Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
„Jetzt zählen keine Ausreden mehr“

VfL Wolfsburg „Jetzt zählen keine Ausreden mehr“

Sie spielten zusammen in Gladbach, sie kennen sich gut und schätzen sich: Dieter Hecking (r.) und Armin Veh treffen zum Start der neuen Bundesliga-Saison als Trainer des VfL und von Frankfurt aufeinander. WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann hat mit beiden gesprochen.

Voriger Artikel
Bevor‘s losgeht, noch eine kurze Frage...
Nächster Artikel
Man City hat eine De-Bruyne-Alternative

Kennen und schätzen sich: Eintracht-Coach Armin Veh (l.) und VfL-Trainer Dieter Hecking.

WAZ: Wird es Zeit, dass die Liga wieder losgeht?

Hecking: Ja. Um ehrlich zu sein: Die Vorbereitung ist auch nicht so richtig mein Ding.

WAZ: Weil die Spiele als Reizpunkt fehlen?

Hecking: Auch, ja. Und weil die Spieler zu unterschiedlichen Phasen in die Vorbereitung eintreten, nicht immer auf demselben Stand sind. Alle haben dann irgendwann auch mal einen toten Punkt, was man gerade bei den Testspielen richtig einordnen muss. Besser ist es, wenn es richtig losgeht und jetzt keine Ausreden mehr zählen. Am Sonntag geht es dann nur noch darum, das erste Spiel zu gewinnen.

WAZ: Was hat Sie in der Vorbereitung eigentlich mehr genervt? Dass man Sie zum Bayern-Jäger machen will oder die Wechselgerüchte um Kevin De Bruyne?

Hecking: Was heißt schon „genervt“? Damit müssen wir umgehen. Wenn man so eine Saison gespielt hat wie wir und dann auch noch gegen die Bayern den Supercup gewinnt - zu diesem Zeitpunkt der Vorbereitung ein Spiel auf überraschend hohem Niveau übrigens -, dann ist ja klar, dass von außen versucht wird, Spannung in die neue Saison zu tragen. Aber wenn ich unser Startprogramm mit dem der Bayern vergleiche, könnte es schon durchaus sein, dass wir nach den ersten fünf Spielen ein bisschen hinten dran sind. Das muss man alles realistisch einschätzen. Und was De Bruyne angeht: Wenn man so erfolgreich Fußball spielt wie wir zuletzt, dann ist es doch klar, dass unsere Spieler begehrt sind - und das auch bei Vereinen, die vielleicht noch größere Ambitionen haben als wir. Das alles ist nicht nervig, sondern gehört dazu - erleichtert allerdings nicht unbedingt die Arbeit.

WAZ: Bringen wir die Frage auf den Punkt: Bleibt De Bruyne?

Hecking: Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Wenn es nach mir geht, dann bleibt er natürlich auf jeden Fall. Ansonsten gilt weiterhin das, was wir in den letzten Tagen immer gesagt haben: Wenn ein Angebot kommt, werden wir und der Spieler uns damit beschäftigen; aber wir wollen keinen Spieler abgeben. Ich als Trainer schon gar nicht.

WAZ: Sie lassen jetzt offensiv variabler spielen, auch mal im 4-4-2-System - hatten Sie dabei schon im Hinterkopf, dass es vielleicht auch ohne De Bruyne gehen muss?

Hecking: Nein, gar nicht. Durch Max Kruse haben wir mehr Möglichkeiten, die wollen wir nutzen. Als wir angefangen haben, uns darüber Gedanken zu machen, waren die Gerüchte um De Bruyne ja auch noch gar kein Thema. Kruse ist einfach der Spielertyp, den wir seit dem Weggang von Ivica Olic nicht mehr hatten - mit dem Unterschied, dass Ivi mehr über seine Dynamik kam, während Max technisch sehr stark und auch in der Lage ist, eine gute Spielidee zu entwickeln. Er ist eben einer, der nicht unbedingt auf die Vorlage von Kevin angewiesen ist, sondern auch mal einen für Kevin auflegen kann.

WAZ: Zuletzt waren in Ihrem Spiel die Übergänge zwischen 4-2-3-1 und 4-4-2 immer fließend. Was malen Sie eigentlich bei der Mannschaftsbesprechung auf die Taktiktafel?

Hecking: 4-2-3-1, aber das ist gar nicht wichtig. Ich könnte auch die Viererkette und die Doppelsechs aufmalen und den anderen sagen: Ihr wisst, was ihr tun müsst. Wobei sich einer aus der Doppelsechs auch vorne einschalten soll, dann ist es plötzlich sogar ein 4-1-3-2. Sie sehen schon: Das ist mittlerweile alles so sehr fließend, dass wir nicht mehr sagen könnten: Der VfL Wolfsburg spielt dieses oder jenes System.

WAZ: Die vergangene Saison war extrem erfolgreich, auch für Sie - erster großer Titel, Trainer des Jahres, viel Lob. Laufen Sie da eigentlich nie Gefahr, auch mal abzuheben?

Hecking: Natürlich haben mich die Auszeichnungen gefreut, das ist ja für einen Trainer wie ein Ritterschlag, wenn er von den deutschen Sportjournalisten zum Trainer des Jahres gewählt wird. Aber dass ich mich dadurch verändere, schließe ich eigentlich aus, dafür bin ich zu sehr gefestigt.

WAZ: Geht‘s nach den Wettquoten auf Trainer-Rauswürfe, ist Ihr Job in diesem Jahr sicherer als der von Pep Guardiola bei den Bayern oder der von Thomas Tuchel in Dortmund...

Hecking: Das war mir nicht bewusst. (lacht) Ist aber schön, wenn es so gesehen wird. Doch wir wissen natürlich alle, dass wir in den zweieinhalb Jahren, in denen ich jetzt hier bin, nie eine ernsthafte sportliche Krise zu überstehen hatten. Wir wollen den Misserfolg nicht herbeireden, aber die Stärke eines Vereins, die Stärke einer Gemeinschaft, zeigt sich vor allem immer dann, wenn der Erfolg mal für eine Weile ausbleibt.

WAZ: Was glauben Sie, wie Verein und Umfeld darauf reagieren würden und wie die Stimmung in der Stadt wäre?

Hecking: Man hat nach der Meisterschaft 2009 in Wolfsburg schon gesehen, dass die Stimmung schnell mal umschlagen kann, wenn es nicht so läuft. Diese Mannschaft, die wir jetzt haben, sollte allerdings einiges an Kredit aufgebaut haben und hätte auch in schweren Zeiten Unterstützung verdient. Aber uns ist natürlich auch klar: Die Erwartungshaltung wird nicht kleiner.

WAZ: Könnten Sie sich einen Saisonverlauf vorstellen, an dessen Ende Sie mit Platz fünf zufrieden wären?

Hecking: Ja. Es könnten Verletzungen dazu kommen, sportliche Probleme, man weiß es ja vorher nicht. Aber das Ziel ist natürlich ein anderes.

WAZ: Haben Sie Ihren neuen Vertrag in irgendeiner Form gefeiert?

Hecking: Nein, ich habe das ja auch immer sehr entspannt sehen können. Die Signale, dass es miteinander weitergeht, waren sehr früh da; ich wusste, dass meine Arbeit gut ist. Am Ende war‘s ein formaler Akt, für den wir keine großen Verhandlungsrunden gebraucht haben.

WAZ: Diskutieren Sie eigentlich in der Familie oft über Fußball?

Hecking: Wenn‘s nach meiner Frau geht, nicht. Wenn‘s nach meinen Kindern geht, schon. Das ist manchmal ein ganz schöner Spagat. Einerseits wollen wir, dass es zu Hause nicht immer nur um Fußball geht, andererseits lässt es sich nie verhindern. An anderen Themen mangelt es meiner Frau eigentlich nie, aber ob ich immer den Kopf habe, darauf einzugehen, ist eine ganz andere Sache. (lacht) Wie das eben zwischen Mann und Frau oft so ist.

WAZ: Reden vor allem Ihre Söhne über Fußball?

Hecking: Jonas ist ja schon beim Fußballverband tätig und wird wahrscheinlich beruflich auch im Fußball-Management-Bereich bleiben, sein Zwillings-Bruder ist genauso interessiert. Das heißt aber nicht, dass das bei meinen Töchtern anders wäre, sie leben ja auch von kleinauf mit dem Fußball - und wenn jetzt wieder die Bundesliga-Spiele anstehen, sind sie nach Möglichkeit auch dabei.

WAZ: Gegen Frankfurt sehen Sie Ihren alten Gladbach-Mitspieler Armin Veh wieder...

Hecking: Ich freue mich immer darauf, Armin zu sehen, ein guter Kollege - immer für einen Spaß zu haben und nicht ganz so verbissen wie vielleicht andere in dem Geschäft.


WAZ: Herr Veh, jetzt geht‘s endlich wieder los, und Sie werden endlich nicht mehr gefragt, warum um alles in der Welt Sie wieder nach Frankfurt zurückgekehrt sind...

Veh: Hoffentlich. (lacht) Am Anfang musste ich diese Frage ständig beantworten, weil‘s natürlich viele Leute überrascht hat. Aber als ich dann so 14 Tage da war, hat‘s sich zum Glück gelegt.

WAZ: Haben Sie denn die Eintracht so vorgefunden, wie Sie sie verlassen hatten?

Veh: Es sind schon noch viele Spieler da, die ich selbst geholt hatte. So viel hat sich also gar nicht verändert. Auf der anderen Seite ist es nach einem Jahr Pause wieder ein Neuanfang – und ich bin ein Trainer, der da nicht routinemäßig, sondern eher ein wenig jungfräulich an die Sache rangeht, um Reize setzen zu können.

WAZ: Ihre Trainerkarriere verlief nach dem Abschied aus Wolfsburg ziemlich speziell...

Veh: Es waren ja auch ziemlich spezielle Vereine in ziemlich speziellen Situationen darunter. Das galt übrigens damals auch für Wolfsburg. Dort nach der Meisterschaft anzufangen, war auch etwas Besonderes. Und der HSV ist heute ja immer noch sehr speziell.

WAZ: Ihr Kollege Hecking sagt, Sie sind nicht so verbissen wie viele andere. Ist es nach wie vor Ihre große Stärke, den Fußball nicht ernster zu nehmen als nötig?

Veh: Also den Job muss man schon ernst nehmen, sonst kann man ja nicht seriös arbeiten. Und es hängen im Profifußball ja auch Jobs vom Erfolg ab. Allerdings darf man es nicht übertreiben. Denn egal, wie groß sportliche Probleme sein mögen, es ist nie lebensbedrohlich – sondern immer nur Sport.

WAZ: Es fällt in dem Zusammenhang auch auf, dass Sie sehr oft nach Ihren Klamotten gefragt werden...

Veh: Jetzt, wo Sie‘s sagen: Stimmt.

WAZ: Sie gelten als jemand, der sich gern auch mal modisch-jugendlich kleidet...

Veh: Mag sein, aber ich denke da wirklich nicht viel drüber nach.

WAZ: Was tragen Sie am Sonntag?

Veh: Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich Trainingsanzug, das ist am bequemsten.

WAZ: Stimmt es eigentlich, dass Sie nach Ihrer Rückkehr nicht mehr in Ihr Haus nach Oberursel konnten, weil dort Ihr Stürmer Haris Seferovic wohnt?

Veh: Ja, aber das war ja eh nur gemietet. Ich wollte auch nicht zurück. (lacht) Dafür hätte ich Seferovic ja verkaufen müssen...

WAZ: Jetzt wohnen Sie in Bad Homburg...

Veh: Ja, da habe ich viel Platz für meinen Hund.

WAZ: Wieder ein Flat Coated Retriever wie damals in Wolfsburg?

Veh: Ja, ich habe Jerry jetzt seit fünf Jahren. Und er liebt mich.

WAZ: Ist ja auch Ihr Hund, der muss Sie ja lieben. Die größere Kunst wäre es, wenn die Spieler Sie lieben würden, die Sie auf die Bank setzen müssen – zum Beispiel einen Ihrer beiden guten Torhüter Heinz Lindner und Lukas Hradecky. Wer spielt?

Veh: Das habe ich noch nicht entschieden – aber wer in Wolfsburg im Tor steht, ist erstmal gesetzt.

WAZ: Wie können wir Ihr Team ansonsten erwarten?

Veh: Wenn es die Mannschaft hergibt, lasse ich immer gern offensiv spielen. Und wir haben technisch gute Fußballer dabei. Aber der VfL ist natürlich Favorit.

WAZ: Haben Sie noch Kontakt nach Wolfsburg?

Veh: Kaum. Aus der Mannschaft von damals sind ja auch nur noch Marcel Schäfer und Diego Benaglio da.

WAZ: Wie stark ist der VfL in dieser Saison?

Veh: Wieder ein sicherer Kandidat für die Champions-League-Plätze. Ich freue mich vor allem für den Dieter, der wirklich gute Arbeit macht und eine richtig gute Mannschaft aufgebaut hat. Er hat sich seinen Erfolg wirklich verdient.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Aktuell