Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Kaum noch Luft nach oben

VfL Wolfsburg Kaum noch Luft nach oben

Der Text erschien am 11. August 2015 im WAZ/AZ-Sonderheft "Die VfL-Saison 2015/16".

Voriger Artikel
So schwören Allofs und Hecking die Profis ein
Nächster Artikel
"Ich konnte meine Leistung nicht zeigen"

Wolfsburg, der Abend des 1. August 2015, es geht auf halb elf zu. Josuha Guilavogui, ausgerechnet dieser talentierte Mittelfeldabräumer, dessen Probleme eigentlich immer dann anfangen, wenn er den Ball hat, spielt im Duell um den Supercup einen Pass von Misimovic‘scher Qualität auf Kevin De Bruyne. Der Belgier, seit Monaten bis zur Überlebensgröße hochgelobt, legt quer. In der Mitte vollendet Nicklas Bendtner, und schon wieder fällt einem das Wort „ausgerechnet“ ein, weil man doch eigentlich immer noch nicht weiß, was man von dem dänischen Stürmer nun halten soll.

Dieses Tor brachte dem VfL ein Elfmeterschießen und schließlich den Supercup, aber das war eher ein Nebeneffekt. Denn in diesem Tor, in diesem Angriff kurz vor Schluss der Partie steckte ganz viel von dem, was den VfL Wolfsburg in der neuen Saison hoffentlich ausmachen wird. „Wir haben viele Bereiche, in denen wir noch besser werden können“, sagte Trainer Dieter Hecking schon zu Beginn der Vorbereitung. Und plötzlich spielt Guilavogui einen Pass, den er in der vergangenen Saison noch nicht gespielt hat, und plötzlich ist Bendtner nicht mehr der Fremdkörper im Spiel, der er lange war.

Momentaufnahmen, natürlich. Aber dieser VfL Wolfsburg ist ganz offenbar wirklich fest entschlossen, noch besser zu werden. Wohin soll das führen?

Als der Spieler Franz Beckenbauer den FC Bayern verließ, wurde der 1. FC Köln deutscher Meister. Als Stefan Effenberg den FC Bayern verließ, wurde Werder Bremen deutscher Meister. Als Michael Ballack den FC Bayern verließ, wurde der VfB Stuttgart deutscher Meister.

Jetzt hat Bastian Schweinsteiger den FC Bayern verlassen, und für Klaus Allofs und Dieter Hecking macht das die Sache nicht leichter. Wieder und wieder mussten Manager und Trainer des VfL vor dieser Saison die Frage beantworten, ob sie denn nicht vielleicht doch der Bayern-Jäger sind, nach dem die Bundesliga offenbar so händeringend sucht. Dabei wollen sie doch nur „den Abstand verkürzen“, wie Allofs sagt. In Münchner Ohren klingt das ein bisschen wie „Die wollen nur spielen“. Und dann beißen sie eben doch zu, diese „grün-weißen Nervensägen“ (Spiegel online), die Pep Guardiola die dritte Supercup-Niederlage beigebracht haben und die sich immer weniger dagegen wehren konnten, vor der Saison als zweiter Titelkandidat ausgerufen zu werden. „Eigentlich war‘s ja ein Unentschieden“, sagte Allofs, als sein VfL das Elfmeterschießen gegen die Bayern gerade gewonnen hatte.

Netter Versuch.

„Wir müssen auf Mannschaften wie Schalke, Leverkusen, Gladbach oder Dortmund schauen. Denn die wollen alle wieder nach oben“, sagt Abwehrchef Naldo, der wie Allofs schon in Bremen ein Bayern-Jäger war. Beide kennen diese Gemengelage aus überzogenen Erwartungen, berechtigtem Optimismus, neuen Herausforderungen und viel Zuversicht, mit der der VfL jetzt in die neue Saison geht. Nach Vizemeisterschaft, DFB-Pokal und - wenn man ihn denn wichtig nehmen mag - Supercup ist aber kaum noch Luft nach oben.

Schon vor dem DFB-Pokalsieg am 30. Mai in Berlin gegen Dortmund hatte der VfL die Thronfolger-Position im deutschen Fußball hinter den Münchner Königen übernommen. Rein mathematisch ist damit klar: Für Wolfsburg sind in der kommenden Spielzeit theoretisch 16 Tabellenplätze möglich, die schlechter sind als der des Vorjahres. Und nur einer, der besser ist.

Seit dem Fast-Abstieg 2011 war es mit dem VfL immer bergauf gegangen, jede Saison war zumindest gefühlt besser als die davor. Daran kann man sich gewöhnen, als Fan, als Reporter, als Spieler, als Vereinsverantwortlicher. Was passiert, wenn es jetzt auch mal ein bisschen schlechter läuft? Vielleicht auch nur ein kleines bisschen schlechter? Der VfL sieht sich darauf vorbereitet. Oberes Drittel, internationale Plätze, nach Möglichkeit wieder Champions League: So sehen die Ziele aus. „Wichtig“ sei es vor allem, „keine Eintagsfliege zu sein“, sagt Francisco Garcia Sanz, VW-Vorstand und Chef des VfL-Aufsichtsrats. In Autobauer-Sprache übersetzt heißt das: Die Fußball spielende Tochter möge bitte eine Mischung aus Käfer und Phaeton bleiben - zuverlässig und dabei im Spitzenklassen-Segment verankert. Ob sie Bayern-Jäger ist oder nicht, ist völlig egal.

Viel wichtiger ist, dass der VfL in seiner Struktur endlich gesund ist. Seit zweieinhalb Jahren arbeiten Klaus Allofs und Dieter Hecking jetzt beim VfL zusammen, so viel sportliche Kontinuität hatte es seit den Zeiten von Peter Pander und Wolfgang Wolf hinter der Glasfront der VW-Arena nicht mehr gegeben. Und Hecking und Allofs müssen nicht mehr das Große und Ganze in Frage stellen, sondern können an vergleichsweise kleinen, aber wichtigen Schrauben drehen. Indem sie etwa die Spieleröffnung von Josuha Guilavogui verbessern. Oder Max Kruse kaufen. Oder ein Mini-Stadion neben die Arena stellen. Oder ein neues Trainingscenter für die Profis errichten. Oder Nicklas Bendtner zu einem echten Teil des Teams machen. Oder einen neuen zweiten Torwart verpflichten. Oder eine Kapelle in die Arena bauen. Oder hoffnungsvolle junge Spieler aus Peru und der Schweiz holen.

Neider beschränken den VfL immer wieder gern auf die vielen VW-Millionen, die vom Konzern über die Berliner Brücke zu den Fußballern wandern. Die meisten Argumente sind ausgetauscht und sterbenslangweilig, weil Profifußball eben ein Geschäft ist. An ein paar Schrauben aber können VfL und VW auch hier noch drehen. Wenn etwa Stephan Grühsem, VW-Kommunikationschef und VfL-Aufsichtsratsvize, das finanzielle Engagement des Unternehmens mit Sätzen erklärt wie „Der Fußball ist und bleibt für uns ein maßgeblicher Teil unserer Vermarktungs- und Kommunikationsstrategie“, dann ist er vom leidenden, jubelnden, schreienden, weinenden oder glücksseligen Fan in der Nordkurve eine Spur zu weit weg. Fußball ist natürlich auch ein Marketing-Instrument, aber er darf es nie in erster Linie sein. Denn wenn er emotionslos wird, kann man ihn auch nicht mehr vermarkten.

Zumal es viel bessere Argumente für das gibt, was Volkswagen mit dem VfL tut: Denn nicht nur der Verein hängt am Tropf der Autobauer, sondern die ganze Stadt, die ganze Region. Und die Millionen, die für Ablöse und Gehälter draufgehen, hat der VfL-Fan im Zweifelsfall zum Teil selbst erarbeitet, wenn er an der Tiguan-Karosserie schweißt oder Golf-Stoßfänger einsetzt. Eine so authentische Verbindung zwischen Team, Stadt und Sponsor gibt es nirgendwo in der Liga und schon gar nicht im europäischen Spitzenfußball, der mehr und mehr von Ölmagnaten und Investorengruppen erobert wird, trotz der Financial-Fairplay-Auflagen der UEFA. Auf diese Sonderstellung seines VfL dürfte auch VW gern noch ein bisschen stolzer sein und das auch zeigen - und dafür eher fragwürdige Engagements wie das bei den Vereinsrechtveräpplern von Rasenball Leipzig einfach mal sein lassen. Denn wenn irgendwann der Eindruck entsteht, VW würde nicht nur seinen Verein vor der Haustür pushen, sondern schlicht den ganzen Fußball kaufen, dann geht auch die schönste Kommunikationsstrategie nicht mehr auf.

Dass Fußball zum Glück meistens nicht planbar ist, hat der VfL auch bei seinem Supercup-Erfolg erlebt. Denn eine gute Stunde vor Guilavoguis Traumpass war es Kevin De Bruyne, der sich geschickt einen Schuss aufs leere Bayern-Tor arbeitet hatte, den Ball dann aber doch knapp vorbei setzte - den macht man eigentlich, wenn man hauptberuflich Bundesliga-Superstar ist. Aber der Fußball lebt von solchen Momenten, und darum kann keiner sagen, was am Ende der kommenden Saison herauskommt für diesen VfL, der an so vielen kleinen, wichtigen Schrauben gedreht hat, der dabei weniger Geld ausgegeben hat als in den Transferperioden zuvor und der mit der Champions League eine neue Herausforderung gestellt bekommt: Am Mittwoch gegen Real Madrid oder Arsenal London, am Samstag dann in Darmstadt - das ist noch eine Spur schwieriger als die Umstellung von Lille auf Augsburg oder von Everton auf Leverkusen. „Wir müssen uns alles wieder neu erarbeiten“, sagt Hecking, der den VfL nicht nur zu einer erfolgreichen, sondern auch zu einer spielerisch höchst attraktiven Mannschaft gemacht hat. Darauf kann er in der neuen Saison aufbauen; den Eifer, mit dem er Guilavogui und andere schon besser gemacht hat, den hat Hecking ganz offensichtlich immer noch.

Denn wenn man dem Trainer erzählen will, dass es kaum noch Luft nach oben gibt, dann läuft man schnell in einen Konter. Taktische Variabilität, Passsicherheit bei Ballbesitz, Fehlerminimierung in der Abwehr, Umschaltgeschwindigkeit nach Balleroberung, irgendwas ist immer zu verbessern.

Muss ja nicht unbedingt der Tabellenplatz sein.

von Andreas Pahlmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Aktuell