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Ein Jahr Allofs beim VfL: Das Interview im Schloss

WAZ-Interview Ein Jahr Allofs beim VfL: Das Interview im Schloss

Typisch schottisch! In einem alten Schloss, umgebaut zum Luxus-Hotel, logiert der VfL bei seiner Testspiel-Reise nach Edinburgh. Und hier traf sich auch WAZ-Sportredakteur Engelbert Hensel mit Klaus Allofs. Heute vor einem Jahr wurde er als neuer Manager des Wolfsburger Fußball-Bundesligisten vorgestellt – mit reichlich Vorschusslorbeer und mit ganz vielen Zielen. Welche er schon erreicht hat, wo es beim VfL noch hakt und wie er nach zwölf Monaten mit den mächtigen Bossen von Volkswagen umgeht, verrät Allofs im großen Ein-Jahres-Interview.

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WAZ: Herr Allofs, sind Sie nach einem Jahr beim VfL mit VW-Chef Martin Winterkorn per du?

Allofs: (schmunzelt) Nein, aber das ist auch bei den Herren Garcia oder Grühsem nicht so. Das ist für mich kein Beleg dafür, ob man harmoniert oder zueinander passt. Das spiegelt sich in anderen Dingen wider.

WAZ: In welchen?

Allofs: Respekt! Den habe ich von Beginn an gespürt, das war für mich mit ein Grund, den Weg nach Wolfsburg zu gehen. Mir geht’s nicht darum, eine Basis zu schaffen, auf der man sich duzt, sondern klare Zuständigkeiten zu haben.

WAZ: Reden Sie mit Winterkorn, Garcia oder Grühsem nur über Fußball?

Allofs: Im Stadion ist das meistens so. Da mein Austausch mit unserem Aufsichtsrats-Vorsitzenden Garcia Sanz intensiver ist, wird auch mal über andere Dinge gesprochen, um das Volkswagen-Gefühl aufnehmen zu können. Mir ist es wichtig zu verstehen, wie bei VW gedacht wird. Ich will keine Betriebsgeheimnisse wissen. Aber wissen Sie, was für mich prägend war?

WAZ: Verraten Sie es uns...

Allofs: Ich habe vor kurzem eine Werksführung gemacht, um ein Gespür dafür zu haben, wie geplant, wie gedacht, wie die Dinge dort umgesetzt werden. Da gibt’s Erfolgsrezepte, die lassen sich auch auf andere Bereiche übertragen.

WAZ: Auch auf den Fußball?

Allofs: Es sind Denkweisen, die man übertragen oder einfließen lassen kann. Auch da geht’s um den Teamgedanken, um Qualität, die den Unterschied ausmacht, um besser sein zu können als die Konkurrenz.

WAZ: Ihr Ex-Klub Bremen ist jetzt ein Bundesliga-Konkurrent. Wie gehen Sie mit den Giftpfeilen um, die zuletzt in schöner Regelmäßigkeit aus der Werder-Führungsetage kamen?

Allofs: Wenn man irgendwo ist, muss man sich der Sache total verschreiben. Das habe ich auch in Bremen getan - ohne Wenn und Aber. Wenn, wie Sie sagen, Giftpfeile kommen, dann ist das auf der einen Seite enttäuschend. Auf der anderen Seite wird einem vieles klarer. Solche Dinge packe ich in die Schublade Erfahrung. Aber auf meine Zeit in Bremen hat das keine Auswirkungen. Für alle war das damals eine Erfolgsstory - auch, wenn das jetzt teilweise anders betrachtet wird.

WAZ: Apropos anders betrachtet: Ist der VfL jetzt ein sympathischerer Klub als in der Vergangenheit?

Allofs: Ein Auftrag bei meinem Amtsantritt war, dass der VfL sympathischer werden soll, ein anderer war das Thema Teamarbeit. Ich habe den Eindruck, dass dieser Teamgedanke von den Mitarbeitern und den Spielern als positive Sache wahrgenommen wird. Jeder von uns ist ein Botschafter dieses Vereins, so kann jeder seinen Einsatz dafür leisten, dass sich an der Meinungsbildung über den Klub etwas verändert. Ich habe den Eindruck, dass der VfL schon anders wirkt, dass der Verein doch noch ein paar andere Facetten hat, als die, die man vielleicht in der Vergangenheit wahrgenommen hat.

WAZ: Gilt der VfL also nicht mehr als Protz- und Plastik-Klub, wie er von vielen Kritikern gern mal bezeichnet wird?

Allofs: Ich glaube, dass immer weniger Menschen das so sehen. Ich glaube, dass wir auf dem richtigen Weg sind, dass die Menschen differenzierter über den VfL urteilen.

WAZ: In welchen Bereichen muss sich der Verein noch besser aufstellen?

Allofs: Egal, ob das unsere U 23, unser Nachwuchsleistungszentrum, unsere Scouting-Abteilung oder andere Bereiche betrifft - wir haben uns alles genau angeschaut. Es ist schön, dass unsere U 23 so erfolgreich ist, dass unsere Nachwuchsteams gut spielen, Talente wie Maxi Arnold oder Robin Knoche bei den Profis dabei sind. Aber das muss sich weiter festigen. Zudem muss man sich immer fragen: Wo können wir noch besser werden?

WAZ: Welcher Transfer hat am meisten Zeit gebraucht?

Allofs: Luiz Gustavo zu überzeugen, war nicht ganz so einfach. Er hat in der vergangenen Saison mit den Bayern das Triple gewonnen, ist Stammspieler in der brasilianischen Nationalelf, und dann will ihn ein Verein, der international nicht dabei ist.

WAZ: Hat er sich nur wegen des Geldes für den VfL entschieden?

Allofs: Nein, auf gar keinen Fall. Du musst glaubhaft rüberkommen. So ein Spieler muss sich von der Art des Trainers und des Managers angesprochen fühlen.

WAZ: Mit Gustavo kam ein Star, mit Arnold und Knoche wurden Talente ins Team eingebaut. Setzen Sie auch künftig auf diese Mischung?

Allofs: Theoretisch könnten wir nur fertige Spieler verpflichten. Aber wir setzen auf den Nachwuchs, auf die Ausbildung. Das macht aber nur Sinn, wenn wie bei VW ein Auszubildener dann auch übernommen wird. Das muss ein ganz wichtiger Punkt sein. Wir wollen unsere Jugendarbeit in den nächsten Jahren noch mehr verfeinern. Darüber hinaus wollen wir unsere Spieler besser machen. Dazu werden wir auch in der Lage sein, von Fall zu Fall Stars zu verpflichten.

WAZ: Haben Sie denn in Ihrem ersten Jahr beim VfL alle Spieler bekommen, die Sie haben wollten?

Allofs: Nein, da geht es aber Bayern und Dortmund nicht anders. Manchmal ist es auch im Nachhinein ganz gut, dass man nicht alles bekommt, was man möchte. Dennoch: Es gibt viele gute Gründe, sich für den VfL zu entscheiden. Ich muss aber auch akzeptieren, wenn ein Spieler sagt: Ich mach‘ etwas anderes. Das muss man dann als Manager eben sportlich nehmen.

WAZ: War es ein Glücksfall, dass Sie Dieter Hecking als Trainer verpflichten konnten? Schließlich war auch Bernd Schuster ein heißer Kandidat beim VfL...

Allofs: Auch wenn wir einen Spieler verpflichten, haben wir mehrere Kandidaten in der engeren Wahl. So muss das auch sein. Es war gut, dass Dieter Hecking diese Ausstiegsklausel hatte. Er passt als Typ richtig gut zu diesem Verein. Ihn zu holen, war ein ganz wichtiger Punkt.

WAZ: In Bremen haben Sie mit Thomas Schaaf sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet. Haben Sie zu Hecking auch schon solch ein Vertrauensverhältnis?

Allofs: Mit Thomas war ich lange Jahre zusammen, wir haben Erfolge und Krisen gemeistert. So etwas schweißt zusammen. Bei Dieter Hecking und mir kann das ja noch gar nicht so eng sein, weil wir erst knapp ein Jahr zusammenarbeiten. Aber dadurch, dass wir jeden Tag zusammensitzen und die Dinge ganz offen diskutieren, würde ich von meiner Seite aus schon sagen, dass wir uns vertrauen.

WAZ: Wie vertraut ist Ihnen denn schon Wolfsburg?

Allofs: (lacht) Wann soll ich denn mal rauskommen? Meine Familie und ich leben hier unser Leben, wie wir es auch in Bremen getan haben. Wir bewegen uns in der Stadt, fühlen uns wohl, sind auch gern mal im Wald, um Sport machen zu können. Von daher ist - insgesamt gesehen - alles gut.

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