedenkenlos einen Platz im oberen Tabellendrittel als  Ziel ausgeben können.

Und Sie haben ja auch gute Spieler dazu bekommen...

...die wir selbst im Gespräch auch überzeugt haben. Und schon sind wir wieder bei den Zielen und deren Bedeutung. Wenn ich einem Jeffrey Bruma beispielsweise gesagt hätte, „Du, wir wollen in dieser Saison Elfter werden”, dann wäre er jetzt nicht hier. Bei den anderen wäre es genauso.

Wenn Sie sehen, was in England gerade alles möglich ist – wäre die Premier League auch für Sie als Trainer attraktiv?

Diese Frage stellt sich für mich nicht. Ich weiß, was ich am VfL habe. Was mir Klaus Allofs und der Aufsichtsrat damals versprochen haben, ist zu 100 Prozent eingetreten. Und ich hatte in der schwierigen Phase der vergangenen Saison Rückendeckung, das weiß ich sehr zu schätzen. Das schützt natürlich nicht davor, dass es bei anhaltendem Misserfolg auch anders kommen kann. Dann heißt es eben: Du bist nicht mehr der Richtige.

Ich bin ja nicht naiv. Ich bin jetzt drei Jahre und acht Monate da, das ist meine längste Zeit bei einem Verein – da muss man ein Ende auch mal einkalkulieren.

  • Das vollständige Interview lesen Sie im aktuellen AZ/WAZ-Sonderheft „Die VfL-Saison 2016/17“, erschienen am 23. August 2016.
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