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Hecking zieht im WAZ-Interview Bilanz für 2015

VfL Wolfsburg Hecking zieht im WAZ-Interview Bilanz für 2015

2015 war auch für VfL-Coach Dieter Hecking ein denkwürdiges Jahr: Es begann tragisch mit dem Unfalltod von Junior Malanda - und fünf Monate später feierte der 51-Jährige mit der Vizemeisterschaft in der Fußball-Bundesliga und dem Gewinn des DFB-Pokals seine größten Erfolge.

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Ganz persönliche Jahres-Bilanz: VfL-Trainer Dieter Hecking.

Quelle: Imago

Im WAZ-Interview mit Sportredakteur Andreas Pahlmann zieht Hecking nach Ende der Hinrunde seine ganz persönliche Jahres-Bilanz.

WAZ: Herr Hecking, im Dezember wird Bilanz gezogen – möchten Sie lieber mit der Hinrundenbilanz oder mit der Jahresbilanz anfangen?

Hecking: Mir ist beides lieb, ich kann zu beidem was sagen...

WAZ: Aber das Jahr insgesamt war positiver als die gerade abgeschlossene Halbserie...

Hecking: Ja, natürlich. Das ist Sport. Man kann sich auf etwas Erreichtem nicht ausruhen. Wir haben ja oft genug gesagt, dass es leichter ist, nach oben zu kommen, als oben konstant die nötige Leistung abzurufen. Das zu schaffen, ist unsere Aufgabe.

WAZ: Wie haben Sie und die Mannschaft diese Aufgabe bisher erfüllt?

Hecking: Noch nicht gut. Bestenfalls befriedigend. Wir sind nicht so weit weg, aber es hätte natürlich deutlich besser laufen können.

WAZ: Aus den letzten vier Ligaspielen gab es nur zwei Punkte – macht das Hinrunden-Ende ein bisschen den Eindruck des insgesamt guten Jahres kaputt?

Hecking: Das muss jeder für sich gewichten, in meiner Betrachtung ist und bleibt 2015 das erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte, daran ändern auch diese vier Spiele nichts. Aber wir wissen natürlich auch: Mit dem Gewinn des Supercups war die VfL-Erfolgsgeschichte 2015 quasi abgeschlossen. In dieser Saison sind wir nicht da, wo wir sein wollen. Diesen Rückstand müssen wir aufholen.

WAZ: War es für Sie – vom Tod Junior Malandas über den Pokalsieg bis hin zur aktuellen sportlichen Lage – das schwierigste, bewegendste, turbulenteste Jahr Ihrer Trainerkarriere?

Hecking: Ich würde zuallererst ein anderes Wort verwenden: Es war das erfolgreichste Jahr meiner Karriere, ohne Wenn und Aber. Dass es aber auch immer wieder Schwierigkeiten auf einem erfolgreichen Weg gibt, ist dennoch klar – das haben schon ganz andere erleben müssen.

WAZ: Welches ist die aktuell größte Schwierigkeit?

Hecking: Vielleicht, dass wir Erfolg zu selbstverständlich genommen haben. Wenn man das tut, wird er das genaue Gegenteil von selbstverständlich. Diese Haltung muss unsere neue Mannschaft noch mehr verinnerlichen und muss sich klarmachen, dass sie sich solche Aussetzer wie zuletzt nicht erlauben darf.

WAZ: Inwieweit spielt es eine Rolle, dass durch die Erfolge in diesem Jahr auch die Ansprüche beim VfL gewachsen sind?

Hecking: Es spielt natürlich eine Rolle. Wir haben uns Erwartungen erarbeitet, die wir zuletzt nicht erfüllen konnten.

WAZ: Die individuelle Qualität ist in Ihrer Mannschaft eigentlich da – sind die Probleme dann eher eine Charakterfrage? Fehlen vielleicht Typen mit unbedingtem Siegeswillen?

Hecking: Zumindest war dieser unbedingte Siegeswille, der uns vor allem im ersten Halbjahr ausgezeichnet hatte, in dieser Hinrunde zu selten zu sehen. Das sieht man übrigens auch daran, dass wir viele Unentschieden hatten. Wir brauchen eine Mannschaft, die zwar homogen sein kann, aber dennoch streitbar sein muss.

WAZ: Nach allem, was man von den Spielern hört, ist die Harmonie in der Mannschaft gut – vielleicht zu gut?

Hecking: Das kann so sein, zumindest darf und muss sie sogar eine bessere Streitkultur entwickeln. Früher war es so, dass ältere Spieler mal gesagt haben: So nicht! Da musste der Trainer dann auch seltener eingreifen. Die Generation heute ist anders, Kritik und Konflikte untereinander sind seltener geworden. Dabei gehört es zu einer erfolgreichen Mannschaft dazu, dass sich die Spieler auch mal ordentlich die Meinung sagen. Das ist im Grunde wie in einer guten Ehe – die lebt auch davon, dass man eine gute Streitkultur hat.

WAZ: Kann man als Trainer die Mannschaft ermutigen, ein bisschen mehr miteinander zu streiten?

Hecking: Klaus Allofs und ich fordern das ein, auch in den Gesprächen, die wir mit dem Mannschaftsrat führen: Jungs, ihr müsst gewisse Dinge selbst regeln. Das ist aber auch eine Typ-Frage.

WAZ: Sie haben doch Spieler, die genügend Erfahrung und Autorität dafür hätten. Naldo, Luiz Gustavo...

Hecking: Ich weiß nicht, ob unsere Brasilianer dafür die Richtigen sind. Für sie ist der Spaß am Fußball sehr wichtig, sie brauchen eher eine harmonische Stimmung, um Leistung zu bringen. Dann haben wir noch Marcel Schäfer, der nicht immer gespielt hat – und Diego Benaglio, der es alleine auch nicht stemmen kann.

WAZ: Was ist mit den Neuen? Julian Draxler, Max Kruse oder auch André Schürrle spielen ja immerhin auf Schlüsselpositionen.

Hecking: Julian sollte man mit seinen 22 Jahren nicht in eine Rolle reindrängen, die er noch nicht ausfüllen kann, er muss erst mal sehen, dass er Konstanz in seine Leistung bringt. Max kann man diese Rolle zutrauen, aber er muss auch lernen, was es heißt, in einer Mannschaft eine Führungsspielerrolle auszufüllen – das ist von ihm bisher noch nie gefordert worden. Und bei André gilt, dass es schwierig ist, intern Kritik zu äußern, wenn man selbst in der Kritik steht.

WAZ: Ist die Champions League in dieser Saison für den Kader eine größte Belastung als die Europa League in der Vorsaison?

Hecking: Ja, absolut – weil es noch mal ein anderes Niveau ist. Unsere Gegner in der Gruppenphase waren alle auf dem Level von Top-Fünf- oder Top-Sechs-Mannschaften der Bundesliga. Auch die Wahrnehmung der Champions League ist eine andere, da gucken dann auch mal die Nationaltrainer genauer hin, das wissen auch die Spieler. Es ist außerdem was anderes, wenn du am Dienstag oder Mittwoch spielst – weil du vor den internationalen Spielen eine andere Erholungsphase hast als vor den Europa-League-Spieltagen am Donnerstag. Das macht sich dann schon bemerkbar.

WAZ: Mental oder körperlich?

Hecking: Mental. Körperlich ist alles in Ordnung. Wir hatten ja gerade noch mal einen Laktattest gemacht, da waren die Werte sehr gut. Aber der Stress ist ein anderer, das merke ich selbst auch, wenn ich vor einem internationalen Spiel einen Tag weniger zur Vorbereitung habe.

WAZ: Hätten Sie sich da in dieser Hinrunde manchmal doch ein bisschen mehr Tiefe in Ihrem Kader gewünscht?

Hecking: Den Kader muss man insgesamt beurteilen. Wir reden ja beispielsweise oft davon, dass uns Kevin De Bruyne und Ivan Perisic fehlen und dass es schwierig ist, beide zu ersetzen. Aber uns fehlt auch die Form aus der Vorsaison von Ricardo Rodriguez, von Luiz Gustavo oder von Vieirinha, die Leistungsträger waren und jetzt in dieser Hinrunde durch Verletzungen überhaupt keinen Rhythmus hatten. Die Konstanz dieser Spieler fehlt uns. Und mit Robin Knoche kam noch ein vierter Stammspieler-Kandidat dazu, der lange verletzt ausfiel. Wenn ich diese vier mal abziehe, dazu noch die jungen Spieler nehme, für die der Sprung nach oben schwierig ist – dann bleiben nur noch 14, 15 dauerhaft einsetzbare Spieler übrig. Das ist nicht viel.

WAZ: Ist es unter diesem Aspekt nicht fahrlässig zu sagen: Wir holen keinen Neuen im Winter?

Hecking: Dass wir zuletzt mit Ivan Perisic, Kevin De Bruyne oder auch André Schürrle wichtige Transfers in der Winterpause gemacht hatten, heißt nicht, dass man immer etwas findet, das passt. Natürlich: Wenn wir überzeugt sind, dass wir uns verstärken können, werden wir das versuchen. Aber danach sieht es im Moment nicht aus. Und jemanden zu holen, nur um einen breiteren Kader zu haben, würde uns nicht helfen.

WAZ: Sollte Nicklas Bendtner gehen, wäre ein Kaderplatz frei. Könnte man da nicht mit einem Neuzugang auch dafür sorgen, dass das Offensivspiel wieder mehr Tempo bekommt?

Hecking: Klaus Allofs und ich haben eine klare Absprache: Ein Neuzugang ergibt nur Sinn, wenn er unseren Kader wirklich besser macht. So jemanden zu finden, ist im Winter schwer. Und wenn es um Tempo in der Offensive geht: Das kann André Schürrle, und das wird er auch noch zeigen. Außerdem setzen wir darauf, dass Rodriguez, Gustavo oder Vieirinha in der Vorbereitung so fit werden, dass sie eine ganz andere Rückrunde spielen können.

WAZ: Sie waren Trainer des Jahres 2014/15. Wer ist für Sie der Trainer der Hinrunde?

Hecking: Pal Dardai. Er macht einen sehr guten Job in Berlin, hat dort endlich für Kontinuität gesorgt. Aber was Ralph Hasenhüttl in Ingolstadt und Dirk Schuster in Darmstadt machen, verdient auch Riesenrespekt. Beide galten vor der Saison als Top-Kandidaten für den direkten Wiederabstieg, und was sie bisher aus dieser Saison gemacht haben, ist aller Ehren wert.

WAZ: Ist Hertha als Dritter auch die größte Überraschung der Liga?

Hecking: Ja, damit hatte wahrscheinlich niemand gerechnet. Die Berliner haben aber auch davon profitiert, dass Mannschaften wie Leverkusen, Schalke, Gladbach oder auch wir unsere Schwächephasen in der Hinrunde hatten. Nun müssen wir uns mit Hertha als Konkurrenten auseinandersetzen – das wird spannend, das ist vielleicht auch für die Liga ganz gut. Dass es Dortmund mit dem neuen Trainer so gut hinbekommt, ist trotz des starken Kaders vielleicht auch nicht so zu erwarten gewesen. Der Rest der Liga sortiert sich einigermaßen so wie erwartet.

WAZ: Wenn Sie noch das ganze Jahr betrachten – welches Spiel Ihrer Mannschaft hat Sie aus rein fußballerischer Sicht am meisten zufrieden gemacht?

Hecking: Ein Trainer ist immer dann zufrieden, wenn er sich relativ schnell zurücklehnen kann, weil er weiß: Das Spiel ist gewonnen. Von daher war es unser 6:0 gegen Bremen. Da war ich ab der 60. Minute entspannt.

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