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Erfolg nur dank VW? „Das ärgert mich!“

WAZ-Interview Erfolg nur dank VW? „Das ärgert mich!“

Die Aufsichtsrats-Spitze des VfL hat allen Grund zufrieden zu sein – denn Wolfsburgs Fußball-Bundesligist hat nach Jahren der Enttäuschungen endlich wieder einen europäischen Wettbewerb erreicht. Aufsichtsrats-Chef Francisco Garcia Sanz und Aufsichtsrats-Vize Stephan Grühsem wirkten darum im Gespräch mit den WAZ-Sportredakteuren Andreas Pahlmann und Robert Schreier (v. l.) sehr entspannt. Der VW-Vorstand und der VW-Kommunikationschef machten aber auch klar, dass diese erfolgreiche Saison keine Eintagsfliege bleiben darf und dass sie sich den VfL dauerhaft auf der europäischen Bühne wünschen.

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WAZ: Wie viele Autos verkauft VW jetzt mehr, weil der VfL wieder im Europapokal spielt?

Garcia (lacht): Interessante Frage, aber nur so kann und darf man die Sache natürlich nicht sehen. Es ist für die Marke Volkswagen insgesamt einfach gut, wenn der VfL als Botschafter mit dem Logo auf der Brust in Europa präsent ist.

Grühsem: Man kann messen, welchen wirtschaftlichen Mehrwert diese Präsenz für Volkswagen hat. Aber unser Engagement beim VfL war ja nie nur dadurch bestimmt, mehr Autos zu verkaufen. Zunächst mal ist es gut und wichtig, dass „Fußball made in Wolfsburg“ wieder auf der europäischen Bühne mitspielt. Es ist vor allem sportlich das, was wir uns vorgenommen haben.

WAZ: Platz fünf in diesem Jahr, vielleicht noch bessere Plätze in den nächsten Jahren - es gibt immer wieder Kritiker, die die sportlichen Erfolge des VfL komplett nur der Finanzkraft von VW zuschreiben...

Garcia: Diese Vorurteile begleiten uns seit Jahren. Aber wenn wir die aktuelle Lage sehen, ist doch klar: Der Erfolg liegt nicht in erster Linie an unserer Finanzkraft, und es ärgert mich, dass das immer wieder behauptet wird. Wir haben mit Maxi Arnold und Robin Knoche zwei starke Spieler aus den eigenen Reihen in der Stammelf. Und wir hatten in dieser Saison nur zwei gezielte qualitative Verstärkungen von Außen -  Luiz Gustavo im Sommer,  Kevin De Bruyne im Winter. Wer dann sagt, wir schütten nur so das Geld aus oder sogar von einer Retorten-Mannschaft mit VW-Geld spricht, der liegt einfach daneben.

Grühsem: Ich glaube, dass wir diese Vergleiche nie ganz abschütteln werden, egal, was wir machen. Denn natürlich sehen die Leute, dass das eine 100-prozentige VW-Tochter ist. Darum wird es immer heißen: Wirtschaft gleich Geld, gleich hohe Ausgaben. Auch wenn diese Schlussfolgerung falsch ist, wir müssen wohl damit leben.

WAZ: Der VfL spielt jetzt international - wird sich VW jetzt noch stärker finanziell engagieren, wird sich an der Strategie etwas ändern?

Garcia: Warum sollte es? Wir haben doch vor eineinhalb Jahren die richtigen Weichen gestellt: Wir bauen hier mit Klaus Allofs und Dieter Hecking einen Verein auf, der sich langfristig europäisch messen kann. Von dieser Strategie werden wir nicht abrücken. Aber klar: Wir werden die Mannschaft so verstärken, dass dieser fünfte Platz keine Eintagsfliege bleibt. Schließlich ist unser Anspruch, dauerhaft oben mitzuspielen.

WAZ: Fast wortgleich haben wir das 2009 nach der Meisterschaft auch gehört...

Garcia: 2009 waren wir für diesen Sprung in die Spitze vielleicht noch nicht bereit, darum haben wir in der Euphorie hier und da vielleicht auch Fehler gemacht. Jetzt haben wir es geschafft, eine Mannschaft aufzubauen, die sympathisch  und erfolgreich ist, wir haben eine funktionierende Geschäftsführung und eine nachhaltige Struktur.

Grühsem: Entscheidend ist es, immer darauf zu achten, dass es keine Rückschläge gibt. Es gibt etliche Beispiele von Mannschaften, die es nicht geschafft haben, nach einer guten Saison mit der Mehrbelastung Europacup fertig zu werden - denken Sie an Freiburg, Frankfurt oder zuvor auch Hannover.

WAZ: Was tut man dagegen?

Grühsem: Wenn wir den Kader weiter entwickeln, wird es nicht nur darum gehen, ihn in der Spitze zu verstärken, sondern auch in der Breite.

WAZ: Unter diesem Aspekt könnte man auch sagen: Vielleicht ist es ganz gut, dass es erst mal „nur“ die Europa League geworden ist und nicht die Champions League.

Grühsem: Da mag etwas dran sein. Aber um ehrlich zu sein: Platz vier hätten wir auch gern genommen....

Garcia: Im Profisport will man immer so viel erreichen wie möglich. Wir waren so nah dran, dass man sich schon auch ganz kurz ein klein wenig ärgern durfte.

WAZ: Welche Zielsetzung für die nächste Saison ergibt sich daraus?

Garcia: Wenn wir jedes Jahr in Europa spielen, tun wir unserer Stadt etwas Gutes, den Fans etwas Gutes und der Marke Volkswagen etwas Gutes.

Grühsem: Und wenn man davon ausgeht, dass die Bayern eine Klasse für sich bleiben, dann sind ja auch nur noch drei Plätze für die Champions League frei...

WAZ: Eine recht kleine Stadt, ein durchschnittlich großes Stadion, ein ruhiges Umfeld - was glauben Sie, ist mit einem Verein wie dem VfL möglich?

Grühsem: Ich sehe keinen Grund, uns aus solchen Gründen Limits zu setzen. Solche Rahmenbedingungen haben ja auch andere Vereine, die aktuell oder in der Vergangenheit erfolgreich waren. Wir stellen uns dem sportlichen Wettkampf jedes Jahr aufs Neue und werden sehen, was jeweils herauskommt.

WAZ: Vor allem im Sturm sucht der VfL neue Spieler. Herr Garcia, haben Sie Ihre Kontakte zu Real Madrid spielen lassen, damit es mit Alvaro Morata klappt?

Garcia: Er ist ein herausragender Spieler. Ich würde ihn mit Kevin De Bruyne vergleichen: ein junges Spitzentalent, das bei einem Topklub an die Grenzen stößt, weil vor ihm andere stehen. Dann brauchen solche Spieler eine Perspektive, um ihre Qualität beweisen zu können. Bei De Bruyne haben wir das nutzen können...

WAZ: Real leiht seine Talente gern aus - ist das für den VfL vorstellbar?

Garcia: Das ist eher schwierig. Wir möchten nicht so gern Spieler auf Leihbasis bekommen. So kriegen wir keine Identität in den Kader.

WAZ: Es heißt, Real möchte im Gegenzug Ricardo Rodriguez - haben die Madrilenen da eine Chance?

Garcia: Nein, Rodriguez bleibt. Es gibt kein entsprechendes Angebot. Und wenn Sie fragen, ob wir ihn verkaufen wollen, lautet die Antwort: Nein!

WAZ: Wie überzeugen Sie junge Topspieler wie Morata oder Rodriguez vom VfL?

Garcia: Klaus Allofs und Dieter Hecking stehen glaubwürdig dafür, dass sich junge Spieler bei uns hervorragend entwickeln können. Das sehen wir bei De Bruyne, Arnold und Knoche besonders gut.

WAZ: Machen Sie sich Sorgen, dass Sie Luiz Gustavo nach der WM ersetzen müssen?

Garcia: Natürlich wecken gute Spieler Begehrlichkeiten bei Topvereinen. Bei Luiz hatten wir schon im vergangenen Sommer ordentliche Konkurrenz - aber er wollte zu uns. Er fühlt sich hier wohl - und wir können ihm einiges bieten, so selbstbewusst sind wir. Also machen wir uns keine Sorgen, auch für den Fall, dass er eine gute WM spielt.

WAZ: Apropos WM - welche Bedeutung hat das Turnier für VW?

Grühsem: Eine sehr große. Wir ziehen da Parallelen zur WM 2010 in Südafrika. Auch dieses Land ist wie Brasilien ein wichtiger Markt für uns. Auch damals waren wir nicht der offizielle Autosponsor der FIFA. Und dennoch haben wir es mit unserem Engagement geschafft, die WM zu nutzen. Bei Umfragen, wer das Turnier in Südafrika gesponsert hat, wurde immer auch VW genannt. Das ist ein Erfolg. In Brasilien, wo Volkswagen schon seit 60 Jahre zu Hause ist, werden wir dabei wieder unsere vielfältigen sozialen Projekte in den Mittelpunkt rücken.

WAZ: Wie schwierig war es, einen Weltstar wie Pelé als Werbefigur für VW zu gewinnen?

Grühsem: Wir haben schnell gemerkt, dass Pelé sich seit vielen Jahren mit VW beschäftigt und auch mit unseren Ideen identifiziert. Er hat schon in seiner Zeit bei Santos jedes Jahr als Torschützenkönig einen VW erhalten. Und sein Vater hat ihn in einem Volkswagen zum Training gefahren. Daran erkennt man die große Tradition, die wir in Brasilien haben.

WAZ: Ein anderes Thema, das in diesen Wochen Schlagzeilen macht, ist das Financial Fairplay. Haben Sie Angst, dass die Regularien Folgen für VW und den VfL haben könnten?

Garcia: Nein. Die Werbegegenleistung, die durch den VfL entsteht, rechtfertigt unser Engagement. Wir haben das Thema sehr ernst genommen. Aber es war in der Prüfung schnell klar, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Wir können da ganz entspannt sein.

WAZ: Welches Gefühl beschleicht Sie, wenn Sie auf RB Leipzig und deren Anstrengungen schauen, sich nach oben zu planen?

Garcia: Ich glaube, wenn sich das in Leipzig so entwickelt wie bei Chelsea, dann wird der Verein ein harter Konkurrent für alle Bundesligisten. Aber Fußball ist zum Glück nicht nur Geld. Es gehören auch eine hohe Identifikation mit dem Verein und natürlich Emotionen dazu. Und da hat der VfL im Vergleich dann doch die Nase vorn. Aber in Leipzig entwickelt sich offenbar etwas. Wenn man den Zuschauerschnitt sieht, weiß man, dass der Klub in der Stadt gut angenommen wird.

WAZ: Zuletzt noch der kleine Seitenblick auf den Nachbarn: Bedauern Sie den Abstieg von Eintracht Braunschweig?

Garcia: Ja. Die Derbys waren schon eine gute Sache für die Region. Was glauben Sie, was an den beiden Wochenenden hier in der Belegschaft los war? Das war schon sagenhaft! Und hoffentlich kommt der BTSV bald wieder hoch. Wir haben schließlich noch etwas gutzumachen...

WAZ: Wie sieht Ihr Engagement dort nun aus?

Garcia: Es ist klar, dass Seat als Hauptsponsor weitermacht. Aber es ist auch klar, dass sich die Unterstützung an die 2. Li-ga anpassen wird.

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