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Diego Benaglio: „Uns nicht kleiner machen als wir sind“

VfL Wolfsurg Diego Benaglio: „Uns nicht kleiner machen als wir sind“

Das Kapitel Nationalmannschaft hat er beendet, mit dem VfL will er ab heute ein neues internationales Kapitel aufschlagen: Diego Benaglio (31) ist nicht nur Kapitän des Wolfsburger Fußball-Bundesligisten, er ist nach Marcel Schäfer auch der dienstälteste VfL-Profi, hat wie Schäfer schon 2009 und 2010 mit Wolfsburg europäisch gespielt. Im Gespräch mit WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann (r.) redet der Torwart über die Aufgaben in der Europa League, seine Perspektive in Wolfsburg und über das, was man modernes Torwartspiel nennt.

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Zum Start der Europa League: VfL-Kapitän Diego Benaglio im WAZ-Interview

Quelle: Tim Schulze

WAZ: Herr Benaglio, wie haben Sie eigentlich bisher die Donnerstagabende verbracht?
Benaglio: Wenn im Fernsehen Europa-League-Spiele kamen, hab‘ ich geschaut.

WAZ: Sehnsuchtsvoll?
Benaglio: Schon. Wenn man als Fußballer da sitzt und sich das ansieht am Dienstag, am Mittwoch, am Donnerstag, dann will man da auch wieder hin, vor allem wenn man schon einmal in der Champions League und der Europa League gespielt hat. Es ist schön für den Verein, für die Leute hier und für die ganze Stadt, dass wir es jetzt wieder geschafft haben.

WAZ: Helfen die Europa-Erfahrungen 2009 und 2010 jetzt noch?
Benaglio: Diese Erfahrungen sind immer wertvoll. Es sind zwar bei uns nicht mehr viele von damals dabei, aber die meisten aus der Mannschaft waren schon irgendwo international aktiv. Ich hoffe, dass uns das am Anfang ein bisschen helfen wird.

WAZ: Viele halten den VfL für den Favoriten in der Gruppe – nehmen Sie diese Rolle an?
Benaglio : Zumindest sollten wir uns nicht kleiner machen als wir sind. Es ist eine taffe Gruppe, gerade mit Everton und Lille. Das sind zwei Vereine, die grundsätzlich auch in der Champions League spielen könnten. Die Gruppe ist sehr ausgeglichen, sehr interessant – und für die Zuschauer bestimmt auch sehr spannend.

WAZ: Wer ist der stärkste Gegner?
Benaglio: Von meinem Gefühl her vielleicht Everton. Es ist aber keiner dabei, der ein leichter Gegner wäre.

WAZ: Wie schwierig ist die Umstellung auf den Rhythmus mit ständigen Spielen unter der Woche?
Benaglio: Es ist jetzt noch wichtiger, sich nach den Spielen schnell zu regenerieren. Und die Abläufe sind natürlich anders. Am Tag nach dem Spiel Auslaufen, dann ein Tag mit der eigentlichen Trainingsarbeit, dann kommt schon wieder das nächste Abschlusstraining...

WAZ: ...und die Zahl der freien Tage sinkt.
Benaglio: Das wird definitiv so sein. Ich gehe mal davon aus, dass es in den nächsten drei Wochen nicht viel Freizeit geben wird.

WAZ: Mault da die Familie nicht?
Benaglio: Die Familie kennt das ja, in den letzten Jahren war ich oft mit der Nationalmannschaft unterwegs, von daher hat die Familie schon einkalkuliert, dass ich oft nicht da bin. Aber es käme keiner von uns auf die Idee, sich zu beklagen, die Vorfreude auf die internationalen Spiele überwiegt.

WAZ: Wären Sie auch als Nationaltorhüter der Schweiz zurückgetreten, wenn der VfL in diesem Jahr nicht europäisch unterwegs wäre?
Benaglio: Das weiß ich nicht, das ist ja jetzt eine hypothetische Überlegung. Fakt ist: Wir sind mit dem VfL europäisch unterwegs, und das hat auch eine Rolle gespielt.

WAZ: In der Schweiz hat Ihr Rücktritt für riesige Überraschung gesorgt, hatten Sie damit vorher gerechnet?
Benaglio: Wenn du mit 31 so eine Entscheidung triffst, wird es immer viele Leute geben, die das überrascht, damit hatte ich schon gerechnet. Aber ich habe die Entscheidung ja für mich getroffen und habe nicht so sehr darüber nachgedacht, wie andere das aufnehmen.

WAZ: Würden Sie die Zeit in der Nationalmannschaft als erfolgreich bezeichnet.
Benaglio: Ja, ich hatte eine tolle Zeit und war immer stolz, für die Schweiz spielen zu dürfen. Ich war bei drei Weltmeisterschaften dabei, bei einer EM im eigenen Land und bei Olympia, es gab viele schöne Momente. Ich hatte seit der U 15 alle Stationen durchlaufen, war also quasi 16 Jahre lang im Schnitt etwa alle sechs Wochen zu Länderspielen unterwegs.

WAZ: Sie konzentrieren sich ganz auf den VfL, sind nach Marcel Schäfer der dienstälteste Spieler im Kader und sind gerade wieder nach Fallersleben gezogen – entwickeln Sie noch eine neue Sesshaftigkeit?
Benaglio: Das ist dann eher eine alte Sesshaftigkeit (lacht). Ich bin jetzt sieben Jahre hier, das ist heutzutage ja nicht mehr selbstverständlich. Aber meine Familie und ich fühlen uns hier wirklich wohl, Wolfsburg ist unsere zweite Heimat geworden. Und ich wünsche mir, dass das lange so bleibt.

WAZ: Bis zum Karriere-Ende?
Benaglio: Das ist sehr weit weg; ich werde alles daransetzen, noch möglichst lange Fußball spielen zu können. Und es ist eine sehr schöne Vorstellung, meine Karriere hier in Wolfsburg irgendwann beenden zu können.

WAZ : Der fünfte Platz in der Vorsaison und die Teilnahme an der Europa League lassen die Erwartungshaltung steigen, der VfL wird auch in den Medien etwas anders bewertet als zuvor. Erhöht das für die Spieler spürbar den Druck? Ändert sich etwas?
Benaglio: Grundsätzlich nicht viel. Ich denke, dass wir nach der vergangenen Saison schon Selbstbewusstsein haben dürfen und auf diesem Selbstbewusstsein aufbauen können. Natürlich sind die Ansprüche gestiegen, aber allen hier beim VfL ist bewusst, dass auch der nächste Schritt wieder harte Arbeit sein wird. Nicht nur die Öffentlichkeit sieht uns anders, auch die Gegner sehen uns anders. Vielleicht müssen wir in dieser Saison für dasselbe Ziel mehr machen als in der vergangenen Saison.

WAZ: Vereine wie Frankfurt oder Freiburg haben zuletzt die Teilnahme am Europacup mit Schwächephasen in der Liga bezahlt. Angst, dass das dem VfL auch passieren kann?
Benaglio: Angst nicht. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass mit der größeren Belastung einiges auf uns zukommt und wir nie auch nur ein, zwei Prozent nachlassen dürfen. Aber ich denke, unser Kader ist gut genug aufgestellt dafür.

WAZ: Verändert der Druck die Mannschaft? Beim Spiel in Hoffenheim gab‘s eine Szene, wo Sie sich ein kurzes Wortgefecht mit Kevin De Bruyne lieferten, weil der ein Zuspiel von Ihnen nicht scharf genug fand...
Benaglio: Nein, das hat damit gar nichts zu tun. Das gehört zum Fußball, und es ist auch sogar gut und wichtig, dass sowas passiert. Es darf auch mal sein, dass man sich auf dem Platz die Meinung sagt. Entscheidend ist nur, dass es im Sinne der Mannschaft passiert. Ich maule ja keinen an, weil ich Frust loswerden will oder weil ich das lustig finde. Nach dem Spiel in der Kabine ist das Thema dann sowieso erledigt.

WAZ: Präzise Zuspiele gehören zum modernen Torwartspiel dazu – nicht zuletzt seit Manuel Neuer bei der WM quasi als Libero glänzte. Verändert sich das Torwartspiel insgesamt gerade sehr stark?
Benaglio: Nein, das sehe ich nicht. Da war nichts dabei, was mich überrascht hätte. Die Diskussion entstand ja auch fast ausschließlich nach dem Algerien-Spiel der Deutschen, als Manuel Neuer weiter vorne spielen musste, weil die Mannschaft wahnsinnig hoch verteidigt hat. Wir haben das unter Felix Magath mal ganz ähnlich gemacht, da musste ich auch sozusagen Libero spielen.

WAZ: Schauen Sie sich generell von anderen Torhütern was ab? Oder macht man das mit 31 nicht mehr?
Benaglio: Das macht man immer. Ich kann mich zum Beispiel sehr gut daran erinnern, dass ich vor ein paar Jahren im Fernsehen Pepe Reina habe spielen sehen, der jetzt bei den Bayern ist. Und die Präzision seiner Abschläge und Abstöße hat mich so beeindruckt, dass ich gedacht habe: Das ist schon stark. Das kann Motivation sein.

WAZ: Könnten Sie aus dem Kopf die Torhüter der drei Europa-League-Gegner nennen?
Benaglio: Den Torhüter aus Krasnodar kenne ich nicht, ich hoffe, er verzeiht es mir. In Everton steht Tim Howard im Tor, der hat eine sehr gute Weltmeisterschaft für die USA gespielt. Und Torwart in Lille ist Vincent Enyeama, der nigerianische Nationaltorwart, der in der vergangenen Saison in der Liga eine beeindruckend lange Serie ohne Gegentor hatte. Zusammengefasst also alles gute Torleute.

WAZ: Das sollte für alle vier Mannschaften der Gruppe gelten...
Benaglio (lacht): Wenn man das am Ende so sagen kann, wäre es doch schön.

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