Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Dieter Hecking: „Wir gucken auf Platz drei“

Rückrunden-Ausblick: Der VfL-Trainer im WAZ-Interview Dieter Hecking: „Wir gucken auf Platz drei“

Der VfL startet am Sonntag bei Eintracht Frankfurt in die Rückrunde der Fußball-Bundesliga. Zum Ende der Hinrunde hatte der Pokalsieger in der Liga geschwächelt. Was muss beim Vizemeister besser werden? Wie hat sich Trainer Dieter Hecking in der Winterpause auf die zweite Saisonhälfte vorbereitet?

Voriger Artikel
Leandro Putaro: 19 Jahre, 19 Spiele, 19 Tore
Nächster Artikel
Drei Tore von Meier: VfL verliert in Frankfurt

Der VfL-Trainer im großen WAZ-Interview: Dieter Hecking mit den Sportredakteuren Andreas Pahlmann (l.) und Engelbert Hensel.

Quelle: Photowerk (bs)

Das und einiges mehr verriet der 51-Jährige im großen WAZ-Interview mit den Sportredakteuren Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel.

WAZ: Herr Hecking, wer wird am Ende der Saison Zweiter?

Hecking: Bayern zumindest nicht.

WAZ: Wir hätten jetzt mit der Antwort „Dortmund“ gerechnet...

Hecking: Wir haben auf Dortmund zwölf Punkte Rückstand, das ist realistisch gesehen nur sehr schwer aufzuholen. Aber die Bundesliga ist schnelllebig, Dortmund startet in Gladbach, da kann der Abstand zu den Teams dahinter auch schnell mal ein bisschen kleiner werden. Allerdings sollten wir noch nicht auf den zweiten Platz, sondern vielleicht eher auf Platz drei gucken. Das ist ein realistisches Ziel, das wir uns für die Rückrunde gesetzt haben.

WAZ: Dafür muss sich Ihr Team steigern...

Hecking: Ich schaue erst mal auf Frankfurt, das ist sicherlich ein Spiel, das man erfolgreich gestalten kann - man kann aber auch gut spielen und trotzdem Punkte lassen. Die Liga ist eben nach wie vor so eng, dass bis auf Bayern München keine Mannschaft irgendwo hinfahren und sich sicher sein kann, dass sie gewinnen wird.

WAZ: Wie bewerten Sie die VfL-Ausgangslage?

Hecking: Die vier Spiele am Ende der Hinrunde, aus denen wir nur zwei Punkte geholt haben, die tun immer noch weh. Das entsprach nicht dem Anspruch, den vor allem wir selbst an uns haben. Ein Dreier mehr, dann wäre die Hinrunde insgesamt - mit der Champions League, mit der zusätzlichen Belastung - im grünen Bereich gewesen. So haben wir jetzt sechs Punkte Rückstand auf Hertha, und das ist dann doch ein bisschen viel.

WAZ: Wie groß ist der Nachteil, dass es auswärts losgeht?

Hecking: Unsere Auswärtsbilanz ist nicht gut, von den Punkten her und von den Toren her erst recht nicht. Aber ich sehe das erste Spiel eher als Chance, an dieser Bilanz gleich etwas zu verändern.

WAZ: Haben Sie die Auswärtsbilanz noch mal extra vor der Mannschaft angesprochen?

Hecking: Nein. Ich stelle mich nicht vor die Spieler und sage: „Denkt bitte an eure Auswärtsbilanz.“ Für mich ist das nicht das Thema, das ich jetzt vor dem Spiel in den Vordergund stellen möchte.

WAZ: Wenn Sie die Personalsituation sehen, die Probleme mit Maxi Arnold und Luiz Gustavo - ist da schnell mal der Punkt erreicht, wo man sagen muss: Der Kader ist vielleicht doch nicht groß genug?

Hecking: So ein Problem kann jede Mannschaft treffen. Nehmen Sie die Bayern, die hatten bei ihrem letzten Hinrundenspiel gerade mal 15 Spieler dabei. Wir hatten uns entschieden, mit einem relativ schmalen Kader in die Saison zu gehen, um auch mal dem einen oder anderen Nachwuchsspieler im Training eine Chance zu geben, ihn näher ran zu führen. Da können wir jetzt nicht jammern, wenn mal einer ausfällt...

WAZ: Ist es kein Risiko, mit einem Innenverteidiger weniger in die Rückrunde zu gehen?

Hecking: In der vergangenen Saison sind wir auch mit drei Innenverteidigern ausgekommen, das sehe ich nicht so dramatisch. Und wenn es richtig hart auf hart käme, könnten auch Josuha Guilavogui oder Ricardo Rodriguez auf der Position mal für ein, zwei Spiele aushelfen. Junge Leute wie Robin Ziegele oder Jannes Horn, der auch innen spielen kann, bekommen außerdem so vielleicht auch mal ihre Chance. Allerdings müssen unsere Talente erst einmal sehen, dass sie in der U 19 oder der U 23 ihre Leistung konstant abrufen.

WAZ: Aber ein Stürmer fehlt.

Hecking: Wir haben Nicklas Bendtner. Er hat die Fähigkeit, uns weiterzuhelfen, er muss sie nur nutzen. Wenn er es nicht tut, nützt er uns auch nichts. Wenn er bereit ist, sich Vertrauen zurück zu erarbeiten, dann haben wir einen richtig guten Mittelstürmer. Fragen Sie mal Naldo - wenn Bendtner im Strafraum den Ball abschirmt, kommt da nie ein Verteidiger ran. Trotzdem gucken wir uns aufgrund der Verletzung von Bas Dost um, ob wir auf der Position noch jemanden dazuholen können.

WAZ: Sind Bendtner und der gerade nach England gewechselte Timm Klose Beispiele für die Egoismen, die Sie und der Manager in der Hinrunde angeprangert hatten?

Hecking: Nein, dabei ging es eher um die Einstellung zur Arbeit. Egal, welchen Beruf ich ausübe: Es ist meine Verpflichtung, mich acht Stunden am Tag damit zu beschäftigen, ohne mich dabei von irgendwas ablenken zu lassen, das nichts mit meinem Job zu tun hat. So eine Einstellung erwarte ich von einem Fußballprofi eben auch. Das war der Hintergrund unserer Kritik.

WAZ: Muss man sich als Spieler hier vielleicht auch erst mal daran gewöhnen, dass sich der VfL jetzt als Spitzenklub versteht, der einen so breiten Kader hat, dass zwangsläufig auch mal Top-Spieler auf der Bank sitzen? Ist es eine neue Herausforderung, damit als Trainer auch umgehen zu müssen?

Hecking: Ja, aber das müssen Sie bei jedem Spieler anders bewerten. Jeder geht da anders mit um - ein Marcel Schäfer ganz anders als ein Nicklas Bendtner beispielsweise. Die Kunst besteht darin, alle mitzunehmen auf diesem Weg - und es wird immer wieder auch mal passieren, dass du nicht alle erreichen wirst.

WAZ: Ist das die größte Schwierigkeit, wenn man sich als Top-Team etablieren will?

Hecking: Es ist eine von vielen. Man muss aber auch sehen, dass wir insgesamt viel weiter sind, als wir es uns vor zwei Jahren vorgenommen haben. Europa-League-Teilnahme, DFB-Pokalsieg, Champions-League-Teilnahme - unser Tempo war sehr hoch. Und trotzdem gibt es diese Erwartungshaltung, dass der VfL jetzt wieder so erfolgreich sein muss, es doch nicht weniger werden darf. Aber auf dem Weg zu einer echten Spitzenmannschaft gehören Phasen, in denen es auch mal eine Delle gibt, eben auch dazu. Dass wir dennoch gerne auch in der nächsten Saison in der Champions League spielen wollen, dass die Fans das wollen, dass das Umfeld das will, das ist klar.

WAZ: Müssen Sie selbst da auch noch dazulernen?

Hecking: Natürlich, es gibt ja keinen Stillstand. Wenn ich von meinen Spielern einfordere, dass sie sich immer wieder auf neue Situationen einstellen, dann muss ich das auch von mir selbst einfordern.

WAZ: Als Sie Trainer in Nürnberg waren, ging es meistens gegen den Abstieg, jetzt geht es um die Top-Plätze. Wo ist da für Sie der Unterschied?

Hecking: Wenn du unten stehst, wenn es gegen den Abstieg geht, dann hast du als Trainer schon noch mehr die Angst im Nacken, als wenn es wie jetzt um das positive Ziel geht, Zweiter, Dritter oder Vierter zu werden. Das ist dann schon eine andere Herangehensweise, ein anderer Druck. Für uns geht es jetzt darum, dass wir zeigen wollen, dass wir es besser können. Diesen Druck machen sich andere Klubs im Moment allerdings sicherlich auch.

WAZ: Würden Sie Platz sieben als Scheitern empfinden?

Hecking: Was heißt Scheitern? Es wäre ein Rückschlag in der Entwicklung des VfL. Wir hätten unser Ziel verfehlt. Und ich weiß doch, wie man den VfL in der Öffentlichkeit betrachtet. Wenn wir Fünfter, Sechster oder Siebter werden, wird jeder sagen: Der VfL hat eine schlechte Saison gespielt. Und dann kommen wieder die üblichen Argumente: Ihr habt doch so viel Geld, ihr müsst doch mehr erreichen. Aber hier gilt, was ich schon gesagt habe: Es kann nicht immer nur nach vorne gehen.

WAZ: Und wenn es „nur“ die Europa League wird?

Hecking: Dann wären wir zum dritten Mal in Folge international dabei, was der VfL vorher auch noch nie geschafft hat. Aber dennoch wären wir enttäuscht, weil wir uns eben auch selbst hohe Ziele setzen und weil wir nach den Erfahrungen jetzt in der Champions League sagen: Da wollen wir wieder hin.

WAZ: Auch, damit man leichter internationale Top-Spieler nach Wolfsburg locken kann?

Hecking: Natürlich ist das leichter, wenn du mit der Champions League argumentieren kannst - das ist schon was anderes, als wenn du sagen müsstest: Wir sind Siebter und setzen international mal ein Jahr aus.

WAZ: Was muss denn besser werden in der Rückrunde, damit der VfL wieder in der Champions League spielt?

Hecking: Es gab in der Hinrunde viele Bereiche, in denen oft ein bisschen gefehlt hat. Das Umschaltspiel war nicht immer so da, die kompakte Spielweise hat nicht immer geklappt, das konsequente Verteidigen fehlte manchmal, dazu kamen Flüchtigkeitsfehler wie etwa bei den Gegentoren gegen Dortmund und Hamburg. Man kann das ganz gut mit einem Rodelsportler vergleichen: Der nimmt die eine Kurve nicht optimal, stößt dann einmal kurz an die Bande, verreißt einmal kurz den Schlitten - das kostet jeweils vielleicht nur ein paar Tausendstel, aber die machen am Ende eben den Unterschied zwischen Platz eins oder zwei und Platz sechs oder sieben aus. So war unsere Hinrunde, wir sind ein paar Mal zu oft an die Bande gestoßen. Aber jetzt spüre ich auch in der Mannschaft, dass sie es besser machen will - nicht, weil ich das will oder weil Klaus Allofs das so will, sondern aus eigenem Antrieb.

WAZ: Sind Sie jemand, der auch im Urlaub über seinen Job nachdenkt?

Hecking: Die zwei Wochen über Weihnachten waren schon gut, um auch mal abzuschalten. Aber natürlich gibt es immer neue Anregungen, neuen Input. Ich habe in meinem Urlaub zum Beispiel interessante Bücher gelesen.

WAZ: Was war da so dabei?

Hecking: Unter anderem die sehr interessante Biographie von Alex Ferguson, die liest sich sehr gut. Und er beschreibt eben auch Phasen seiner 20-jährigen Tätigkeit bei Manchester United, in denen es nicht so gut lief. Allein das letzte Kapitel war hochinteressant. Da beschreibt er nämlich, wie Lokalrivale Manchester City 2013 den Meistertitel geholt hat - er hat sie dann beim Feiern beobachtet und hatte das Gefühl, die feiern so, als hätten sie schon alles erreicht. Da wusste er: Nächstes Jahr werden sie nicht Meister. Er hat das dann mit Urlaubern verglichen, die den tollsten Urlaub in der Karibik hatten, dann aber das nächste Jahr an der englischen Südküste verbringen und das Jahr darauf im eigenen Garten. Er selbst sei da anders - er wollte immer zum Mond. Und das muss das Denken sein, wenn du Erfolg haben willst.

WAZ: Wenn jetzt noch ein neuer Stürmer kommt, ist es dann eher der Typ Bas Dost oder der Typ André Schürrle?

Hecking: Auch da will ich mich nicht festlegen. Es geht erst mal darum, jemanden zu finden, der uns qualitativ sofort hilft. Wir hatten ja nicht geplant, in diesem Winter jemanden für den Angriff zu holen; nach dem Ausfall von Bas denken wir da um und hoffen, noch jemanden zu finden. Das kann der bewegliche, schnelle Angreifer sein - oder auch der Stoßstürmer.

WAZ: Ist die Zeit der Stoßstürmer nicht vorbei? Sie selbst haben zuletzt ja auch drauf verzichtet.

Hecking: Nein, die Zeit ist nicht vorbei. Mit zwei spielenden Stürmern hat man eben oft das Problem, dass der Anspielpunkt vorne im Sturm fehlt - und den braucht man eben auch immer mal wieder.

WAZ: Wie schlimm wäre es, wenn es nicht mit einem neuen Stürmer klappt? Es gibt ja auch noch ein paar junge Spieler in der Hinterhand...

Hecking: Natürlich haben wir Leandro Putaro oder Ismail Azzaoui, die vielleicht auch mal ihre Chance bekommen, die man mal reinwerfen kann. Aber sie sind jetzt kurzfristig noch nicht so weit - zumindest nicht bei dem Anspruch, den wir an uns haben. Wir werden aber natürlich ihren Weg weiter beobachten und daran arbeiten, sie auf ein Niveau zu bringen, dass sie der Mannschaft auch weiterhelfen können. Trotzdem gilt: Wenn wir keinen finden, der wirtschaftlich und sportlich passt, dann machen wir das nicht. Wir werden kein Experiment machen.

WAZ: Breel Embolo würde zumindest sportlich passen.

Hecking: Natürlich ist das Interesse da. Aber wir sind ja nicht der einzige Verein, der sich für ihn interessiert.

WAZ: Ist es zwingend nötig, dass ein neuer Stürmer in der Champions League spielberechtigt sein muss?

Hecking: Es wäre ideal. Aber wenn wir von einem Kandidaten sportlich überzeugt wären und der dann nicht gegen Gent spielen kann, dann wäre das eben so. Im Endeffekt müssen wir unsere Hausaufgaben in der Bundesliga machen, darauf kommt es an.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Aktuell