Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Kann VW auch zufrieden sein, wenn der VfL Achter wird?

VfL Wolfsburg Kann VW auch zufrieden sein, wenn der VfL Achter wird?

Seit knapp einem Jahr stellt sich Fußball-Bundesligist VfL Wolfsburg neu auf – wie sieht man bei VW die Entwicklung der Nach-Magath-Ära? Mit den WAZ-Sportredakteuren Engelbert Hensel (l.), Robert Schreier (2. v. l.) und Andreas Pahlmann (r.) zogen VfL-Aufsichtsratschef Francisco Garcia Sanz (VW-Konzernvorstand, M.) und Aufsichtsratsvize Stephan Grühsem (VW-Kommunikationschef, 2. v. r.) eine erste Zwischenbilanz.

Voriger Artikel
Restkarten fürs Derby: Freier Verkauf startet
Nächster Artikel
Choupo-Moting steht auf der VfL-Liste

VW-Aufsichtsrats-Duo im WAZ-Interview: Garcia Sanz und Grühsem über Erfolg, Sympathie und Diegos Zukunft.

WAZ : Herr Garcia, Herr Grühsem, der VfL wollte sympathischer werden. Wie weit ist er auf diesem Weg?
Garcia : Sehr weit, das ist mein Eindruck.

WAZ : Woran machen Sie das fest?
Grühsem : Schon die überregionale Medienberichterstattung zeigt: Draußen im Lande ist die Haltung gegenüber dem VfL deutlich ruhiger, sachlicher und entspannter geworden. Die gelegentliche Häme gibt es nur noch selten. Es findet jetzt eine objektive Auseinandersetzung mit der Arbeit beim VfL statt. Das ist ein großer Schritt zu der Normalität, zu der wir hinwollten.

WAZ : Wenn der VfL am Saisonende Achter würde, hätten Sie dann nicht Angst, dass es wieder anfängt mit „VfL, VW – viel Geld und nichts erreicht“?
Garcia : Das wäre dann eine Folge des sportlichen Abschneidens – und nicht eine Frage der Sympathie. Dem FC Bayern ginge es kaum anders, wenn er am Ende der Saison Vierter werden sollte.
Grühsem : Angesichts unserer Transfers und der damit verbundenen Transfersummen wäre ein achter Platz definitiv kein Grund für Häme. Durch die erfolgreiche Verkleinerung des Kaders und den damit verbundenen starken Einsparungen hatten wir auch genügend Luft für einen Transfer wie Luiz Gustavo im Budget.
Garcia : Wenn wir ein sportliches Ziel ausgeben würden und dieses verpassten, wären wir die Ersten, die sagen: Wir haben nicht das geschafft, was wir uns vorgenommen hatten.

WAZ : Ist eine Konstellation denkbar, bei der VW am Ende der Saison sagt: Der VfL ist in Europa nicht dabei, aber wir sind trotzdem zufrieden?
Garcia : Wir wollen jedes Spiel gewinnen – in München genauso wie in Braunschweig. Das wird nicht immer gelingen und am Ende werden wir sehen, wo wir stehen. Wenn Sie in einem Wettbewerb antreten, tun Sie dies, um erfolgreich zu sein. Sonst brauchen Sie gar nicht erst anzutreten. Mit diesem sportlichen Ehrgeiz spielt der VfL in der Bundesliga. Dass wir mit dem Klub mittelfristig auf europäischer Ebene spielen wollen, ist kein Geheimnis. Wir sehen uns mit dem Team und der sportlichen Leitung auf einem sehr guten Weg. Alles andere wird sich zeigen.

WAZ : Aber wäre es nicht prima, wenn der VfL irgendwann so sympathisch wäre, dass die Fans und die Leute hier in Wolfsburg auch nach einem siebten oder achten Platz zufrieden sind?
Garcia : Wenn das so wäre, wäre das für den VfL sicher gut. Ob diese Einschätzung auch für Volkswagen gelten würde, weiß ich nicht. Sportlich erfolgreich zu sein und Leistungsbereitschaft zu zeigen, das gehört für uns dazu. Dass wir auf Dauer mit Mittelmaß zufrieden sind, werden Sie von uns nicht hören. Auch die Fans wollen Erfolge feiern, das gilt für jeden ambitionierten Verein. Dabei denke ich beim VfL gar nicht zuerst an Titel, sondern vor allem an die Rückkehr in den Europapokal.

WAZ : Trotzdem vermittelt der VfL den Eindruck, als gäbe es das Motto „Erfolg um jeden Preis“ nicht mehr – statt überteuerter Stars spielen jetzt Knoche und Arnold.
Garcia: Ein starker Kader und gute Jugendarbeit gehören für uns untrennbar zusammen. Junge Spieler sollten aber auch Garanten für sportlichen Erfolg sein können. Immer Zwölfter zu werden und dann zu sagen: Dafür haben wir eine tolle, junge Mannschaft – damit wäre auf Dauer kaum ein Verein zufrieden.

WAZ : Warum eigentlich nicht?
Garcia : Weil wir wie viele Vereine das Ziel verfolgen, alles miteinander zu verbinden – den sportlichen Erfolg, als sympathischer Klub wahrgenommen zu werden und eine gute, vorbildliche Jugendarbeit.
Grühsem : Wir freuen uns wahnsinnig über Spieler wie Knoche und Arnold. Und wenn wir Spieler aus der Jugend entwickeln, dann müssen wir auch keine Angst davor haben, mal Achter zu werden.
Garcia : Wenn Klaus Allofs heute zu mir kommt und mir erzählt, dass wir mit Julian Brandt einen richtig guten 17-Jährigen haben, der international schon auffällt – dann freue ich mich darüber genauso, wie ich mich über einen 2:0-Sieg bei den Bayern freuen würde.

WAZ : Aber Julian Brandt wird wahrscheinlich nicht beim VfL bleiben.
Garcia : Wenn es so käme, müssten wir weiter daran arbeiten, dass solche Talente zukünftig bei uns bleiben wollen. Natürlich gibt es Vereine, die vom Namen her für junge Spieler hochattraktiv sind – und nicht nur für die, sondern insbesondere auch für deren Berater. Wir wollen es schaffen, dass diese jungen Spieler sagen: Mensch, der VfL bietet mir ein Umfeld, da kann ich wachsen – und das ist für mich persönlich hochattraktiv.
Grühsem : Und da sind wir wieder beim Thema sportlicher Erfolg. Wenn man Dritter wird und in der Champions League spielt, hat man als Verein viel größere Chancen, einen Spieler wie Julian Brandt dauerhaft zu halten.

WAZ : Man kann einem 17- oder 18-Jährigen aber auch sagen: Bei uns spielst du, beim Champions-League-Teilnehmer sitzt du höchstens auf der Bank...
Garcia : Aber Sie sprechen ja nie nur mit dem Spieler oder mit dessen Eltern. Bei so einem Spieler rufen gleich reihenweise Berater an und reden vollmundig von Real Madrid und Manchester United.

WAZ : Herr Grühsem hat von der überregionalen Wahrnehmung gesprochen, die besser geworden ist. Aber hat oder hatte der VfL nicht auch vor Ort ein Akzeptanzproblem? In der Vor-Allofs-Zeit war es nicht einfach, sich mit dem Verein der eigenen Stadt zu identifizieren – darum würden die Leute hier auch einen weniger ehrgeizigen VfL durchaus akzeptieren.
Garcia : Da ist sicher was dran. Aber trotzdem wollen und müssen wir ehrgeizig bleiben. Herr Winterkorn kann ja auch nicht sagen: Also, wenn Volkswagen 2018 nicht die Nummer 1 ist, wie wir es uns vorgenommen haben, sondern die Nummer 3, dann ist das auch okay.

WAZ : Aber wenn bei VW die Produktion in Schutt und Asche läge, müsste man auch erst mal neue Maschinen aufstellen, ehe man sich über Absatzzahlen unterhält.
Garcia : Wir haben das sportliche Ziel ausgegeben, mittelfristig europäisch zu spielen. Das gilt.

WAZ : Luiz Gustavo war vor dieser Saison die einzige Großinvestition...
Garcia : Eine Großinvestition für uns, für andere wäre es keine gewesen.

WAZ : Muss man sich also an Transfers in der 20-Millionen-Größenordnung gewöhnen?
Garcia : Das ist wohl leider so. Auch im Fußball gelten die Regeln der freien Marktwirtschaft. Jeder Verein muss letztlich das machen, was er meint, sich leisten zu können. Bei Luiz Gustavo haben wir lange diskutiert. Wollen wir so viel Geld für einen Spieler ausgeben? Wie stehen die Ausgaben im Verhältnis zu seinem sportlichen Wert? Dann sind wir einstimmig zu dem Schluss gekommen: Ja, wir machen es.

Grühsem : Wir hatten ein klares Profil vor Augen. Erstens sollte es ein fertiger Spieler sein. Zweitens einer, der der Mannschaft sofort weiterhilft, und drittens einer, der uns die internationale Perspektive näherbringt. Wenn man dann in Europa nach solchen Spielern Ausschau hält, landet man immer bei Transfersummen in diesem Bereich.

WAZ : Als Gustavo dann da war, gab es sofort wieder Schlagzeilen wie „Ende der neuen VfL-Bescheidenheit“. Haben Sie so was im Vorfeld einkalkuliert?
Garcia : Das Risiko haben wir gesehen. Aber wir haben uns gesagt: Okay, da müssen wir durch. Wenn der Spieler die Leistung bringt, die wir erwarten, werden die Leute auch verstehen, dass das ein intelligenter Transfer war.

WAZ : Ist es eigentlich aus Ihrer Sicht okay, wenn der VfL immer sofort als VW-Tochter wahrgenommen wird statt als Fußballverein?
Garcia : Das ist wohl so. Aber ob uns das passt? Eher weniger. Wir sitzen ja jetzt hier auch nicht als VW-Vertreter, sondern als Aufsichtsräte des VfL. Mir würde es schon gefallen, wenn der VfL häufiger als eigenverantwortlicher Bundesligaverein dargestellt und wahrgenommen wird.
Grühsem : Allerdings passiert in der öffentlichen Wahrnehmung gerade genau das. Es geht ja mehr und mehr in die Richtung.
Garcia : Wenn es um Transfersummen geht, wird allerdings immer noch sofort Volkswagen erwähnt. Wenn Leverkusen einen neuen Spieler holt, spricht kein Mensch über die Bayer AG.

WAZ : Aber das hat ja auch Gründe – zur Magath-Zeit waren die VW-Vertreter die direkten Vorgesetzten des Trainers. Da verbindet man den Konzern ja ganz unmittelbar mit den sportlichen Entscheidungen.
Grühsem : Ja, aber für mich ist ebenso entscheidend, dass sich die Marke Volkswagen insgesamt dem Fußball verschrieben hat – mit vielfältigen Engagements, unter anderem als DFB-Pokal-Hauptsponsor oder auch im Nachwuchsbereich mit den Volkswagen Junior Masters oder dem Junior-Coach-Projekt. Der VfL ist dabei eben der prominenteste Vertreter, weil er direkt vor unserer Haustür ist und als Tochter zu Volkswagen gehört. Deswegen kann ich natürlich niemandem verübeln, dass er beim VfL auch immer an Volkswagen denkt. Aber natürlich wünschen wir uns, dass der VfL immer mehr für sich steht.

WAZ : Es soll nicht mehr so viel Fluktuation im VfL-Kader geben – wird der Vertrag mit Diego verlängert?
Garcia : Die Struktur des Kaders muss immer wieder den sportlichen Zielen angepasst werden. So ist es nun mal im Fußball und so wird auch beim VfL über Vertragsverlängerungen oder Neueinkäufe entschieden. Wenn es um einzelne Spieler wie beispielsweise Diego geht, ist das Sache der Geschäftsführung, die uns zur gegebenen Zeit informieren wird.

WAZ : Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir dann nicht sagen: Diego ist ein herausragender Spieler, aber mit seinem Gehalt ist er gemessen am sportlichen Wert einfach zu teuer?
Garcia : „Zu teuer“ ist relativ.

WAZ : War es ein Fehler, dass Magath ihn wieder eingebaut hat?
Garcia : Ich spreche nicht von Fehlern. Und Fakt ist: Er spielt jetzt besser als unter Magath. Wäre es ein Fehler gewesen, würde er heute nicht mehr für den VfL spielen.

WAZ : Aber ist er die Führungsfigur, um die herum man in den nächsten Jahren eine Mannschaft aufbauen möchte?
Garcia : Das werden wir sehen. Luiz Gustavo kann auch in die Rolle einer Führungsperson hineinwachsen. Diego Benaglio und Marcel Schäfer sind es schon.
Grühsem : Viel wird davon abhängen, wie die taktische Marschroute des Trainers aussehen wird, diese Dinge sind noch in Bewegung. Trainer und Manager werden sich Gedanken machen, wie der VfL in Zukunft spielen soll – und das wird dann auch den Takt vorgeben bei der Beantwortung der Fragen zu Diego.

Voriger Artikel
Nächster Artikel