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Kein Titel, aber eine Goldene Schallplatte

Das große WAZ-Interview Kein Titel, aber eine Goldene Schallplatte

Die Zeit vor einer WM ist immer auch die Zeit für WM-Erinnerungen. WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann (l.) bat darum Klaus Allofs und Pierre Littbarski zum großen WM-Gespräch, in dessen Mittelpunkt das Turnier 1986 stand, an dem der Manager des VfL Wolfsburg und der Chefscout des VfL gemeinsam teilnahmen. Für Allofs blieb es die einzige WM; Littbarski, der auch schon 1982 dabei war, holte 1990 in Italien den WM-Titel.

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WM-Gespräch: Klaus Allofs (l.) und Pierre Littbarski erinnern sich an ihr gemeinsames Turnier 1986 in Mexiko.

Quelle: Photowerk (mv)

WAZ: Peter Alexander sang 1986 mit der deutschen Nationalmannschaft „Mexico mi amor“, Lothar Matthäus und Pierre Littbarski tragen in dem Video dazu Sombreros. Wie konnte das passieren?

Littbarski: Ach, hinterher hat irgendwer zu mir gesagt, dieses Lied mit dem Sombrero sei meine beste WM-Leistung gewesen. (lacht) Bei diesem Video-Dreh standen halt alle ein bisschen steif rum und weil ich irgendwie immer für den Spaß zuständig war, kam man dann auf die Idee, mir diesen Sombrero zu geben.

WAZ: Wenn man das heute sieht...

Littbarski: ...sieht das alles ein bisschen stümperhaft aus, ich weiß.

WAZ: Aber es ist doch nett. Warum macht man sowas nicht mehr?

Allofs: Ich glaube, es passt nicht mehr in die heutige Zeit, auch musikalisch nicht. Und damals hatten wir in den Wochen vor der WM einen Werbetermin für Hanuta, dazu zwei, drei andere Sachen und dann dieses Musik-Ding - das war‘s. Heute sind die Jungs ganz anders eingespannt. Und Sternstunden der deutschen Musikgeschichte waren das ja auch nicht gerade.

Littbarski: Aber Spaß gemacht hat‘s damals schon. Und für den Teamgeist war es eine tolle Sache - denn keiner konnte singen und alle mussten da zusammen durch.

WAZ: Sie sind auf dem Video nicht zu sehen, Herr Allofs...

Allofs: Ich kann mich nicht erinnern, was da war.

WAZ: Bitte? Wenn man mit Peter Alexander singen darf, dann vergisst man das doch nicht!

Allofs: Doch. Aber ich weiß, dass wir eine Goldene Schallplatte bekommen haben. Ich habe meine noch, und ab und zu gebe ich damit noch ein bisschen an. (lacht) Wenn Kollegen meinen, sie hätten diesen oder jenen Titel gewonnen, kann ich sagen: Ja, aber ich habe eine Goldene Schallplatte.

WAZ: Dafür haben Sie dann beim WM-Turnier häufiger gespielt als Pierre Littbarski, der vor der WM verletzt war.

Littbarski: Ich bin erst spät auf den WM-Zug aufgesprungen - der Franz hat damals immer gesagt: „Der kann gut dribbeln, aber es kommt nichts dabei rum.“ Bei der WM musste Klaus dann vorne oft alleine spielen, weil Rummenigge und Völler nicht so richtig fit waren. Das sah dann oft so aus, dass wir mit neun Mann verteidigt haben und Klaus vorne alles alleine machen musste. Und er hat das gut gemacht.

WAZ: Jetzt haben wir wieder vor der WM einige Spieler, um die es eine Fitness-Diskussion gab und gibt. Nach den Erfahrungen von 1986: Muss man darauf achten, dass der Anteil solcher „Sorgenkinder“ nicht zu groß ist?

Littbarski: Ja. Du kannst einen mit durchziehen, aber nicht zwei oder drei. Und du musst mit Verletzungen während des Turniers rechnen, da kannst du schnell ein Problem kriegen.

Allofs: Neben der sportlichen Herausforderung ist die Hitze in Brasilien auch nicht ohne - das kannst du mit 80 Prozent Leistungsfähigkeit nicht bewältigen. Und Probleme gibt‘s immer dann, wenn Spieler objektiv noch nicht richtig fit sind, aber denken, sie müssten spielen. Wenn man dann auch noch so eng aufeinanderhockt, kann das Spannungen verursachen.

WAZ: Diesmal wird viel über das DFB-Quartier „Campo Bahia“ gesprochen, Ihr Quartier 1986 war in Queretaro...

Littbarski: Nein, im Grunde war es nicht in Queretaro, sondern mitten in der Wüste irgendwo bei Queretaro.

WAZ: Sind Sie mal ausgebüxt?

Littbarski: Man konnte ausbüxen, ja. Aber wozu? Da war ja drumherum nichts.

WAZ: Klingt öde.

Littbarski: Ich war ein bisschen dafür zuständig, dass es nicht zu öde wurde. Ich hatte eine der allerersten Atari-Konsolen dabei, dazu CDs und auch noch eine kleine Video-Anlage. Im Fernsehen gab‘s ja keine deutschen Sender, da haben wir nur die anderen Spiele geguckt. Und Telefonieren war eine Katastrophe, da konnte man nur gegen die Telefon-Muschel schreien und betteln, dass es jemand hört.

WAZ: Damals gab es noch Zwei-Mann-Zimmer.

Littbarski: Ich lag mit Toni Schumacher zusammen, mit dem wollte sonst keiner.

WAZ: Hat er geschnarcht?

Littbarski: Nein, aber Torhüter sind ja immer ein bisschen eigen. Ich kam mit Toni sehr gut zurecht.

WAZ: Und zusammen mit Klaus Allofs haben Sie dann die „Kölsche Mafia“ gebildet, so hat Kalle Rummenigge das genannt. Die einzelnen Grüppchen innerhalb der Mannschaft konnten sich nicht besonders leiden.

Allofs: Der Wolfgang Rolff gehörte damals auch dazu, den hatten wir als Leverkusener quasi adoptiert, er war mein Zimmerkollege. Und ich finde, dass mit der „Kölschen Mafia“ klingt gar nicht negativ. Ich war damals froh um diese Truppe.

WAZ: Wieso?

Allofs: Zum einen muss man wissen, dass ja noch eine andere „Mafia“ dagegenstand. Und bei den großen Turnieren davor war ich immer Einzelkämpfer, hatte kaum Vereinskollegen als Rückhalt dabei. Da war 1986 für mich schon besser, da war ich Teil einer Gruppe - und das hat so viel Sicherheit gegeben, dass dabei eine gute WM rauskam.

Littbarski: Dafür, dass die Gruppen nicht so gut miteinander konnten, war‘s sogar eine sehr gute WM.

WAZ: Wieso gab es denn diesen Streit innerhalb der Mannschaft?

Allofs: Das kam aus der Gruppenbildung heraus, wobei die Hamburger und die Bayern-Spieler schon eher ein Block waren. Alles entzündete sich an der Torwart-Frage, Franz Beckenbauer hatte Toni Schumacher und Uli Stein Hoffnung gemacht, Nummer 1 zu sein...

WAZ: Also einem Kölner und einem Hamburger.

Allofs: Ja. Toni Schumacher spielte dann, Stein war sauer. Dann kam dazu, dass Rummenigge nicht ganz fit war und glaubte, Schumacher würde deswegen Stimmung gegen ihn machen.

Littbarski: Und ich stand zwischen den Stühlen, weil ich als Kölner auch mit den anderen ganz gut befreundet war. Dann kam der Franz immer zu mir: „Sprich‘ doch mal mit dem Toni“ oder „Sprich‘ doch mal mit dem Kalle...“. Irgendwie eine ziemlich komische Situation.

Allofs: Man darf eines nicht unterschätzen: Das Faxgerät hatte sich damals gerade erst durchgesetzt, wir bekamen die Zeitungsartikel aus Deutschland gefaxt - das gab es ja bei den Turnieren vorher nicht. Und plötzlich konnten wir jeden Tag lesen, was der eine Spieler über den anderen gesagt hat oder gesagt haben soll. Das hatte einen großen Anteil daran, dass da Streit entstanden ist.

Littbarski: Im Grunde war‘s Kinderkram - aus heutiger Sicht.

Allofs: Und jeder hatte natürlich „seinen“ Journalisten dabei - der einem dann schon mal sagte: „Jetzt müsst ihr aber mal ‘n Ding raushauen!“ Die Münchner hatten einen, wir Kölner hatten einen, die Hamburger hatten einen. Man stelle sich das mal heute vor, in der heutigen Medienwelt, in der alles noch schneller noch größer gemacht wird. (lacht) Wir hätten womöglich das Turnier gar nicht zu Ende spielen können.

Littbarski: Die Journalisten hatten es aber auch schwer - da war ja nichts. Man konnte nirgendwo hin, es gab nichts zu berichten. Vier Jahre später war das anders, in Italien war mehr Abwechslung, da sind wir mal Motorboot gefahren oder haben Ausflüge gemacht.

WAZ: Aber die Journalisten waren 1986 im Mannschaftshotel untergebracht.

Allofs: Ja. (lacht) Kannst du dich noch an diese gedachte Linie erinnern?

Littbarski: Genau, an so einem Gehweg auf dem Hotelgelände - auf der einen Seite die Journalisten, auf der anderen Seite wir. Und man durfte nicht rüber.

Allofs: Und genau auf dieser Linie standen dann auch die Fotografen und haben versucht, uns auf den Balkonen zu fotografieren.

WAZ: Die Situation eskalierte, als Uli Stein dann Teamchef Beckenbauer wohl vor Zeugen als „Suppenkasper“ tituliert hat - ein Vorfall, der in die deutsche WM-Geschichte einging. Waren Sie selbst dabei, als das passierte?

Littbarski: Nein. Ich habe nur irgendwann gehört: „Der Uli war böse, der muss nach Hause“.

Allofs: Ich kann mich daran auch nicht erinnern. Ich weiß aber noch, dass Egidius Braun, damals Delegationsleiter und später DFB-Präsident, immer zwischen dem Kölner Tisch und dem Münchner Tisch hin- und hergelaufen ist, um zu schlichten.

WAZ: Wenn man heute die Fernsehinterviews oder die Ausschnitte von damals sieht, wirkt Teamchef Beckenbauer furchtbar unsouverän - aufbrausend, sich im Ton vergreifend. War er damals schon eine Respektsperson?

Allofs: Doch, ja - das war er. Und wenn es daran mal Zweifel gab, dann hat er kurz im Trainingsspielchen mitgemacht. Respektsperson war er immer, das ist wahrscheinlich angeboren. In seiner Rolle als Trainer allerdings war er damals nicht immer ganz so souverän...

Littbarski: ...vor allem nicht im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit.

Allofs: Und wenn man ihn in den Mannschaftssitzungen erlebte, merkte man schon, dass er das noch nicht so lange macht. Aber wenn es um Taktik oder Aufstellung ging, war er eine absolute Respektsperson.

Littbarski: Dass Beckenbauer da war, war für uns alle eine Verpflichtung, zehn Prozent mehr zu bringen. Und dass er nach außen so aufbrausend rüberkam, lag vor allem an einem mexikanischen Journalisten, der ihn gleich am Anfang ein bisschen angegriffen hat. Der hatte so ungefähr meine Größe...

WAZ: ...oder um es mit den Worten Beckenbauers von damals zu sagen: „Den siehst du mit bloßem Auge gar nicht“. Außerdem legte er noch „Ein geistiger Nichtschwimmer“ und andere Beleidigungen nach.

Allofs: Er hat die Mannschaft halt immer verteidigt - und damit die Spieler auf seine Seite gebracht. Das war gut. Und wenn wir auch nicht gut gespielt haben, wir haben die Spiele gewonnen.

WAZ: Mit Ihnen als Top-Stürmer - das ist vielen heute gar nicht mehr so bewusst, weil Sie oft im Schatten der anderen standen.

Allofs: Heute diskutiert man, warum Klose der einzige Mittelstürmer ist - Gomez ist nicht dabei, Kießling sowieso nicht. Damals hatten wir vorne eine Riesen-Auswahl. Es gab Kalle Rummenigge und Rudi Völler; und die hatten ein anderes Ansehen, als ich es damals hatte.

Littbarski: Aber wir beide hatten 1985 mit dem 1. FC Köln zusammen eine richtig gute Saison gespielt, sind Dritter geworden.

Allofs: Ja, und ich hatte nicht zuletzt dank Toni Schumacher einen guten Rückhalt in der Mannschaft - und als Kalle und Rudi dann verletzt waren, fiel es dem Franz wohl nicht allzu schwer, mich aufzustellen. Und sein Vertrauen in mich ging so weit, dass ich nach der WM für zwei Jahre Kapitän der Nationalmannschaft wurde.

WAZ: Braucht das deutsche Team jetzt für die WM in Brasilien einen echten Mittelstürmer?

Allofs: Auf jeden Fall brauchen wir den - die Frage ist nur, ob wir den in jedem Spiel brauchen. Gucken Sie sich die Entwicklung des FC Barcelona an: dort hat man zuletzt gemerkt, dass man schwierige Situationen ohne echten Stürmer nicht immer lösen kann. Und in einem Kader von 23 Mann muss es immer eine Mittelstürmer-Lösung geben.

WAZ: Die Bundesliga hat aktuell einen sehr guten Ruf, vor der WM 1986 hatte Beckenbauer gesagt: „Aus der Bundesliga kommt nur Schrott“, man traute der Mannschaft nicht viel zu damals...

Littbarski: Der Franz hat das wahrscheinlich nur gesagt, um noch ein bisschen mehr aus uns rauszukitzeln.

Allofs: Und dass man uns nicht viel zutraute, lag auch an dem Ansehen der Nationalmannschaft. Diese Liebe zur Nationalmannschaft, wie man das heute kennt, gab‘s damals nicht. Als wir 1980 Europameister wurden, gab‘s ein bisschen öffentliches Abfeiern, das war‘s dann. 1984 kam dann das EM-Aus in der Vorrunde, Jupp Derwall musste gehen - also die Stimmung rund ums Nationalteam war insgesamt nicht gut.

WAZ: International war das Ansehen fast besser als daheim.

Allofs: Absolut. Du bist dann ja 1986 gleich nach Frankreich gegangen...

Littbarski: Ja, das war die Zeit, als die Spieler, die im Ausland aktiv waren, mehr galten als die, die in der Bundesliga gespielt haben. Um ein Star zu werden, musstest du nach Italien oder Frankreich gehen.

WAZ: Gehörte auch die gute Fitness der deutschen Spieler zu den Erfolgsgeheimnissen 1986? Ähnlich wie jetzt in Brasilien war es auch in Mexiko sehr heiß, die Spiele fanden ebenfalls zum Teil um 12 Uhr mittags Ortszeit statt.

Allofs: Es ging aber in Mexiko nicht nur um die Hitze, sondern auch um die dünne Luft. Wir hatten Spiele in 2000 Metern Höhe.

Littbarski: Beim Viertelfinale in Monterrey musste man nur die Stufen zum Spielfeld runtergehen und war schon völlig fertig.

Allofs: Kannst du dich noch an dieses Trainingsspiel vor der WM gegen die regionale Juniorenauswahl aus Mexiko erinnern? Ich glaube, wir haben das Spiel nicht mal gewonnen! Aber gemessen an dem, was damals möglich war, sind wir optimal betreut worden - mit Behandlungen, mit Vitaminspritzen. Nach ein paar Tagen hatten wir uns dran gewöhnt, und ich persönlich habe mich nie wieder so fit gefühlt wie damals. Schwer war dann allerdings die Liga-Saison danach.

Littbarski: Oh ja...

Allofs: Bei dir auch? Du warst da ja schon in Frankreich.

Littbarski: Da ging nichts - die WM hatte körperlich und geistig absolut geschlaucht. Bei den Spielen habe ich manchmal gehofft, dass die 90 Minuten bald vorbei sind.

WAZ: Hat die Hitze jetzt in Brasilien auch einen Einfluss aufs Turnier?

Allofs: 1986 war es vielleicht so, dass wir einen kleinen Vorteil hatten, weil wir medizinisch etwas besser versorgt waren als andere. Heute gibt es diesen Unterschied nicht mehr, alle Mannschaft sind da optimal versorgt.

Littbarski: Damals musste man auch noch mit dem Rasen klarkommen.

Allofs: Ja, da gab es noch keine weltweiten Standards für die Plätze in den Stadien. Und der Unterschied war enorm. In Mexiko waren die Halme breiter, man sackte ein, bei jedem Schuss war der Fuß unterm Ball. Im Grunde was das ein ganz anderes Spiel als Fußball in Europa.

Littbarski: Und du bekamst kein Tempo in die Pässe.

Allofs: Irgendwann gewöhnt man sich natürlich dran, wenn man ein paar Wochen da ist.

WAZ: Was kam 1986 schneller: die Gewöhnung an die Rahmenbedingungen oder der Lagerkoller?

Littbarski: Wenn du sechs Wochen aufeinanderhockst, kannst du dir schon irgendwann auf den Geist gehen.

WAZ: Aber man übersteht es.

Allofs: Ja. Und ich glaube, alle, die damals innerhalb des Kaders vielleicht nicht gut aufeinander zu sprechen waren, reden wieder miteinander und verstehen sich heute größtenteils auch ziemlich gut. Das ist doch ein gutes Zeichen. Und wir sind ja auch Vizeweltmeister geworden.

WAZ: Wie schneiden wir diesmal ab?

Littbarski: Deutschland kann Weltmeister werden.

Allofs: Es kann alles passieren. Favorit sind für mich die Brasilianer, wenn sie mit dem Druck klarkommen. Und man muss immer noch an Spanien denken - zwei von vier Teams in den europäischen Halbfinals in dieser Saison kamen aus Spanien.

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