Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
LÄUFT!

VfL Wolfsburg LÄUFT!

Zwischendurch gab es eine der bittersten Niederlagen der Wolfsburger Bundesliga-Geschichte; am Ende hat der VfL die beste Hinrunde seit dem Aufstieg 1997 absolviert. Gibt es da einen Zusammenhang? Hat das eine mit dem anderen nichts zu tun? Oder läuft alles so gut, weil der VfL Wolfsburg viel schneller als gedacht wieder zu einem normalen Bundesliga-Klub geworden ist?  Eine Antwortsuche von Andreas Pahlmann.

Voriger Artikel
„Ich mach' mir einfach keine Platte"
Nächster Artikel
Der VfL bekommt einen neuen Schuh-Sponsor

Was hat sich beim VfL im letzten Jahr geändert? WAZ-Sportchef Andreas Pahlmann hat sich auf eine Antwortsuche begeben.

Quelle: Pahlmann

Ein paar Jahre lang war alles ziemlich leicht. Der VfL Wolfsburg war ein hoffnungsloser Fall, ein Millionengrab, ein Gernegroß der Bundesliga, der vor und nach der Meisterschaft 2009 sinnlos Geld verbrannte und den eigenen Ansprüchen weit hinterher hinkte. Wer außerhalb Wolfsburgs als VfL-Experte gelten wollte, musste nur die Liste der bekannten Vorurteile runterbeten und kam damit ziemlich weit.

Dann kam der 5. Oktober 2013. Und alles, was man dem VfL in den vergangenen Jahren so bösartig nachgerufen hatte, schien in einem einzigen Spiel sichtbar zu werden. Auf der einen Seite stand eine Fußball-GmbH, üppig ausgestattet von Mutter Volkswagen, identitätslos, seelenlos, sich nur über den Erfolg definierend und hilflos jedem Spott ausgeliefert, wenn dieser Erfolg ausbleibt. Auf der anderen Seite ein Verein, tief in den Herzen seiner Anhänger verwurzelt und unabhängig von Erfolg oder Misserfolg fast fanatisch geliebt. Dass der eine Klub nach oben strebte, während der andere sieglos Letzter war, würzte dieses Aufeinandertreffen ebenso wie die Tatsache, dass der VfL Wolfsburg und Eintracht Braunschweig auf der Landkarte nur durch wenige Kilometer getrennt sind. Der 2:0-Sieg des Außenseiters beim ungeliebten Nachbarn wärmte das Herz aller vermeintlichen Fußball-Romantiker, nicht nur in Braunschweig.

Es war, als könnte man quer durchs Land ein überlautes „Ätsch!“ hören.

Diese Niederlage als Niederlage der angeblich seelenlosen Anhäufung von unanständig gut bezahlten Fußball-Millionären zu werten, war aber nur der kleinere, der sichtbare Teil der Wahrheit. Denn die Weichen waren längst anders gestellt, der VfL-Zug war längst wieder unterwegs in Richtung Normalität. Kader-Größe und Anzahl der Neuzugänge waren vor der Saison überschaubar gewesen, die Ziele wurden angemessen bescheiden formuliert. Und das Führungspersonal passte dazu. Manager und Sportgeschäftsführer Klaus Allofs war bei Werder Bremen jahrelang das Management-Gesicht eines bescheiden-seriösen Klubs, der hanseatisch-zurückhaltend und gleichzeitig erfolgreich war. Trainer Dieter Hecking, bodenständig und gelassen, war vorher noch nie Trainer eines Spitzenklubs. Diesen Trainer-Typus hatte es in Wolfsburg seit Wolfgang Wolf nicht mehr gegeben. Der war fünf Jahre lang im Amt geblieben. Über zehn Jahre ist das schon her, aber dass so was beim VfL überhaupt mal möglich war, mag man heute kaum noch glauben.

Hecking war in Wolfsburg angetreten, um mit dem Verein zu wachsen. Und in Wolfsburg muss und musste immer noch vieles wachsen, trotz der Meisterschaft 2009, trotz der 17 ununterbrochenen Erstliga-Jahre, die dem VfL beim Aufstieg 1997 kaum einer zugetraut hatte. Und trotz der rund 150 Millionen Euro, die seitdem unter dem Strich der Wolfsburger Transferbilanz als dickes Minus stehen. Es muss vor allem die Selbstverständlichkeit wachsen, mit dem die fußball-typischen Aufs und Abs einer Saison in Wolfsburg ertragen werden. Dass die Fans mit dieser Selbstverständlichkeit so ihre Probleme haben, zeigte sich vor allem drei Wochen nach dem 0:2 gegen Braunschweig, als der eine Teil der VfL-Anhänger den 3:0-Heimsieg gegen Bremen feiern wollte, ein anderer Teil dagegen dem Derby-Frust noch nachhing - und es sogar handgreiflich wurde.

Es ist schwer, den eigenen Verein zu lieben, wenn man zu lange das Gefühl hatte, dass dieser Verein zu Recht ausgelacht wird.

Aber es ist viel leichter, seinen Verein zu lieben, wenn neben Millionen-Einkäufen plötzlich Spieler aus der eigenen Jugend in der Bundesliga-Stammelf stehen; nicht als Lückenbüßer, sondern als Leistungsträger.

Wenn Bereitschaft zu einfachen Tugenden wieder da ist, abzulesen an der Zweikampf-Tabelle der Liga, die Wolfsburg mit der besten Quote anführt.

Wenn ein Manager Spieler in normaler Stückzahl ein- und verkauft und ein Trainer einen Kader mit Normalgröße zur Verfügung hat.

Wenn eine Niederlage Anfang Oktober gegen den Nachbarn bis Weihnachten die einzige Niederlage bleibt.

Wenn verletzte Spieler ersetzt werden können, ohne dass sich die Qualität des Spiels ändert.

Wenn ein Kevin De Bruyne als sinnvoller Neuzugang angesehen wird.

Vielleicht war das 0:2 gegen Braunschweig die Mutter aller Niederlagen, ein „Keulenschlag“, wie es Dieter Hecking nannte. Aber diese Niederlage wäre nicht nötig gewesen, um dem VfL den entscheidenden Schubser in Richtung bessere Zukunft zu geben. Sie war vielmehr das letzte, hoffentlich allerletzte Aufflackern dieses alten, künstlich aufgepimpten VfL, der zu viel wollte und zu wenig konnte.

Der neue VfL dagegen ist möglicherweise in der Lage, etwas zu erreichen, was er fast nie geschafft hat - er könnte in dieser Saison besser abschneiden als gedacht. Das darf man überraschend finden, denn man konnte nicht sicher sein; dass die Umwandlung des „Ein-Chef-mit-großem-Kader“-Prinzips aus der Magath-II-Ära in einen normalen Fußball-Verein so unaufgeregt funktionieren würde. Normaler Fußball-Verein? Die VfL-GmbH ist eine 100prozentige Tochter von Volkswagen und wird von der Mutter gut versorgt. Das ruft Neider auf den Plan, die manchmal etwas weinerlich daherkommen und die fast immer übersehen, dass sich das VfL/VW/Wolfsburg-Konstrukt in einem wesentlichen Punkt von allen anderen Verein/Sponsor/Stadt-Konstellationen unterscheidet: Es ist nicht wichtig, dass der VfL am Tropf von VW hängt. Wichtiger ist, dass der VfL der Klub einer Stadt ist, die ihrerseits komplett am Tropf von VW hängt und die es ohne VW gar nicht gäbe. Oder anders gesagt: Wer den VfL-Fans ein „Wo wärt ihr ohne Volkswagen?!“ an den Kopf wirft, könnte auch allen Fischen ein „Wo wärt ihr ohne Wasser?!“ an den Kopf werfen.

Wir sind aber nun einmal da, wo wir sind, und das ist vor der Rückrunde der fünfte Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga und das Viertelfinale im DFB-Pokal. Es läuft gut in dieser Saison, vor allem seit dem 2:1-Sieg in Augsburg. „Da habe ich gewusst, dass die Mannschaft funktioniert“, sagte Hecking am Ende der Hinrunde, „und man hat gemerkt, dass da ein Signal aus der Mannschaft kommt: Wir wollen nicht als diese angeblich zusammengekaufte Truppe aus Wolfsburg abgetan werden; wir wollen zeigen, dass da mehr ist, dass wir uns mit diesem Verein identifizieren.“ Das Signal kam tatsächlich an: Man hat endlich das Gefühl, dass in Wolfsburg vielleicht nicht mehr so viel Sensationelles passiert, dafür aber endlich mal was entsteht, das länger Bestand hat als bis zum nächsten Trainer- oder Managerwechsel. Und das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität, viel wichtiger als die Frage, ob am Ende dieser Saison nun ein vierter oder ein neunter Tabellenplatz herausspringt. Natürlich wäre es toll, wenn es mit der Europa League oder sogar mit der Champions League klappt. Es wäre sogar besonders toll, weil es eben (noch) nicht zwingend nötig ist. Die Rückkehr auf die internationale Bühne hat Manager Allofs „mittelfristig“ angepeilt, das kann in einem Jahr sein, aber auch in dreien. Sollte es sehr schnell gehen „werden wir uns nicht wehren“, formuliert es Allofs bescheiden.

Diese Bescheidenheit ist angemessen, denn die VfL-Geschichte lehrt: Wer zu oft zu große Ziele ausgibt, fällt regelmäßig auf die Fresse. Andererseits darf der VfL aber auch nicht so tun, als sei er ein mittelloser Zufalls-Erstligist, der dem Fußballgott für jeden Tag danken muss, den er in der Bundesliga verbringen darf. 1997, nach dem Aufstieg ohne großartige VW-Hilfe, mag das so gewesen sein; seit 2007, seit mit Martin Winterkorn ein Fußball-Fan an der VW-Spitze steht, ist das anders. Seitdem ist der VfL ein Verein mit so großem Potenzial, dass er in regelmäßigen Abständen zu der kommenden Größe des deutschen Fußballs ausgerufen wird - zuletzt von Dortmund-Chef Hans-Joachim Watzke, der in der Winterpause dem VfL „sportlich ordentliche Arbeit“ attestierte und meinte: „Ich habe schon seit Jahren gesagt, dass Wolfsburg bald wieder auf der Matte stehen wird. Das steht jetzt kurz bevor, alleine schon im Verbund mit dieser Finanzkraft, die der Konzern dahinter hat.“ Da klingt zwar immer noch etwas Neid durch, aber eben auch Anerkennung für einen VfL, der seine Rolle als Bundesliga-Spitzenklub annimmt. Auch annehmen muss, weil es, so Allofs, „nicht funktioniert, wenn du etwas sein willst, was du nicht bist.“

Und so darf sich der VfL vor dieser Rückrunde seiner 17. Saison in der Fußball-Bundesliga auf das besinnen, was er ist: Ein Verein, der dank seiner sportlichen Leistungsfähigkeit und seiner wirtschaftlichen Potenz in die obere Hälfte der Bundesliga gehört und dort regelmäßig um die Europacup-Plätze mitspielen darf; Erfolge und Rückschläge inklusive. Wem das zu wenig ist, der soll Bayern-Fan werden. Aber wem das reicht, der könnte noch auf Jahre Spaß haben mit einem Wolfsburger Fußball-Verein, bei dem es ziemlich gut läuft.

Text erschienen am 21. Februar 2014 im AZ/WAZ-Sonderheft „Bundesliga 2014“

Voriger Artikel
Nächster Artikel