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"Ich konnte meine Leistung nicht zeigen"

VfL Wolfsburg: Interview mit André Schürrle "Ich konnte meine Leistung nicht zeigen"

Das Interview erschien am 11. August 2015 im WAZ/AZ-Sonderheft "Die VfL-Saison 2015/16".

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André Schürrle packt aus: Das Interview erschien am 11. August 2015 im WAZ/AZ-Sonderheft "Die VfL-Saison 2015/16".

Quelle: Photowerk (bb)

André Schürrle war WM-Held, saß beim FC Chelsea auf der Bank, wechselte zum VfL - und startete in Wolfsburg noch nicht durch. Wie ging es ihm dabei und wie geht‘s jetzt weiter? AZ/WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann traf den Weltmeister zum Gespräch.

Wann haben Sie sich eigentlich zum letzten Mal das Tor vom WM-Endspiel 2014 auf YouTube angeschaut?

Das ist schon eine Weile her. Mittlerweile schaue ich es mir nicht mehr im Internet an, sondern bekomme es nur ab und zu mit, wenn es im Fernsehen läuft. Im Juli, ein Jahr nach der WM, gab es ja noch mal einige Berichte dazu.

Sie können das Tor und Ihre Vorlage aber gewiss noch genau nacherzählen.

Natürlich.

Na, dann los: Toni Kroos hat kurz hinter der Mittellinie den Ball...

...spielt mich auf Außen an, ich spiele direkt wieder zurück und will eigentlich von links langsam in die Mitte laufen, denn die Verlängerung lief ja schon eine Weile und wir waren alle ziemlich kaputt. Aber dann dreht sich Toni mit dem Ball noch mal, ich muss mich also wieder freilaufen, dann spielt er mich erneut an und mir fällt ein kurzes Gespräch ein, das ich mit Thomas Müller beim Seitenwechsel in der Verlängerung hatte.

Über was war da geredet worden?

Dass wir mal eine Einzelaktion, mal ein Dribbling brauchen werden. Nur so kann man noch was reißen. Und dann hab‘ ich gedacht, dass ich einfach versuche, an einem Gegenspieler vorbeizukommen. Dann sehe ich nur noch Argentinier und versuche, die Linie runterzulaufen, um irgendwie einen freien Fuß für eine Flanke zu bekommen. Dann schlag‘ ich den Ball rein..

Weil Sie Mario Götze in der Mitte sehen?

Nein, ich weiß zwar, dass er da reinläuft, aber bewusst auf ihn geflankt habe ich nicht. Und dann, naja, der Rest ist...

...wirklich Geschichte. Fußball-Geschichte. Wenn Sie sehen, wie zuletzt das „Einjährige” des WM-Titels noch mal in den Medien präsent war, dazu die Erinnerung an 25 Jahre WM-Titel 1990, bekommen Sie dann ein Gefühl für die Dimension, die Ihr Erfolg in Rio hatte und haben wird?

Mittlerweile schon. In der ersten Zeit macht man sich erst einmal wenig Gedanken darüber, auch wenn mir natürlich viele Leute gesagt haben: „Du, das wird für immer sein.“ Jetzt bekomme ich auch langsam wirklich ein Gefühl dafür, weil ich merke: Hey, in 25 Jahren werden es die Leute aus unserem Kader sein, die noch mal über die WM 2014 und den Titel sprechen werden. Wenn man daran denkt, wird einem schon klar, was für ein großes Ereignis es war.

Hatten Sie vorher bei dem Dribbling gesehen, welche Argentinier genau da im Weg stehen, an wem Sie vorbei müssen?

Nein. Ich kann ehrlich gesagt auch bis heute gar nicht sagen, wer das war.

Achtet man nicht darauf? So nach dem Motto: Oh, jetzt kommt der Zabaleta, gegen den kann ich das Dribbling eher versuchen als gegen Mascherano...

Doch, normalerweise weiß ich schon: Okay, der ist vielleicht nicht so schnell, da gehe ich jetzt mal ins Eins-gegen-Eins. Aber in dem Moment im Endspiel, in der Szene, war ich nur auf die Aktion und den Ball fokussiert.

Mit dem Tor wurde auch ein Elfmeterschießen verhindert. Wären Sie ein Kandidat gewesen?

Wir hatten das zwar trainiert, aber keine Reihenfolge der Schützen festgelegt. Wäre dann noch einer gesucht worden, hätte ich auf jeden Fall geschossen.

Ihr Flankenlauf in Rio hat auch deshalb funktioniert, weil Sie Ihre Schnelligkeit ausspielen konnten. War diese Szene typisch für Ihr Spiel, hat man in dieser einen Aktion genau Ihre größte Stärke sehen können?

Das wäre jetzt vielleicht ein bisschen zu einfach. Aber grundsätzlich stimmt es schon, ich hab‘s ganz gern, wenn ich Raum habe, ein bisschen mit Anlauf aus der Tiefe kommen kann. Dann fällt es mir leicht, an Gegenspielern vorbeizukommen. Wenn ich Tempo aufnehmen kann, ist es schwer, mich aufzuhalten.

Fehlt Ihnen im Spiel des VfL dieser Raum manchmal? Hat‘s auch darum in Ihrem ersten halben Jahr in Wolfsburg noch nicht so richtig toll funktioniert?

Das würde ich so nicht sagen. Klar, die Mannschaft musste sich vielleicht ein bisschen an mich und meine Aktionen gewöhnen, das hat vielleicht weniger gut geklappt in der Rückrunde. Ich hatte weniger Aktionen, wie ich sie gern hab‘ - mit Anlauf, mit Dribblings. So etwas braucht eben auch etwas Zeit. Jetzt hatten wir eine Saisonvorbereitung, konnten uns aneinander gewöhnen und es wird besser. Ich würde aber trotzdem nicht sagen, dass das der Hauptgrund war, warum es insgesamt noch nicht so gut lief.

Sondern?

Ich glaube, wenn ich früher mein erstes Tor gemacht hätte, wäre vieles besser gelaufen. Im Nachhinein ist es zwar müßig, sich über so etwas Gedanken zu machen, aber wenn der Ball in meinem ersten Spiel nicht an die Latte geht, sondern rein, dann fällt schon ein bisschen Druck ab. Das ist eben Fußball. Am Ende liegt es an mir: Ich muss bei meiner Qualität eben dafür sorgen, dass er reingeht, fertig.

Wenn Sie dann nur auf der Bank saßen oder Kurzeinsätze hatten, wirkten Sie immer ziemlich cool. Hat das nie an Ihnen genagt?

Natürlich macht man sich Gedanken, vielleicht auch ein bisschen mehr als normal: Was läuft falsch? Was kann ich dagegen tun? Aber es traf mich ja nicht überraschend. Als die Entscheidung im Winter anstand, Chelsea zu verlassen, habe ich schon zu meinem Vater und zu meinem Berater gesagt: Egal, was ich mache, das wird eine schwere Rückrunde. Ich hab‘ das auch in den Gesprächen mit dem VfL gesagt: Es wird dauern, weil ich körperlich nicht die Basis habe, die man braucht.

Dabei war das erste Spiel gegen Hoffenheim gleich richtig gut, Ihre erste Torvorlage haben Sie nach nicht einmal drei Minuten abgeliefert.

Ich war unwahrscheinlich motiviert, damit konnte ich vieles wettmachen. Aber irgendwann hat man gesehen, dass die Substanz nicht da war, um mein Spiel durchzuziehen. Ich hab‘ mich dagegen gewehrt, in ein Loch zu fallen, hab‘ extra Läufe gemacht, hab‘ versucht, mit Training gegenzusteuern - aber irgendwann war es dann leider so, dass ich die Leistung, die ich in mir habe, einfach nicht zeigen konnte. Für mich war das auch neu, weil ich noch nie in meiner Karriere irgendwelche Probleme mit der physischen Verfassung hatte.

Dieter Hecking und Klaus Allofs haben immer betont, dass sie das richtig einschätzen können...

Ja, sie wussten vorher sehr genau, was passieren kann. Sie hatten diese Erfahrung ja auch mit Kevin De Bruyne gemacht, der auch etwas Zeit gebraucht hat.

Zu Ihren größten Stärken gehört die Geschwindigkeit, auch die Schnelligkeit mit Ball - war das immer schon Ihr großes Plus?

Ja, schon. Schnelligkeit war immer meine Stärke, das war als Kind so, das war in den Jugendmannschaften so und ist so geblieben.

Dann hätten Sie auch Sprinter werden können?

Meine ältere Schwester war Leichtathletin, ich hab‘ aus Spaß auch mal ein Trainig mit ihr mitgemacht, da war ich so etwa zehn. Aber meine Sportart war immer Fußball, da bestand keine Gefahr.

Wenn Sie Geschwindigkeits-Fan sind, gilt das auch bei Autos?

Oh ja, ich mag schnelle Autos. (lacht) Das darf meine Mutter allerdings nicht hören.

Hätte Sie denn Grund zur Sorge?

Nein. Ich fahre gerne mal etwas schneller, aber immer im Rahmen und ohne Risiko.

Wie ist Ihr Punktestand in Flensburg?

Ich habe keine Punkte in Flensburg. Ich hatte in der Richtung noch keine Probleme.

Sie fahren hier einen VW Touareg, der ist jetzt nicht so überragend schnell...

Nein, aber ich fahre hier auch keine Strecken, bei denen man schnell fahren könnte.

Auf dem Weg von Heiligendorf, wo Sie wohnen, zur Arena...

...ist erst 50 erlaubt, dann 70, dann für eine kurze Strecke 100.

Das haben Sie aber erstaunlich gut im Kopf.

Ja, ist ja auch wichtig (lacht).

Wie ist es denn, in Heiligendorf zu wohnen?

Ruhig.

Zu ruhig?

Nein, nein, ich wohne am Ortsende, habe eine schöne weite Sicht. Das ist sehr angenehm, das hatte ich noch nie.

Wo genau haben Sie in London gewohnt?

An der Grenze Kensington/Chelsea, in der Nähe von Harrods.

Das ist mitten im Zentrum - ein bisschen was anderes als Heiligendorf.

Das stimmt.

Wie kommen Sie, Ihre Freundin und Ihr Hund damit klar?

Für mich ist es vielleicht ein bisschen einfacher, weil ich Deutschland kenne, auch wenn ich ein Stadtkind bin. Ich habe eigentlich vorher immer in der Stadt gewohnt, ich finde es sehr schön, es jetzt auch mal anders zu erleben.

Ihre Freundin kommt aus Kanada, da müsste sie die Weite eigentlich kennen.

Sie ist auch ein Stadtkind, kommt aus Vancouver.

Und der Hund? Der ist von der Größe her ja eigentlich auch Innenstadt-tauglich...

Ja, aber dem gefällt es richtig gut. Hugo braucht zwar kein weites Feld für den Auslauf, aber für ihn ist der große Garten toll. So was gibt‘s ja in der Innenstadt von London gar nicht.

War es für Ihre Freundin schwierig, London zu verlassen und hierher zu ziehen?

Das nicht, für sie war es eher wegen der Sprache ein bisschen schwieriger. Aber mittlerweile versteht sie so gut wie alles und spricht selbst ganz gut Deutsch, auch wenn ihr manchmal vielleicht noch die eine oder andere Vokabel fehlt. Das Einleben dagegen war gut, sie hat viel mit den Frauen der anderen Spieler zu tun und fühlt sich da auch sehr wohl.

Man erfährt relativ viel über Sie, wenn man Ihrer Freundin auf Twitter folgt.

Was denn so?

Dass Sie mit der Espresso-Maschine gekämpft haben. Dass sie als Kanadierin Ihnen bei einem Grizzlys-Heimspiel die Eishockey-Regeln erklären musste. Dass Sie während der Dauer Ihrer Beziehung schon fünfmal umgezogen sind. Zum Teil sind dann auch private Bilder dabei...

Ja, und?

Andere würden das schon für zu privat halten. Müssen Sie ihr manchmal sagen: Stopp, mach‘ mal weniger, ich bin in diesem Land nicht ganz unbekannt...

Nein, gar nicht. Sie weiß selbst sehr genau, wo die Grenze ist. Die Beispiele, die Sie gerade aufgezählt haben, waren ja allesamt lustig und harmlos.

Und Sie haben wirklich keine Ahnung von Eishockey?

Ein bisschen Ahnung habe ich schon. Ich komme ja aus Ludwigshafen, da ist Mannheim mit den Adlern nicht so weit weg, da hab‘ ich schon mal zugeschaut. Aber die Regeln und die Spieler kenne ich nicht so gut wie Montana. Sie ist mit Eishockey aufgewachsen, ihr Bruder spielt jetzt in der WHL, der kanadischen Jugendliga. Deswegen schaue ich jetzt auch mehr Eishockey als früher.

Und müssen Sie jetzt Fan der Vancouver Canucks sein?

Natürlich. (lacht)

Den Lachs, den Sie im Sommer gefangen haben, kann man auf Ihrer Facebook-Seite sehen.

Sieht gut aus, oder?

Absolut. Haben Sie da wirklich zum allerersten Mal geangelt?

Ja. Und die Fische haben wir natürlich selbst zubereitet und gegessen. Das war total lecker, und wenn man weiß, dass man ihn selbst geangelt hat, schmeckt so ein Lachs wirklich doppelt so gut.

Kurz davor waren Sie auf der E3, der weltgrößten Computerspiele-Messe in Los Angeles. Wie kam es dazu?

Es kam eine Anfrage, ob ich nicht als Repräsentant für das Spiel „Call Of Duty - Black Ops III” dabei sein mag. Ich spiele die Call-Of-Duty-Reihe schon eine Weile mit meinen Kumpels, auch online, außerdem passte es zeitlich super, weil wir sowieso Kalifornien für den Urlaub eingeplant hatten, also habe ich zugesagt. Und es hat Spaß gemacht, es war sehr cool, sich da umzugucken.

Spielen Sie an der Konsole Call Of Duty wirklich lieber als Fußball?

Ja, Fußball habe ich ja sonst im Leben genug. Ich spiele zwar nicht so ganz schlecht FIFA, aber gegen meine Freunde habe ich da keine Chance. Deswegen spiele ich dann lieber was anderes.

Auch andere Shooter?

Nein, eigentlich nur Call Of Duty, immer schon.

Eishockey lässt sich auf der Konsole auch gut spielen...

Ja, ich habe das neue Eishockey-Spiel auf der E3 gesehen, das sah wirklich richtig gut aus. Mal sehen, das wäre vielleicht was - auch wenn ich dann womöglich gegen meine Freundin keine Chance hätte.

Sie haben vor drei Jahren mal gesagt: „Ich will die Welt sehen, Titel gewinnen und möglichst einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“ Im Grunde haben Sie alles erreicht und könnten aufhören.

Wenn‘s so einfach wäre. (lacht) Ich habe ja immer noch Spaß am Fußball. Und ich möchte tatsächlich, dass man mich immer noch kennt, wenn ich mal mit dem Fußball aufgehört habe. Das treibt mich an - und ich möchte am Ende sagen können, dass ich das Maximum an Leistung für mich rausgeholt habe. Auf diesem Weg bin ich eigentlich immer noch. Ich bin ja erst 24.

Weltmeister, Pokalsieger...

Ja, die ersten Titel habe ich geholt. Halber englischer Meister bin ich ja auch noch. Aber da kann noch mehr kommen.

Werden Sie eigentlich gerne erkannt?

Am Anfang der Karriere ist das cool. Man will das ja auch ein bisschen, wenn man ehrlich ist. Weil es eben ein Stück weit Bestätigung ist und weil man auch ein bisschen stolz ist, wenn man erkannt wird. Mittlerweile ziehe ich mir manchmal die Mütze aber auch etwas tiefer ins Gesicht. Allerdings hatte ich jetzt noch keine Erlebnisse, die mich großartig gestresst hätten. Und wenn mich Leute nett fragen, dann ist auch alles okay.

Was sagen die Nachbarn in Heiligendorf? „Hallo, Weltmeister”?

Das nicht, nein. Natürlich hat es sich da auch rumgesprochen, wo ich wohne, da stehen dann auch schon mal Kinder vor der Haustür, wollen Autogramme.

Und?

Ja, ist okay, obwohl es vor der Haustür schon irgendwie nicht so toll ist, weil das dann eher zu meiner Privatsphäre gehört. Aber wenn ich zum Beispiel auf dem Sportplatz bin, dann ist das alles total entspannt.

Auf dem Sportplatz?

Ja, in Heiligendorf.

Was haben Sie da gemacht?

Mit meinem Vater ein paar Bälle gekickt, zwei Tage bevor ich hier wieder ins Training eingestiegen bin.

Wie muss ich mir das vorstellen? Klingeln Sie da beim Platzwart, „Hallo, ich bin der André, darf ich mal?”

Wir sind über den Zaun geklettert.

Was?

Nein, das war Spaß. Die Tür zum Platz ist offen, da kann man einfach raufgehen. Ich mache das auch ab und zu mit einem Kumpel.

Wie? So wie wir früher als Kinder? Einfach mal den Ball schnappen und auf dem Sportplatz ein bisschen dagegen treten?

Ganz genau so. Und wir haben auch immer noch unsere Spielchen wie früher auf dem Bolzplatz. Kennen Sie „Sechzehner”?

Nein.

Einer muss ins Tor, der andere hat immer zwei Schüsse; wenn er beide von der Sechzehner-Linie reinmacht, darf er weiterschießen; wer zehn Durchgänge schafft, hat gewonnen.

Wir haben früher immer „Ball-aus-der-Luft” gespielt, so mit Toren per Volley...

Ja, das ist auch gut, aber dafür braucht man mehrere Leute. Sechzehner geht auch zu zweit.

Und auf wie vielen Sportplätzen hier in der Gegend haben Sie schon so rumgekickt?

Nur in Heiligendorf. Vorher war ich ja noch im Hotel - und da war der am nächsten gelegene Platz das VfL-Trainingsgelände, da haben wir das halt da gemacht.

Genau wie der VfL sind Sie 2009 auch deutscher Meister geworden - mit der Mainzer A-Jugend und Trainer Thomas Tuchel. Was dachten Sie, als der jetzt Trainer in Dortmund wurde?

Als die Meldung mit Thomas Tuchel und Dortmund kam, hat meine Mutter als erstes gesagt: „Weißt du noch, wie du über den immer geflucht und geschimpft hast?”

Sie haben auf Thomas Tuchel geschimpft?

Und wie! Er war immer hart zu mir, vom ersten Tag an, als er in der A-Jugend mein Trainer wurde. Immer und immer wieder wollte er, dass ich alles noch ein bisschen besser mache, hat mir immer wieder gezeigt, was ich ändern soll, was ich trainieren soll. Es war oft nicht leicht, aber ich habe es irgendwann geschafft, das als Ansporn zu nehmen: Wenn er jetzt nicht zufrieden ist, muss ich eben noch mehr machen.

Ist das als 17-, 18-Jähriger nicht sehr schwer? Denkt man sich da nicht manchmal: Ich bin doch schon der Schnellste, ich schieße doch schon die meisten Tore, was willst du eigentlich von mir?

Klar ist das schwer. Aber heute weiß ich: Es war der einzige Weg, um mich weiterzuentwickeln. Und Thomas Tuchel wusste das. Am Tag vor dem A-Jugendfinale 2009 hat er mir eine Kopie von einem Kicker-Interview mit Raúl in die Hand gedrückt. Da hatte er Stellen angestrichen, die ich mir angucken sollte.

Was stand da?

Da ging es um unermüdliches Laufen, darum, niemals aufzugeben, immer an den Erfolg und die Chance zu glauben. Das Blatt habe ich noch, das liegt noch immer daheim bei meinen Eltern.

War er der entscheidende Trainer in Ihrer Karriere?

Ja. Ich wurde Profi, er übernahm die Profi-Mannschaft. Er hat mich nach zweieinhalb Wochen Training direkt reingeworfen, ich spielte plötzlich 90 Minuten in der Bundesliga. Thomas Tuchel hat sich seitdem sicherlich noch mal weiterentwickelt, aber er war schon damals ein überragender Trainer. Der packt dich emotional; der macht dich besser, wenn er mit dir redet. Und er ist immer ehrlich, dabei ziemlich gnadenlos. Ich habe gelernt, dass ich nie zufrieden sein darf. Das hat mich weitergebracht, und wir haben bis heute Kontakt.

Passt er zu Borussia Dortmund?

Ich kann es mir vorstellen, ja. Weil er eine Riesen-Qualität im Kader hat; weil er mit der Art und Weise, wie er Fußball spielen lassen will und wie er Spieler anpackt, zu Dortmund passt.

Der BVB wird dann wieder ein VfL-Konkurrent?

Sicherlich, ja.

Wer noch?

Bayern ist immer der Top-Favorit. Mit uns kommen dann Dortmund, Leverkusen, Gladbach - und Schalke, wenn sie dort wieder Fuß fassen. Aber wer weiß, vielleicht kommt noch eine Überraschungsmannschaft dazu.

Haben Sie persönliche Ziele für die kommende Saison? Mehr spielen?

Das sowieso, das muss ich ja nicht extra betonen. Ansonsten setze ich mir aber keine Ziele, die sich so einfach formulieren lassen, keine Zahl an Toren, die ich gern schießen würde oder so. Ich möchte mich entwickeln, viel aus mir herausholen, besser werden, mit der Mannschaft erfolgreich sein.

Sie schauen immer Ihre Spieldaten genau an. Worauf achten Sie da besonders?

Unser Co-Trainer Dirk Bremser gibt mir die Daten immer nach den Spielen. Ich schaue mir an, wie viele Läufe, wie viele Sprints ich gemacht habe. Meistens passt das dann schon ganz gut zu meinem Gefühl für die eigene Leistung: Waren die Werte gut, war auch meine Leistung gut. Wobei mir die Kilometerzahl nicht so wichtig ist. Ich achte eher darauf, wie viele Meter ich im Sprint zurückgelegt habe, wie viele Sprints ich nach hinten gemacht habe, wie viele nach vorn,

Ab wie vielen Metern im Vollsprint sind Sie zufrieden?

So ab 600 oder 700 Meter.

Das ist viel.

Ein Cristiano Ronaldo schafft mehr.

Wirklich?

Klar, auch ein Lionel Messi macht fast alle Aktionen im Vollsprint.

Sind das Vorbilder?

Vorbild wäre zuviel gesagt, aber man versucht immer, sich an den Besten zu orientieren, auch wenn man von denen doch etwas weg ist. Gerade wenn der Unterschied groß ist, motiviert mich das eher, als würde ich mich an jemandem orientieren, der nur ein bisschen besser ist.

Ronaldo und Messi spielen auch nur Fußball, spielen auch nur Champions League und sind nicht einmal Weltmeister - so weit über Ihnen schweben die ja im Grunde auch nicht.

Von der individuellen Klasse her schon. (lacht). Ein Rückrunden-Tor gegen Messis 43 Saisontore, das ist schon noch ein großer Unterschied.

Als Sie Profi wurden, sind Sie nirgendwo länger als zwei Jahre geblieben. War das Zufall oder steckt eine Art Karriereplan dahinter?

Ich habe tatsächlich irgendwo gelesen, dass mein Vater und mein Berater einen Plan für mich gehabt hätten, der alle zwei Jahre einen Wechsel vorsah. Das ist natürlich Blödsinn. So was ist auch unmöglich zu planen. Aber für mich war immer klar: Wenn ich eine Chance auf einen nächsten Schritt sehe, will ich sie wahrnehmen, auch wenn es schwierig scheint. Ich war ein Jahr Profi in Mainz, da habe ich in Leverkusen unterschrieben - für fünf Jahre, ohne den Hintergedanken, früher zu wechseln. Dann kam die Anfrage von Chelsea, und ich wäre nach nur einem Jahr wieder gewechselt, wenn Leverkusen mich gelassen hätte. Bayer wollte nicht, also bin ich ein Jahr später gegangen, was im Endeffekt ganz gut war. Ich hätte es mir leichter machen können, wenn ich geblieben wäre - in Leverkusen war ich gesetzt, war Nationalspieler, Leistungsträger. Aber ich wollte den nächsten Schritt gehen.

Sie waren in Mainz das Talent aus der eigenen Jugend, in Leverkusen waren Sie von bekannteren Spielern umgeben, bei Chelsea sogar von Top-Stars. In Wolfsburg sind Sie das erste Mal einer der Top-Prominenten im Team. Merken Sie das?

Dass ich mich stärker beobachtet fühle, kann ich eigentlich nicht sagen. Aber ich spüre schon eine gewisse Verantwortung, weil mir natürlich völlig klar ist, dass ich kein „normaler” Transfer war. Ich versuche halt, mich davon nicht beeinflussen zu lassen und mir immer klarzumachen: Entscheidend ist am Ende nur, welche Leistung du auf dem Platz ablieferst. Das war bei den anderen Vereinen so, das ist auch in Wolfsburg so.

Wer hätte Ihnen den Wechsel zum VfL eigentlich ausreden können?

Mein Vater und mein Berater.

Ihre Freundin?

Nein. Natürlich habe ich mit ihr darüber geredet, sie wusste sehr früh, in welche Richtung das gehen kann und fand es okay. Ihr ist klar, dass das für meine Karriere ein wichtiger Schritt war und dass das in meinem Alter eben hauptsächlich darauf ankommt.

In Mainz sind Sie zusammen mit Lewis Holtby und Adam Szalai als die „Bruchweg-Boyband” bekannt geworden - haben Sie zu den beiden noch Kontakt?

Ja, klar. Mit Adam schreibe ich ab und zu noch, bei Lewis ist es ja jetzt von Wolfsburg aus bis Hamburg nicht allzu weit.

Sie sind Weltmeister geworden, er muss beim HSV spielen - was hat er falsch gemacht?

Schwer zu sagen. Lewis ist ein richtig guter Kicker. Er braucht einfach mal eine Station, bei der er länger bleiben kann, seine Stärken mal eine ganze Weile zeigen kann.

Mit Mario Götze sind Sie auch befreundet, das hat aber nicht nur mit dem WM-Tor zu tun?

Nein, das war schon vorher so und wir versuchen uns auch regelmäßig zu sehen.

Wie muss ich mir das vorstellen? Sie können ja nicht mal eben bei ihm durchklingen und sagen: „Hey, lass‘ mal zocken” oder so was.

Nein, aber ich bin auch schon mal an einem freien Tag nach München geflogen und wir haben uns da einen netten Tag gemacht und sind am Abend mal gut Essen gegangen. Wir schreiben ständig miteinander, tauschen uns oft aus.

Können Sie bestätigen, dass Mario Götze wahnsinnig ehrgeizig ist?

Absolut. Am Freitag vorm WM-Endspiel hat er nach der Trainingseinheit noch extra Sprints gemacht, da hab‘ ich zu ihm gesagt: Hey Kollege, was geht denn hier, warum quälst du dich so - in zwei Tagen ist doch alles vorbei.

Was war seine Reaktion?

Er hat gesagt „Ja, aber zwei Tage sind es eben noch” - und hat weitergemacht. Das sagt viel über ihn.

Er hat bei den Bayern in der vergangenen Saison auch nicht ganz die Rolle gespielt, die man ihm vielleicht zugedacht und zugetraut hätte. Ist das mit Ihrer Situation hier in Wolfsburg vergleichbar?

Vielleicht schon ein wenig. Darüber haben wir auch geredet, wir haben da ganz ähnliche Erfahrungen. Und wir können uns gegenseitig pushen. Es ist eben total angenehm, wenn man einen so guten Draht zu jemandem hat, der den gleichen Beruf hat, der deine Probleme kennt, deine Lage versteht. Und Mario ist ein Typ, an dem ich mich immer hochziehen kann, weil er absolut professionell ist.

Viel investieren für einen kleinen Moment?

Ja. Das macht den Unterschied aus, wenn man im Sport nach ganz oben will.

Auch Sie arbeiten an sich, ernähren sich beispielsweise jetzt glutenfrei - wie kamen Sie darauf?

Ich habe keine Allergie und mache das auch nicht im Rahmen irgendeiner Therapie. Aber wir werden ja regelmäßig sehr genau getestet und untersucht, und da kann man auch rausfinden, auf was der Körper wie reagiert und wo er sich vielleicht mit Verarbeitung von Nahrung etwas schwerer tut. Bei mir kam halt raus, dass mein Körper Gluten nicht so gut verarbeitet, und da habe ich dann halt mal gedacht: Versuch‘ es mal ohne.

Wann haben Sie damit angefangen?

Kurz vorm Pokalfinale.

Und ist das nicht wahnsinnig schwer? Von der Fertigsoße bis zum Bier, überall ist Getreide drin - und damit auch Gluten.

Ach, mittlerweile gibt es viele spezielle glutenfreie Produkte, da geht das ganz gut. Brötchen hole ich mir halt nicht vom Bäcker, sondern nehme glutenfreie zum Aufbacken - und die schmecken gut. Bei Restaurants muss man eben nachfragen, idealerweise kennt man wen in der Küche, der dann darauf achtet, dass es wirklich glutenfrei ist. Demnächst haben wir auch einen Koch-Trainer bei uns daheim, der uns noch mal speziell zeigt, wie man glutenfrei lecker kochen kann, der auch Tipps fürs Einkaufen gibt. Idealerweise kocht man sowieso selbst, dann weiß man, was drin ist.

Tun Sie‘s?

Natürlich.

Ihr Top-Gericht?

Rinderfiletstreifen mit Reis, Chili und einer glutenfreien Soße. Das ist richtig gut.

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