Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
„Jetzt geht es darum, die Ernte einzufahren“

WAZ-Interview mit VfL-Trainer Dieter Hecking „Jetzt geht es darum, die Ernte einzufahren“

Dieter Hecking – er ist nicht der Mann für die großen Worte, er ist bodenständig, ein solider Arbeiter. Der 50-Jährige hat zusammen mit Manager Klaus Allofs den VfL so erfolgreich gemacht, wie er es lange nicht mehr war. Im großen Interview mit den WAZ-Sportredakteuren Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel spricht Hecking über seinen Job, den Saisonendspurt und Titel.

Voriger Artikel
Was macht eigentlich Zhang?
Nächster Artikel
Ochs: Ich will hier bleiben!
Quelle: Photowerk (he)

WAZ: Herr Hecking, was wird denn nach der Länderspielpause besser?

Hecking: Noch besser?

WAZ: Besser als in Mainz.

Hecking: Dass wir mal eine Halbzeit drinhaben, in der es nicht so läuft, kann passieren. Die Spiele, die jetzt kommen, werden nicht einfacher - denn es geht darum, die Ernte einzufahren, nicht nur für uns, sondern auch für die anderen. Wir müssen einfach wissen, dass 80 Prozent Leistung nicht ausreichen werden. Wenn wir das nicht verstehen, sind wir eine normale Mannschaft, die dann auch anfällig ist.

WAZ: Würde es für Sie eigentlich einen Unterschied machen, ob Sie Dritter oder Vizemeister werden?

Hecking: Idealerweise wirst du Zweiter, klar. Ich sehe auch keinen Grund, warum wir das nicht werden sollten. Wir müssen immer wieder die nötige Anspannung haben, die Spiele auch richtig anzugehen. Auch die Bayern haben das gerade gegen Gladbach erlebt, da hat der Kollege Guardiola auch Dinge gesehen, die er lieber nicht gesehen hätte. Mit so etwas muss man leben.

WAZ: In der Liga, im DFB-Pokal und in der Europa League geht‘s in den nächsten Wochen um alles - wie groß ist Ihre Lust auf den Endspurt der Saison?

Hecking: Die ganze Saison ist bislang Freude pur. Wie wir in allen drei Wettbewerben agieren, ist außergewöhnlich gut. Wir haben immer betont, dass wir unserem Zeitplan ein bisschen voraus sind. Das ist so. Die Souveränität war so nicht zu erwarten - von den letzten 20 Pflichtspielen haben wir nur eines verloren, das ist eine extrem gute Konstanz.

WAZ: Machen Sie das nur an den Ergebnissen fest?

Hecking: Nein. Wenn man sieht, auf welche Art und Weise wir die Spiele gegen Sporting Lissabon oder Inter Mailand absolviert haben - die Reife, die die Mannschaft da an den Tag gelegt hat, war so auch nicht zu erwarten. Und im DFB-Pokal haben wir unsere Hausaufgaben gemacht.

WAZ: Das heißt?

Hecking: Ohne die Gegner abwerten zu wollen: Wenn du im Pokal weit kommen willst, dann dürfen Zweitligisten kein Stolperstein sein.

WAZ: Ein Heimspiel gegen Freiburg auch nicht...

Hecking: Die Chance ist groß, wieder ins Halbfinale zu kommen, ja. Und dann hängt eine Menge von der Auslosung ab.

WAZ: Entscheidet das Losglück mehr als alles andere, ob‘s mal mit dem Finale klappt?

Hecking: Nein. Ich glaube, dass wir gegen jeden Gegner gewinnen können. Aber erst einmal müssen wir das Viertelfinale überstehen. Die Dinge nacheinander anzugehen - das ist genau das, worauf es jetzt ankommt, was ich immer wieder predige. Erst einmal kommt Stuttgart, dann steht der Pokal an, dann müssen wir nach Hamburg, erst dann gucken wir auf Neapel. Es macht keinen Sinn, jetzt schon davon zu träumen, dass wir im Pokal-Halbfinale vielleicht gegen Bielefeld spielen... (lacht)

WAZ: Haben Sie nach der bisherigen Saison das Gefühl, der VfL muss jetzt einen Titel gewinnen?

Hecking: Nein, müssen wir nicht. Man kann auch mal ausscheiden - allerdings sollte man sich von diesen Gedanken frei machen. Wenn es passiert, bleibt es eine sehr gute Saison. Aber im Moment kann es eben auch noch eine überragende Saison werden, wenn wir einen der beiden Titel holen. Ein Muss sehe ich darin nicht.

WAZ: Und in der Liga?

Hecking: Ich glaube, dass wir nicht mehr unter Platz vier rutschen werden. Der Abstand ist doch schon gewaltig. Jetzt spielen auch noch Augsburg und Schalke gegeneinander. Und bei 15 Punkten Vorsprung und noch acht ausstehenden Spielen müsste es schon mit dem Teufel zugehen.

WAZ: Den Spagat zwischen Bundesliga und Europa League bekommt Ihr Team sehr gut hin - womöglich sogar besser, als Sie es selbst gedacht hatten?

Hecking: Ja, absolut. Mein Trainerstab und ich hatten ja auch relativ wenig Erfahrung mit diesen englischen Wochen. Wir haben gelernt, dass sehr viel auf die Abläufe ankommt: Wann fliegst du zurück? Wann isst du? Wann sind Ruhephasen wichtig, wie trainierst du? Das haben wir uns angeguckt und manchmal auch was in Absprache mit der Mannschaft geändert.

WAZ: Zum Beispiel was?

Hecking: Wir haben diese lockere Trainingseinheit am Vormittag eines Spieltages irgendwann weggelassen, weil wir fanden, die Spieler sind am Abend noch heißer auf den Ball, wenn sie ihn vorher am Tag nicht gesehen haben. Das sind so kleine Erkenntnisse, die man nach und nach gewinnt.

WAZ: Mit wem sprechen Sie das in der Mannschaft ab?

Hecking: Mit dem Mannschaftsrat. Die Spieler dürfen in gewissen Dingen ein Mitspracherecht haben, müssen wissen, dass ihre Meinung zählt. Wenn man sich dann einigt und das dann auch noch erfolgreich ist - dann wächst Vertrauen. Und dieses Vertrauen, dieses gegenseitig respektieren, das ist das Größte, was wir in diesem Jahr hinbekommen haben.

WAZ: Es ist Ihre erfolgreichste Saison, seit Sie Trainer sind. Ist es auch die Saison, in der Sie den meisten Spaß haben?

Hecking: Spaß definiert sich ja nicht nur über den Erfolg.

WAZ: Eben.

Hecking: Natürlich hast du ein besseres Gefühl, wenn du Spiele gewinnst und dann mit dem Wissen zur Arbeit fährst: Die Probleme sind gerade nicht so groß. Aber mittlerweile schüren wir natürlich mit diesen Leistungen auch eine gewisse Erwartungshaltung an uns.

WAZ: Der VfL wird anders wahrgenommen...

Hecking: Genau. Hier vor Ort sowieso. Aber auch außerhalb. Bei mir daheim in Bad Nenndorf, 100 Kilometer von Wolfsburg entfernt, sagen mir die Leute mittlerweile, dass sie vorm Fernseher sitzenbleiben, wenn der VfL gezeigt wird. Ich denke, dass ist ein großes Lob.

WAZ: Wurden Sie vor Ihrer Zeit beim VfL als Trainer unterschätzt?

Hecking: Ich bin eben vom Typ her einer, der nicht großartig auffällt. Ich bin mit Aachen aufgestiegen, das war eigentlich ziemlich spektakulär. In Nürnberg haben wir durchgängig unsere Ziele erreicht. Aber zu der Zeit gab es eben Trainer, die mehr auf sich aufmerksam gemacht haben - weil sie besonders attraktiven Fußball spielen ließen oder weil sie wie Thomas Tuchel in Mainz oder Christian Streich in Freiburg überraschend erfolgreich waren. Die Kollegen hatten es dann vielleicht auch mehr als ich verdient gehabt, im Fokus zu stehen. Trotzdem habe ich intern immer ein positives Feedback bekommen. Es gab auch immer mal Anfragen von anderen Klubs, aber erst als Ende 2012 der VfL kam, war die Gelegenheit da und ich habe gesagt: Ich mache das jetzt. Weil ich mir auch selbst etwas beweisen wollte.

WAZ: Richtig rausgeflogen sind Sie als Trainer noch nie...

Hecking: Nein. (lacht) Das ist auch eine Qualität.

WAZ: Müsste man das als Trainer nicht auch mal erlebt haben?

Hecking: Ich glaube nicht.

WAZ: Dass Sie in Mailand mit den Fans gejubelt haben, war ungewöhnlich. Sie wirken meistens nicht so, als würden Sie gern im Mittelpunkt stehen. Oder täuscht das?

Hecking: Das täuscht nicht, das ist mein Naturell. Ich bin auch auf Feiern eher der, der am Rand steht und sich alles anguckt. Ich kann auch mal lockere Sprüche machen und auch witzig sein - aber es gibt andere, die sich in dem Bereich wesentlich besser positionieren können als ich. Es freut einen natürlich, wenn die Fans deinen Namen rufen. Weil es eine Bestätigung deiner Arbeit ist - und eine Bestätigung dafür, dass du auch so akzeptiert wirst, wie du bist. In Mailand hatte ich einfach das Gefühl, den Fans auch ein bisschen was zurückgeben zu wollen. Ich finde es nämlich nicht selbstverständlich, dass sich 1200 Leute für uns unter der Woche auf den Weg nach Italien machen und in San Siro weit weg von uns unterm Dach stehen und uns 90 Minuten anfeuern.

WAZ: Sind Sie als Trainer in der Zeit in Wolfsburg besser geworden?

Hecking: Ich würde eher sagen erfahrener. Wenn man in seiner Karriere ein paar Entscheidungen getroffen hat, die ganz gut waren - für seinen jeweiligen Verein, für sich selbst -, dann kommt man authentisch rüber und wird akzeptiert. Das hat mit der Erfahrung zu tun, die man gemacht hat - und mit den Menschen, die man dadurch auch einzuschätzen lernt. Meine Auffassung von Fußball ist dabei immer die gleiche geblieben: Wenn ich eine Mannschaft habe, mit der ich offensiv spielen kann, dann mache ich das. Wenn ich die Spieler dafür nicht habe, muss ich mir eben etwas anderes einfallen lassen.

WAZ: Man hat das Gefühl, dass Sie während der Spiele immer häufiger die richtigen Entscheidungen treffen, wenn es um Umstellungen oder Auswechslungen geht. Das schönste Beispiel war das 5:4 in Leverkusen, als Sie in der Nachspielzeit Jung brachten, Vieirinha nach vorn schoben - und der dann den Siegtreffer einleitete.

Hecking: Das ist auch eine Sache der Erfahrung. In den ersten Monaten kannte ich die Spieler ja noch nicht so gut. Und es hat mit der Qualität des Kaders zu tun. In Leverkusen hatte ich gesehen, dass Boenisch hinten links in der Abwehr schon ganz schön gepumpt hat, er hat ja direkt vor mir auf der Seite gespielt. Also konnte ich da nochmal etwas versuchen - weil die Ersatzbank es auch hergab.

WAZ: Wo wir gerade bei Verbesserungen sind - was machen Ihre Sprachkenntnisse?

Hecking: Englisch wird immer besser. Ab und an fehlt mir die eine oder andere Vokabel, aber meine Tochter ist jetzt in der 7. Klasse, und wenn sie in Englisch ein neues Chapter anfängt, setze ich mich zur Auffrischung ab und an dazu. Das ist auch nicht ganz unwichtig, wenn du international unterwegs bist, denn der kleine Smalltalk am Rande mit Kollegen oder auch Journalisten findet eben meistens auf Englisch statt.

WAZ: Sie haben auch mit CDs gelernt.

Hecking: Ja, im Auto ab und an. Aber es kommt immer mal wieder der Zeitpunkt, an dem ich denke: „Eigentlich kannst du es ja schon.“ (lacht) Und so ein Zeitpunkt ist gerade...

WAZ: Mit Ihren Spielern...

Hecking: ...ist das mittlerweile einfach, weil es kaum noch einen gibt, der kein Deutsch versteht. Und das ist auch wichtig, weil man eben über die Sprache manchmal die Emotionalität wecken muss.

WAZ: Dass Ihre guten Spieler umworben werden, kennen Sie aus Nürnberg, wo Sie Leistungsträger wie Gündogan oder Wollscheid abgeben mussten. Macht Sie diese Erfahrung jetzt in der Diskussion um Kevin De Bruyne gelassener?

Hecking: Es wird ja so getan, als ob Kevin 2016 wechselt. Er hat Vertrag bis 2019. Er hat hier das gefunden, was er gesucht hat: ein bisschen Ruhe, viel Vertrauen - und jetzt ruft er seine optimale Leistung ab. Und die kann er hoffentlich auch in der nächsten Saison in der Champions League zeigen, wenn wir sie denn erreichen. Das wäre für ihn auch noch einmal eine neue Herausforderung, sich auf Champions-League-Niveau zu zeigen. Das muss er auch erstmal hinbekommen, für sich, für uns und für die, die sich vielleicht für ihn interessieren. Und wenn er dann irgendwann doch geht, wird der VfL vielleicht einen Spieler holen, den der abgebende Verein auch gern behalten hätte. Das ist „business as usual“, deswegen bin ich gelassen.

WAZ: Sie wohnen in Bad Nenndorf, das ist eine Autostunde von Wolfsburg weg. Empfinden Sie es als Privileg, dass Ihr Lebensmittelpunkt so nah an Ihrem Arbeitsort ist? So gut haben‘s die meisten Ihrer Kollegen in der Bundesliga nicht.

Hecking: Wir haben das ja auch anders kennengelernt, als die Familie in Bad Nenndorf war und ich in Lübeck, Aachen oder Nürnberg. Aber es war eine klare Entscheidung der Familie zu sagen: Wir brauchen einen Lebensmittelpunkt, denn du kannst nicht fünf Kindern ständig einen Ortswechsel zumuten. Und es war die richtige Entscheidung, die Kinder konnten in Ruhe groß werden, meine Frau hat das hervorragend hinbekommen in meiner Abwesenheit. Natürlich genieße ich es im Moment, regelmäßig daheim zu sein. Allerdings sehe ich vier meiner fünf Kinder auch kaum noch, die gehen mittlerweile ihre eigenen Wege. Einer studiert in Amsterdam, wenn‘s hoch kommt, sehe ich ihn alle zwei Wochen mal.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Aktuell