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Ich kann nicht sachlich bleiben

Andreas Pahlmann über die Derby Niederlage Ich kann nicht sachlich bleiben

Seit 21 Jahren berichte ich über die Fußball-Profis des VfL Wolfsburg. Ich habe den verpassten Aufstieg 1995 erlebt, das 2:7 gegen Werder Bremen und Holger Fach; aber auch den Aufstieg 1997, Edin Dzeko und die Meisterschaft. Ich habe mir erlaubt, emotional zu sein, manchmal mehr, als es in meinem Job gut ist. Wer einen Verein so lange begleitet, kann und darf nicht immer sachlich sein.

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Wir bewerten und beschreiben das 0:2 gegen Eintracht Braunschweig auf diesen Seiten so, wie wir schon viele Spiele bewertet haben. Aber es fühlt sich anders an.

Der VfL hat in diesem Duell mit dem Nachbarn bei weitem nicht sein schlechtestes Spiel gemacht. Er war spielerisch so dominant, wie man es erwarten konnte; er hat aber auch die in dieser Saison üblichen Offensivschwächen gezeigt und schon bekannte gefährliche Ballverluste. Aber darum geht es nicht.

Es geht um die Dinge, die er nicht gezeigt hat. Die Prise mehr von allem, auf die die Fans so sehr gehofft hatten: mehr Einsatz, mehr Ideen, mehr Engagement, mehr Leidenschaft. Vielleicht war es ja für die Mannschaft ein besonderes Spiel - aber zu sehen war das nicht. Es sah aus, als hätte der Gegner auch Ingolstadt oder Hertha sein können. Das tut weh, auch dem, der darüber berichten darf.

Und es tut denen weh, die mit großem Aufwand in der Nordkurve ihre Leidenschaft gezeigt haben; denen, die jetzt die Häme ertragen müssen, vom Kollegen, vom Nachbarn, vielleicht sogar in der Familie. Denn wer dem VfL latente Seelenlosigkeit unterstellt, hat am Samstag ein paar Argumente mehr gefunden. Denn vielleicht ist es ja genau diese Seele, die diesem Verein wirklich immer noch fehlt. Viel Richtiges ist seit dem Amtsantritt von Klaus Allofs passiert, aber das Fan-Gemüt ist nach der Magath-II-Ära noch so wund, dass es auf kleine und größere Störungen empfindlich reagiert - vom verhüllten Trainingsplatz über den Verkauf von Patrick Helmes nach Köln bis zur Niederlage am Samstag, die viel kaputt gemacht hat.

Sportlicher Erfolg ist für solche Wunden immer nur ein kurz wirksamer Balsam. Alle, vom VW-Vorstand bis zum Ersatzspieler, sollten endlich mal aufhören, von Europa zu reden, sonst werden Erfolge hier irgendwann nicht einmal mehr bejubelt, sondern als Planerfüllung abgehakt. Wolfsburg braucht einen VfL, der authentische Leidenschaft verkörpert. Und keinen, der auf dem schmalen Grat zwischen souveräner Coolness und Arroganz immer noch sehr unsicher balanciert. Diese Leidenschaft in allen Bereichen hat der Gegner am Samstag vorgelebt. Das kann man nicht kopieren. Aber das Ergebnis lässt leider Neid zu.

Vielleicht sollten wir einfach mal mit Maximilian Arnold und Bjarne Thoelke glücklicher Zwölfter werden und wieder im Elsterweg ohne Zäune trainieren, statt mit Diego und Luiz Gustavo vor einer Glas- und Stahlfassade von der Champions League zu reden. Dass das unsachlich ist, weiß ich auch. Aber ich habe seit Samstag mehr denn je das verdammte Gefühl, unsachlich sein zu dürfen.

Von Andreas Pahlmann

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