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„Gehe in jedes Spiel, um ein Tor zu erzielen“

WAZ-Interview mit Julian Draxler „Gehe in jedes Spiel, um ein Tor zu erzielen“

Julian Draxler (21), Neuzugang von Schalke 04, kam im Trikot zum Interview-Termin mit der WAZ - denn er hatte noch ein Fotoshooting für die DFL zu absolvieren, ehe er sich den Fragen von Sportredakteur Andreas Pahlmann stellte.

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VfL-Neuzugang Julian Draxler: Er sprach im WAZ-Interview über Schalke, den Wechsel nach Wolfsburg und seinen linken Fuß.

Quelle: Boris Baschin

Der Nationalspieler sprach über Schalke 04, seine Erfahrungen mit dem Fan-Hass bei seinem Abschied und seine Ziele mit dem Wolfsburger Fußball-Bundesligisten.

WAZ: Sie haben vor zwei Jahren mal gesagt, dass Sie nicht in teure Restaurats gehen, weil Sie sowieso am liebsten bei Mama essen. Das fällt ja jetzt weg...
Draxler: Das mit dem Essen werde ich schon auf die Kette kriegen, aber ich verstehe, was Sie meinen. Ich bin das erste Mal von Zuhause weg, raus aus Gelsenkirchen, weg auch von Freunden und Umfeld. Neben den sportlichen Gründen für meinen Wechsel war es mir auch wichtig. jetzt einmal so einen Schritt zu machen.

WAZ: War das ausschlaggebend für den Wechsel?
Draxler: Es ist mit eingeflossen, weil es mir wichtig war, jetzt mein eigenes Ding zu machen, mal eine Entscheidung ganz allein zu treffen.

WAZ: Sie sind mit acht zu Schalke gekommen, waren 13 Jahre lang da. Können Sie diesen sehr speziellen Verein erklären?
Draxler: Es ist ein sehr emotionaler Verein. Entweder, man liebt ihn oder man mag ihn gar nicht, das ist wohl auch das Bild, das man in ganz Deutschland von Schalke hat. Und auch wenn das vielleicht einige nicht hören wollen, weil das nicht mit dem Wechsel zusammenpasst: Es ist bei mir ja auch immer noch so, dass ich diesen Verein liebe.

WAZ: Schalke gilt immer auch als ein bisschen verrückter als andere Klubs – merkt man das als Spieler, auch wenn man keine Vergleichsmöglichkeiten hat?
Draxler: Das merkt man trotzdem, dafür muss man vorher nicht bei acht anderen Vereinen gespielt haben. Und die paar Tage hier in Wolfsburg haben durchaus gereicht um festzustellen, dass hier alles etwas kleiner und ruhiger ist als auf Schalke.

WAZ: Vor allem in den sozialen Netzwerken schlug Ihnen nach dem Wechsel zum VfL viel Hass von Schalke-Fans entgegen. Waren Sie darauf vorbereitet?
Draxler: Ja. Ich habe damit fest gerechnet. Glücklicherweise war ich vorbereitet, denn das war schon nicht ohne.

WAZ: Wie bereitet man sich auf sowas vor?
Draxler: Man muss einfach wissen, wie die Leute ticken und sich überlegen, wie sie reagieren werden. Alles, was einen nicht unerwartet trifft, ist meistens leichter zu verarbeiten.

WAZ: Manuel Neuer hatte ähnliche Erfahrungen gemacht, als er Schalke verließ...
Draxler: Das war von der Situation her ähnlich, das stimmt schon – aber was mit Manu war, gehörte jetzt nicht so zu meinen Überlegungen.

WAZ: Wie geht man damit um, wenn auf der eigenen Facebook-Seite plötzlich soviel unreflexierter Hass auftaucht? Ignorieren?
Draxler: Man kann sich davor nicht verstecken, allein schon über die eigenen Kumpel bekommt man ja das eine oder andere mit. Ich lese mir nicht jeden einzelnen Kommentar durch und denke „Wieso sagt der jetzt sowas“, das kann man auch nicht machen, da verschwendet man viel zu viel Zeit.

WAZ: Empfinden Sie es als unfair?
Draxler: Eigentlich nicht. Es darf sich ja jeder seine Meinung bilden und die auch äußern. Wenn‘s unter die Gürtellinie geht, muss man einfach versuchen, da drüber zu stehen. Wenn mir jemand sagt, dass er kein Verständnis für meinen Wechsel hat, habe ich damit kein Problem. Wenn die Familie mit reingezogen wird, dann muss ich sagen: Das geht nicht, das ist zuviel.

WAZ: Es war gerade zu lesen, dass Ihr Wechsel nach Wolfsburg fast in letzter Minute an der Ablöse gescheitert wäre...
Draxler: Ich weiß jetzt nicht, um welche Zahlen es da ging, aber in der Nacht von Sonntag auf den letzten Transfer-Montag hatte ich mein Handy an und mehrmals Kontakt mit meinem Berater, bis es dann klar war.

WAZ: Am Freitag davor haben Sie hier noch mit Schalke gespielt. Es ist kaum zu glauben, dass Sie da noch nicht ahnten, bald für den VfL zu spielen.
Draxler: Doch, es war so.

WAZ: Was geht denn da in einem vor? Denkt man dann: „Super, dass ich vorgestern da verloren habe“?
Draxler: Nein, ich habe eher gedacht: Es ist Wahnsinn, wie schnell das geht – und dass solche Geschichten nur der Fußball schreibt.

WAZ: Neben dem VfL und Juventus sollen auch englische Klubs interessiert gewesen sein...
Draxler: Das hätte mich gereizt, aber für den Schritt habe ich mich nicht bereit gefühlt, weil ich mit meiner Entwicklung noch nicht so einverstanden war, dass ich gesagt hätte: So, jetzt muss ich unbedingt dahin.

WAZ: Hat der Trainerwechsel auf Schalke – von Roberto Di Matteo zu André Breitenreiter – bei Ihnen nie zu der Überlegung geführt, vielleicht doch dort bleiben zu wollen?
Draxler: Nein. Ich finde, dass André Breitenreiter das sehr gut macht, viele sehr gute Ansätze hat. Aber für mich war die Situation auf Schalke einfach irgendwie aufgebraucht. Ich habe mich früh entschieden, den Verein zu verlassen. Da hätte mich nichts überzeugen können.

WAZ: Breitenreiter war Ihr sechster Trainer auf Schalke...
Draxler: ...in nur fünf Jahren. Das war auch ein Grund dafür, dass ich mir sicher war: Ich muss jetzt mal für mich den nächsten Schritt machen.

WAZ: Dass es so viele waren, lag aber nicht immer nur am Trainer, oder?
Draxler: Ich glaube nicht (lacht). Wenn es so viele sind, liegt das immer auch an der Mannschaft und am Umfeld.

WAZ: Ist der Wechsel ein sportlicher Schritt nach vorn?
Draxler: Ich denke schon, deswegen bin ich ja hier. Die Mannschaft ist stark und noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung. Und weil ich auch noch lange nicht am Ende meiner Entwicklung bin, passt das.

WAZ: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass man Ihr Alter vergisst? Sie sind erst 21, aber eben schon seit mehr als viereinhalb Jahren auf der Bundesliga-Bühne...
Draxler: Ja, schon. (lacht) Ich vergesse das ja auch selbst manchmal, weil ich schon eine Menge erlebt habe. Ich werde in ein paar Tagen erst 22.

WAZ: Gibt es einen Trainer, den Sie als entscheidenden Entdecker oder Förderer benennen würden?
Draxler: Natürlich habe ich Felix Magath viel zu verdanken – weil er mich früh reingeworfen und mir die Chance gegeben hat, auf höchstem Niveau zu trainieren und zu spielen. Außerdem darf man auf Schalke nie Norbert Elgert vergessen – der beste A-Jugendtrainer, den man sich wünschen oder vorstellen kann.

WAZ: Norbert Elgert war damals dagegen, dass Sie so früh zu den Profis wechseln...
Draxler: Ja, das hat er mir auch so gesagt.

WAZ: Warum?
Draxler: Ich war noch viel zu schmächtig.

WAZ: Schmächtig sind Sie eigentlich immer noch...
Draxler: Keine Angst, mit den Stabilisations-Übungen im Training habe ich mittlerweile keine Probleme mehr, auch wenn ich nicht aussehen werde wie...  keine Ahnung...

WAZ: Xherdan Shaqiri?
Draxler: Genau. (lacht)

WAZ: Als Sie bei den Profis waren, haben Sie das Gymnasium nach dem 12. Jahrgang mit dem schulischen Teil des Fach-Abis verlassen – was wäre denn ohne Profifußball aus Ihnen geworden?
Draxler: Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Vielleicht hätte ich Sport studiert oder irgendwas in der Richtung. Aber Priorität hatte es immer, Fußballer zu werden – und da musste ich mich nie umorientieren. Das Ziel war während der Zeit in der Schalker Jugend immer vor Augen, auch wörtlich – die Arena war ja immer zu sehen.

WAZ: In Ihren Jugend-Jahrgängen waren Sie oft auch Torschützenkönig. Fehlt Ihnen das Gefühl manchmal, viele Treffer zu erzielen?
Draxler: Ja, schon. In den letzten beiden Jahren waren es ja auch eher weniger Tore. Und auch wenn ich nicht als Stürmer spiele: Ich gehe in jedes Spiel, um ein Tor zu erzielen. Und ich will da auch bald wieder hinkommen, dass ich öfter treffe.

WAZ: Das sind Sätze, die man sonst eher nur von Stürmern hört...
Draxler: Ich bin offensiver Mittelfeldspieler, nicht so der Typ, der von den Flügeln die Flanken schlägt. Und ich interpretiere diese Position auch schon so, dass ich torgefährlich sein muss.

WAZ: Wissen Sie noch, wo Sie Ihren ersten Bundesliga-Doppelpack erzielt haben?
Draxler: Da vorne (zeigt auf die VW-Arena). War ein gutes Spiel, wir haben ganz überzeugend gewonnen, das genaue Ergebnis weiß ich aber nicht mehr, das ist ja auch bestimmt fast drei Jahre her.

WAZ: 4:1 im März 2013. Wo wir gerade bei Statistik sind: Sie sind der jüngste Spieler, der 50 Bundesliga-Spiele absolviert hat; der jüngste, der auf 100 kam; der jüngste deutsche Champions-League-Torschütze; der jüngste Torschütze und Sieger in einem DFB-Pokalfinale und waren beim Test gegen Polen vor der WM der jüngste Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Was davon bedeutet Ihnen am meisten?
Draxler: Oh, was war das nochmal alles?

WAZ: Der Jüngste mit 50 Bundesliga-Spielen, der Jüngste mit 100...
Draxler: Ja, das. 100 Bundesliga-Spiele. Weil das für Kontinuität steht und gezeigt hat, dass ich keine Eintagsfliege war, nach dem Motto „Mal reingeschmissen, aber nichts draus geworden“. 100 Spiele, das ist schon eine Marke.

WAZ: Sie haben nie ein Hehl draus gemacht, dass Sie gern zentral spielen, wurden aber auf Schalke oft auf Linksaußen eingesetzt. Wie schwer ist es, sich da auch mal durchzusetzen, wenn in der Kabine alle fünf, acht oder zwölf Jahre älter sind?
Draxler: Es geht nur über Leistung. Es bringt ja nichts, wenn man überall rausschreit, dass man da spielen möchte und es dann nicht gut macht. Ich habe ja auch nie gesagt, dass ich nur da spielen möchte.

WAZ: Aber in Wolfsburg würden Sie jetzt schon gern häufiger in der Mitte spielen?
Draxler: Ja. Wobei ich sagen muss, dass ich hier einen großen Konkurrenzkampf habe und genau weiß, dass ich um den Platz in der Mannschaft hart kämpfen muss. Ich glaube einfach generell, dass mir der Fußball hier ein bisschen mehr liegt als auf Schalke. Die Jungs spielen schnell nach vorne, habe eine gute Spielanlage, auch auf den Außenpositionen hängst du hier nicht andauernd in der Luft. Außerdem wird auf dem Feld viel rotiert.

WAZ: Es war irgendwo zu lesen, dass Sie angeblich beidfüßig sind.
Draxler: Wieso angeblich?

WAZ: Ein Fuß ist doch eigentlich immer stärker. Mit welchem Fuß schießen Sie Elfmeter?
Draxler: Ich schieße keine Elfmeter (grinst). Okay, es stimmt schon, der rechte ist etwas stärker. Aber ich habe immer schon beide Füße trainiert.

WAZ: Immer schon heißt ab welcher Jugend?
Draxler: Nee, wirklich immer schon. Es hat mir Spaß gemacht, beim Kicken nach dem Training oder irgendwann sonst in der Freizeit alles auch immer mit dem linken Fuß zu können. Da war ich ehrgeizig. Was der rechte kann, muss der linke auch können.

WAZ: Die Freizeit bestand nur aus Fußball?
Draxler: Ja. Wenn ich Zeit hatte, war ich auf irgendeinem Platz. Vielleicht noch ein bisschen Playstation spielen, das war‘s dann.

WAZ: Spielen Sie Fußball auf der Playstation?
Draxler: Ja.

WAZ: Spielen Sie sich da auch selbst?
Draxler: Bei FIFA 11 bin ich nach der Kader-Aktualisierung im Winter  das erste Mal selbst da aufgetaucht, da habe ich mich natürlich immer erst mal in die Startaufstellung gepackt, das war da schon was Besonderes. Mittlerweile spielen meine Kumpel immer mit Barca oder so, da muss ich dann schon Real nehmen. Mit Wolfsburg oder Schalke hätte ich da wohl im Moment noch schlechte Karten.

WAZ: Barca und Real wären potenzielle Champions-League-Gegner im nächsten Jahr – was ist da für den VfL drin?
Draxler: Auf jeden Fall das Achtelfinale.

WAZ: Und in den nationalen Wettbewerben?
Draxler: Die Jungs hier haben das in der vergangenen Saison überragend vorgelegt, es wäre schon toll, das zu bestätigen. Mit Ivan Perisic und Kevin De Bruyne sind zwar zwei sehr gute Spieler nicht mehr da – aber es wurde ja Qualität nachgekauft. (lacht) Das können Sie ruhig so aufschreiben.

apa

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