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Max Kruse: Freue ich mich auf die Hymne

WAZ-Interview zur Champions League Max Kruse: Freue ich mich auf die Hymne

Für die festgeschriebene Ablösesumme von 12 Millionen Euro wechselte Max Kruse vor dieser Saison von Borussia Mönchengladbach zum VfL, heute steht er vor seinem ersten Champions-League-Spiel. WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann traf den 27-Jährigen zum Gespräch.

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Das Interview zum Champions-League-Start: Der VfL-Neuzugang Max Kruse im Gespräch mit WAZ-Sportchef Andreas Pahlmann über neue Ziele, seine Karriere und Spaß am Fußball.

Quelle: Boris Baschin

WAZ: Können Sie Ihre Vorfreude auf die Champions League in Worte fassen?
Kruse: Die Vorfreude ist riesig. Ich habe ja lange darauf hingearbeitet, da endlich mitspielen zu dürfen – jetzt freue ich mich ganz besonders auf die Hymne. Die das erste Mal zu hören und dabei dann hoffentlich auf dem Platz zu stehen, das ist schon etwas ganz Besonderes. Da geht ein Traum in Erfüllung.

WAZ: Wie haben Sie bisher die Champions League verfolgt?
Kruse: Mit großem Interesse – und großer Freude daran, dass die deutschen Mannschaften in den letzten Jahren ziemlich erfolgreich waren.

WAZ: Waren Sie da intensiver Fernsehgucker? So einer, der sagt: „Heut‘ Abend kann ich nicht, da ist Champions League“?
Kruse: Genau so einer war ich. Ich lebe den Fußball. Dienstag, Mittwoch Champions League – da gab‘s nichts anderes. Ich schaue gern mit Freunden, bevorzugt mit denen, die sich auch für Fußball interessieren. Aber wenn keiner da ist, dann bestell‘ ich mir was zu essen und guck‘ alleine.

WAZ: Das geht ja jetzt nicht mehr...
Kruse: Naja, ein Tag geht nicht, der andere jeweils schon. Wenn wir an einem Mittwoch spielen, sind wir Dienstagabend zur Anstoßzeit ja schon im Hotel...

WAZ: Wenn Sie früher Champions League geguckt haben, haben Sie da auch Vorbilder für sich entdeckt?
Kruse: So richtig große Vorbilder hatte ich nicht, aber ich fand Roy Präger gut.

WAZ: Im Ernst?
Kruse: Ja, klar. Ich war damals HSV-Fan, als Roy mit Hamburg in der Champions League spielte. Ich war auch bei den Bundesliga-Spielen immer dabei – jedes zweite Wochenende Stadion, das war Pflicht. Seine Art zu spielen war klasse, er passte irgendwie zu dem Verein, zu dem ich zu der Zeit gestanden habe. Ich war vor 15 Jahren bei dem großartigen 4:4 gegen Juventus im Stadion, Roy wurde da eingewechselt.

WAZ: Damals Fan, dann Jugendspieler, Zweitliga-Spieler, Bundesliga-Spieler, Nationalspieler – und jetzt in der Champions League. Begreifen Sie das für sich als nächsten Schritt?
Kruse: Ja, klar. Und ich weiß, dass ich mich noch mal neu beweisen muss – weil es noch mal eine ganz andere Intensität ist und man sich noch mehr auf verschiedene Spielweisen der Gegner einstellen muss.

WAZ: Sind Sie in Sachen Karriere ein Spätstarter?
Kruse: Ich bin 27 und habe „erst“ 135 Bundesliga-Spiele gemacht. So gesehen bin ich tatsächlich ein Spätstarter, ja – es gibt Jungs, die haben mit 21 so viele Spiele. Aber ehrlich gesagt: Ich bin da, wo ich immer hinwollte, und ob ich jetzt 23 bin oder 27, ist mir da relativ egal. Und solange ich mich wohlfühle, mache ich weiter.

WAZ: Sie haben mal gesagt „Noch mit 23 war ich zu sehr Spaßvogel“. Haben Sie länger als andere gebraucht, um Ihren Beruf ernst zu nehmen?
Kruse: Wenn ich zurückschauen würde, müsste ich vielleicht sagen: Ja, kann sein. Aber ich beschäftige mich nicht so sehr mit der Vergangenheit. Dass ich erst seit drei Jahren auf diesem Niveau Fußball spiele, hat vielleicht mit meinem Charakter zu tun, aber so genau kann man das ja nie sagen – ich weiß ja nicht, ob ich früher in der Bundesliga angekommen wäre, wenn ich meinen Beruf damals „ernster“ genommen hätte.

WAZ: Gab es einen Wendepunkt?
Kruse: Ich glaube nicht, dass ich mich irgendwann um 180 Grad gedreht habe. Ich habe mich einfach entwickelt und mittlerweile das richtige Gleichgewicht zwischen Spaß und der richtigen Einstellung zum Beruf gefunden. Und es gab zumindest einen Moment in meiner Karriere, an dem ich gemerkt habe, ich muss ein bisschen mehr tun.

WAZ: Wann war das?
Kruse: Vor drei Jahren, als wir mit St. Pauli aus der 2. Liga abgestiegen sind. Ich hatte eine gute Saison gespielt, war ablösefrei und habe mir gedacht: Jetzt müsste ja mal was aus der Bundesliga kommen. Aber es kam irgendwie erst mal nichts Gescheites. Also musste ich dem Ganzen ein bisschen auf die Sprünge helfen.

WAZ: Und zwar wie?
Kruse: Ich habe mir beispielsweise einen Fitness-Trainer genommen.

WAZ: Was ja auch zeigt, dass man vom Kopf her anders an die Sache rangeht.
Kruse: Genau. Ich hatte lange nicht einsehen wollen, dass ich das Ganze eine Spur professioneller angehen muss, obwohl mir das einige immer wieder gesagt haben. Ich bin eben manchmal ein bisschen stur, aber irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man merkt: Vielleicht haben die anderen ja nicht ganz Unrecht.

WAZ: War denn körperliche Fitness am Anfang Ihrer Karriere ein Problem?
Kruse: Irgendwie schon, ja – zumindest war es etwas, von dem ich wusste: Da kann ich noch mehr aus mir rausholen. Und auf dem Niveau, auf dem ich mich dann als Fußballer befinden wollte, sind es vielleicht diese paar Prozent, die du investieren musst, um ganz nach oben zu kommen.

WAZ: Sind Sie da jetzt bei 100 Prozent?
Kruse: Nein. Ich entwickle mich auch da immer noch weiter. Eine Woche vor dem Start der Saisonvorbereitung mache ich mit einem Trainer auf Mallorca mein Programm – um dann, wenn‘s mit der Mannschaft losgeht, schon auf einem guten Level zu sein.

WAZ: Gab‘s mal einen Trainer, bei dem es für Sie richtig schwer war?
Kruse: Unter Thomas Schaaf in Bremen war es nicht einfach, da war ich aber auch noch relativ jung. Ich hatte ein Bundesliga-Spiel gemacht und danach auch an mich selbst den Anspruch, dass es noch ein paar mehr werden sollten. Der Trainer war da offenbar anderer Ansicht, ich habe unter ihm dann kein weiteres Bundesliga-Spiel mehr absolviert.

WAZ: Danach ging es zum FC St. Pauli – immer noch ein besonderer Klub und damit für Sie eine prägende Zeit?
Kruse: Damals schon. Zu dieser Zeit war das was Besonderes, der Teamspirit war außergewöhnlich, die Atmosphäre einzigartig – und im Klub arbeiteten lauter Menschen, die jeden Tag ihr letztes Hemd für den FC St. Pauli gegeben hätten. Das hat mich schon geprägt.

WAZ: Stimmt es, dass Sie zum Einstand dort in einer Schwulenbar kellnern mussten?
Kruse: Auch das gehört dazu, tatsächlich (grinst). Und dass ich heute, sechs Jahre danach, immer noch darüber schmunzeln muss, ist ja auch ein Zeichen dafür, wie prägend diese Zeit war. Solche Sachen erlebt man halt nirgendwo sonst.

WAZ: Nach der Zeit auf St. Pauli kam dann irgendwann das erhoffte Bundesliga-Angebot – aus Freiburg. Wurden Sie da zum ersten Mal als Leistungsträger oder Führungsspieler wahrgenommen?
Kruse: Am Anfang sicher nicht. Da war ich eher einer, auf den man ein bisschen kritisch guckte: Na, schafft der es auch in der 1. Liga? Im Endeffekt war die Zeit in Freiburg einfach das Jahr, in dem ich am meisten Glück hatte. Keiner hatte damit gerechnet, dass wir oben mitspielen, Christian Streich war der optimale Trainer, es lief alles perfekt. Und so bin ich dann in eine vielleicht etwas wichtigere Rolle reingewachsen. Es ist doch im Grunde ganz einfach: Wenn du auf dem Platz Leistung bringst, dann bist du auch berechtigt, Dinge außerhalb des Platzes anzusprechen.

WAZ: Ist Ihnen in diesem Jahr in Freiburg klar geworden: Hey, ich bin ein richtiger Bundesliga-Spieler? Oder war Ihnen das schon immer klar, nur die anderem mussten‘s noch merken?
Kruse: Ja, so ungefähr (lacht). An Selbstvertrauen hat es mir eigentlich nie gemangelt. Aber ich war eben auch in der Pflicht, irgendwann zu beweisen, dass ich auf diesem Niveau spielen kann. Für mich persönlich war das dann keine Überraschung.

WAZ: Was ist Ihre größte Stärke?
Kruse: Das Analysieren meiner eigenen Stärken und Schwächen ist auf jeden Fall keine Stärke von mir.

WAZ: Aber man muss auf dem Platz doch wissen, was man kann?
Kruse: Sagen wir es so: Schnelligkeit gehört sicher nicht zu meinen Stärken, jedenfalls was Sprints angeht. Vielleicht bin ich vom Kopf her ganz flink, kann Situationen ganz gut antizipieren, habe eine ganz ordentliche Gesamtübersicht über den Platz und reagiere darum vielleicht manchmal schneller als andere, erkenne vielleicht einen kleinen Moment früher, wenn der Mitspieler in den Raum startet.

WAZ: Schwächen?
Kruse: Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben einen Übersteiger auf dem Platz gemacht. Ich hab‘s mir immer mal vorgenommen. Vielleicht mal im Training.

WAZ: Wenn Sie‘s da dreimal versuchen, grätscht Naldo Sie weg.
Kruse: Wenn ich den Ball hab‘, egal ob im Spiel oder im Training, dann denke ich da irgendwie nie dran. Ich bin dann vielleicht doch eher der gradlinige Spieler, der auch ohne Tricks auskommt.

WAZ: Von Bremen nach St. Pauli, dann nach Freiburg, dann nach Gladbach, jetzt in Wolfsburg – welche Umstellung fiel Ihnen persönlich am schwersten?
Kruse: Mir fiel eigentlich keine Umstellung schwer.

WAZ: Dann waren die Schritte offenbar alle wohlüberlegt...
Kruse: Ja, wahrscheinlich. Ich hatte nie irgendwo Startschwierigkeiten und nie Zweifel.

WAZ: Die Champions League ist ein nächster großer, internationaler Schritt – hilft da die Nationalmannschafts-Erfahrung?
Kruse: Eher nicht. Das ganze Drumherum ist in der Champions League noch ein bisschen mehr. Und du spielst gegen Mannschaften, die du zum Teil wirklich kaum kennst. Ich hab‘ zum Beispiel ZSKA Moskau noch nie spielen sehen. Und ich habe weder dort noch im Old Trafford oder in Eindhoven jemals gespielt.

WAZ: Eine Gruppe, die auf den ersten Blick lösbar scheint...
Kruse: ...aber mit Mannschaften, die sehr viel Qualität haben.

WAZ: Auf welches Stadion freuen Sie sich am meisten?
Kruse: Old Trafford in Manchester, das ist ja keine Frage. Ein altehrwürdiges Stadion auf das sich, glaub‘ ich, jeder freut.

WAZ: Nicht ein bisschen neidisch auf Ihren Ex-Klub? Gladbach hat mit Juventus, Manchester City und Sevilla ja eine extrem attraktive Gruppe erwischt...
Kruse: Na, da müssen wir doch nur weiterkommen, dann können wir ja auch einen dieser Gegner kriegen.

WAZ: Sind Sie bisher mit Ihrer Saison zufrieden?
Kruse: Es waren doch erst vier Spiele.
WAZ: Sechs.
Kruse: Aber nur, wenn Sie Supercup und Pokal mitrechnen. Was soll ich sagen? Ich bin froh, dass ich dabei war – und bin mir sicher, dass wir auch in dieser Saison wieder eine gute Rolle spielen.

WAZ: Wie enttäuscht waren Sie, dass Sie in der Nationalmannschaft zuletzt nur auf der Bank saßen?
Kruse: Natürlich will jeder auf dem Platz stehen, aber im Endeffekt zählt, dass wir die beiden Spiele gegen Polen und in Schottland gewonnen haben. Ich will zur EM, das ist nach der Saison mit dem VfL mein nächstes großes Ziel.

WAZ: War‘s eigentlich schwierig, als Nicht-WM-Teilnehmer wieder in den Kreis der Nationalspieler zu kommen? So ein WM-Titel schweißt ja die anderen wahrscheinlich ziemlich zusammen.
Kruse: Ja, aber ich war ja vorher auch schon dabei, von daher war das kein Problem.

WAZ: Sie sind kurz vor der WM aus dem Kader geflogen und wurden danach in ich-weiß-nicht-wie-vielen Interviews gefragt, wie Sie damit umgegangen sind. Geht einem das nicht irgendwann gehörig auf die Nerven?
Kruse: Schon, aber ich habe versucht, professionell damit umzugehen. War ja auch irgendwie klar, dass das jeden interessiert. Mittlerweile ist das lange genug her, um sagen zu können: alles abgehakt, Blick nach vorn, ich konzentriere mich darauf, bei der EM 2016 dabei zu sein.

WAZ: Wie ist das mit der Konkurrenzsituation beim VfL? Hat sich das für Sie geändert, weil Kevin De Bruyne weg ist?
Kruse: Nein, wir haben ja Julian Draxler dazu bekommen. Und die Konkurrenzsituation, die jetzt da ist und die auch vorher da war, ist völlig normal bei einer Mannschaft, die in drei Wettbewerben vertreten ist. Darum ist Julian auch so wichtig. Er hat eine enorme Qualität, die er zuletzt auf Schalke durch seine Verletzungen nicht so zeigen konnte. Wenn er fit ist, ist er eine Riesenverstärkung.

WAZ: Sie sind zum VfL gekommen, weil Sie der Mannschaft viel zutrauen – ist es da nicht irgendwie blöd, wenn nach drei Wochen der beste Mitspieler verkauft wird?
Kruse: Nein. Der VfL bestand ja nie nur aus Kevin De Bruyne, sondern auch aus vielen sehr, sehr guten Spielern drumherum. Und vielleicht hat es auch sein Gutes, dass Kevin nicht mehr da ist – weil das Offensivspiel jetzt noch mehr auf mehrere Schultern verteilt wird und jeder noch mehr Verantwortung übernimmt.

WAZ: Sie auch?
Kruse: Klar. Ich bin mittlerweile auch schon 27 und sehe mich da auch in der Verantwortung.

WAZ: Wie sehen Sie die anderen deutschen Teams in der Champions League?
Kruse: Um Bayern müssen wir uns keine Sorgen machen, auch Leverkusen hat trotz Barca eine machbare Gruppe und Gladbach...

WAZ: ...muss vor allem ohne Max Kruse klarkommen. Dass sich Ihr Ex-Team in der Liga so schwer tut, kann ja nicht nur an Ihrem Abgang liegen.
Kruse: Nein, sicher nicht. Ich bin auch nicht mehr so dicht dran, aber ich weiß, dass da ein guter Trainer und ein guter Manager am Werk sind. Die Qualität ist da und wird auch bald wieder sichtbar sein.

WAZ: Und wer ist der große Favorit auf den Gewinn der Champions League?
Kruse: Sie meinen außer uns? (lacht). Nein, im Ernst: Barcelona und Bayern sind das Nonplusultra im Moment. Atletico könnte vielleicht wieder für eine Überraschung sorgen, Juventus ebenso.

WAZ: Was ist mit Paris und Manchester City, die seit Jahren danach lechzen?
Kruse: Kann passieren, aber ich glaube, das reicht noch nicht. Wenn du so einen Titel holen willst, brauchst du mehr als nur gute Einzelspieler. Du musst dann auch in schwierigen Situationen als Mannschaft zusammenstehen, darfst keinen dabei haben, der mehr an sich denkt als ans Team. Das fällt einigen vielleicht nicht so leicht.

WAZ: Auf welchen Gegenspieler freuen Sie sich am meisten?
Kruse: Wayne Rooney. Ein Weltklasse-Spieler. Und ungefähr meine Position...

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